Fortschritt ja, nur bitte ohne Veränderung

Was der Streit um die Hamburger Sternbrücke verrät

Kommentar von Jens Baumanns

In der Nacht zum 31. Juli setzte sich gegen 20 Uhr ein Koloss in Bewegung: 108 Meter lang, rund 3.700 Tonnen schwer, sechs Meter über dem Boden schwebend, geschoben von 48 hydraulisch gesteuerten Spezialfahrzeugen. Sieben Stunden für 500 Meter, vorbei an Wohnhäusern mit stellenweise weniger als einem halben Meter Abstand. Dann endlich, um drei Uhr morgens, hatte die neue Sternbrücke ihre Endlage erreicht; um sieben Uhr schließlich lag sie millimetergenau auf ihren Widerlagern. Hunderte Hamburgerinnen und Hamburger standen an den Straßenrändern und sahen zu.

Es war der Moment, in dem diese Stadt für ein paar Stunden wieder stolz auf etwas war, das gebaut wird.

Davor lagen einundzwanzig Jahre Planung, sechs davon Protest und ein Gerichtsverfahren. Das ist der eigentliche Skandal an dieser Geschichte, nicht die Brücke. Denn Hamburg hat sechs Jahre lang gegen ein Vorhaben gekämpft, das exakt das liefert, was diese Stadt seit Jahren einfordert: mehr Platz für Rad, Bus und Fußverkehr, eine entschärfte Unfallkreuzung und eine ertüchtigte Schienenachse für rund tausend Züge am Tag.

Kühn, damals wie heute

Die im Juli demontierte Brücke stammte aus den Jahren 1925/26 und war ihrerseits bereits ein Ersatzneubau. Die erste eiserne Sternbrücke von 1893 trug bereits nach wenigen Jahrzehnten die gestiegenen Verkehrslasten nicht mehr, also riss man sie ab. Das Denkmal, um das Hamburg immer noch trauert, war selbst das Ergebnis eines Abrisses.

Selbst der Vorgängerbau galt seinerzeit als kühn. Nicht wegen der Spannweite, sondern wegen der Umstände: beengte Platzverhältnisse durch die dichte Wohnbebauung, unzählige Versorgungsleitungen, laufender Straßenverkehr und die Auflage, den Eisenbahnbetrieb aufrechtzuerhalten. Schon damals passierten täglich rund 300 Fern- und 400 Stadtbahnzüge die Stelle, während unter ihnen das Brückenbauwerk ausgetauscht wurde.

Man halte nun diese Liste neben das, was vorletzte Woche geschah. Enge Bebauung: dieselbe. Versorgungsleitungen: mehr denn je. Laufender Betrieb: rund 1.000 Züge am Tag über vier Gleise, dazu 48.000 Fahrzeuge unter der Brücke. Die Aufgabe ist im Kern identisch geblieben, nur die Zahlen sind gewachsen.

Der Unterschied liegt nicht in der Kühnheit des Bauens, sondern in allem, was ihm vorausgeht. Damals wurde entschieden und gebaut – in gut zwei Jahren. Heute wird entschieden, beklagt, verhandelt, geklagt, wieder verhandelt und dann gebaut. Meistens jedenfalls. Bei der dritten Sternbrücke dauerte dieser Weg nun einundzwanzig Jahre.

Warum die alte Brücke weg musste

Sieben Richtungen laufen an diesem Stern zusammen, daher ihr Name. Die Stresemannstraße, die dem Lkw-Fernverkehr als Verbindung zwischen A7 und A24 dient, ist vierspurig. Erschwerend kommt hinzu, dass sie ausgerechnet unter der Brücke durch vier einfache und zwei doppelte Stahlstützen auf drei Fahrspuren verengt wird. Für Fußgänger und Radfahrer galt die Kreuzung als unübersichtlich und gefährlich, verkehrsbehördlich als Unfallhäufungsstelle.

Wer dort einmal zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs war, weiß, wovon die Rede ist. Die Situation war schlicht ein verkehrstechnischer Albtraum.

Die neue Brücke überspannt die Kreuzung nun ohne eine einzige Stütze im Straßenraum. Das war keine Frage des Geschmacks, sondern der eigentliche Zweck des gesamten Unterfangens.

Was mir die Tragwerkslehre beigebracht hat

Selbst aus meinem rudimentären Architekturstudium ist mir aus der Tragwerkslehre eines geblieben: Eine größere Spannweite verlangt zwangsläufig eine größere statische Höhe. Das ist weder Geschmacksurteil noch freudsche Phallus-Symbolik. Es ist die einfache Physik.

Die alte Brücke kam mit 2,80 Metern Konstruktionshöhe aus, weil sechs Stützen die Lasten in den Straßenraum abtrugen. Nimmt man die Stützen weg und vergrößert die Stützweite auf 108 Meter, muss das Tragwerk die Last selbst tragen. Die statische Antwort darauf heißt Bogen. Dass die Bögen nach innen geneigt ausgeführt wurden, ist bereits der Versuch, das Bauwerk optisch zu bändigen. Hinzu kommen auf rund 400 Metern beidseitige Lärmschutzwände und damit exakt das, was Anwohner an Bahnstrecken seit Jahrzehnten zu Recht fordern. Unweigerlich lässt genau das die Konstruktion massiger erscheinen.

Die Kritik an der Massigkeit ist deshalb keine Kritik an der Planung. Sie richtet sich gegen die unveränderlichen Gesetze der Statik. So ungern man sie auch hinnehmen mag.

Die Probe aufs Exempel

Man kann diesen Streit auf eine unbequeme Frage zuspitzen:
Wie hätte die Brücke aussehen müssen, damit sie Zustimmung gefunden hätte?

Mit Stützen? Dann bliebe die Kreuzung eng und unübersichtlich. Eine gefährliche Unfallhäufungsstelle – in eben jenem Zustand, den dieselbe Öffentlichkeit seit Jahren beklagt.

Niedriger? Physikalisch ausgeschlossen, solange man stützenfrei überspannen will. Wer eine flache Brücke fordert, fordert Stützen zurück. Siehe oben.

Ohne Lärmschutzwände? Dann gäbe es den Protest genauso – und diesmal mit eindeutiger Rechtsprechung zugunsten der Lärmleidenden.

Schmaler? Vier Gleise sind gesetzt, S-Bahn und Fernbahn. Weniger Gleise hieße damit auch weniger Verkehrswende.

Gar nicht, also sanieren? Dann hätte die Kreuzung ihre Stützen behalten. Die Clubs an der Sternbrücke wären trotzdem verschwunden.

Jede geforderte Alternative scheitert an mindestens einem Kriterium, das die Kritiker selbst hochhalten. Man kann nicht zugleich Stützenfreiheit, filigrane Gestaltung, wirksamen Lärmschutz, hohe Leistungsfähigkeit und geringe Kosten verlangen. Fordern kann man all das natürlich – bekommen wird man es jedoch nicht.

Die Doppelmoral und Ironie

Derselbe Stadtteil, der sich die Verkehrswende auf die Fahnen schreibt, den Verzicht aufs Auto propagiert und dem Nahverkehr Vorrang einräumen will, kritisiert ausgerechnet dann, wenn die Bahn genau das Notwendige tut: ihre Schieneninfrastruktur zu erneuern, bevor sie an ihr Lebensende gelangt. Ja, man will die Verkehrswende. Man will sie nur nicht sehen, nicht hören und schon gar nicht bauen.

Ironischerweise lautete das stärkste Argument der Gegenseite, die Brücke sei nur deshalb so groß geraten, weil die Stresemannstraße darunter vierspurig werden solle. Das klingt zunächst plausibel, nur war sie auch vorher schon vierspurig. Die Pfeiler der alten Sternbrücke verengten sie an dieser Stelle lediglich. Richtig ist also: Der Neubau verbreitert die Straße nicht, sondern beseitigt einen bestehenden Flaschenhals. Wer einen solchen auflöst, baut schließlich noch lange keine Autobahn. Vom nun gewonnenen Straßenquerschnitt profitieren Busse, Radfahrer und Fußgänger gleichermaßen.

Auch der Gang vor Gericht offenbarte die Doppelmoral. Im November 2025 wies das Oberverwaltungsgericht die Klage vollständig ab: keine Verfahrensfehler, sämtliche Prüfungen ordnungsgemäß. Die Reaktion der Kläger: Eine Genehmigung bedeute schließlich noch lange nicht, dass die Planung auch gut sei. Man ruft ein Gericht an, verliert – und erklärt anschließend ausgerechnet die Frage, die es beantwortet hat, für die falsche.

Bleibt noch der Verlust, den man den Kritikern tatsächlich lassen muss: Die Clubs unter der Brücke: Astra Stube, Fundbureau, Waagenbau. Sie waren echte Hamburger Kulturgeschichte. Nur hat diesen Verlust nicht der Neubau verursacht. Verkehrssenator Anjes Tjarks stellte bereits früh klar, dass es kein einziges Szenario gab, in dem die Clubs erhalten geblieben wären: Auch bei einer bloßen Sanierung hätten die Kasematten (Gewölbebögen unter Bahngleisen) verfüllt werden müssen.
Über die Qualität der angebotenen Ersatzflächen lässt sich streiten, über die Legende, die „Monsterbrücke“ habe die Hamburger Subkultur getötet, hingegen nicht.

Ein Bauwerk ist kein Möbelstück

Damit sind wir beim Kern: Eine Eisenbahnbrücke wird nicht für die gebaut, die neben ihr wohnen. Sie wird für alle gebaut, die über sie fahren und auch für jene, die heute noch nicht geboren sind.

Die Brücke von 1926 hat hundert Jahre lang getragen. Die Menschen, die sich damals über Lärm, Staub und Bauzäune geärgert haben, sind seit Jahrzehnten tot. Ihr Ärger hat ein paar Jahre gedauert. Ihr Bauwerk hat vier Generationen getragen, einen Krieg und den Wiederaufbau überstanden sowie Millionen Menschen an ihre Arbeitsstätten gebracht.

Darin liegt die Rechnung, die in dieser Debatte niemand aufmacht: Fünf Jahre Baustelle gegen hundert Jahre Nutzen. Selbst wenn die neue Brücke nur fünfzig Jahre hielte, wäre das Verhältnis eindeutig. Wer Bauzeit gegen Lebensdauer aufrechnet, rechnet nicht knapp. Er rechnet falsch.

Deshalb finde ich es, bei allem Verständnis für die Betroffenen, arrogant und selbstsüchtig, wenn aus persönlicher Betroffenheit ein Anspruch auf Stillstand wird. Wer neben einer Baustelle wohnt, hat Anspruch auf Schutz, auf Ausgleich, auf Rücksicht und im Fall der Sternbrücke auf Ersatzwohnraum. Das gehört sich in einem Rechtsstaat.

Aber niemand hat einen Anspruch darauf, dass sich in Sichtweite seines Fensters nichts verändert. Eine Stadt ist kein Privatgrundstück mit Aussichtsgarantie. Wer eine Infrastruktur blockiert, die nachweislich Unfälle verhindert, den Verkehr entlastet und ein Jahrhundert überdauern soll, stellt den eigenen Ausblick über den Nutzen für Millionen. Es ist dieselbe Haltung wie bei jenen, die günstig neben einen Flughafen ziehen und sich anschließend über den Fluglärm beklagen.

Genau deshalb sollte man Denkmalschutz nicht mit Stillstand verwechseln. Historische Bausubstanz zu bewahren, ist richtig. Gerade Hamburg hat im Krieg und vor allem in der Nachkriegsmoderne zu viel historische Bausubstanz verloren, um mit seinem baulichen Erbe heute noch achtlos umzugehen. Doch Denkmalschutz kann nicht bedeuten, jede bestehende Struktur unabhängig von Funktion, Zustand und städtebaulicher Notwendigkeit auf Dauer festzuschreiben. Eine Stadt ist kein Museum ihrer selbst.

Auch die Sternbrücke von 1926 war kein Monument um ihrer selbst willen, sondern vor allem eines: Infrastruktur. 75 Meter lang, 17 Meter breit, 888 Tonnen schwer: ein nüchterner Zweckbau, errichtet für die Anforderungen seiner Zeit. Ihn zu ersetzen, heißt deshalb nicht, die Geschichte des Ortes auszulöschen. Man sollte nur nicht so tun, als sei mit seinem Abriss ein unersetzliches Baudenkmal von der Bedeutung der Altstadt von Dresden verloren gegangen.

Leider kein Einzelfall

Wer glaubt, es gehe hier nur um eine Brücke in Altona, hat das Muster nicht erkannt. Es ist die Verkehrspolitik dieser Stadt im Kleinen.

Die Köhlbrandbrücke, 1974 eröffnet, verbindet die östlichen und westlichen Hafengebiete. Die Schäden an ihrer Stahlkonstruktion sind dauerhaft nicht reparabel; seit Mai 2026 ist sie für genehmigungspflichtige Schwertransporte über 44 Tonnen gesperrt. Der Ersatzneubau: Ende der 2030er Jahre, 4,4 bis 5,3 Milliarden Euro. Die Hafenwirtschaft warnt vor massiven Schäden für den Industriestandort. Dass Stahlbrücken altern, wusste man 1974 auch schon.

Die A26-Ost. Die Idee einer Hafenquerspange reicht bis ins Jahr 1939 zurück. Die Planfeststellungsverfahren wurden 2012 eingeleitet, der Beschluss folgte im Dezember 2023, 2024 begann der Bau im Sofortvollzug. Im Oktober 2025 erklärte das Bundesverwaltungsgericht den Planfeststellungsbeschluss jedoch für rechtswidrig und nicht vollziehbar. Beanstandet wurden die Berücksichtigung des Klimaschutzes bei der Variantenprüfung sowie wasserrechtliche Erlaubnisse. Beides grundsätzlich behebbare Mängel und dennoch ausreichend, um ein bereits begonnenes Autobahnprojekt zum Stillstand zu bringen.

Das Muster ist immer dasselbe: Hamburg diskutiert so lange, bis das Bauwerk selbst die Entscheidung erzwingt. Wir bauen nicht vorausschauend, sondern unter Zwang, wenn die Sperrung schon verhängt und die Traglast schon abgestuft ist. Sanierungsstau ist in dieser Stadt keine Panne mehr, er ist Methode.

Der Preis unserer Verkehrsprojekte

Doch zurück zur Sternbrücke: Bezahlt haben wir sie alle. Aus ursprünglich veranschlagten 125 Millionen Euro wurden zuletzt rund 173 Millionen, was bei allem gebotenen hanseatischen Patriotismus für Hamburger Verhältnisse beinahe einer finanziellen Punktlandung gleichkommt.

Der entscheidende Punkt liegt jedoch woanders: Ein erheblicher Teil dieser Kosten entfällt nicht auf das Baumaterial, sondern auf die Verfahren und ihre Dauer. Je länger geplant, geprüft, gestritten und neu geplant wird, desto teurer wird am Ende gebaut, weil Normen sich ändern, Zulassungen auslaufen, Anforderungen steigen und Provisorien über Jahre aufrechterhalten werden müssen. Der Protest gegen die große Brücke hat sie nicht kleiner gemacht. Er hat sie vor allem teurer gemacht.

Wir müssen wieder etwas wagen

Die Generation, die 1911 den Elbtunnel unter dem Fluss hindurchtrieb und 1926 die Sternbrücke unter laufendem Betrieb wechselte, hatte weniger Geld, weniger Technik und weniger Wissen als wir. Sie hatte etwas anderes: die Bereitschaft, eine Entscheidung zu treffen und sie zu verantworten.

Wagen heißt nicht Rücksichtslosigkeit. Es heißt nicht, Anwohner zu übergehen, Umweltrecht zu schleifen oder Beteiligung abzuschaffen. Es heißt, sich für etwas zu entscheiden, das über die eigene Amtszeit, die eigene Wohndauer und das eigene Leben hinausreicht und dann dazu zu stehen, auch wenn es unbequem wird.

Diese Fähigkeit haben wir weitgehend verloren. Nicht weil uns die Ingenieure fehlen, sondern weil wir ein System gebaut haben, in dem Verzögern risikolos und Entscheiden riskant ist.

Zum Schluss

Ich bin für Fortschritt. Ich bin dafür, eine gefährliche Kreuzung sicher zu machen und eine hundert Jahre alte Eisenbahnbrücke zu ersetzen, bevor sie uns die Entscheidung von selbst abnimmt – so wie es die Köhlbrandbrücke oder die Norderelbbrücke gerade tut.

Offenbar gilt jedoch in dieser Stadt: Fortschritt ja, nur bitte ohne Veränderung.

Ein Ausblick sei mir an dieser Stelle gestattet, denn ich bin mir ziemlich sicher, wie es weitergeht:
Die Brücke von 1893 hielt gut dreißig Jahre, die von 1926 hat es auf hundert gebracht.
Irgendwann im frühen 22. Jahrhundert wird die Konstruktion, die vorletzte Woche eingehoben wurde, den Anforderungen ihrer Zeit nicht mehr genügen. Dann wird eine neue Generation Hamburger vor ihr stehen und sie ein herausragendes Zeugnis der Ingenieurbaukunst des frühen 21. Jahrhunderts nennen. Es wird eine Petition geben, eine Initiative, ein prominentes Bündnis und einen Spitznamen für den geplanten Nachfolger und irgendjemand wird in einem Kommentar auf seiner Website darauf hinweisen, dass schon der Bau von 2026 heftig umstritten war.
Dieselben Worte, derselbe Ablauf. Nur eben eine andere Brücke.

Vielleicht ist das der eigentliche Denkmalschutz dieser Stadt: Nicht das Bauwerk wird bewahrt, sondern der Protest dagegen.


Weitere meiner Kommentare und Essays gibt es hier.

Das Recht auf Verwahrlosung

Warum Freiheit nicht heißen darf, den öffentlichen Raum mit in den Abgrund zu ziehen

Kommentar von Jens Baumanns

Es gibt Sätze, die hängen bleiben, weil sie die Wahrheit derart hart formulieren, dass man sie zunächst zurückweisen möchte.
Einer dieser Sätze lautet: Der Mensch hat ein Recht auf Verwahrlosung.

Ich habe diese Formulierung jüngst in einem Gespräch aufgenommen und übernommen, weil sie den Kern einer liberalen Gesellschaft erstaunlich präzise trifft. In einem freien Land darf der Mensch unvernünftig leben. Er darf falsche Entscheidungen treffen, Hilfe ablehnen, sich selbst schaden und an den eigenen Lebensentscheidungen scheitern. Der Staat ist nicht dazu da, jeden Menschen gegen seinen Willen zu einem bürgerlichen Idealbild zu erziehen. Freiheit umfasst auch Zumutungen. Sie umfasst sogar das Recht, am eigenen Leben zu scheitern.

Aber dieses Recht endet dort, wo die Allgemeinheit mitverwahrlosen soll.

Am gestrigen Freitag schrieb Zoe Clausen in der MOPO über bettelnde Menschen in Hamburgs S- und U-Bahnen. Ihre These lautet sinngemäß: Nicht die Bettelnden seien das eigentliche Problem. Ich las das, hielt kurz inne und musste an den eingangs erwähnten Satz denken. Ihre Aussagen sind menschlich nachvollziehbar, sozial sensibel und in Teilen sicher richtig. Natürlich stehen hinter Obdachlosigkeit, Armut, Sucht und Betteln oft harte Einzelschicksale. Niemand ist wohl deshalb auf der Straße, weil das Leben dort so bequem wäre. Es gibt sicher auch freundliche, zurückhaltende obdachlose Menschen, die niemanden bedrängen und deren Not man nicht achtlos wegwischen sollte.

Nur bildet diese Perspektive nicht die ganze Realität ab. Denn die Wirklichkeit vieler Fahrgäste sieht anders aus: Sie erleben nicht nur stille Armut, sondern aufdringliches Betteln.

Das Problem ist das wiederholte, aufdringliche, teils aggressive Ansprechen in einem Raum, dem man nicht ausweichen kann. Das Problem ist der Mann, der durch den Wagen läuft, laut seine Geschichte erzählt und Geld fordert. Die Frau, die nach einem freundlichen „Nein“ beleidigend wird. Die Gruppe, die betrunken oder berauscht in der Station sitzt. Der Fahrgast, der sich nicht mehr sicher ist, ob Wegschauen klüger ist als Reagieren. Die Mutter, die ihrem Kind erklären muss, warum jemand im Abteil schreit. Der Pendler, der morgens nicht sozialpolitisch konfrontiert werden möchte, sondern einfach zur Arbeit fahren will. Wer täglich fährt, erlebt diese Situationen nicht als kurze Begegnung mit der „Realität der Straße“, sondern als wiederkehrende Zumutung in einem Verkehrssystem, für das er bezahlt.

Man muss diese Unterscheidung zwingend sauber treffen: Nicht jeder Bettelnde ist aggressiv und nicht jeder Obdachlose stört. Nicht jeder Mensch in Not ist ein Problem für andere. Der Grundsatz aber bleibt: Betteln gehört nicht in S- und U-Bahnen. Der Nahverkehr ist kein moralisches Versuchslabor, keine mobile Sozialstation und kein öffentlicher Beichtstuhl für das schlechte Gewissen der Stadt. Er ist in erster Linie ein Verkehrsmittel.

Genau deshalb gibt es Regeln. Die Hochbahn und der HVV verfügen über Hausrecht, Beförderungsbedingungen und Verhaltensvorgaben. Betteln, Musizieren, Rauchen und Alkoholkonsum sind in Fahrzeugen und Anlagen nicht ohne Grund untersagt oder eingeschränkt. Das ist keine soziale Grausamkeit, sondern eine notwendige Grundordnung. Wer den öffentlichen Nahverkehr nutzt, betritt keinen rechtsfreien Raum, sondern einen zweckgebundenen:
Er dient der Beförderung.

Der Skandal ist daher nicht, dass solche Regeln wie auch die Bußen existieren. Der eigentliche Skandal ist, dass man in Hamburg immer wieder so tut, als sei ihre konsequente Durchsetzung bereits eine moralische Entgleisung. Sie ist es nämlich nicht.

Es ist kein Angriff auf die Menschenwürde, Fahrgäste vor Belästigung zu schützen. Es ist keine soziale Kälte, aggressives Betteln aus Bahnen und Bahnhöfen herauszuhalten. Es ist kein Klassenkampf von oben, wenn ein Verkehrsunternehmen sein Hausrecht durchsetzt. Es ist schlicht Ordnungspolitik.

Natürlich braucht Hamburg Hilfeangebote. Mehr Wohnraum, Suchthilfe, medizinische Versorgung, psychiatrische Betreuung, Streetwork und niedrigschwellige Anlaufstellen sind notwendig. Wer nur mit Bußgeldern und Platzverweisen antwortet, löst Obdachlosigkeit nicht. Daraus folgt aber eben nicht, dass man auf Regeln verzichten darf. Hilfe und Ordnung sind keine Gegensätze, sie gehören zusammen.

Eine Stadt, die nur hilft, ohne klare Grenzen zu setzen, schafft keine Humanität, sondern Dauerelend. Eine Stadt, die nur verdrängt, ohne Hilfe anzubieten, handelt ebenso falsch. Notwendig ist beides: Hilfe für diejenigen, die erreichbar sind, Konsequenz gegenüber denen, die andere bedrängen, und klare Durchsetzung bestehender Regeln im öffentlichen Raum.

Besonders aufgestoßen ist mir der wohlmeinende Hinweis, man könne ja einfach kurz vom Handy hochschauen, zuhören und freundlich „Nein“ sagen. Das klingt empathisch. Es ist aber auch bemerkenswert bevormundend. Fahrgäste sind keine ehrenamtlichen Streetworker auf Schienen. Niemand ist verpflichtet, sich morgens auf dem Weg zur Arbeit, abends nach einem langen Tag oder mit Kindern im Abteil mit jedem fremden Elend auseinanderzusetzen. Niemand muss Blickkontakt aufnehmen, zuhören, reagieren oder innerlich eine kleine Gewissensprüfung bestehen, nur weil jemand im Waggon um Geld bittet.

Ein Nein muss nicht freundlich performt werden, damit es legitim ist. Es muss schlicht akzeptiert werden.

Wer den öffentlichen Nahverkehr attraktiv machen will, darf nicht nur über Takte, Tarife und Klimaziele sprechen. Er muss auch über Sicherheit, Sauberkeit und Zumutbarkeit sprechen. Denn ein Verkehrsmittel, in dem sich Menschen bedrängt, belästigt oder unsicher fühlen, wird nicht dadurch besser, dass man ihnen erklärt, sie müssten nur sensibler sein.

An dieser Stelle lohnt der Blick nach London. Dort sind U-Bahn-Stationen durch Zugangssperren gesichert. Wer den bezahlten Bereich betreten will, braucht ein Ticket oder eine gültige Zahlung. Das löst natürlich keine Obdachlosigkeit, aber es schützt den Zweck des Systems. Es trennt Verkehrs- von Aufenthaltsraum. Es macht klar: Wer hier ist, ist Reisender, nicht Dauergast eines Verkehrsbetriebs, der unfreiwillig zur Wärmestube, Bettelzone oder Ausweichfläche ungelöster Sozialpolitik wird.

Hamburg sollte diesen Gedanken ernsthaft prüfen. Kontrollierte Zugänge zu stark frequentierten Bahnsteigen und Stationen wären kein Allheilmittel, aber ein ordnungspolitisches Signal. Sie würden Schwarzfahren erschweren, unkontrolliertes Verweilen reduzieren und den fahrkartenpflichtigen Bereich wieder stärker denjenigen vorbehalten, für die er gedacht ist: Fahrgästen.

Das mag hart klingen, tatsächlich ist es nur ehrlich.

Wer kein gültiges Ticket hat, gehört nicht in den fahrkartenpflichtigen Bereich. Wer bettelt, Fahrgäste bedrängt, alkoholisiert randaliert oder andere beleidigt, gehört aus dem System entfernt – unabhängig von Herkunft, Einkommen, sozialem Status oder persönlicher Lebenslage. Wer Hilfe braucht, muss Hilfe angeboten bekommen. Wer sie ablehnt und zugleich andere belastet, muss mit Konsequenzen rechnen. Das ist keine Entmenschlichung, es ist die notwendige Unterscheidung zwischen Mitgefühl und Kapitulation.

Hamburg hat zu lange akzeptiert, dass sich soziale Probleme in Bahnen, Bahnhöfe und zentrale Räume verlagern. Dort sind sie sichtbar, dort stören sie, dort werden sie kurz diskutiert und anschließend auf Wiedervorlage gesetzt. Eine Stadt ist nicht sozial, weil sie Elend in der U-Bahn mitfahren lässt. Sie ist sozial, wenn sie Hilfe organisiert, Regeln durchsetzt und den Bürgern den Raum zurückgibt, den sie finanzieren.

Der öffentliche Nahverkehr ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Er funktioniert aber nur, wenn er geordnet bleibt. Wird er zum Auffangbecken ungelöster Sozial-, Sucht- und Ordnungspolitik, verliert er jene Normalität, auf die eine Großstadt angewiesen ist.

Genau deshalb braucht Hamburg keine Debatte darüber, ob man Mitleid haben darf. Hamburg braucht eine Debatte darüber, warum dieses Mitleid immer öfter von den falschen Menschen eingefordert wird: von Fahrgästen, Mitarbeitern der Hochbahn, Anwohnern und all jenen, die täglich mit den Folgen politischer Halbherzigkeit konfrontiert sind.

Genau hier liegt die Grenze liberaler Nachsicht. Der Staat darf nicht jeden Menschen vor sich selbst retten wollen, aber er muss die Allgemeinheit vor den Folgen schützen, wenn individuelles Elend zur öffentlichen Gefahrenlage wird. Freiheit ist kein Anspruch darauf, ganze Nachbarschaften zu überfordern. Sozialpolitik ist kein Schutzschirm, unter dem Ordnung, Sicherheit und Zumutbarkeit verschwinden.

Wer also sagt, der Mensch habe ein Recht auf Verwahrlosung, muss den zweiten Satz gleich mitsprechen: Die Allgemeinheit hat ein Recht darauf, nicht mitverwahrlost zu werden.


Weitere meiner Kommentare und Essays gibt es hier.

Der Ernstfall ist lauter als ein Tornado

Sicherheit beginnt nicht erst beim Angriff

Kommentar von Jens Baumanns

Man stelle sich für einen Moment vor, Deutschland würde seine eigene Verteidigungsfähigkeit mit derselben Leidenschaft verteidigen, mit der es ihre Begleitgeräusche beklagt. Wir wären vermutlich sicherheitspolitisch weiter.

Vom 8. bis 12. Juni trainiert die Bundeswehr unter dem Titel „Panther Shield“ am Hamburger Flughafen Starts und Landungen mit Tornado-Kampfjets. Geübt wird nicht für eine Flugshow, nicht für militärische Selbstdarstellung und auch nicht, um Anwohnern in Fuhlsbüttel, Norderstedt oder den Einflugschneisen den Alltag zu erschweren. Geübt wird, weil eine Armee im Ernstfall nur dann funktionieren kann, wenn sie ihre Abläufe vorher beherrscht.

Das sollte eigentlich selbstverständlich sein, ist es aber offenbar nicht.

Der Umweltverband BIG Fluglärm kritisiert die erwartete Lärmbelastung, fordert Transparenz und verweist auf mögliche gesundheitliche Beeinträchtigungen. Das klingt zunächst nachvollziehbar. Niemand muss Fluglärm verharmlosen: Kampfjets sind laut, militärischer Flugbetrieb ist keine akustische Nebensächlichkeit. Bürger dürfen Fragen stellen, Behörden müssen informieren, der Staat sollte erklären, was er tut, soweit dies ohne sicherheitsrelevante Einschränkungen möglich ist. Doch damit endet das Verständnis auch schon.

Denn wer in der gegenwärtigen sicherheitspolitischen Lage eine solche Übung vor allem als Lärmproblem betrachtet, verfehlt den Kern. Deutschland befindet sich nicht mehr in der behaglichen Welt der frühen 2000er-Jahre, in der man glaubte, Sicherheitspolitik lasse sich als Randthema verwalten. Russland führt seit Jahren einen Angriffskrieg gegen die Ukraine, provoziert den Westen, testet Bündnisgrenzen, arbeitet mit hybriden Angriffen, Desinformation und militärischer Einschüchterung. Die Frage ist daher nicht, ob Deutschland militärische Übungen bequem findet. Die Frage ist, ob Deutschland begriffen hat, dass Verteidigungsfähigkeit nicht durch Absichtserklärungen entsteht.

Eine wehrhafte Demokratie braucht mehr als Wertebekundungen. Sie braucht Soldatinnen und Soldaten, einsatzfähiges Material, funktionierende Infrastruktur und geübte Abläufe. Genau darum geht es bei „Panther Shield“. Die Luftwaffe trainiert, zivile Flughäfen im Verteidigungs- oder Bündnisfall nutzen zu können.

Wer das kritisiert, sollte erklären, was die Alternative sein soll. Im Ernstfall improvisieren? Auf perfekt vorbereitete Militärflugplätze hoffen? Darauf vertrauen, dass ein Gegner freundlicherweise Rücksicht auf unsere infrastrukturellen Gewohnheiten nimmt?

Damit sind wir bei einem typisch deutschen Missverständnis angekommen: Sicherheit soll vorhanden sein, aber bitte ohne Zumutung. Man will eine Bundeswehr, die schützt, aber möglichst nicht stört. Man fordert Wehrhaftigkeit und spricht seit Jahren von der Zeitenwende, behandelt ihre praktischen Konsequenzen jedoch wie eine lästige Betriebsstörung.

Genau diese Haltung ist Teil des Problems

Die Bundeswehr kann nicht erst dann üben, wenn der Ernstfall eingetreten ist: Eine Luftwaffe kann nicht erst dann lernen, mit ziviler Infrastruktur zusammenzuarbeiten, wenn feste militärische Standorte bereits bedroht oder ausgefallen sind. Flughafenbetrieb, Feuerwehr, Flugsicherung, Logistik und militärische Abläufe müssen vorher zusammengeführt werden. Wer Einsatzfähigkeit will, muss Übung zulassen. Wer Übung verhindern oder permanent delegitimieren will, muss ehrlicherweise sagen, dass ihm Einsatzfähigkeit offenbar weniger wichtig ist als die eigene Unbehelligtheit.

Natürlich ist Lärm belastend und man darf über Messwerte, Flugzeiten und Informationspolitik sprechen. Es ist jedoch ein erheblicher Unterschied, ob man konstruktive Transparenz verlangt oder ob man aus jeder militärischen Übung ein grundsätzliches Problem macht. Die Bundeswehr ist kein externer Störfaktor, der sich versehentlich in den zivilen Alltag verirrt hat. Sie ist Teil dieses Staates. Sie schützt nicht irgendein abstraktes Gebilde, sondern unsere Ordnung, unsere Freiheit, unsere Infrastruktur und im Zweifel auch diejenigen, die sich heute über ihre Geräuschentwicklung beschweren.

Darin liegt eine gewisse Ironie: Diejenigen, die im Ernstfall Schutz erwarten, begegnen der Vorbereitung dieses Schutzes nicht selten mit Abwehr. Man möchte Sicherheit konsumieren, aber ihre Voraussetzungen nicht sehen, nicht hören und nicht spüren. Das ist bequem, aber unreif und weltfremd.

Der Ernstfall wäre lauter als ein Tornado

Ein tatsächlicher Angriff würde nicht mit Vorankündigung im Zeitfenster zwischen 9 und 18 Uhr erfolgen. Er würde keine Rücksicht auf Ruhezeiten nehmen, keine Lärmschutzkommission abwarten und keine Bürgerdialoge moderieren. Wer die Übung schon für eine unzumutbare Belastung hält, sollte sich zumindest kurz fragen, was die Alternative bedeutet: eine Bundeswehr, die im entscheidenden Moment nicht ausreichend vorbereitet ist. Das kann niemand ernsthaft wollen.

Gerade deshalb wäre etwas mehr Maß in der Debatte angebracht. Kritik an Lärm ist legitim, pauschale Skepsis gegenüber militärischer Übung ist es in dieser Weltlage nicht. Deutschland hat seine Streitkräfte über Jahrzehnte vernachlässigt, sicherheitspolitische Verantwortung verschoben und sich zu lange auf andere verlassen. Nun, da die Realität zurückkehrt, wirkt es reichlich widersprüchlich, ausgerechnet jene Übungen zu problematisieren, die diese Versäumnisse zumindest teilweise korrigieren sollen.

Man kann nicht einerseits beklagen, die Bundeswehr sei nicht einsatzfähig, und andererseits jede konkrete Vorbereitung behandeln, als sei sie eine Zumutung für die zivile Komfortzone. Wer Verteidigungsfähigkeit fordert, muss akzeptieren, dass sie nicht in PowerPoint-Präsentationen, Bundestagsreden oder wohlklingenden Lippenbekenntnissen zur wehrhaften Demokratie entsteht, sondern durch Ausbildung, Übung, Material und einsatzfähige Strukturen.

Sicherheit ist kein theoretischer Zustand, sie ist praktische Arbeit

Diese Arbeit leisten Soldatinnen und Soldaten, die unserem Land dienen. Natürlich verdienen sie kritische Begleitung dort, wo sie nötig und angebracht ist, insbesondere wenn es um rechtsextreme Tendenzen, rechtsradikale Netzwerke oder Pflichtverletzungen innerhalb der Truppe geht. Solche Fälle müssen klar benannt und konsequent aufgearbeitet werden, gerade weil sie nicht für die Bundeswehr als Ganzes stehen. Ich vertraue der Bundeswehr und der Grundgesetztreue des überwiegenden Teils ihrer Soldatinnen und Soldaten. Vor allem aber verdienen sie Respekt, Rückhalt und Dankbarkeit. Es ist bemerkenswert, wie schnell diese Dankbarkeit in Deutschland in den Hintergrund tritt, sobald der Dienst der Bundeswehr nicht mehr abstrakt bleibt, sondern konkret wahrnehmbar wird.

Dabei wäre gerade diese Dankbarkeit mehr als angebracht. Der Dienst in der Bundeswehr ist kein gewöhnlicher Beruf mit Uniform, sondern ein Bekenntnis zur Verantwortung gegenüber unserem Land, unserer Verfassung und unserer demokratischen Ordnung. Soldatinnen und Soldaten dienen nicht einer Regierung, nicht einer Partei und nicht einer tagespolitischen Stimmung. Sie dienen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, die uns allen erlaubt, in Sicherheit zu leben, zu streiten, zu kritisieren und auch unbequem zu sein. Wer diese Ordnung ernst nimmt, sollte diejenigen nicht geringschätzen, die im Zweifel bereitstehen, sie zu verteidigen.

Dankbarkeit bedeutet dabei nicht, jede Entscheidung der Bundeswehr kritiklos zu bejubeln. Eine demokratische Armee muss kontrolliert, begleitet und politisch verantwortet werden. Es ist aber ein entscheidender Unterschied, ob man kritisch hinsieht oder ob man den Dienst der Truppe schon dann als Zumutung behandelt, sobald er im Alltag wahrnehmbar wird. Eine Gesellschaft, die von Freiheit spricht, sollte den Menschen, die diese Freiheit schützen sollen, nicht mit routinierter Gereiztheit begegnen. Sie sollte anerkennen, dass Sicherheit nicht aus sich selbst heraus entsteht, sondern von Menschen getragen wird, die bereit sind, mehr auf sich zu nehmen als viele andere.

Panther Shield“ ist deshalb mehr als eine militärische Übung. Sie ist ein Test für die politische Ernsthaftigkeit dieses Landes: Meinen wir es mit der Zeitenwende ernst? Meinen wir es mit Wehrhaftigkeit ernst? Meinen wir es mit Schutz und Bündnisfähigkeit ernst? Oder möchten wir all das nur so lange, wie es den eigenen Alltag nicht berührt?

Eine Demokratie, die verteidigt werden will, muss ihren Verteidigern ermöglichen, sich vorzubereiten. Alles andere ist wohlfeil.

Ja, der Lärm einer Übung mag unangenehm sein; der Lärm eines unvorbereiteten Ernstfalls jedoch wäre unerträglich.


Weitere meiner Kommentare und Essays gibt es hier.

Fünf Ringe, null Vertrauen

Hamburg will mehr – aber erst einmal funktionieren

Kommentar von Jens Baumanns

Hamburg hat nicht gegen Olympia gestimmt, sondern gegen einen Senat, dem viele Bürger große Versprechen schlicht nicht mehr zutrauen.

Ich habe selten größeren Schwachsinn gelesen als die Behauptung, Hamburg wolle „nicht mehr sein, als es ist“. Nicht, weil der Satz nicht elegant zugespitzt wäre. Gerade darin liegt seine Gefahr. Er klingt nach großer Diagnose, ist bei genauerem Hinsehen aber vor allem eines: eine bemerkenswert bequeme Verwechslung von hanseatischer Skepsis mit provinzieller Mutlosigkeit.

Lars Haider, Chefredakteur des Hamburger Abendblatts, deutet in seinem Leitartikel zum Referendum das Nein zu Olympia als Signal einer Stadt, die sich selbst genüge. Hamburg wolle nicht Weltstadt werden, nicht größer denken, nicht mehr Touristen, nicht mehr internationale Sichtbarkeit. Das klingt feuilletonistisch rund, trifft aber die Lebensrealität vieler Hamburger ungefähr so präzise wie ein ICE-Fahrplan die Wirklichkeit, aber dazu am Ende mehr.

Die Hamburger haben nicht gegen Größe gestimmt.
Sie haben gegen Größenfantasien gestimmt.

Das ist ein Unterschied, den man gerade in einer Stadt verstehen müsste, die ihre Bürger seit Jahren im praktischen Anschauungsunterricht darüber belehrt, wie deutsche Großprojekte aussehen, wenn politische Vision auf organisatorische Wirklichkeit trifft. Wer morgens im Stau steht, weil die nächste Baustelle wieder einmal die Stadt zerlegt, wer den Elbtunnel nur noch als verkehrspolitisches Glücksspiel begreift, wer die Köhlbrandbrücke als Symbol einer alternden Infrastruktur erlebt und wer am Eingang zur HafenCity auf den Elbtower blickt, diesen unfertigen Hochaltar hanseatischer Hybris, der braucht keine Nachhilfe in Weltläufigkeit. Er braucht eine Stadt, die funktioniert.

Genau das übersieht Haider.

Es ist zu einfach, das Nein zu Olympia als Triumph der Linken, der AfD oder irgendeiner diffusen Fortschrittsfeindlichkeit zu lesen. Damit macht man es sich politisch bequem. Wer die Mehrheit einer Stadt in die Nähe der politischen Ränder rückt, nur weil sie einer Senatskampagne nicht folgt, sollte weniger über Olympia und mehr über Demokratie nachdenken. Ein Bürgerentscheid ist kein pädagogischer Test, bei dem die Bevölkerung die richtige Antwort zu geben hat, er ist die Antwort selbst.

Viele Hamburger haben vermutlich nicht gesagt: „Wir wollen keine Weltstadt sein.“
Sie haben gesagt: „Wir trauen euch das nicht zu.

Dieses Misstrauen ist nicht vom Himmel gefallen. Es steht in Beton gegossen an den Elbbrücken. Der Elbtower sollte ein Symbol für Hamburgs Aufbruch sein. Heute wirkt er wie ein Mahnmal dafür, was passiert, wenn sich Stadtentwicklung von Investorenpoesie, Hochglanzmodellen und fragwürdiger Risikoverteilung betören lässt. Ein Turm, der wachsen sollte, wurde zur Ruine des Vertrauens. Wer dann denselben Bürgern erklärt, Olympia werde schon seriös, transparent, nachhaltig und wirtschaftlich tragfähig organisiert, darf sich nicht wundern, wenn diese Bürger höflich die Augenbraue heben und mit Nein stimmen.

Hinzu kommt: Hamburg ist bereits jetzt an vielen Stellen überlastet. Nicht im Sinne einer Stadt, die zu groß träumt, sondern einer Stadt, die zu vieles gleichzeitig will, ohne das Bestehende hinreichend zu beherrschen. Der Verkehr ist angespannt, die Infrastruktur altert, Baustellen reihen sich an Baustellen, Wohnraum bleibt knapp, öffentliche Stellen wirken oft überfordert. Dazu kommt eine wirtschaftliche Lage, in der viele Menschen sparen müssen und sehr genau überlegen, wofür öffentliches Geld ausgegeben wird.

Die Kostenfrage als bloßes Scheinargument abzutun, ist daher arrogant. Natürlich stimmt es, dass Bundesmittel nicht einfach automatisch in Hamburg ankommen, wenn Hamburg Nein sagt. Aber daraus folgt nicht, dass die Ausgabendebatte unberechtigt wäre. Bundesgeld ist kein himmlischer Segen, sondern Steuergeld mit anderem Absender. Zudem verschwinden lokale Risiken nicht, nur weil ein Teil der Rechnung aus Berlin bezahlt wird. Sicherheitskonzepte, Verkehrslenkung, Polizeieinsätze, Verwaltungskapazitäten, Betriebskosten, Nachfinanzierungen, Bauverzögerungen und politische Folgekosten bleiben in der Stadt hängen, die am Ende Gastgeberin sein soll.

Wer in Hamburg lebt, weiß: Bei Großprojekten ist der erste Kostenplan oft eher eine literarische Gattung als eine belastbare Realität.

Auch die Kritik an Olympia selbst ist nicht einfach kleinbürgerliches Nörgeln. Viele Menschen mögen den Sport. Viele bewundern Athleten, Wettkampf, Disziplin und den olympischen Gedanken. Genau deshalb sehen sie die Kommerzialisierung des olympischen Betriebs kritisch. Olympia ist längst nicht nur Sportfest, sondern globales Eventprodukt. Es bringt das IOC, Sponsoreninteressen, Sicherheitszonen, touristischen Druck, mediale Inszenierung und eine temporäre Stadtlogik mit sich, bei der der Alltag der Bewohner schnell zur Nebensache wird.

Hamburg ist schon heute nicht immer souverän im Umgang mit Tourismus. Wer an einem normalen Wochenende rund um Landungsbrücken, Elbphilharmonie, Speicherstadt oder Innenstadt unterwegs ist, bekommt eine Ahnung davon, wie eng diese Stadt werden kann. Man muss nicht gegen Besucher sein, um zu fragen, ob die Stadt einem olympischen Ausnahmezustand gewachsen wäre. Gerade wer Hamburg liebt, darf doch fragen, ob diese Stadt noch lebenswerter wird, wenn sie sich wochenlang dem Takt eines globalen Sportkonzerns unterwirft.

Haider verweist auf die Elbphilharmonie als Ausnahme. Das ist interessant, denn gerade die Elbphilharmonie zeigt die Ambivalenz solcher Projekte. Ja, sie ist heute ein Wahrzeichen. Ja, sie hat Hamburg international sichtbarer gemacht. Aber sie war zugleich ein Paradebeispiel für Kostenexplosion, Verzögerung und politische Schönrednerei. Dass am Ende ein beeindruckendes Gebäude entstanden ist, macht den Weg dorthin nicht automatisch zum Vorbild. Auch ein Unfall kann glimpflich ausgehen. Daraus folgt aber nicht, dass man ihn wiederholen sollte.

Hamburgs Nein ist deshalb keine Absage an Größe. Es ist eine Absage an politische Selbstberauschung. An Kampagnen, die von Zukunft sprechen, während Gegenwart ungelöst bleibt. An eine Stadtregierung, die Visionen verkauft, aber im Alltag zu oft den Eindruck vermittelt, schon mit dem Normalbetrieb überfordert zu sein.

Eine Stadt muss nicht Olympia ausrichten, um Weltstadt zu sein. Sie muss funktionieren, verlässlich planen, Verträge so schließen, dass nicht am Ende Investoren gewinnen und Bürger zahlen. Sie muss Verkehr, Wohnen, Infrastruktur und öffentliche Sicherheit im Griff haben. Erst dann darf sie mit leuchtenden Augen von olympischen Sommermärchen sprechen.

Hamburg will nicht weniger sein, als es ist. Hamburg will endlich wieder das sein, was es sein müsste: eine wohlhabende, gut organisierte, leistungsfähige Metropole, die ihre eigenen Grundlagen beherrscht. Das ist nicht kleingeistig, das ist erwachsen.

Zum Schluss noch Haiders Trost für alle Olympia-Freunde: Die Spiele kämen sicher nach Deutschland und mit der Bahn seien es nicht einmal sechs Stunden bis München.

Da möchte man fast dankbar sein für diese Pointe. Herr Haider möge mir bitte den Zug zeigen. Die schnellste Verbindung liegt bereits offiziell über sechs Stunden. In der Realität der Deutschen Bahn wird daraus dann gern ein Tagesausflug mit Anschlussverlust, Wagenreihungsdebakel und der bekannten Durchsage, dass der Zug heute leider bereits ab Hannover ausfällt.

Vielleicht ist genau das der treffendste Nachsatz zu dieser Debatte: Wer Olympia in München besuchen will, bekommt schon auf der Anreise eine deutsche Großprojekterfahrung gratis dazu.


Weitere meiner Kommentare und Essays gibt es hier.

Eine Reihe betrüblicher Einzelfälle

Die Naivität der Wohlgesinnten

Kommentar von Jens Baumanns

Ein Muster ist allgemein eine durch Wiederholbarkeit ihrer Merkmale gekennzeichnete Struktur, die als Vorlage, Vorbild oder Kopie auftreten kann.“ So definiert eine bekannte Online-Enzyklopädie einen Begriff, der in der deutschen Migrations- und Sicherheitsdebatte längst zur politischen Zumutung geworden ist. Denn genau daran scheitert dieses Land: nicht am Mangel an Ereignissen, nicht am Mangel an Warnsignalen, nicht einmal am Mangel an Fakten. Es scheitert am Unwillen, aus der Wiederholung ein Muster zu erkennen.

Ein Muster entsteht nicht erst, wenn jeder Fall identisch ist. Es entsteht, wenn sich Merkmale wiederholen. Wenn Täter ähnlich handeln, wenn Motive ähnlich klingen, wenn Opfer austauschbar werden, weil sie in der Logik des Täters ohnehin nur noch eines sind: Vertreter einer verhassten Ordnung. Mal fährt ein Islamist mit einem Lkw in einen Weihnachtsmarkt, wie 2016 am Berliner Breitscheidplatz. Mal wird mit dem Messer zugestochen, wie in Mannheim. Mal sterben Menschen auf einem Stadtfest, wie in Solingen. Mal ist es das Auto, mal das Messer, mal der Sprengstoff oder andere Waffen. Immer aber ist es dieselbe Botschaft: Der freie, westliche, säkulare Alltag wird zum Ziel.

Das ist keine zufällige Aneinanderreihung tragischer Ausnahmen mehr. Es ist eine Reihe von betrüblichen Einzelfällen, die nur deshalb noch Einzelfälle genannt werden, weil das Wort „Muster“ politische Konsequenzen hätte. Wer ein Muster erkennt, muss handeln. Wer es Einzelfall nennt, darf weiter moderieren, beschwichtigen und die nächste Betroffenheitsformel vorbereiten.

Dabei sprechen wir nicht einmal nur über die Taten, die geschehen sind. Wir sprechen auch über jene Taten, von denen wir nur deshalb erfahren, weil Polizei, Verfassungsschutz und Ermittlungsbehörden rechtzeitig eingegriffen haben. Über Anschläge, die nicht stattfanden. Über Messer, die nicht gezogen werden konnten. Über Sprengsätze, die rechtzeitig unschädlich gemacht wurden. Über Orte, die nur deshalb keine Tatorte wurden, weil der Rechtsstaat im entscheidenden Moment schneller war als seine Feinde.

Hinzu kommen jene Fälle, über die wir gar nicht sprechen können: Verdachtsmomente, Hinweise, Gefährderansprachen, verdeckte Ermittlungen, vereitelte Vorbereitungen, die nie zur Schlagzeile werden, weil erfolgreiche Sicherheitsarbeit oft unsichtbar bleibt. Gerade diese Dunkelzone macht die Lage so brisant: Das, was öffentlich wird, ist nicht zwingend das ganze Ausmaß. Es ist nur der sichtbare Teil eines Problems, das im Verborgenen längst größer sein kann, als es die beruhigende Sprache der politischen Beschwichtigung vermuten lässt.

Einer dieser rechtzeitig aufgedeckten Fälle führt nun nach Hamburg.

Ein 17-jähriger Syrer soll nach Angaben der Ermittler einen islamistisch motivierten Anschlag geplant haben. Jünger noch als viele politische Erklärungen, die man anschließend bemühen wird, um das Offensichtliche sprachlich zu entschärfen. Als mögliche Ziele wurden ein Einkaufszentrum, eine Polizeiwache oder eine Bar genannt; eingesetzt werden sollten offenbar Sprengstoff, Molotowcocktails oder Messer. Beschafft worden sein sollen unter anderem Dünger, Grillanzünder, eine Sturmhaube und ein Messer. Der Verdächtige soll sich ideologisch am sogenannten Islamischen Staat orientiert haben.

Die eigentliche Sprengkraft dieses Falls liegt nicht allein im Dünger, nicht im Grillanzünder, nicht im Messer. Sie liegt in einem Wort: „Ungläubige“.
Man muss diesen Sachverhalt nicht künstlich aufladen. Er ist bereits aufgeladen genug.

Die Anatomie dieses Falls ist schnell freigelegt: Ein syrischer Jugendlicher soll in Hamburg geplant haben, Menschen zu töten, weil sie in seinem Weltbild „Ungläubige“ sind. Dieses Wort ist der Schlüssel. Es legt offen, worum es hier tatsächlich geht: Nicht um gewöhnliche Jugendkriminalität, nicht um schlechte Sozialarbeit. Schon gar nicht um ein bedauerliches Missverständnis zwischen Kulturen. Hier zeigt sich eine Ideologie, die den Menschen nicht als Bürger, Individuum oder Träger unveräußerlicher Rechte begreift, sondern nach religiöser Zugehörigkeit sortiert: in Gläubige und Feinde, in Zugehörige und Auszusondernde, in jene, die sich unterwerfen sollen, und jene, die bekämpft werden dürfen.

Das ist Islamismus – und Islamismus ist nicht einfach eine besonders strenge Religiosität. Islamismus ist der politische Anspruch, religiöse Ordnung über demokratisches Recht zu stellen. Genau hier endet jede falsche Toleranz.

Der Islam als Religion ist durch das Grundgesetz geschützt. Der politische Islam als Herrschaftsanspruch nicht. Wer betet, fastet, glaubt und friedlich lebt, hat in diesem Land selbstverständlich seinen Platz. Wer aber die Scharia über das Grundgesetz stellt, wer religiöse Gebote über die freiheitlich-demokratische Grundordnung setzt, wer Frauenrechte, Religionsfreiheit, sexuelle Selbstbestimmung und säkulare Rechtsprechung ablehnt, stellt sich gegen dieses Land.

Nicht kulturell, nicht folkloristisch, nicht „anders sozialisiert“, sondern politisch.

Die Scharia als staatlicher oder gesellschaftlicher Ordnungsanspruch ist mit dem Grundgesetz unvereinbar. Punkt. Das Grundgesetz kennt keine religiöse Oberhoheit. Es kennt keine gottgewollte Ungleichheit von Mann und Frau. Es kennt keine Sonderrechte für Gläubige und keine Minderrechte für Ungläubige. Es kennt keine Todessehnsucht im Namen Gottes, sondern Menschenwürde, Rechtsstaat, Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz.

Wer das nicht akzeptiert, hat in Deutschland nichts zu suchen.

Das gilt nicht nur für Terroristen, sondern für alle, die dieses Land als Zufluchtsort nutzen, während sie seine Werte verachten. Wer vor Krieg, Gewalt und Verfolgung flieht, hat Anspruch auf ein rechtsstaatliches Verfahren und menschenwürdige Behandlung. Doch Schutz ist keine Einbahnstraße. Wer kommt, hat nicht nur Rechte. Er hat Pflichten, er hat eine Bringschuld.

Diese Bringschuld lautet: Akzeptiere das Grundgesetz. Akzeptiere die Gleichberechtigung. Akzeptiere, dass Religion Privatsache ist. Akzeptiere, dass Homosexuelle frei leben. Akzeptiere, dass Juden sicher sein müssen. Akzeptiere, dass Kritik an Religion erlaubt ist. Akzeptiere, dass dieses Land nicht nach Mekka, Teheran, Damaskus oder irgendeinem mittelalterlichen Rechtsverständnis ausgerichtet wird, sondern schlicht nach seiner Verfassung. Das ist keine Zumutung, es ist das absolute Minimum.

Wer das nicht leisten will, der ist hier falsch. Wer es bekämpft, ist gefährlich. Wer es mit Gewalt bekämpft, gehört verfolgt, verurteilt und – sofern er keinen deutschen Pass besitzt und die rechtlichen Voraussetzungen vorliegen – abgeschoben. Diese Klarheit ist längst überfällig.

Seit Jahren wird in Deutschland so getan, als sei die größte Gefahr nicht der Islamismus, sondern die angeblich falsche Tonlage seiner Kritiker. Während Sicherheitsbehörden Anschläge verhindern, während der Verfassungsschutz das islamistische Personenpotenzial in Deutschland für 2024 auf 28.280 Personen und das gewaltorientierte islamistische Personenpotenzial auf 9.540 Personen beziffert, diskutiert ein Teil der politischen Öffentlichkeit lieber darüber, ob die Benennung dieser Realität vielleicht „stigmatisierend“ sei.

Das ist keine Differenziertheit, es ist Feigheit mit akademischem Vokabular.

Die Islamisierung, gegen die man sich stellen muss, ist nicht die Existenz muslimischer Nachbarn, Kollegen oder Mitschüler. Es geht nicht um den friedlichen Muslim, der arbeitet, Steuern zahlt, seine Kinder zur Schule bringt und das Grundgesetz achtet. Er ist Teil dieses Landes. Es geht um den politischen Islam, um Scharia-Denken, Paralleljustiz, religiös begründete Frauenverachtung. Antisemitismus, Homosexuellenhass, um jene Milieus, in denen Deutschland nicht als freiheitlicher Rechtsstaat gilt, sondern als schwaches Land, das man ausnutzen, verachten und im Zweifel bekämpfen kann.

Genau diese Islamisierung muss bekämpft werden. Nicht halb, nicht mit pädagogischem Räucherstäbchen, nicht mit Stuhlkreisromantik und Förderprogrammlyrik. Sondern mit Rechtsstaat, Abschiebung, Vereinsverboten, konsequenter Strafverfolgung und einer Leitkultur, die ihren Namen verdient. Denn eine Gesellschaft, die ihre eigenen Werte nicht mehr verteidigt, lädt ihre Gegner geradezu ein, sie zu testen.

Das linksgrüne Spektrum hat an dieser Stelle über Jahre einen gefährlichen Beitrag geleistet. Nicht, weil jeder Linke Islamismus gutheißen würde. Das wäre Unsinn. Sondern weil ein erheblicher Teil dieses Spektrums jede harte Migrations- und Islamismusdebatte so lange moralisch vergiftet hat, bis viele Bürger nur noch zwischen Schweigen und Trotz wählen konnten.

Wer Migration begrenzen wollte, war herzlos.
Wer Abschiebungen forderte, war unmenschlich.
Wer Leitkultur sagte, war reaktionär.
Wer über importierten Antisemitismus sprach, war verdächtig.
Wer Islamismus benannte, spielte angeblich den Rechten in die Hände.

Vielleicht wäre die ehrlichere Wahrheit: Wer Islamismus verharmlost, spielt Islamisten in die Hände.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 liefert jedenfalls genügend Anlass, nüchtern über Fehlentwicklungen zu sprechen. Zwar gingen die registrierten Straftaten insgesamt zurück, doch nichtdeutsche Tatverdächtige sind bei Gewaltkriminalität weiterhin deutlich überrepräsentiert. Laut BMI lag ihr Anteil dort 2025 bei 42,9 Prozent. Diese Zahl erklärt nicht alles, sie ersetzt keine Analyse von Alter, Geschlecht, sozialer Lage, Aufenthaltsstatus oder Herkunftsmilieu; aber sie verbietet das Gegenteil: die Behauptung, es gebe hier nichts zu sehen.

Genau diese intellektuelle Unredlichkeit macht die Debatte so unerträglich. Niemand Seriöses behauptet, jeder Migrant sei kriminell. Niemand Seriöses behauptet, jeder Muslim sei Islamist. Aber nur ein politischer Analphabet kann aus dieser Selbstverständlichkeit ableiten, dass Herkunft, Sozialisation, Religion, Milieu und Integrationsverweigerung keine Rolle spielen dürften.

Natürlich spielen sie eine Rolle. Sie erklären nicht alles, aber sie erklären genug, um endlich politisch zu handeln.

Deutschland hat sich zu lange auf der Nase herumtanzen lassen. Von Islamisten, die unsere Freiheit als Schwäche deuten. Von Clans, die den Rechtsstaat für Dekoration halten. Von Predigern, die in Hinterzimmern gegen Juden, Frauen und Homosexuelle hetzen. Von jungen Männern, die hier Schutz, Geld, Bildung und Infrastruktur erhalten, während sie zugleich die Kultur verachten, die all das ermöglicht.

Das ist der eigentliche Skandal: Nicht, dass Bürger wütend werden, sondern dass sie allen Grund dazu haben.

Es ist vollkommen angemessen, von Einwanderern, Flüchtlingen und Schutzsuchenden Loyalität zur Verfassung zu verlangen. Nicht Dankbarkeit als Unterwürfigkeit. Nicht Assimilation bis zur Selbstverleugnung, aber Loyalität. Wer in ein Land kommt, das ihm Schutz bietet, kann nicht gleichzeitig die Rechtsordnung dieses Landes bekämpfen. Wer hier leben will, muss akzeptieren, dass dieses Land nicht neutral zwischen Grundgesetz und Scharia steht.

Deutschland ist kein religiöser Basar, auf dem sich jeder seine Rechtsordnung aussuchen kann. Das Grundgesetz ist keine Einladung zur Verhandlung, es ist die Hausordnung dieses Staates.

Deshalb braucht es endlich eine Politik der klaren Kante. Islamistische Organisationen gehören verboten, wenn sie gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung arbeiten. Hassprediger gehören konsequent verfolgt. Ausländische Straftäter gehören nach rechtsstaatlicher Verurteilung abgeschoben, wo immer es rechtlich möglich ist. Wer terroristische Straftaten vorbereitet, finanziert oder unterstützt, hat jeden Anspruch auf Nachsicht verwirkt.

Dänemark zeigt seit Jahren, dass ein europäischer Rechtsstaat deutlich härter auftreten kann, ohne deshalb seine Rechtsstaatlichkeit aufzugeben. Die dänische Regierung verfolgt eine wesentlich strengere Linie bei der Ausweisung straffälliger Ausländer und hat just weitere Verschärfungen angekündigt. Deutschland sollte daraus lernen: Humanität ohne Ordnung wird zur Selbstgefährdung.

Der Rechtsstaat darf kein betreutes Wohnen für Verfassungsfeinde sein.

Wer unsere Freiheit bekämpft, muss ihre Konsequenz spüren. Wer unsere Gleichberechtigung verachtet, darf nicht ausgerechnet von unserer Toleranz profitieren. Wer unsere Gesellschaft als dekadent beschimpft, aber ihre Sozialleistungen nimmt, hat das Prinzip Gastland gründlich missverstanden.

An dieser Stelle wird mir erfahrungsgemäß schnell der Rassismusvorwurf bemüht, doch das alles hat schlichtweg rein gar nichts mit Rassismus zu tun:
Rassismus bewertet Menschen nach Herkunft. Dieser Kommentar bewertet Menschen nach Haltung. Genau darin liegt der Unterschied. Ein syrischer Christ, ein liberaler Muslim, ein säkularer Iraner, ein kurdischer Jeside oder ein arabischer Atheist, der das Grundgesetz achtet, steht mir politisch näher als jeder deutsche Islamist, jeder deutsche Antisemit oder jeder deutsche Extremist, der unsere Ordnung verachtet.

Die Trennlinie verläuft nicht zwischen Deutschen und Ausländern, sie verläuft zwischen Verfassungsfreunden und Verfassungsfeinden.

Gerade deshalb ist der Vorwurf des Rassismus in dieser Debatte so billig: Er ist der Feuerlöscher, mit dem man jede unbequeme Wahrheit absprühen will. Er soll nicht klären, sondern beenden. Nicht argumentieren, sondern einschüchtern. Nicht differenzieren, sondern mundtot machen. Damit sollte Schluss sein.

Ein freiheitliches Land muss nicht jeden Unsinn anhören, nur weil er im Kostüm der Moral daherkommt. Man darf linken und grünen Beschwichtigern widersprechen. Man darf ihnen sagen, dass ihre Naivität gefährlich ist. Man darf ihnen den Applaus verweigern. Man darf ihnen auch zumuten, dass ihre jahrzehntelange Multikulti-Folklore an der Wirklichkeit zerschellt ist.

Denn Realität ist kein rechter Kampfbegriff. Realität ist das, was übrig bleibt, wenn die ideologischen Plakate abgehängt sind.

Deutschland braucht wieder mehr gesunden Menschenverstand, mehr Patriotismus, mehr Mut zur Leitkultur. Nicht als dumpfes Nationalgefühl, sondern als republikanische Selbstachtung. Patriotismus bedeutet hier nicht, andere Menschen abzuwerten. Patriotismus bedeutet, das eigene Land nicht aus Angst vor moralischer Kritik preiszugeben.

Patriotismus heißt: Unsere Freiheit ist nicht verhandelbar, Gleichberechtigung ist nicht verhandelbar, jüdische Mitbürger sind nicht verhandelbar. Unsere homosexuellen Bürger sind nicht verhandelbar, unsere säkulare Ordnung ist nicht verhandelbar. Oder in einem Satz: Unser Grundgesetz ist nicht verhandelbar.

Wer das „rechts“ findet, hat nicht verstanden, was eine liberale Demokratie ist.

Der vereitelte Anschlag von Hamburg ist deshalb weit mehr als ein Kriminalfall. Er ist ein politisches Warnsignal. Ein weiterer Hinweis darauf, dass dieses Land sich entscheiden muss: Will es seine Werte verteidigen oder sie aus falscher Toleranz langsam preisgeben? Will es Integration einfordern oder Integrationsverweigerung verwalten? Will es Islamismus bekämpfen oder weiterhin die Kritiker des Islamismus problematisieren?

Die Antwort müsste einfach sein: Eine offene Gesellschaft bleibt nur offen, wenn sie ihre Feinde erkennt. Eine tolerante Gesellschaft bleibt nur tolerant, wenn sie Intoleranz zurückweist. Eine freie Gesellschaft bleibt nur frei, wenn sie denen Grenzen setzt, die Freiheit verachten.

Vielleicht ist das die unbequeme Lehre aus Hamburg: Deutschland muss nicht härter werden, weil es seine Werte verrät. Deutschland muss härter werden, weil es seine Werte endlich ernst nimmt.

Wieder also ein Einzelfall? Nein. Es ist ein Warnsignal und wer es diesmal wieder überhört, tut es nicht aus Unwissenheit, sondern aus Vorsatz.


Weitere meiner Kommentare und Essays gibt es hier.

Mehr Flaggen als Meinung

Über eine Republik auf Fahnenflucht vor der Wirklichkeit

Kommentar von Jens Baumanns

Es gibt politische Handlungen, die weniger durch ihren Inhalt auffallen als durch ihre Bequemlichkeit. Früher zeigte man Haltung, indem man widersprach, Verantwortung übernahm oder wenigstens den Mut hatte, eine Meinung zu begründen. Heute genügt oft ein Stück Stoff am Rathaus, ein Profilbild im passenden Farbschema, ein Sticker auf Laptop oder Smartphone und ein Hashtag, der pünktlich zur moralischen Saisonware ausgerollt wird. Die moderne Gesinnung braucht offenbar keine Argumente mehr, nur noch ein gut sichtbares Symbol. So ist die Flagge zur Kurzform des Denkens geworden: Sie ersetzt nicht nur die Debatte, sie erspart sie.

Deutschland hat in der vergangenen Dekade eine erstaunliche Vorliebe für Symbolpolitik entwickelt: Man zeigt sich betroffen, solidarisch, weltoffen, divers, friedliebend, antirassistisch, antifaschistisch und überhaupt moralisch vollständig durchdekliniert. Nur wehe, jemand fragt nach den Konsequenzen. Dann wird es schnell ungemütlich. Denn hinter vielen Fahnen steht längst keine politische Überzeugung mehr, sondern ein gesellschaftlicher Reflex: Wer das richtige Tuch zur richtigen Zeit hochhält, gehört zu den Guten. Wer nachfragt, stört die Andacht.

Besonders deutlich zeigt sich das derzeit in Teilen der sogenannten pro-palästinensischen Bewegung. Natürlich darf man die israelische Regierung kritisieren. Natürlich darf man das Leid der Zivilbevölkerung in Gaza benennen. Natürlich ist nicht jeder, der eine palästinensische Flagge trägt, ein Antisemit. Aber genau diese Differenzierung wird zur Farce, wenn auf deutschen Straßen aus Israelkritik plötzlich Judenhass wird, wenn das Existenzrecht Israels relativiert wird, wenn Terrororganisationen ästhetisch verniedlicht werden und wenn aus Solidarität mit Palästinensern eine Bühne für jene wird, die unter dem Mantel des Antizionismus den ältesten Hass Europas neu lackieren.

Der Verfassungsschutz warnt nicht ohne Grund davor, dass Antisemitismus und Israelfeindlichkeit in Deutschland eine Scharnierfunktion zwischen unterschiedlichen extremistischen Milieus einnehmen. Propalästinensische extremistische Gruppierungen treten laut BfV verstärkt auf Demonstrationen auf und können dort eine prägende Funktion entfalten; zugleich nutzten islamistische Akteure den Nahostkonflikt zur Emotionalisierung und Mobilisierung – und nein, das ist keine rechte Fantasie, sondern behördlich beschriebene Realität.

Die Zahlen sind entsprechend ernüchternd. RIAS (Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus) dokumentierte 2024 bundesweit 8.627 antisemitische Vorfälle, ein Anstieg um fast 77 Prozent gegenüber 2023. Rechnerisch waren das knapp 24 Vorfälle pro Tag. Der israelbezogene Antisemitismus stellte dabei mit 68 Prozent die häufigste Erscheinungsform dar.

Wer angesichts solcher Zahlen immer noch so tut, als sei das alles bloß missverstandene Solidarität, betreibt politische Kosmetik am offenen Bruch. Es ist bemerkenswert: In Deutschland braucht es manchmal nur ein falsches Wort, eine ungeschickte Formulierung oder ein zu patriotisches Vereinsfest, und schon wird die große Gesinnungsvermessung angeworfen. Aber wenn auf Demonstrationen Israel dämonisiert wird, wenn jüdische Bürger sich nicht mehr sicher fühlen, wenn Terror verharmlost und Hass als Befreiungspathos verkleidet wird, dann entdeckt man plötzlich die feinen Nuancen der Meinungsfreiheit.

Der eigentliche Skandal ist die Doppelmoral

Schwarz-Rot-Gold muss sich inzwischen erklären, die Palästinaflagge darf sich oft empören. Nationale Symbolik der eigenen Republik gilt schnell als verdächtig, fremde Konfliktflaggen hingegen als Ausdruck politischer Sensibilität. Der deutsche Steuerzahler darf zahlen, schweigen und sich belehren lassen. Seine eigene Fahne aber soll er bitte nur zur Fußball-Europameisterschaft oder -Weltmeisterschaft aus dem Keller holen und selbst dann bitte möglichst nicht allzu lang.

Dasselbe Muster zeigt sich bei der Ukraine: Auch hier wurde aus berechtigter Solidarität schnell ein moralisches Pflichtprogramm. Die Ukraineflagge wurde an Rathäuser gehängt, in Profilbilder montiert, auf Bühnen getragen und zur Eintrittskarte in den Club der Anständigen gemacht. Dabei ist die Unterstützung der Ukraine strategisch richtig und sicherheitspolitisch notwendig. Russland führt einen imperialen Angriffskrieg und ein Sieg Moskaus wäre für Europa verheerend. Genau deshalb müsste man endlich erwachsen über die Ukraine sprechen, doch stattdessen wird die Debatte häufig infantilisiert.

Wer die Ukraine unterstützt, soll offenbar gefälligst nicht über Korruption, Verwaltungsversagen oder langfristige Kosten sprechen. Dabei lag die Ukraine im Corruption Perceptions Index 2025 bei 36 von 100 Punkten und auf Rang 104 von 182 Staaten. Das ist kein Argument gegen Unterstützung, aber sehr wohl ein Argument gegen naive Romantisierung.

Auch bei der Arbeitsmarktintegration ukrainischer Geflüchteter wäre mehr Ehrlichkeit angebracht. Das IAB stellte Anfang 2026 fest, dass in Deutschland im dritten Jahr nach dem Zuzug durchschnittlich rund ein Drittel der ukrainischen Geflüchteten beschäftigt war. Die Bundesagentur für Arbeit weist zugleich aus, dass die Beschäftigungsquote ukrainischer Staatsangehöriger im Oktober 2025 weiterhin deutlich hinter dem zurückblieb, was ein tragfähiges Integrationsmodell langfristig leisten müsste.

Trugschluss und Wahrheit

Das bedeutet nicht, Menschen aus einem Kriegsgebiet die Hilfe zu verweigern. Es bedeutet aber, dass Solidarität kein Dauerabonnement zulasten jener sein darf, die dieses Land finanzieren. Wer Schutz erhält, muss möglichst schnell in Arbeit, Sprache und gesellschaftliche Verantwortung geführt werden. Alles andere ist keine Humanität, sondern eine teuer kaschierte Verwahrung. Ein Staat, der Menschen aufnimmt, aber nicht integriert, produziert keine Solidarität, sondern Abhängigkeit.

Dann wäre da noch die Regenbogenflagge, die ich bereits in einem anderen Kommentar behandelt habe. Einst stand sie für Freiheit, Sichtbarkeit und den legitimen Anspruch, nicht versteckt leben zu müssen. Heute wirkt sie vielerorts wie ein fortlaufend erweitertes Lastenheft moralischer Selbstvergewisserung. Jedes Jahr kommt noch ein Streifen, noch ein Dreieck, noch ein Symbol hinzu, bis am Ende kaum noch erkennbar ist, wofür die ursprüngliche Idee einmal stand. Aus einem Zeichen der Freiheit wurde eine Tapete der Zuständigkeiten. Eine Fahne, die alles abbilden will, droht irgendwann alles zu ersticken, was sie einmal stark gemacht hat.

Das Grundproblem sind nicht die Flaggen selbst: das Problem ist ihre Überdehnung. Wenn jedes Anliegen, jede Identität, jede politische Mode und jede moralische Tagesordnung in ein Symbol gepresst wird, verliert dieses Symbol seine Kraft. Es wird nicht inklusiver, sondern unlesbarer. Nicht stärker, sondern beliebiger. Am Ende steht kein klares Bekenntnis mehr, sondern ein visuelles Verwaltungsformular der Gesinnung.

Genau darin liegt die Fehlstellung unserer politischen Kultur: Wir verwechseln Zeichen mit Taten, Symbolik mit Verantwortung, Betroffenheit mit Urteilskraft. Man hängt Fahnen auf, statt Probleme zu lösen. Man beleuchtet Rathäuser und Ministerien, statt Haushalte zu ordnen. Man ruft Solidarität, statt Bedingungen zu formulieren. Man erklärt sich moralisch zuständig für die halbe Welt, während im eigenen Land Schulen verfallen, Kommunen überfordert sind, Sozialkassen ächzen und der gesellschaftliche Zusammenhalt immer dünner wird.

Die Flagge ist dabei zum perfekten Instrument geworden. Sie ist sichtbar, billig, schnell aufgehängt und politisch bequem. Sie verlangt keine Reform, keine Priorisierung, keinen unbequemen Satz. Sie sagt: Ich bin auf der richtigen Seite. Mehr muss sie nicht leisten.

Doch Politik ist kein Fahnenappell. Politik beginnt dort, wo Symbolik endet. Sie beginnt bei der Frage, was ein Land leisten kann, was es leisten muss und was es sich nicht länger leisten darf. Sie beginnt dort, wo man sich traut, zwischen Mitgefühl und Selbstaufgabe zu unterscheiden. Zwischen legitimer Kritik und antisemitischer Agitation. Zwischen Solidarität und sozialstaatlicher Überforderung. Zwischen Freiheit und der immer neuen Bürokratisierung moralischer Zugehörigkeit.

Deutschland braucht weniger fremde Fahnen und mehr Urteilskraft. Weniger Bekenntnisästhetik und mehr Konsequenz. Weniger importierte Konflikte auf unseren Straßen und mehr Schutz für jene, die hier leben und längst wieder Angst haben, als Juden erkennbar zu sein. Weniger symbolische Weltrettung und mehr nüchterne Staatsräson.

Denn am Ende misst sich eine Gesellschaft nicht daran, wie viele Flaggen sie hisst. Sie misst sich daran, ob sie noch den Mut hat, hinter die Bedeutung der Fahnen zu schauen und genau dort sieht man derzeit vor allem eines: sehr viel Stoff – und erstaunlich wenig Substanz.


Weitere meiner Kommentare und Essays gibt es hier.

Die Versuchung der Einheitsmeinung

Über die gefährliche Sehnsucht nach politischer Homogenität.

Kommentar von Jens Baumanns

Im Thalia Theater wurde im Rahmen der Lessingtage „Der Prozess gegen Deutschland“ inszeniert. Bereits der Titel ist programmatisch: Nicht eine konkrete Regierung, nicht ein einzelnes Gesetz, nicht eine politische Entscheidung steht zur Debatte – sondern das Land selbst. Deutschland als Angeklagter. Deutschland als moralisches Objekt.

Man kann das als künstlerische Provokation lesen oder auch als notwendige Selbstprüfung interpretieren. Bemerkenswert ist weniger die Inszenierung selbst als die Parallele zur politischen Realität. Denn auch außerhalb des Theaters hat sich der Ton verändert. Deutschland wird zunehmend nicht mehr politisch diskutiert, sondern moralisch bewertet. Angeklagt wird nicht eine Entscheidung, sondern eine Haltung. Kritisiert wird nicht ein Argument, sondern seine Existenz.

Parallel dazu flammt – wieder einmal – die Forderung nach einem Verbot der Alternative für Deutschland auf, begleitet von ritualisierten Demonstrationen, die eher Bekenntnisveranstaltungen als politische Debatten sind.

Aus meiner Haltung mache ich kein Geheimnis: Ich bin konservativ, mit klar national- und wirtschaftsliberalen Überzeugungen. Ich glaube an Eigenverantwortung statt staatlicher Bevormundung, an Ordnung statt moralischer Beliebigkeit, an nationale Souveränität im Rahmen europäischer Vernunft – und an die Freiheit des Individuums, auch und gerade dann, wenn sie unbequem ist.

Weder habe ich die AfD gewählt, noch teile ich ihr gesamtes Programm. Viele ihrer rhetorischen Eskalationen halte ich für politisch unklug, manche sogar für gefährlich.

Auch, dass sie Themen aufgreift, die konservative oder nationalliberale Bürger bewegen, macht sie weder unangreifbar noch zur einzig legitimen Vertreterin dieser Anliegen. Es zeigt jedoch, dass bestimmte Fragen real sind: Fragen nach Ausländerkriminalität, nach Überfremdung, nach sichtbaren Veränderungen in unserem Stadtbild verschwinden nicht dadurch, dass man sie moralisch missbilligt oder sprachlich tabuisiert. Über Jahre hinweg wurden sie von anderen Parteien marginalisiert, relativiert oder aus dem legitimen Diskurs verdrängt.

Politische Räume entstehen nicht im Vakuum. Wenn etablierte Kräfte bestimmte Problemwahrnehmungen nicht mehr aufgreifen, entsteht ein Repräsentationsdefizit. Dieses Defizit wird politisch gefüllt. Das erklärt den Erfolg einer Partei – es rechtfertigt ihn nicht automatisch.

Ich verteidige die AfD daher nicht aus inhaltlicher Gefolgschaft, sondern aus ordnungspolitischem Prinzip: Politische Fragen müssen politisch beantwortet werden – nicht durch moralische Ausgrenzung oder juristische Eliminierung.

Demokratie ist kein Wunschkonzert und erst recht keine Veranstaltung zur moralischen Selbstvergewisserung. Sie ist ein Verfahren, ein Mechanismus zur Austragung von Konflikten. Sie institutionalisiert Gegensätze, statt sie zu tilgen. Sie lebt nicht von Einigkeit, sondern von Spannungsverhältnissen.

Demokratie beruht nicht auf Harmonie, sondern auf Polarität

Tag und Nacht stehen nicht im Widerspruch – sie bedingen einander. Erst im Wechsel entsteht Rhythmus. Erst im Gegensatz entsteht Orientierung. Würde es nur Tag geben, verlöre der Begriff seine Bedeutung. Würde es nur Nacht geben, gäbe es keinen Maßstab für Licht.

Genauso verhält es sich mit den politischen Grundmechaniken. Rechts und links sind keine zufälligen Parteietiketten. Sie sind historische Strukturbegriffe politischer Ordnung. Sie markieren unterschiedliche Wertprioritäten, unterschiedliche Risikoabwägungen, unterschiedliche Vorstellungen von Staat, Gesellschaft und Freiheit.

Das Rechte artikuliert Fragen nach Identität, Ordnung, Kontinuität und Souveränität.
Das Linke formuliert Impulse von Gleichheit, sozialer Gerechtigkeit und Veränderung.

Beide Perspektiven erfüllen Funktionen, beide begrenzen und korrigieren einander:
Ohne rechts kein Korrektiv gegen entgrenzte Utopien.
Ohne links kein Gegengewicht zu erstarrter Bewahrung – und ohne diese Spannung gibt es keine Mitte.

Die politische Mitte ist kein isolierter Raum. Sie entsteht aus dem Gleichgewicht der Kräfte. Sie ist das Resultat von Spannung, nicht deren Abwesenheit. Wer nun glaubt, einen dieser Pole beseitigen zu können, verkennt, dass er damit nicht nur eine Seite schwächt, sondern die Statik des gesamten Systems verschiebt.

Genau hier liegt das Problem der Verbotsdebatte. Sie folgt der Annahme, politische Fehlentwicklungen ließen sich juristisch eliminieren. Entfernt man den „Störfaktor“, so die Hoffnung, normalisiere sich das System. Das Gegenteil ist der Fall.

Konflikte verschwinden nicht, wenn man ihre parlamentarische Repräsentation verbietet. Sie verlagern sich in den außerinstitutionellen Raum – und dort verlieren sie die regulierende Kraft demokratischer Verfahren. Ein Verbot ersetzt Argumente nicht, es ersetzt sie durch Macht.

Demokratie bedeutet nicht, dass jede Position legitim oder richtig ist. Demokratie bedeutet, dass falsche Positionen politisch widerlegt werden müssen – nicht administrativ gelöscht. Der Kern der Demokratie ist Wahlfreiheit, nicht moralische Vorauswahl.

Wenn Millionen Bürger eine Partei wählen, kann man diese Entscheidung kritisieren, sie für falsch halten, argumentativ angreifen. Man kann sie jedoch nicht moralisch delegitimieren, ohne die Wähler selbst implizit zu entwerten. Genau hier beginnt die gefährliche Verschiebung: Aus politischer Gegnerschaft wird moralische Überlegenheit, aus Wettbewerb wird Tribunal, aus Argument wird Anklage.

Wer entscheidet künftig, welche politische Haltung noch zulässig ist?
Ein Verfassungsgericht? Eine moralische Mehrheit? Ein kultureller Konsens?

Heute mag es die AfD treffen. Morgen konservative Migrationskritik. Übermorgen wirtschaftsliberale Reformforderungen, die als „unsolidarisch“ etikettiert werden. Eine Demokratie, die beginnt, legitime politische Pole aus dem Spektrum zu entfernen, verliert ihr Korrektiv – und am Ende ihre Fähigkeit zur Selbstkorrektur.

Egal wie oft und vermeintlich laut man es auch zu wiederholen vermag: das rechte Spektrum ist kein Betriebsunfall, es erfüllt eine Funktion und es artikuliert reale Fragen – nach kultureller Identität, staatlicher Ordnung, nationaler Selbstbestimmung. Man kann diese Antworten ablehnen, man kann sie politisch bekämpfen, doch man kann die zugrunde liegenden Fragen nicht verbieten. Wer das versucht, hebt nicht nur eine Partei auf – er verschiebt Maßstäbe.

Der „Prozess gegen Deutschland“ steht sinnbildlich für eine politische Kultur, die glaubt, durch moralische Anklage Fortschritt zu demonstrieren. Doch Fortschritt entsteht nicht durch permanente Delegitimierung des eigenen Gemeinwesens, sondern durch stabile Spielregeln.

Ja, Demokratie ist anstrengend. Sie verlangt, Spannungen auszuhalten; sie verlangt, Argumente zu liefern statt blind Verbote zu fordern. Wer das Rechte abschaffen will, verändert nicht nur das Parteiensystem. Er verändert das Wesen des politischen Wettbewerbs selbst.

Wenn politische Auswahl durch moralische Selektion ersetzt wird, bleibt am Ende nur eine unbequeme Frage: Wie nennt man eine Ordnung, in der nur noch das gewählt werden darf, was zuvor als moralisch akzeptabel definiert wurde?


Am Ende votierte die Bürgerjury des Theaterprojekts mehrheitlich dafür, ein mögliches AfD-Verbot prüfen zu lassen und staatliche Finanzierungen zu hinterfragen – nicht jedoch für ein unmittelbares Verbot per Bannspruch. Selbst im moralisch aufgeladenen Bühnenraum blieb also die letzte Konsequenz aus. Man wollte prüfen, nicht verbannen. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieses Abends: Nicht Deutschland saß sinnbildlich auf der Anklagebank, sondern unser Verständnis von Demokratie.


Weitere meiner Kommentare und Essays gibt es hier.

Ein Turm für Hamburg

Zwischen Verlust und Möglichkeit Konkretisierung eines Gedankenspiels

Kommentar von Jens Baumanns

Die Zifferblätter des 1963 errichteten Turmhelms gelten als markanteste Elemente des sonst eher nüchternen Baus. ©stadtraummensch, Jens Baumanns

Status quo – ein notwendiger Schritt

Zurzeit verdichtet sich die öffentliche Debatte auf einen Punkt: den notwendigen Abtrag des heutigen Turmhelms von St. Jacobi. Statik, Gewicht und die zunehmenden Schäden am mittelalterlichen Mauerwerk bestimmen den Ton. Diese Diskussion ist unvermeidlich, vor allem aber ist sie eines: richtig. Denn sie entscheidet über die Sicherung eines Bauwerks, das seit Jahrhunderten Teil dieser Stadt ist.

Gerade weil dieser Schritt unausweichlich ist, lohnt es sich jedoch, den Blick zu weiten. Wenn der Turmhelm ohnehin entfernt werden muss, stellt sich zwangsläufig die Frage, was danach kommt – und ob man diesen Moment allein als Verlust begreift oder auch als Möglichkeit, weiterzudenken.

Es geht mir dabei ausdrücklich nicht um vorschnelle Lösungen, sondern um das Öffnen eines Denkraums. Der Abtrag des Turmhelms ist nicht nur eine technische Maßnahme, sondern ein sprichwörtlicher Einschnitt, der erstmals seit Jahrzehnten erlaubt, grundsätzlich über den Turm von St. Jacobi nachzudenken. Über seine Zukunft, seine Rolle im Stadtbild und auch über das, was sich in seinem Inneren verbirgt.

Gerade dieser Blick nach innen eröffnet eine neue Perspektive. Der mittelalterliche Turmschaft ist kein leerer Körper, sondern ein Raum aus Ziegeln, Handwerkskunst und Geschichte. Bislang bleibt er funktional genutzt, aber kaum erfahrbar. Genau hier liegt ein bislang ungenutztes Potenzial.

Denkmalpflege – von der Verfestigung zur Entlastung

Der notwendige Abtrag des heutigen Turmhelms ist zweifellos ein drastischer Schritt, doch er ist vor allem eines: eine konsequente Lastreduktion. Über Jahrzehnte war das mittelalterliche Mauerwerk Belastungen ausgesetzt, für die es nie ausgelegt war. Die schwere Stahlbetonkonstruktion der Nachkriegszeit hat die historische Substanz dauerhaft geschädigt.

In der Denkmalpflege galt lange die Hoffnung, man könne solche Schäden durch Injektionen, Verpressungen oder andere verfestigende Maßnahmen beheben. Heute wird das deutlich kritischer gesehen. Solche Eingriffe sind häufig kaum reversibel, greifen tief in die historische Substanz ein und bergen materialchemische Risiken, die langfristig mehr Schaden als Nutzen verursachen können. Der Fokus zeitgenössischer Denkmalpflege liegt daher zunehmend auf Entlastung, Materialverträglichkeit und konstruktiver Trennung.

In diesem Licht erscheint die Entscheidung, den Turmhelm abzutragen, nicht als Kapitulation, sondern als Akt der Verantwortung. Sie setzt an der Ursache an – der übermäßigen Masse – und schützt damit das historische Mauerwerk nachhaltig. Zugleich entsteht jedoch eine sichtbare Lücke in der Hamburger Skyline.

Vielleicht liegt in dieser Debatte auch eine Ironie der Gegenwart: Während an anderen Stellen der Stadt sichtbar wird, dass Höhe allein noch keine Bedeutung schafft, erinnert St. Jacobi daran, dass Dauer, Substanz und Verantwortung die eigentlichen Maßstäbe von Architektur sind.

Die offene Frage – wie weiter?

Damit stellt sich unmittelbar die Frage nach dem Danach. Ein Turmstumpf mit einem bloßen Wetterdach mag kurzfristig notwendig sein, kann jedoch keine dauerhafte Antwort sein – weder für eine Hauptkirche noch für eine Stadt wie Hamburg, deren Türme seit Jahrhunderten identitätsstiftende Zeichen und Sinnbilder ihrer hanseatischen Geschichte sind.

In der jüngeren Vergangenheit wurden unterschiedliche technische Ansätze diskutiert, um den bestehenden Turmhelm zu halten: Zuganker, Stahlabspannungen, Lastabfänge oder ergänzende Stützkonstruktionen. Doch all diese Maßnahmen behandelten Symptome, nicht die Ursache. Solange der Turmhelm selbst zu schwer bleibt, kann das historische Mauerwerk nicht dauerhaft geschützt werden. Vor diesem Hintergrund ist der Abtrag schmerzhaft, aber bautechnisch konsequent.

Nun, da dieser Schritt unausweichlich ist und der Rückbau selbst eine enorme Aufgabe für sich darstellt, öffnet sich Raum für eine Vision.

Die Vision – der Turm im Turm

An diesem Punkt setzt meine Vision an: die Idee eines „Turms im Turm“.

Statt den Turm als statisches Monument zu begreifen, ließe er sich als begehbarer Geschichtsraum neu denken. Eine sanft geführte Rampe im Inneren begleitete die Besuchenden nach oben – vorbei an freigelegtem mittelalterlichem Mauerwerk, an Exponaten, Fragmenten und erklärenden Elementen zur Bau- und Stadtgeschichte. Geschichte würde hier nicht erklärt, sondern durch Bewegung, Raum und Material unmittelbar erfahrbar.

Bautechnisch bedeutete dies eine eigenständige innere Tragstruktur, die vollständig unabhängig vom historischen Mauerwerk funktionierte. Sie nähme künftig alle Lasten auf: die eines neuen, deutlich leichteren Turmhelms ebenso wie die nicht zu unterschätzenden dynamischen Belastungen des Glockenstuhls. Das mittelalterliche Mauerwerk würde von tragenden Aufgaben befreit und könnte als Hülle, Raum und historisches Zeugnis bestehen bleiben.

Die innere Struktur würde dabei mehrere Funktionen bündeln: tragen, entkoppeln und erschließen. In ihr könnte ein Aufzug geführt werden, der den Turm erstmals vollständig barrierefrei zugänglich machte. Ergänzend dazu ermöglichte die Rampe eine schrittweise Erschließung des Turminneren.

Entlang dieses Weges würde das Backsteinmauerwerk auf Augenhöhe erlebbar. Fragmente, Bauteile und Stücke aus dem Lapidarium der Baugeschichte würden räumlich integriert. Der Turm würde so selbst zum „vertikalen Lapidarium“ – zu einem begehbaren Narrativ seiner eigenen Geschichte.

So entstünde kein museales Abbild, sondern ein lebendiger Stadtraum in der Vertikalen: ein Ort, an dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbunden wären. Der Turm von St. Jacobi wäre nicht länger nur Silhouette, sondern Erlebnis-, Lernort und öffentlicher Raum zugleich.

Wiederaufbau als Fortschreibung

Auch ein möglicher Neubau des Turmhelms ließe sich unter diesen Voraussetzungen neu bewerten. Ein Aufbau nach historischem, neugotischem Vorbild wäre naheliegend – jedoch nicht als massiver Wiederaufbau, sondern als zeitgemäß interpretierte Rekonstruktion mit klarer Funktion.

Moderne Materialien, digitale Vermessung, präzise Vorfertigung, robotische Fertigung oder 3D-Druck würden heute leichte Konstruktionen ermöglichen, die historische Proportionen aufnehmen, ohne deren Gewicht zu reproduzieren. Handwerkliches Können würde dabei nicht ersetzt, sondern sinnvoll ergänzt.

Die verbleibenden Lasten eines neuen Turmhelms würden vollständig über die innere Stützkonstruktion abgefangen. Gleichzeitig bliebe auch die jüngste Baugeschichte sichtbar: Die markanten Zifferblätter des Nachkriegsbaus könnten integriert werden und die Zeitschichten miteinander verbinden.

Über Teilhabe, Nutzung und Tragfähigkeit

Ein so erschlossener Turm wäre nicht nur architektonisch, sondern auch gesellschaftlich ein Gewinn. St. Jacobi könnte zur ersten der fünf Hamburger Hauptkirchen werden, die vollständig und in vertikaler Gänze barrierefrei zugänglich wäre. Eine Aussichtsplattform auf dem Dach des historischen Turmsockels sowie eine weitere Plattform im neuen Turm eröffneten neue Perspektiven auf die Stadt. Ein moderater Eintritt – wie in vielen europäischen Kirchen selbstverständlich – könnte Betrieb, Pflege und Vermittlung langfristig unterstützen.

So entstünde aus einer notwendigen Maßnahme keine Lücke, sondern ein neuer Raum – im Turm und im Denken über ihn.


Die Case Study versteht sich als architektonisches Gedankenspiel: eine Vision für den Turm von St. Jacobi.


Weitere meiner Kommentare und Essays gibt es hier.

Case Study | St. Jacobi – Hamburg

Architekturkonzept für den Turm von St. Jacobi

Ausgangslage

Der notwendige Abtrag des heutigen Turmhelms von St. Jacobi bildet den Ausgangspunkt dieses Entwurfs. Die Maßnahme dient dem Schutz des mittelalterlichen Ziegelmauerwerks und eröffnet zugleich die Möglichkeit, den Turm nicht nur statisch zu sichern, sondern räumlich, konstruktiv und kulturell neu zu denken.

Der hier aufgezeigte Entwurf versteht den Turm nicht ausschließlich als äußere Silhouette, sondern als architektonischen Raum, dessen inneres Potenzial bislang weitgehend ungenutzt ist.

Leitidee: Der Turm im Turm

Zentrales Element des Konzepts ist eine eigenständige innere Tragstruktur, die innerhalb des mittelalterlichen Backsteinturms errichtet wird. Diese neue Struktur übernimmt die Lasten eines künftigen Turmhelms und entlastet das historische Mauerwerk dauerhaft.

Alt und Neu bleiben dabei konstruktiv klar getrennt:
Der mittelalterliche Ziegelschaft bildet die raumprägende Hülle, während die neue innere Struktur als sichtbares, zeitgenössisches Tragwerk aus hellem Stahl und weißem Beton eingefügt wird. Die Trennung der Systeme ist bewusst ablesbar und bildet den gestalterischen Kern des Entwurfs.

Der Innenraum als architektonische Erfahrung

Der Turm besitzt einen nahezu quadratischen Grundriss, der als ruhige, klare Raumfigur erhalten bleibt. Innerhalb dieses Volumens entwickelt sich eine sanft ansteigende Rampe als primäres Erschließungselement. Sie ermöglicht einen langsamen, barrierearmen Aufstieg und folgt der vertikalen Logik des Turms. Die Rampe ist nicht nur Erschließung, sondern Erzählraum.

Entlang der Rampe bleibt das mittelalterliche Backsteinmauerwerk vollständig sichtbar: Ziegel, unregelmäßige Fugen, Reparaturspuren und Alterung erzählen von Jahrhunderten Baugeschichte. Das historische Material wird nicht verkleidet, sondern bewusst in Szene gesetzt.

Vertikales Lapidarium

In den Innenraum integriert ist ein vertikales Lapidarium. Fragmente, Steinmetzarbeiten, Maßwerkstücke und Bauteile aus unterschiedlichen Bauphasen werden entlang des Weges räumlich eingebunden. Der Turm wird so selbst zum Ausstellungsraum – nicht additiv, sondern integrativ.

Der Entwurf verzichtet bewusst auf museale Inszenierung. Die Geschichte des Bauwerks erschließt sich aus Material, Raum und Bewegung. Der Turm wird so selbst zum Museum seiner Geschichte:
kein additiver Ausstellungsraum, sondern ein gebautes Narrativ.

Konstruktion und Funktion

Die neue innere Struktur ist als leichtes, sichtbares, trianguläres Tragwerk ausgebildet. Schlanke Stahlstützen und Träger übernehmen Lasten und bilden zugleich das konstruktive Rückgrat des Entwurfs. Die neue innere Tragstruktur ist bewusst sichtbar ausgeführt.

Schlanke Stahlstützen, Träger und Verbände sowie Elemente aus hellem Beton bilden ein klares, zeitgenössisches Tragwerk, das sich deutlich vom historischen Backstein abhebt und kontrastiert.

Der Glockenstuhl wird in diese neue Struktur integriert, um das historische Mauerwerk von dynamischen Belastungen zu entlasten.

Ein Aufzug ergänzt die Rampe und ermöglicht eine vollständig barrierefreie Erschließung. Er führt zunächst zu einer Aussichtsplattform auf Höhe des historischen Turmsockels und darüber hinaus in den neu errichteten Turmhelm, der ebenfalls eine Plattform aufnimmt.

Wiederaufbau und Kontinuität

Der mögliche Neubau des Turmhelms folgt historischen Proportionen, wird jedoch mit zeitgemäßen Mitteln realisiert: digitale Vermessung, präzise Vorfertigung und leichte Konstruktionen sorgen für Substanzschonung und Dauerhaftigkeit.

Prägende Elemente der Nachkriegszeit, insbesondere die Zifferblätter, können bewusst in den Neubau integriert werden. Der Entwurf versteht Wiederaufbau nicht als Rückgriff, sondern als Fortschreibung der Baugeschichte.

Atmosphärische Zielsetzung

Der Entwurf schafft einen ruhigen, kontemplativen Raum. Tageslicht fällt von oben in den Turm und verstärkt die vertikale Wirkung. Der Kontrast zwischen schwerem, historischem Backstein und leichter, moderner Konstruktion bleibt jederzeit spürbar.

Der Turm wird so nicht nur wieder sichtbar, sondern erlebbar – als Raum, als Geschichte und als zeitgenössische architektonische Vision.

Moodboard und Entwurfsideen

Disclaimer

Die dargestellten Bilder wurden mithilfe von KI-gestützter Bildgenerierung (Midjourney) erzeugt und verstehen sich als visuelle Gedankenstützen innerhalb einer architektonischen Vision. Sie dienen der atmosphärischen und konzeptionellen Veranschaulichung und ersetzen keine planerische oder technische Ausarbeitung. Das zugrunde liegende Konzept sowie sämtliche Inhalte dieser Seite unterliegen dem Urheberrecht.

Alle Inhalte und Visualisierungen unterliegen dem Urheberrecht.
Bei Verwendung – auch in Auszügen – ist folgende Kennzeichnung erforderlich:
© Konzeption: Jens Baumanns

Hamburg, Stadt der Türme

– und dann ist da noch St. Jacobi.

Kommentar von Jens Baumanns

©stadtraummensch, Jens Baumanns

Hamburg ist eine Stadt der Türme: Wer über die Dächer blickt, sieht nicht nur Wahrzeichen, Landmarken, sondern auch Geschichte, in Stein: die Türme der fünf Hamburger Hauptkirchen – St. Petri, St. Nikolai, St. Katharinen, St. Michaelis (der wohl bekannteste im Bunde, weithin kurz als „Michel“ bekannt) und St. Jacobi.

St. Nikolai ist dabei ein besonderer Fall: Der Turm und die Ruine sind als Mahnmal eine bleibende Warnung vor den Folgen des Krieges – und diese Mahnung wirkt, in den turbulenten Zeiten wie derzeit, wichtiger denn je. Dennoch bleibt der stehengebliebene Turm ein starkes Zeichen im Stadtbild.

Und dennoch – wenn ich ehrlich bin – passiert mir etwas Merkwürdiges: Ich zähle innerlich „Petri, Michel, Katharinen, Nikolai …“ und dann kommt dieser Moment, in dem ich kurz stocke. „Da ist doch noch diese eine Kirche.“ Eine Hauptkirche sogar. Der Name fällt mir nicht sofort ein, obwohl er eigentlich selbstverständlich sein müsste: St. Jacobi. Vielleicht, weil ihr heutiger Turmhelm so deutlich aus der vertrauten Reihe herausfällt und genau dieses persönliche „Vergessen“ ist für mich ein Hinweis darauf, wie stark Architektur unser Stadtbild – vor allem unser inneres Stadtbild – prägt.

Nun steht St. Jacobi vor einer sprichwörtlichen Zäsur: einem Einschnitt, der buchstäblich ein „Kappen“ sein wird. Denn nach aktueller Planung beginnt der Abbau des heutigen Turmhelms bereits in zwei Jahren. Grund ist nicht Laune oder Geschmack, sondern Statik und Substanz: Die schwere Stahlbeton-Konstruktion der Nachkriegszeit belastet den mittelalterlichen Turmschaft so stark, dass es zu massiven Schäden am Mauerwerk gekommen ist. Der Abtrag ist notwendig, um die historische Substanz zu bewahren.

Das ist bedauerlich, denn auch dieser Turmhelm ist Teil der Biografie der Stadt geworden und hat Hamburgs Skyline über Jahrzehnte geprägt. Vielleicht ist es eine Ironie der Wahrnehmung, dass man seine Existenz kaum noch hinterfragt – bis man ihm ausgerechnet in Bielefeld begegnet. Dort steht ein nahezu baugleicher Turmhelm, an einem Ort, über den man gerne behauptet, es gebe ihn gar nicht.

Mir ist dabei wichtig, ausdrücklich festzuhalten: Ich will die Architektur und ihre Entscheidungen der Nachkriegszeit nicht verunglimpfen. Vieles war getragen von Aufbruch, Notwendigkeit, Pragmatismus und oft von dem ehrlichen Wunsch, überhaupt wieder aufzubauen.

Es lohnt sich aber auch ein zweiter Gedanke: „Gut gemeint“ ist nicht automatisch „gut für die Substanz.“ St. Jacobi zeigt exemplarisch, dass Ergänzungen, die in ihrer Zeit plausibel wirkten, langfristig an Grenzen stoßen können – technisch, konstruktiv und materialverträglich.

Genau hier eröffnet sich – trotz allem Schmerz des Verlustes – eine einmalige Gelegenheit:

Wenn ein Turmhelm ohnehin abgetragen werden muss, entsteht ein seltener Moment, in dem nicht nur repariert, sondern neu entschieden werden kann: Wie soll St. Jacobi künftig erscheinen? Wird es bei einem reinen Wetterschutz bleiben – oder nutzen wir die Gelegenheit, über eine historische Rekonstruktion ernsthaft nachzudenken? Dass derzeit zunächst nur ein Wetterschutzdach vorgesehen ist, zeigt: Diese Frage ist offen und damit verhandelbar.

Eine Rekonstruktion wäre dabei kein Rückwärtsgang, sondern eine verantwortungsvolle Verbindung aus historischer Gestalt und heutigem Wissen. Baustoffe, Techniken, statische Konzepte, Materialverständnis und Denkmalpflege haben sich seit der Nachkriegszeit fundamental weiterentwickelt. Was früher als „robust“ galt, kann man heute differenzierter und oft substanzschonender lösen. Gerade deshalb ist die Vorstellung überzeugend, eine historische Form nicht als bloße Kopie, sondern als präzise, zeitgemäß konstruierte Wiedergewinnung zu verstehen.

Vielleicht ist es am Ende genau das, was St. Jacobi braucht: nicht mehr „die Kirche mit dem Turm, der irgendwie anders ist“, sondern wieder ein Turm, der selbstverständlich in Hamburgs Reihe der Hauptkirchen steht und den man nicht mehr vergisst, wenn man die Türme dieser Stadt im Kopf aufzählt.

Diese Zäsur kommt so oder so. Die Frage ist nur, ob Hamburg sie als reine Notwendigkeit behandelt – oder als Gelegenheit, St. Jacobi im Stadtbild wieder den Platz zu geben, der ihr seit Jahrhunderten zusteht.

KI-generiertes Bildmaterial einer möglichen Rekonstruktion nach historischem Vorbild.

Weitere meiner Kommentare und Essays gibt es hier.