Hamburg will mehr – aber erst einmal funktionieren
Kommentar von Jens Baumanns

Hamburg hat nicht gegen Olympia gestimmt, sondern gegen einen Senat, dem viele Bürger große Versprechen schlicht nicht mehr zutrauen.
Ich habe selten größeren Schwachsinn gelesen als die Behauptung, Hamburg wolle „nicht mehr sein, als es ist“. Nicht, weil der Satz nicht elegant zugespitzt wäre. Gerade darin liegt seine Gefahr. Er klingt nach großer Diagnose, ist bei genauerem Hinsehen aber vor allem eines: eine bemerkenswert bequeme Verwechslung von hanseatischer Skepsis mit provinzieller Mutlosigkeit.
Lars Haider, Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, deutet in seinem Leitartikel zum Referendum das Nein zu Olympia als Signal einer Stadt, die sich selbst genüge. Hamburg wolle nicht Weltstadt werden, nicht größer denken, nicht mehr Touristen, nicht mehr internationale Sichtbarkeit. Das klingt feuilletonistisch rund, trifft aber die Lebensrealität vieler Hamburger ungefähr so präzise wie ein ICE-Fahrplan die Wirklichkeit, aber dazu am Ende mehr.
Die Hamburger haben nicht gegen Größe gestimmt.
Sie haben gegen Größenfantasien gestimmt.
Das ist ein Unterschied, den man gerade in einer Stadt verstehen müsste, die ihre Bürger seit Jahren im praktischen Anschauungsunterricht darüber belehrt, wie deutsche Großprojekte aussehen, wenn politische Vision auf organisatorische Wirklichkeit trifft. Wer morgens im Stau steht, weil die nächste Baustelle wieder einmal die Stadt zerlegt, wer den Elbtunnel nur noch als verkehrspolitisches Glücksspiel begreift, wer die Köhlbrandbrücke als Symbol einer alternden Infrastruktur erlebt und wer am Eingang zur HafenCity auf den Elbtower blickt, diesen unfertigen Hochaltar hanseatischer Hybris, der braucht keine Nachhilfe in Weltläufigkeit. Er braucht eine Stadt, die funktioniert.
Genau das übersieht Haider.
Es ist zu einfach, das Nein zu Olympia als Triumph der Linken, der AfD oder irgendeiner diffusen Fortschrittsfeindlichkeit zu lesen. Damit macht man es sich politisch bequem. Wer die Mehrheit einer Stadt in die Nähe der politischen Ränder rückt, nur weil sie einer Senatskampagne nicht folgt, sollte weniger über Olympia und mehr über Demokratie nachdenken. Ein Bürgerentscheid ist kein pädagogischer Test, bei dem die Bevölkerung die richtige Antwort zu geben hat, er ist die Antwort selbst.
Viele Hamburger haben vermutlich nicht gesagt: „Wir wollen keine Weltstadt sein.“
Sie haben gesagt: „Wir trauen euch das nicht zu.“
Dieses Misstrauen ist nicht vom Himmel gefallen. Es steht in Beton gegossen an den Elbbrücken. Der Elbtower sollte ein Symbol für Hamburgs Aufbruch sein. Heute wirkt er wie ein Mahnmal dafür, was passiert, wenn sich Stadtentwicklung von Investorenpoesie, Hochglanzmodellen und fragwürdiger Risikoverteilung betören lässt. Ein Turm, der wachsen sollte, wurde zur Ruine des Vertrauens. Wer dann denselben Bürgern erklärt, Olympia werde schon seriös, transparent, nachhaltig und wirtschaftlich tragfähig organisiert, darf sich nicht wundern, wenn diese Bürger höflich die Augenbraue heben und mit Nein stimmen.
Hinzu kommt: Hamburg ist bereits jetzt an vielen Stellen überlastet. Nicht im Sinne einer Stadt, die zu groß träumt, sondern einer Stadt, die zu vieles gleichzeitig will, ohne das Bestehende hinreichend zu beherrschen. Der Verkehr ist angespannt, die Infrastruktur altert, Baustellen reihen sich an Baustellen, Wohnraum bleibt knapp, öffentliche Stellen wirken oft überfordert. Dazu kommt eine wirtschaftliche Lage, in der viele Menschen sparen müssen und sehr genau überlegen, wofür öffentliches Geld ausgegeben wird.
Die Kostenfrage als bloßes Scheinargument abzutun, ist daher arrogant. Natürlich stimmt es, dass Bundesmittel nicht einfach automatisch in Hamburg ankommen, wenn Hamburg Nein sagt. Aber daraus folgt nicht, dass die Ausgabendebatte unberechtigt wäre. Bundesgeld ist kein himmlischer Segen, sondern Steuergeld mit anderem Absender. Zudem verschwinden lokale Risiken nicht, nur weil ein Teil der Rechnung aus Berlin bezahlt wird. Sicherheitskonzepte, Verkehrslenkung, Polizeieinsätze, Verwaltungskapazitäten, Betriebskosten, Nachfinanzierungen, Bauverzögerungen und politische Folgekosten bleiben in der Stadt hängen, die am Ende Gastgeberin sein soll.
Wer in Hamburg lebt, weiß: Bei Großprojekten ist der erste Kostenplan oft eher eine literarische Gattung als eine belastbare Realität.
Auch die Kritik an Olympia selbst ist nicht einfach kleinbürgerliches Nörgeln. Viele Menschen mögen den Sport. Viele bewundern Athleten, Wettkampf, Disziplin und den olympischen Gedanken. Genau deshalb sehen sie die Kommerzialisierung des olympischen Betriebs kritisch. Olympia ist längst nicht nur Sportfest, sondern globales Eventprodukt. Es bringt das IOC, Sponsoreninteressen, Sicherheitszonen, touristischen Druck, mediale Inszenierung und eine temporäre Stadtlogik mit sich, bei der der Alltag der Bewohner schnell zur Nebensache wird.
Hamburg ist schon heute nicht immer souverän im Umgang mit Tourismus. Wer an einem normalen Wochenende rund um Landungsbrücken, Elbphilharmonie, Speicherstadt oder Innenstadt unterwegs ist, bekommt eine Ahnung davon, wie eng diese Stadt werden kann. Man muss nicht gegen Besucher sein, um zu fragen, ob die Stadt einem olympischen Ausnahmezustand gewachsen wäre. Gerade wer Hamburg liebt, darf doch fragen, ob diese Stadt noch lebenswerter wird, wenn sie sich wochenlang dem Takt eines globalen Sportkonzerns unterwirft.
Haider verweist auf die Elbphilharmonie als Ausnahme. Das ist interessant, denn gerade die Elbphilharmonie zeigt die Ambivalenz solcher Projekte. Ja, sie ist heute ein Wahrzeichen. Ja, sie hat Hamburg international sichtbarer gemacht. Aber sie war zugleich ein Paradebeispiel für Kostenexplosion, Verzögerung und politische Schönrednerei. Dass am Ende ein beeindruckendes Gebäude entstanden ist, macht den Weg dorthin nicht automatisch zum Vorbild. Auch ein Unfall kann glimpflich ausgehen. Daraus folgt aber nicht, dass man ihn wiederholen sollte.
Hamburgs Nein ist deshalb keine Absage an Größe. Es ist eine Absage an politische Selbstberauschung. An Kampagnen, die von Zukunft sprechen, während Gegenwart ungelöst bleibt. An eine Stadtregierung, die Visionen verkauft, aber im Alltag zu oft den Eindruck vermittelt, schon mit dem Normalbetrieb überfordert zu sein.
Eine Stadt muss nicht Olympia ausrichten, um Weltstadt zu sein. Sie muss funktionieren, verlässlich planen, Verträge so schließen, dass nicht am Ende Investoren gewinnen und Bürger zahlen. Sie muss Verkehr, Wohnen, Infrastruktur und öffentliche Sicherheit im Griff haben. Erst dann darf sie mit leuchtenden Augen von olympischen Sommermärchen sprechen.
Hamburg will nicht weniger sein, als es ist. Hamburg will endlich wieder das sein, was es sein müsste: eine wohlhabende, gut organisierte, leistungsfähige Metropole, die ihre eigenen Grundlagen beherrscht. Das ist nicht kleingeistig, das ist erwachsen.
Zum Schluss noch Haiders Trost für alle Olympia-Freunde: Die Spiele kämen sicher nach Deutschland und mit der Bahn seien es nicht einmal sechs Stunden bis München.
Da möchte man fast dankbar sein für diese Pointe. Herr Haider möge mir bitte den Zug zeigen. Die schnellste Verbindung liegt bereits offiziell über sechs Stunden. In der Realität der Deutschen Bahn wird daraus dann gern ein Tagesausflug mit Anschlussverlust, Wagenreihungsdebakel und der bekannten Durchsage, dass der Zug heute leider bereits ab Hannover ausfällt.
Vielleicht ist genau das der treffendste Nachsatz zu dieser Debatte: Wer Olympia in München besuchen will, bekommt schon auf der Anreise eine deutsche Großprojekterfahrung gratis dazu.
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