Die Versuchung der Einheitsmeinung

Über die gefährliche Sehnsucht nach politischer Homogenität.

Kommentar von Jens Baumanns

Im Thalia Theater wurde im Rahmen der Lessingtage „Der Prozess gegen Deutschland“ inszeniert. Bereits der Titel ist programmatisch: Nicht eine konkrete Regierung, nicht ein einzelnes Gesetz, nicht eine politische Entscheidung steht zur Debatte – sondern das Land selbst. Deutschland als Angeklagter. Deutschland als moralisches Objekt.

Man kann das als künstlerische Provokation lesen oder auch als notwendige Selbstprüfung interpretieren. Bemerkenswert ist weniger die Inszenierung selbst als die Parallele zur politischen Realität. Denn auch außerhalb des Theaters hat sich der Ton verändert. Deutschland wird zunehmend nicht mehr politisch diskutiert, sondern moralisch bewertet. Angeklagt wird nicht eine Entscheidung, sondern eine Haltung. Kritisiert wird nicht ein Argument, sondern seine Existenz.

Parallel dazu flammt – wieder einmal – die Forderung nach einem Verbot der Alternative für Deutschland auf, begleitet von ritualisierten Demonstrationen, die eher Bekenntnisveranstaltungen als politische Debatten sind.

Aus meiner Haltung mache ich kein Geheimnis: Ich bin konservativ, mit klar national- und wirtschaftsliberalen Überzeugungen. Ich glaube an Eigenverantwortung statt staatlicher Bevormundung, an Ordnung statt moralischer Beliebigkeit, an nationale Souveränität im Rahmen europäischer Vernunft – und an die Freiheit des Individuums, auch und gerade dann, wenn sie unbequem ist.

Weder habe ich die AfD gewählt, noch teile ich ihr gesamtes Programm. Viele ihrer rhetorischen Eskalationen halte ich für politisch unklug, manche sogar für gefährlich.

Auch, dass sie Themen aufgreift, die konservative oder nationalliberale Bürger bewegen, macht sie weder unangreifbar noch zur einzig legitimen Vertreterin dieser Anliegen. Es zeigt jedoch, dass bestimmte Fragen real sind: Fragen nach Ausländerkriminalität, nach Überfremdung, nach sichtbaren Veränderungen in unserem Stadtbild verschwinden nicht dadurch, dass man sie moralisch missbilligt oder sprachlich tabuisiert. Über Jahre hinweg wurden sie von anderen Parteien marginalisiert, relativiert oder aus dem legitimen Diskurs verdrängt.

Politische Räume entstehen nicht im Vakuum. Wenn etablierte Kräfte bestimmte Problemwahrnehmungen nicht mehr aufgreifen, entsteht ein Repräsentationsdefizit. Dieses Defizit wird politisch gefüllt. Das erklärt den Erfolg einer Partei – es rechtfertigt ihn nicht automatisch.

Ich verteidige die AfD daher nicht aus inhaltlicher Gefolgschaft, sondern aus ordnungspolitischem Prinzip: Politische Fragen müssen politisch beantwortet werden – nicht durch moralische Ausgrenzung oder juristische Eliminierung.

Demokratie ist kein Wunschkonzert und erst recht keine Veranstaltung zur moralischen Selbstvergewisserung. Sie ist ein Verfahren, ein Mechanismus zur Austragung von Konflikten. Sie institutionalisiert Gegensätze, statt sie zu tilgen. Sie lebt nicht von Einigkeit, sondern von Spannungsverhältnissen.

Demokratie beruht nicht auf Harmonie, sondern auf Polarität

Tag und Nacht stehen nicht im Widerspruch – sie bedingen einander. Erst im Wechsel entsteht Rhythmus. Erst im Gegensatz entsteht Orientierung. Würde es nur Tag geben, verlöre der Begriff seine Bedeutung. Würde es nur Nacht geben, gäbe es keinen Maßstab für Licht.

Genauso verhält es sich mit den politischen Grundmechaniken. Rechts und links sind keine zufälligen Parteietiketten. Sie sind historische Strukturbegriffe politischer Ordnung. Sie markieren unterschiedliche Wertprioritäten, unterschiedliche Risikoabwägungen, unterschiedliche Vorstellungen von Staat, Gesellschaft und Freiheit.

Das Rechte artikuliert Fragen nach Identität, Ordnung, Kontinuität und Souveränität.
Das Linke formuliert Impulse von Gleichheit, sozialer Gerechtigkeit und Veränderung.

Beide Perspektiven erfüllen Funktionen, beide begrenzen und korrigieren einander:
Ohne rechts kein Korrektiv gegen entgrenzte Utopien.
Ohne links kein Gegengewicht zu erstarrter Bewahrung – und ohne diese Spannung gibt es keine Mitte.

Die politische Mitte ist kein isolierter Raum. Sie entsteht aus dem Gleichgewicht der Kräfte. Sie ist das Resultat von Spannung, nicht deren Abwesenheit. Wer nun glaubt, einen dieser Pole beseitigen zu können, verkennt, dass er damit nicht nur eine Seite schwächt, sondern die Statik des gesamten Systems verschiebt.

Genau hier liegt das Problem der Verbotsdebatte. Sie folgt der Annahme, politische Fehlentwicklungen ließen sich juristisch eliminieren. Entfernt man den „Störfaktor“, so die Hoffnung, normalisiere sich das System. Das Gegenteil ist der Fall.

Konflikte verschwinden nicht, wenn man ihre parlamentarische Repräsentation verbietet. Sie verlagern sich in den außerinstitutionellen Raum – und dort verlieren sie die regulierende Kraft demokratischer Verfahren. Ein Verbot ersetzt Argumente nicht, es ersetzt sie durch Macht.

Demokratie bedeutet nicht, dass jede Position legitim oder richtig ist. Demokratie bedeutet, dass falsche Positionen politisch widerlegt werden müssen – nicht administrativ gelöscht. Der Kern der Demokratie ist Wahlfreiheit, nicht moralische Vorauswahl.

Wenn Millionen Bürger eine Partei wählen, kann man diese Entscheidung kritisieren, sie für falsch halten, argumentativ angreifen. Man kann sie jedoch nicht moralisch delegitimieren, ohne die Wähler selbst implizit zu entwerten. Genau hier beginnt die gefährliche Verschiebung: Aus politischer Gegnerschaft wird moralische Überlegenheit, aus Wettbewerb wird Tribunal, aus Argument wird Anklage.

Wer entscheidet künftig, welche politische Haltung noch zulässig ist?
Ein Verfassungsgericht? Eine moralische Mehrheit? Ein kultureller Konsens?

Heute mag es die AfD treffen. Morgen konservative Migrationskritik. Übermorgen wirtschaftsliberale Reformforderungen, die als „unsolidarisch“ etikettiert werden. Eine Demokratie, die beginnt, legitime politische Pole aus dem Spektrum zu entfernen, verliert ihr Korrektiv – und am Ende ihre Fähigkeit zur Selbstkorrektur.

Egal wie oft und vermeintlich laut man es auch zu wiederholen vermag: das rechte Spektrum ist kein Betriebsunfall, es erfüllt eine Funktion und es artikuliert reale Fragen – nach kultureller Identität, staatlicher Ordnung, nationaler Selbstbestimmung. Man kann diese Antworten ablehnen, man kann sie politisch bekämpfen, doch man kann die zugrunde liegenden Fragen nicht verbieten. Wer das versucht, hebt nicht nur eine Partei auf – er verschiebt Maßstäbe.

Der „Prozess gegen Deutschland“ steht sinnbildlich für eine politische Kultur, die glaubt, durch moralische Anklage Fortschritt zu demonstrieren. Doch Fortschritt entsteht nicht durch permanente Delegitimierung des eigenen Gemeinwesens, sondern durch stabile Spielregeln.

Ja, Demokratie ist anstrengend. Sie verlangt, Spannungen auszuhalten; sie verlangt, Argumente zu liefern statt blind Verbote zu fordern. Wer das Rechte abschaffen will, verändert nicht nur das Parteiensystem. Er verändert das Wesen des politischen Wettbewerbs selbst.

Wenn politische Auswahl durch moralische Selektion ersetzt wird, bleibt am Ende nur eine unbequeme Frage: Wie nennt man eine Ordnung, in der nur noch das gewählt werden darf, was zuvor als moralisch akzeptabel definiert wurde?


Am Ende votierte die Bürgerjury des Theaterprojekts mehrheitlich dafür, ein mögliches AfD-Verbot prüfen zu lassen und staatliche Finanzierungen zu hinterfragen – nicht jedoch für ein unmittelbares Verbot per Bannspruch. Selbst im moralisch aufgeladenen Bühnenraum blieb also die letzte Konsequenz aus. Man wollte prüfen, nicht verbannen. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieses Abends: Nicht Deutschland saß sinnbildlich auf der Anklagebank, sondern unser Verständnis von Demokratie.


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Ein Turm für Hamburg

Zwischen Verlust und Möglichkeit Konkretisierung eines Gedankenspiels

Kommentar von Jens Baumanns

Die Zifferblätter des 1963 errichteten Turmhelms gelten als markanteste Elemente des sonst eher nüchternen Baus. ©stadtraummensch, Jens Baumanns

Status quo – ein notwendiger Schritt

Zurzeit verdichtet sich die öffentliche Debatte auf einen Punkt: den notwendigen Abtrag des heutigen Turmhelms von St. Jacobi. Statik, Gewicht und die zunehmenden Schäden am mittelalterlichen Mauerwerk bestimmen den Ton. Diese Diskussion ist unvermeidlich, vor allem aber ist sie eines: richtig. Denn sie entscheidet über die Sicherung eines Bauwerks, das seit Jahrhunderten Teil dieser Stadt ist.

Gerade weil dieser Schritt unausweichlich ist, lohnt es sich jedoch, den Blick zu weiten. Wenn der Turmhelm ohnehin entfernt werden muss, stellt sich zwangsläufig die Frage, was danach kommt – und ob man diesen Moment allein als Verlust begreift oder auch als Möglichkeit, weiterzudenken.

Es geht mir dabei ausdrücklich nicht um vorschnelle Lösungen, sondern um das Öffnen eines Denkraums. Der Abtrag des Turmhelms ist nicht nur eine technische Maßnahme, sondern ein sprichwörtlicher Einschnitt, der erstmals seit Jahrzehnten erlaubt, grundsätzlich über den Turm von St. Jacobi nachzudenken. Über seine Zukunft, seine Rolle im Stadtbild und auch über das, was sich in seinem Inneren verbirgt.

Gerade dieser Blick nach innen eröffnet eine neue Perspektive. Der mittelalterliche Turmschaft ist kein leerer Körper, sondern ein Raum aus Ziegeln, Handwerkskunst und Geschichte. Bislang bleibt er funktional genutzt, aber kaum erfahrbar. Genau hier liegt ein bislang ungenutztes Potenzial.

Denkmalpflege – von der Verfestigung zur Entlastung

Der notwendige Abtrag des heutigen Turmhelms ist zweifellos ein drastischer Schritt, doch er ist vor allem eines: eine konsequente Lastreduktion. Über Jahrzehnte war das mittelalterliche Mauerwerk Belastungen ausgesetzt, für die es nie ausgelegt war. Die schwere Stahlbetonkonstruktion der Nachkriegszeit hat die historische Substanz dauerhaft geschädigt.

In der Denkmalpflege galt lange die Hoffnung, man könne solche Schäden durch Injektionen, Verpressungen oder andere verfestigende Maßnahmen beheben. Heute wird das deutlich kritischer gesehen. Solche Eingriffe sind häufig kaum reversibel, greifen tief in die historische Substanz ein und bergen materialchemische Risiken, die langfristig mehr Schaden als Nutzen verursachen können. Der Fokus zeitgenössischer Denkmalpflege liegt daher zunehmend auf Entlastung, Materialverträglichkeit und konstruktiver Trennung.

In diesem Licht erscheint die Entscheidung, den Turmhelm abzutragen, nicht als Kapitulation, sondern als Akt der Verantwortung. Sie setzt an der Ursache an – der übermäßigen Masse – und schützt damit das historische Mauerwerk nachhaltig. Zugleich entsteht jedoch eine sichtbare Lücke in der Hamburger Skyline.

Vielleicht liegt in dieser Debatte auch eine Ironie der Gegenwart: Während an anderen Stellen der Stadt sichtbar wird, dass Höhe allein noch keine Bedeutung schafft, erinnert St. Jacobi daran, dass Dauer, Substanz und Verantwortung die eigentlichen Maßstäbe von Architektur sind.

Die offene Frage – wie weiter?

Damit stellt sich unmittelbar die Frage nach dem Danach. Ein Turmstumpf mit einem bloßen Wetterdach mag kurzfristig notwendig sein, kann jedoch keine dauerhafte Antwort sein – weder für eine Hauptkirche noch für eine Stadt wie Hamburg, deren Türme seit Jahrhunderten identitätsstiftende Zeichen und Sinnbilder ihrer hanseatischen Geschichte sind.

In der jüngeren Vergangenheit wurden unterschiedliche technische Ansätze diskutiert, um den bestehenden Turmhelm zu halten: Zuganker, Stahlabspannungen, Lastabfänge oder ergänzende Stützkonstruktionen. Doch all diese Maßnahmen behandelten Symptome, nicht die Ursache. Solange der Turmhelm selbst zu schwer bleibt, kann das historische Mauerwerk nicht dauerhaft geschützt werden. Vor diesem Hintergrund ist der Abtrag schmerzhaft, aber bautechnisch konsequent.

Nun, da dieser Schritt unausweichlich ist und der Rückbau selbst eine enorme Aufgabe für sich darstellt, öffnet sich Raum für eine Vision.

Die Vision – der Turm im Turm

An diesem Punkt setzt meine Vision an: die Idee eines „Turms im Turm“.

Statt den Turm als statisches Monument zu begreifen, ließe er sich als begehbarer Geschichtsraum neu denken. Eine sanft geführte Rampe im Inneren begleitete die Besuchenden nach oben – vorbei an freigelegtem mittelalterlichem Mauerwerk, an Exponaten, Fragmenten und erklärenden Elementen zur Bau- und Stadtgeschichte. Geschichte würde hier nicht erklärt, sondern durch Bewegung, Raum und Material unmittelbar erfahrbar.

Bautechnisch bedeutete dies eine eigenständige innere Tragstruktur, die vollständig unabhängig vom historischen Mauerwerk funktionierte. Sie nähme künftig alle Lasten auf: die eines neuen, deutlich leichteren Turmhelms ebenso wie die nicht zu unterschätzenden dynamischen Belastungen des Glockenstuhls. Das mittelalterliche Mauerwerk würde von tragenden Aufgaben befreit und könnte als Hülle, Raum und historisches Zeugnis bestehen bleiben.

Die innere Struktur würde dabei mehrere Funktionen bündeln: tragen, entkoppeln und erschließen. In ihr könnte ein Aufzug geführt werden, der den Turm erstmals vollständig barrierefrei zugänglich machte. Ergänzend dazu ermöglichte die Rampe eine schrittweise Erschließung des Turminneren.

Entlang dieses Weges würde das Backsteinmauerwerk auf Augenhöhe erlebbar. Fragmente, Bauteile und Stücke aus dem Lapidarium der Baugeschichte würden räumlich integriert. Der Turm würde so selbst zum „vertikalen Lapidarium“ – zu einem begehbaren Narrativ seiner eigenen Geschichte.

So entstünde kein museales Abbild, sondern ein lebendiger Stadtraum in der Vertikalen: ein Ort, an dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbunden wären. Der Turm von St. Jacobi wäre nicht länger nur Silhouette, sondern Erlebnis-, Lernort und öffentlicher Raum zugleich.

Wiederaufbau als Fortschreibung

Auch ein möglicher Neubau des Turmhelms ließe sich unter diesen Voraussetzungen neu bewerten. Ein Aufbau nach historischem, neugotischem Vorbild wäre naheliegend – jedoch nicht als massiver Wiederaufbau, sondern als zeitgemäß interpretierte Rekonstruktion mit klarer Funktion.

Moderne Materialien, digitale Vermessung, präzise Vorfertigung, robotische Fertigung oder 3D-Druck würden heute leichte Konstruktionen ermöglichen, die historische Proportionen aufnehmen, ohne deren Gewicht zu reproduzieren. Handwerkliches Können würde dabei nicht ersetzt, sondern sinnvoll ergänzt.

Die verbleibenden Lasten eines neuen Turmhelms würden vollständig über die innere Stützkonstruktion abgefangen. Gleichzeitig bliebe auch die jüngste Baugeschichte sichtbar: Die markanten Zifferblätter des Nachkriegsbaus könnten integriert werden und die Zeitschichten miteinander verbinden.

Über Teilhabe, Nutzung und Tragfähigkeit

Ein so erschlossener Turm wäre nicht nur architektonisch, sondern auch gesellschaftlich ein Gewinn. St. Jacobi könnte zur ersten der fünf Hamburger Hauptkirchen werden, die vollständig und in vertikaler Gänze barrierefrei zugänglich wäre. Eine Aussichtsplattform auf dem Dach des historischen Turmsockels sowie eine weitere Plattform im neuen Turm eröffneten neue Perspektiven auf die Stadt. Ein moderater Eintritt – wie in vielen europäischen Kirchen selbstverständlich – könnte Betrieb, Pflege und Vermittlung langfristig unterstützen.

So entstünde aus einer notwendigen Maßnahme keine Lücke, sondern ein neuer Raum – im Turm und im Denken über ihn.


Die Case Study versteht sich als architektonisches Gedankenspiel: eine Vision für den Turm von St. Jacobi.


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Case Study | St. Jacobi – Hamburg

Architekturkonzept für den Turm von St. Jacobi

Ausgangslage

Der notwendige Abtrag des heutigen Turmhelms von St. Jacobi bildet den Ausgangspunkt dieses Entwurfs. Die Maßnahme dient dem Schutz des mittelalterlichen Ziegelmauerwerks und eröffnet zugleich die Möglichkeit, den Turm nicht nur statisch zu sichern, sondern räumlich, konstruktiv und kulturell neu zu denken.

Der hier aufgezeigte Entwurf versteht den Turm nicht ausschließlich als äußere Silhouette, sondern als architektonischen Raum, dessen inneres Potenzial bislang weitgehend ungenutzt ist.

Leitidee: Der Turm im Turm

Zentrales Element des Konzepts ist eine eigenständige innere Tragstruktur, die innerhalb des mittelalterlichen Backsteinturms errichtet wird. Diese neue Struktur übernimmt die Lasten eines künftigen Turmhelms und entlastet das historische Mauerwerk dauerhaft.

Alt und Neu bleiben dabei konstruktiv klar getrennt:
Der mittelalterliche Ziegelschaft bildet die raumprägende Hülle, während die neue innere Struktur als sichtbares, zeitgenössisches Tragwerk aus hellem Stahl und weißem Beton eingefügt wird. Die Trennung der Systeme ist bewusst ablesbar und bildet den gestalterischen Kern des Entwurfs.

Der Innenraum als architektonische Erfahrung

Der Turm besitzt einen nahezu quadratischen Grundriss, der als ruhige, klare Raumfigur erhalten bleibt. Innerhalb dieses Volumens entwickelt sich eine sanft ansteigende Rampe als primäres Erschließungselement. Sie ermöglicht einen langsamen, barrierearmen Aufstieg und folgt der vertikalen Logik des Turms. Die Rampe ist nicht nur Erschließung, sondern Erzählraum.

Entlang der Rampe bleibt das mittelalterliche Backsteinmauerwerk vollständig sichtbar: Ziegel, unregelmäßige Fugen, Reparaturspuren und Alterung erzählen von Jahrhunderten Baugeschichte. Das historische Material wird nicht verkleidet, sondern bewusst in Szene gesetzt.

Vertikales Lapidarium

In den Innenraum integriert ist ein vertikales Lapidarium. Fragmente, Steinmetzarbeiten, Maßwerkstücke und Bauteile aus unterschiedlichen Bauphasen werden entlang des Weges räumlich eingebunden. Der Turm wird so selbst zum Ausstellungsraum – nicht additiv, sondern integrativ.

Der Entwurf verzichtet bewusst auf museale Inszenierung. Die Geschichte des Bauwerks erschließt sich aus Material, Raum und Bewegung. Der Turm wird so selbst zum Museum seiner Geschichte:
kein additiver Ausstellungsraum, sondern ein gebautes Narrativ.

Konstruktion und Funktion

Die neue innere Struktur ist als leichtes, sichtbares, trianguläres Tragwerk ausgebildet. Schlanke Stahlstützen und Träger übernehmen Lasten und bilden zugleich das konstruktive Rückgrat des Entwurfs. Die neue innere Tragstruktur ist bewusst sichtbar ausgeführt.

Schlanke Stahlstützen, Träger und Verbände sowie Elemente aus hellem Beton bilden ein klares, zeitgenössisches Tragwerk, das sich deutlich vom historischen Backstein abhebt und kontrastiert.

Der Glockenstuhl wird in diese neue Struktur integriert, um das historische Mauerwerk von dynamischen Belastungen zu entlasten.

Ein Aufzug ergänzt die Rampe und ermöglicht eine vollständig barrierefreie Erschließung. Er führt zunächst zu einer Aussichtsplattform auf Höhe des historischen Turmsockels und darüber hinaus in den neu errichteten Turmhelm, der ebenfalls eine Plattform aufnimmt.

Wiederaufbau und Kontinuität

Der mögliche Neubau des Turmhelms folgt historischen Proportionen, wird jedoch mit zeitgemäßen Mitteln realisiert: digitale Vermessung, präzise Vorfertigung und leichte Konstruktionen sorgen für Substanzschonung und Dauerhaftigkeit.

Prägende Elemente der Nachkriegszeit, insbesondere die Zifferblätter, können bewusst in den Neubau integriert werden. Der Entwurf versteht Wiederaufbau nicht als Rückgriff, sondern als Fortschreibung der Baugeschichte.

Atmosphärische Zielsetzung

Der Entwurf schafft einen ruhigen, kontemplativen Raum. Tageslicht fällt von oben in den Turm und verstärkt die vertikale Wirkung. Der Kontrast zwischen schwerem, historischem Backstein und leichter, moderner Konstruktion bleibt jederzeit spürbar.

Der Turm wird so nicht nur wieder sichtbar, sondern erlebbar – als Raum, als Geschichte und als zeitgenössische architektonische Vision.

Moodboard und Entwurfsideen

Disclaimer

Die dargestellten Bilder wurden mithilfe von KI-gestützter Bildgenerierung (Midjourney) erzeugt und verstehen sich als visuelle Gedankenstützen innerhalb einer architektonischen Vision. Sie dienen der atmosphärischen und konzeptionellen Veranschaulichung und ersetzen keine planerische oder technische Ausarbeitung. Das zugrunde liegende Konzept sowie sämtliche Inhalte dieser Seite unterliegen dem Urheberrecht.

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© Konzeption: Jens Baumanns

Hamburg, Stadt der Türme

– und dann ist da noch St. Jacobi.

Kommentar von Jens Baumanns

©stadtraummensch, Jens Baumanns

Hamburg ist eine Stadt der Türme: Wer über die Dächer blickt, sieht nicht nur Wahrzeichen, Landmarken, sondern auch Geschichte, in Stein: die Türme der fünf Hamburger Hauptkirchen – St. Petri, St. Nikolai, St. Katharinen, St. Michaelis (der wohl bekannteste im Bunde, weithin kurz als „Michel“ bekannt) und St. Jacobi.

St. Nikolai ist dabei ein besonderer Fall: Der Turm und die Ruine sind als Mahnmal eine bleibende Warnung vor den Folgen des Krieges – und diese Mahnung wirkt, in den turbulenten Zeiten wie derzeit, wichtiger denn je. Dennoch bleibt der stehengebliebene Turm ein starkes Zeichen im Stadtbild.

Und dennoch – wenn ich ehrlich bin – passiert mir etwas Merkwürdiges: Ich zähle innerlich „Petri, Michel, Katharinen, Nikolai …“ und dann kommt dieser Moment, in dem ich kurz stocke. „Da ist doch noch diese eine Kirche.“ Eine Hauptkirche sogar. Der Name fällt mir nicht sofort ein, obwohl er eigentlich selbstverständlich sein müsste: St. Jacobi. Vielleicht, weil ihr heutiger Turmhelm so deutlich aus der vertrauten Reihe herausfällt und genau dieses persönliche „Vergessen“ ist für mich ein Hinweis darauf, wie stark Architektur unser Stadtbild – vor allem unser inneres Stadtbild – prägt.

Nun steht St. Jacobi vor einer sprichwörtlichen Zäsur: einem Einschnitt, der buchstäblich ein „Kappen“ sein wird. Denn nach aktueller Planung beginnt der Abbau des heutigen Turmhelms bereits in zwei Jahren. Grund ist nicht Laune oder Geschmack, sondern Statik und Substanz: Die schwere Stahlbeton-Konstruktion der Nachkriegszeit belastet den mittelalterlichen Turmschaft so stark, dass es zu massiven Schäden am Mauerwerk gekommen ist. Der Abtrag ist notwendig, um die historische Substanz zu bewahren.

Das ist bedauerlich, denn auch dieser Turmhelm ist Teil der Biografie der Stadt geworden und hat Hamburgs Skyline über Jahrzehnte geprägt. Vielleicht ist es eine Ironie der Wahrnehmung, dass man seine Existenz kaum noch hinterfragt – bis man ihm ausgerechnet in Bielefeld begegnet. Dort steht ein nahezu baugleicher Turmhelm, an einem Ort, über den man gerne behauptet, es gebe ihn gar nicht.

Mir ist dabei wichtig, ausdrücklich festzuhalten: Ich will die Architektur und ihre Entscheidungen der Nachkriegszeit nicht verunglimpfen. Vieles war getragen von Aufbruch, Notwendigkeit, Pragmatismus und oft von dem ehrlichen Wunsch, überhaupt wieder aufzubauen.

Es lohnt sich aber auch ein zweiter Gedanke: „Gut gemeint“ ist nicht automatisch „gut für die Substanz.“ St. Jacobi zeigt exemplarisch, dass Ergänzungen, die in ihrer Zeit plausibel wirkten, langfristig an Grenzen stoßen können – technisch, konstruktiv und materialverträglich.

Genau hier eröffnet sich – trotz allem Schmerz des Verlustes – eine einmalige Gelegenheit:

Wenn ein Turmhelm ohnehin abgetragen werden muss, entsteht ein seltener Moment, in dem nicht nur repariert, sondern neu entschieden werden kann: Wie soll St. Jacobi künftig erscheinen? Wird es bei einem reinen Wetterschutz bleiben – oder nutzen wir die Gelegenheit, über eine historische Rekonstruktion ernsthaft nachzudenken? Dass derzeit zunächst nur ein Wetterschutzdach vorgesehen ist, zeigt: Diese Frage ist offen und damit verhandelbar.

Eine Rekonstruktion wäre dabei kein Rückwärtsgang, sondern eine verantwortungsvolle Verbindung aus historischer Gestalt und heutigem Wissen. Baustoffe, Techniken, statische Konzepte, Materialverständnis und Denkmalpflege haben sich seit der Nachkriegszeit fundamental weiterentwickelt. Was früher als „robust“ galt, kann man heute differenzierter und oft substanzschonender lösen. Gerade deshalb ist die Vorstellung überzeugend, eine historische Form nicht als bloße Kopie, sondern als präzise, zeitgemäß konstruierte Wiedergewinnung zu verstehen.

Vielleicht ist es am Ende genau das, was St. Jacobi braucht: nicht mehr „die Kirche mit dem Turm, der irgendwie anders ist“, sondern wieder ein Turm, der selbstverständlich in Hamburgs Reihe der Hauptkirchen steht und den man nicht mehr vergisst, wenn man die Türme dieser Stadt im Kopf aufzählt.

Diese Zäsur kommt so oder so. Die Frage ist nur, ob Hamburg sie als reine Notwendigkeit behandelt – oder als Gelegenheit, St. Jacobi im Stadtbild wieder den Platz zu geben, der ihr seit Jahrhunderten zusteht.

KI-generiertes Bildmaterial einer möglichen Rekonstruktion nach historischem Vorbild.

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Der Blizzard, der keiner war.

Wie Hamburg den Katastrophenmodus probte – und am Ende nur Winter bekam.

Kommentar von Jens Baumanns

Donnerstagabend roch die Stadt nach Erwartung. Nicht nach Schnee, sondern nach dem, was inzwischen vor jedem „Ereignis“ in der Luft liegt:
Warnungen, Push-Benachrichtungen, der Blick aufs Handy, der Blick aus dem Fenster, die Gedanken an die Einkaufsliste im Kopf. Hamburg, so wurde es erzählt, stünde kurz davor, am Freitag von einem „Blizzard“ heimgesucht zu werden – einem Wort, das nach arktischer Ausweglosigkeit klingt und sich anfühlt wie ein Hollywood-Trailer: zu viel Sound, zu viele Schnitte, zu wenig Handlung.

Der Senat warnte offiziell vor einer markanten Wetterlage mit starkem Schneefall, Verwehungen und gab den Appell, möglichst zu Hause zu bleiben. Die schneereichen Tage zuvor hieß es ebenfalls, dass dies der stärkste Schneefall seit 15 Jahren war. Schulen stellten den Präsenzunterricht für Freitag ein, mit Notbetreuung für die unteren Klassen – ein Schritt, der im norddeutschen Alltag nicht zur Routine gehört, weil man hier gewöhnlich eher mit hochgezogener Augenbraue reagiert als mit flächendeckender Stilllegung.

Das Ergebnis war absehbar: kollektiver Rückzug. Straßen wie leergefegt, Homeoffice „wo möglich“, die Stadt in einer Art sanftem Lockdown-Reflex. Wer sich noch an Corona erinnert, erkennt das Muster sofort: Erst die Warnung, dann die Verhaltensänderung, dann dieses diffuse Gefühl, man sei verantwortungslos, wenn man noch kurz „nur“ Brot kaufen will. Die Vorratslogik springt an, als wäre sie im Stammhirn fest verdrahtet. Toilettenpapier? Man weiß es nicht. Ein gewisses Knistern im Regal spürte man trotzdem, als hätte der Schnee einen Inzidenzwert.

Ich nehme mich da nicht aus. Auch ich habe mich fürs Wochenende eingedeckt. Das ist ja das Raffinierte am Alarmismus: Er wirkt nicht nur auf „die anderen“, er wirkt auf alle. Der Unterschied liegt höchstens darin, wie ehrlich man das zugibt und wie maßlos man den Korb belädt.

Prognose, Drama, Realität

Die Chronologie macht die Sache so entlarvend. Donnerstag schneite es bereits ordentlich. Der Erwartungspegel stieg, weil die Erzählung schon stand: In der Nacht würde „es“ losgehen. Der große Auftritt. Die weiße Wand. Der Moment, in dem man beim Blick aus dem Fenster das Wort „Blizzard“ plötzlich nicht mehr für übertrieben hält.

Nichts davon geschah.

Der Freitagmorgen begann, als hätte jemand den Regler wieder heruntergedreht. Kein infernalisches Schneetreiben, keine apokalyptische Sicht, keine Stadt im Griff der Natur. Noch nicht einmal Schneefall. Später fiel Schnee, ja. Es war windig, ja. Am Nachmittag glättete es, es war kalt, es war winterlich. Es war – und das ist der entscheidende Punkt – ein Wintertag. Früher hätte man dazu schlicht „Winter“ gesagt. Heute sagt man „Extremwetterlage“, weil „Winter“ offenbar nicht mehr klickt.

Nun kann man fair bleiben: Hamburg lag offenbar am Ausläufer. In anderen Teilen des Nordens dürfte es ruppiger gewesen sein. Es gab glatte Straßen, Unfälle, Einschränkungen – die Warnung hatte also ihren Sinn. Nur passt eben nicht überall die kommunikative Lautstärke zum tatsächlichen Pegel. Der Unterschied zwischen „Vorsicht“ und „Weltuntergang“ ist keine Stilfrage, sondern eine Frage der Glaubwürdigkeit.

Blizzard ist kein Adjektiv, sondern ein Maßstab

Der Begriff „Blizzard“ ist dabei nicht einfach eine blumige Umschreibung, sondern in seinem Ursprung erstaunlich präzise. Ein Blizzard ist nicht „ein bisschen Schnee mit Böen“, sondern ein Ereignis, das über eine gewisse Dauer mit kräftigem Wind und stark eingeschränkter Sicht einhergeht. Wer jedes winterliche Wetter mit einem dramatischen Etikett versieht, macht Sprache zur Konfetti-Kanone: kurz beeindruckend, hinterher die Ernüchterung.

Man kann das spitz formulieren: Wenn man aus jedem Wintertag einen Blizzard macht, wird der echte Blizzard irgendwann nur noch ein „etwas stärkerer Blizzard“. Das ist sprachliche Inflation – und wie bei jeder Inflation ist am Ende das Vertrauen die Währung, die als erstes leidet.

Alle reden vom Wetter – die Bahn fährt nicht

Die Deutsche Bahn lieferte an diesem Tag zuverlässig das zweite Stück Realsatire. Der Fernverkehr im Norden wurde früh eingestellt. Diese Entscheidungen können im Einzelfall sinnvoll sein, weil Sicherheit vorgeht. Das Problem ist das Muster: Die Bahn wirkt nicht wie ein Verkehrssystem, sondern wie ein Erklärsystem. Sie liefert Gründe, selten Lösungen.

Früher prangte auf einem legendären Plakat der Satz: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ Heute liest sich dieser Spruch wie eine archäologische Fundstätte aus einer Epoche, in der Infrastruktur noch als Leistungsversprechen galt – und nicht als fortlaufende Entschuldigungskette. Das Wetter ist dabei nur der Anlass. Der Kern ist, dass ein System mit wenig Puffer schon bei moderaten Belastungen in den Notbetrieb fällt.

Umso bemerkenswerter war die hanseatische Normalität im Rest der Stadt: Busse und U-Bahnen fuhren, kein Heldentum, eher Pflichterfüllung. Das ist der Punkt, an dem man merkt, dass es nicht „das Wetter“ ist, das alles erklärt. Es ist die Robustheit – oder deren Fehlen.

Journalismus im Katastrophen-Modus

Der größere Befund liegt allerdings nicht auf den Schienen, sondern in den Schlagzeilen. Der moderne Nachrichtenbetrieb hat eine Schwäche entwickelt: Er verwechselt Relevanz mit Reiz. Die Welt geht nicht unter? Dann wird eben nachgeholfen. Ein bisschen sprachlich, ein bisschen dramaturgisch. Die „Lage“ wird zum „Drama“, das „Ereignis“ zur „Katastrophe“, das „Risiko“ zur „Lebensgefahr“, die „Warnung“ zum „Alarm“.

Das Tragische daran ist, dass es nicht einmal böse Absicht sein muss. In einer Medienlogik, die Aufmerksamkeit in Sekunden misst, gewinnt das grellere Wort. „Blizzard“ schlägt „Schneefall“. „Chaos“ schlägt „Behinderungen“. „Jahrhundert-Event“ schlägt „Winter“. Selbst wenn Experten später einordnen, das ganz große Extrem sei ausgeblieben, bleibt beim Publikum oft das Gefühl hängen, man habe an der Kante zur Apokalypse gestanden.

Wenn die Tagesschau und andere Formate berichten, im Hamburger Hafen seien bei 40 Zentimetern Neuschnee die Hafenbahnen (Güterbahnen) eingestellt worden, dann ist das mehr als nur ein Detail. Es ist die Behauptung einer Realität, die man im Stadtbild so nicht wiederfindet. Ich wohne in der HafenCity, ich sehe den Schnee, ich sehe, was liegt – und das waren am Freitag bei uns eher fünf bis zehn Zentimeter. Nicht nichts, aber eben auch keine 40. Der Eindruck entsteht: Man nimmt irgendeine Zahl, die gut klingt, und klebt sie auf die Schlagzeile.

Hinzu kommen Live-Reportings, die manchmal unfreiwillig komisch werden: der Reporter, der aus dem „Verkehrschaos“ berichtet, und im Hintergrund tut die Wirklichkeit, was sie immer tut – sie widerspricht. Der vermeintlich liegengebliebene LKW, der als Beleg dienen soll, und dann sieht jeder, dass er einfach in einer Linksabbiegerspur steht und bei Grün ganz normal losfährt. Das ist das perfekte Bild für den Tag: vorne große Geste, hinten normaler Betrieb.

Ahrtal als Argument – richtig verstanden

Meteorologen und Behörden kann man für eine defensive Warnpolitik nicht einfach schelten. Das Ahrtal hat sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt: die Warnung war zu wenig, zu spät, zu unklar – mit verheerenden Folgen. Diese Lektion sitzt. Genau deshalb ist Warnen richtig und notwendig.

Nur folgt daraus nicht, dass man künftig jede Wetterlage wie eine Generalprobe fürs Ende der Zivilisation behandeln muss. Aus Ahrtal folgt vor allem: Präzision. Lokalität. Verständlichkeit. Der Bürger muss wissen, was ihn wo mit welcher Wahrscheinlichkeit trifft, welche Handlungen sinnvoll sind – und welche nur Panikmache.

Warnen ist Pflicht, Übertreiben die Kür. Diese Unterscheidung wirkt banal, ist aber essenziell.

Der gefährlichste Nebeneffekt: Der nächste Warnruf verhallt

Warnen ist kein Showgeschäft, sondern ein mächtiges, mit Bedacht einzusetzendes Instrument, das präzise, lokal und nachvollziehbar sein muss. Mit klarer Unterscheidung zwischen „wahrscheinlich“, „möglich“ und „ausgeschlossen“. Mit der Bereitschaft, nachzuschärfen – und auch zu sagen: „Es trifft eher Region X als Region Y.“ Das ist keine Schwäche, das ist Professionalität.

Der größte Schaden entsteht nicht an einem Freitagmittag, wenn es „nur“ glättet. Der größte Schaden entsteht am Tag X, wenn es wirklich ernst wird und die Menschen innerlich abwinken: „Ja ja, wieder Blizzard.“ Dann bleibt man eben nicht zu Hause. Dann fährt man „nur kurz“ los. Dann wird aus einem statistischen Risiko eine reale Opferzahl.

Gesunde Warnkommunikation ist wie ein Rauchmelder: Er muss zuverlässig sein, nicht hysterisch. Ein Rauchmelder, der bei jedem Toast anspringt, wird irgendwann abmontiert.

Zurück zum Maß – und zum Menschenverstand

Hamburg ist nicht Alaska. Winter gehört hier nicht zum Markenkern. Genau deshalb ist Vorbereitung sinnvoll: Streuen, räumen, sensible Bereiche schützen, Verkehr anpassen, Notdienste hochfahren. Das ist gute Verwaltung.

Was Hamburg nicht braucht, ist die Kuratierung der Katastrophe. Eine Gesellschaft, die sich bei fünf bis zehn Zentimetern Schnee selbst in den Ausnahmezustand redet, wirkt nicht besonders umsichtig, sondern nervös. Sie wirkt wie ein Land, das sich an seine eigenen Krisen gewöhnt hat – und sie deshalb überall vermutet und als Ausrede nutzt.

Nötig wäre ein neues, altes Mittelmaß: Behörden warnen deutlich, aber konkret – und korrigieren offen, wenn die Lage sich anders entwickelt als prognostiziert. Medien berichten, was ist, nicht was klickt – und unterscheiden sauber zwischen „droht“ und „tritt ein“. Bürger handeln vernünftig, nicht reflexhaft – und nehmen Warnungen ernst, ohne sich von Schlagzeilen regieren zu lassen.

Das klingt langweilig, ich weiß. Vernunft ist selten viraler Content. Nur ist Vernunft genau das, was Vertrauen erhält. Vertrauen in Warnungen, in Institutionen und schlussendlich in Informationen. Wenn man das verspielt, weil man aus „Winter“ dauernd „Blizzard“ macht, dann hat man am Ende zwar eine gute Schlagzeile – aber eine schlechte Gesellschaft.

Fazit

Der Wintereinbruch war, je nach Region, durchaus eine Herausforderung. Er hat gezeigt, dass Wetter eine reale Gefahr sein kann. Er hat ebenso gezeigt, wie schnell aus Vorsorge Theater wird – und wie stark Systeme auf Kante genäht sind, wenn sie schon vor dem Ereignis kapitulieren.

Eine freie Gesellschaft braucht keine Dauerpanik, um verantwortungsvoll zu sein. Sie braucht Klarheit, Maß und ein bisschen mehr Gelassenheit. Winter bleibt Winter, ein Blizzard ist etwas anderes.


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Hamburger Baustellenbingo

Wer steht heute wo?

Kommentar von Jens Baumanns

Was sich täglich zwischen Marienthal und Wandsbek abspielt, ist kein Ärgernis – es ist ein systemisches Organversagen. Der Begriff Verkehrsinfarkt trifft es wörtlich: Die Robert-Schuman-Brücke, Hauptschlagader des Hamburger Ostens, ist verstopft wie ein Herzkranzgefäß kurz vorm Kollaps. Doch statt Not-OP betreibt die Stadt lieber Gefäßverengung mit Ansage – in Form immer neuer Baustellen, die ohne Koordination aufeinanderprallen wie Cholesterin auf Bluthochdruck.

Die Folge: Stau auf Rezept. Baustellen? Gibt’s nicht einzeln – sondern im Dutzend billiger. Kaum ist eine eingerichtet, kommt die nächste dazu. Wer in Hamburg unterwegs ist, fährt nicht – er weicht aus, oder versucht es zumindest. Wandsbek Markt? Ein Dauerstau-Monument. Umleitungskonzepte? Fehlanzeige. Verkehrsfluss? Ein historisches Konzept mit Auslaufmodell-Status.

Wer dachte, man könne in Hamburg guten Gewissens auf das Auto verzichten, steht jetzt vor der Realität wie ein Passant im Starkregen ohne Unterstand. Die U1? Regelmäßig überfüllt. Busse? Überlastet und ebenfalls im Stau steckend. Wer hineinpasst, darf sich glücklich schätzen – wer draußen bleibt, ist meistens doch zu Fuß schneller.

Ich war naiv genug zu glauben, der Hamburger Nahverkehr sei gut genug, um auf ein Auto zu verzichten. Heute stehe ich trotzdem im Stau – nicht hinter dem Steuer, sondern eingeklemmt im Bus, Stoßstange an Stoßstange mit den verteufelten Autos, die genauso wenig vorankommen. Die Ironie? Wir teilen dasselbe Schicksal, nur auf unterschiedlichen Sitzplätzen und während man so gemeinsam wartet und auf Pünktlichkeit angewiesen ist, rückt der Jobverlust bedrohlich näher – nicht wegen Unzuverlässigkeit meinerseits, sondern wegen einer Verkehrspolitik im Blindflug: ohne Kurs, ohne Koordination, ohne Verantwortung.

Wäre das alles nicht schon grotesk genug, setzt die Haltestelle Ziesenißstraße der Planung noch die Krone auf: Sie ist der Blinddarm des Nahverkehrs, liegt ausgerechnet auf der ohnehin chronisch überlasteten Robert-Schumann-Brücke und wirkt dort wie ein verkehrspolitischer Bremsklotz mit Haltestellenschild. Jeder haltende Bus blockiert den letzten verbliebenen Verkehrsfluss und treibt den Stau bis ins Absurde. Zu nah an Wandsbek Markt, barrierefrei wie ein Kohlekeller und überflüssig wie ein Fahrstuhl im Bungalow – doch offenbar unantastbar im Verwaltungsdenken. Wer diese Haltestelle verteidigt, hat nicht nur den Überblick verloren, sondern auch jeden Bezug zur Lebensrealität der Betroffenen.

Was also tun? Kapitulieren? Weiter durchhalten, in der Hoffnung, dass Vernunft irgendwann wieder Einzug hält? Nein. Jetzt ist der Moment für Klartext.

Zeit für eine Mobilmachung

  • Sofortiger Stopp aller nicht zwingend notwendigen Baustellen im Raum Wandsbek/ Marienthal.
  • Bessere Baustellenkoordination & -planung durch Fachleute sowie Turbobaustellen.
  • Verbindliche Einbindung der HOCHBAHN in jede Bau- und Verkehrsplanung – mit echter Einflussmöglichkeit.
  • Ersatzlose Streichung der Haltestelle Ziesenißstraße – zumindest während der Bauphase um Wandsbek Markt als Zeichen für eine neue Ernsthaftigkeit.
  • Öffentliche Rechenschaft durch Verwaltung und Politik – mit Namen, Verantwortungsbereichen und Konsequenzen.
  • Ein sozial gerechtes, realistisches Verkehrskonzept, das nicht Autos verteufelt, sondern durch den ÖPNV eine echte und vor allem bessere Alternative bietet: der Umstieg muss sich lohnen.

Was hier passiert, ist keine Petitesse. Es ist ein strukturelles Versagen mit realen Folgen. Menschen verlieren Zeit, Nerven, im schlimmsten Fall ihren Arbeitsplatz – und das alles im Namen einer „Verkehrswende“, die bislang vor allem eines produziert: Stillstand.

Man kann die Bürger nicht zur Veränderung erziehen, wenn man ihnen gleichzeitig jede funktionierende Alternative nimmt. Wer so Politik macht, betreibt keine Transformation – er betreibt Verhinderung.

Hamburg braucht nicht mehr Baustellen, sondern mehr Verstand. Es ist an der Zeit, dass die Verantwortlichen sich bewegen – bevor die Bürger es nicht mehr können.


Weitere meiner Kommentare und Essays gibt es hier.

Kapitalflucht made in Germany

Von der Wohnungsnot zur Investorenflucht – ein deutscher Masterplan

Kommentar von Jens Baumanns

Deutschland will bauen – aber vertreibt das Kapital. Was als Wohnungsbaukrise beschrieben wird, ist in Wahrheit eine politisch provozierte Investorenflucht. Wer heute in Deutschland Wohnraum schaffen will, braucht mehr als Kapital: Er braucht Nerven, Geduld – und einen guten Anwalt. Der Wohnungsbau ist längst kein Markt mehr, sondern ein regulatorisches Risiko. Baurecht, Mietrecht, Förderrecht – statt verlässlicher Rahmenbedingungen begegnet Investoren ein staatlich erzeugter Flickenteppich aus Misstrauen, ideologischer Überfrachtung und technokratischer Selbstüberschätzung. Private Equity hat verstanden, was die Bundesregierung offenbar nicht sehen will: Mit dem Neubau bezahlbarer Mietwohnungen lässt sich unter diesen Bedingungen kein Geschäftsmodell mehr betreiben.

Das bestätigt nun auch der Markt selbst: Während im unteren und mittleren Segment die Bautätigkeit einbricht, zieht das Hochpreissegment wieder an. Der NDR berichtet aktuell über eine steigende Nachfrage nach Luxusimmobilien in Hamburg – Stadtvillen, Eigentum an der Elbe, Penthouses in Bestlagen verkaufen sich wieder. Das Kapital ist also da. Es fließt nur dorthin, wo es noch Luft zum Atmen hat – dorthin, wo Politik sich raushält, wo Mieten nicht gedeckelt und Gewinne nicht moralisch diffamiert werden. Und genau das ist die bittere Pointe: Der Staat ruft nach Investoren, blockiert aber alles, was diese bräuchten, um bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Er verlangt Leistung, verweigert aber jedes wirtschaftliche Fundament.

Dabei ist der Bedarf unbestritten. Millionen Menschen suchen Wohnraum, vor allem in den Ballungsräumen. Gleichzeitig ist die Zahl der Baugenehmigungen 2023 um über 26 % eingebrochen. Das Ziel von 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr wird nicht nur verfehlt – es wird inzwischen gar nicht mehr ernsthaft verfolgt. Stattdessen wächst der Normenapparat unaufhörlich: über 12.000 baurelevante Vorschriften treffen heute auf jeden Bauantrag. Energieeffizienzvorgaben, ESG-Taxonomien, DIN-Normen, Brandschutz, Barrierefreiheit, Gendergerechtigkeit im Grundriss – was politisch gut gemeint ist, wird auf der Baustelle zur Blockade. Und im Excel-Sheet zur Unwirtschaftlichkeit.

Auch das Mietrecht trägt zur Investorenflucht bei. Politisch motivierte Eingriffe, Debatten über Enteignung, Indexmieten unter Vorbehalt, wachsende Regulierung ohne Kompensation – das alles führt nicht zu mehr Wohnraum, sondern zu mehr Zurückhaltung. Eigentum gilt in der politischen Rhetorik längst nicht mehr als Voraussetzung für Investitionen, sondern als Verdacht auf Gewinnmaximierung. Wer heute Wohnungen besitzt oder bauen will, steht unter Generalverdacht. Kein Wunder, dass Kapital flieht.

Der Staat tritt auf wie ein Feuerwehrmann, der selbst das Haus in Brand gesetzt hat, den Schlauch versteckt – und dann dem Nachbarn vorwirft, nicht gelöscht zu haben. Private Investoren sind nicht die Ursache der Wohnungsnot, sie wären Teil der Lösung – wenn man sie ließe. Doch stattdessen regiert das Misstrauen. Die politischen Rahmenbedingungen wirken abschreckend, nicht einladend. Und während die Politik weiterhin so tut, als würde sie an Lösungen arbeiten, reagieren Märkte längst. Sie ziehen sich zurück, verlagern, investieren nur noch dort, wo sie nicht durch Moralpolitik ausgebremst werden.

Deshalb mein klarer Befund: Deutschland hat kein Kapitalproblem. Es hat ein Standortproblem. Der Wohnungsbau ist kein Zukunftsmarkt mehr, sondern ein Risiko für jedes Portfolio. Und wer heute noch in mittleren oder unteren Lagen in Neubauten investieren will, muss entweder Idealist sein – oder schlecht beraten. Kapital geht dorthin, wo man es nicht enteignen will. In Deutschland bleibt nur noch der Rückzug.

Was jetzt passieren muss, ist kein kosmetischer Kurswechsel, sondern ein radikales Umdenken: Ein Moratorium für neue Regulierungen. Ein Baurecht, das wieder Bauen erlaubt. Planungssicherheit für Eigentümer. Eine rechtliche Grundlage, die Investoren als Partner behandelt, nicht als Gegner. Förderstrukturen, die Bestand haben. Und ein politischer Wille, der sich nicht in Appellen erschöpft, sondern in Reformen zeigt. Solange das nicht geschieht, bleibt die Wohnungsnot ein selbstverursachtes Fiasko – und Private Equity wird weiter Abstand halten. Nicht aus Mangel an Kapital. Sondern aus Mangel an Vertrauen.