Freiheit aus der Pipeline

Endlich wieder Öl und Gas?

Kommentar von Jens Baumanns

Die Freude war groß. Endlich, so die Erzählung, dürften Bürger wieder selbst entscheiden, womit sie heizen. Öl und Gas würden rehabilitiert, der ideologische Zwang verschwinde und der Staat ziehe sich aus dem privaten Heizungskeller zurück.

Kaum war die Rückabwicklung zentraler Elemente des Heizungsgesetzes beschlossen, machte in den sozialen Medien ein Begriff die Runde, der so verlockend wie missverständlich klingt: energetische Freiheit.

Es ist in der Tat ein bemerkenswertes Freiheitsverständnis. Gar so besonders, dass man diese Wortwahl nur einen Moment wirken lassen muss, um ihre Ironie zu erkennen:
Freiheit – ausgerechnet durch jene Energieträger, die wir vollständig importieren müssen.

Öl und Gas liegen nicht unter deutschen Feldern, sondern unter fremden Territorien. Sie werden von Staaten gefördert, deren Interessen und Wertvorstellungen selten mit unseren identisch sind, und über Handelsrouten transportiert, deren Stabilität – wie man nun sieht – weder wir noch sie selbst garantieren können.

Die viel beschworene energetische Freiheit beginnt also dort, wo unsere Abhängigkeit beginnt: in der Pipeline. Es ist eine rhetorisch elegante Vorstellung – strategisch jedoch eine erstaunlich fragil.

Gerade ein Land wie Deutschland sollte diese Fragilität eigentlich kennen. Noch vor wenigen Jahren galt russisches Gas als Inbegriff pragmatischer Energiepolitik: zuverlässig, wirtschaftlich und politisch bequem. Erst der Angriff Russlands auf die Ukraine verwandelte diese vermeintliche Partnerschaft in eine energiepolitische Lektion von bemerkenswerter Deutlichkeit.

Man hätte erwarten können, dass eine solche Erfahrung zumindest eine gewisse strategische Skepsis hinterlässt, doch die politische Erinnerung ist offenbar kürzer als die Pipeline, aus der unsere Freiheit angeblich fließen soll.

Deutschland hat diese Lektion eigentlich bereits gelernt – auf eine Weise, die schmerzhaft genug gewesen sein sollte, um nachhaltige Erinnerung zu hinterlassen. Doch Politik besitzt mitunter die bemerkenswerte Fähigkeit, Krisen zu überstehen, ohne aus ihnen zu lernen.

Während sich die geopolitische Lage im Nahen Osten zunehmend zuspitzt, während Iran eine zentrale Rolle in einer der sensibelsten Energiehandelsregionen der Welt spielt und während die Straße von Hormus weiterhin eines der größten Nadelöhre des globalen Ölmarktes bleibt, diskutiert Deutschland ernsthaft darüber, fossile Energieträger wieder als selbstverständliche Option zu etablieren und nennt das Pragmatismus.

Pragmatismus kann vieles sein. In diesem Fall ist er vor allem eines: kurzfristige Bequemlichkeit.

Fossile Energie hat eine Eigenschaft, die sie politisch attraktiv macht: Sie ist vertraut, sie funktioniert nach bekannten Mustern, sie beruhigt Debatten, weil sie Veränderung vermeidet. In politischen Systemen, die stark auf kurzfristige Stimmungen reagieren, wirkt sie daher wie ein Beruhigungsmittel.

Das Problem mit Beruhigungsmitteln ist nur, dass sie die Ursache eines Problems selten lösen.
Sie verschieben sie.

In meinen beiden vorherigen Kommentaren ging es vor allem um Planungssicherheit und ordnungspolitische Verlässlichkeit. Märkte, so meine These, können mit ambitionierten Zielen umgehen. Was sie nicht vertragen, ist politischer Zickzackkurs.

Doch hinter dieser ordnungspolitischen Frage verbirgt sich eine noch grundlegendere: die der strategischen Autonomie.

Energiepolitik ist keine rein technische Debatte über Heizsysteme, Netze oder Förderprogramme. Sie ist eine Frage der Machtverhältnisse. Wer Energie importiert, importiert auch Abhängigkeiten.

Jede Kilowattstunde, die im eigenen Land produziert wird, reduziert diese Abhängigkeit ein Stück. Photovoltaik auf privaten Dächern, Windenergie, Speichertechnologien – all das sind nicht nur Instrumente der Klimapolitik. Sie sind Bausteine strategischer Resilienz.

Eine Solaranlage auf einem deutschen Dach kann nicht durch eine geopolitische Krise abgeschaltet werden. Ein Windrad lässt sich nicht durch diplomatische Spannungen blockieren. Energie, die vor Ort erzeugt wird, ist nicht nur erneuerbar – sie ist politisch stabiler.

Gerade deshalb wirkt die aktuelle energiepolitische Debatte so bemerkenswert.

Während Europa über strategische Autonomie spricht, während Lieferketten neu gedacht und Abhängigkeiten reduziert werden sollen, diskutiert Deutschland darüber, fossile Technologien wieder stärker zu legitimieren. Es ist, als würde ein Land, das gerade erst aus einem strukturellen Risiko herausmanövriert hat, ernsthaft erwägen, denselben Kurs erneut einzuschlagen – diesmal mit etwas anderen Lieferanten.

Die politische Begründung lautet Freiheit. Der tatsächliche Effekt ist Abhängigkeit.

Dabei ist die Logik eigentlich simpel: Ein Staat, der seine Energieversorgung zu einem erheblichen Teil selbst produzieren kann, ist resilienter als einer, der sie importieren muss. Diese Erkenntnis ist weder ideologisch noch besonders revolutionär. Sie ist schlicht strategische Mathematik.

Natürlich wird es Übergangsphasen geben. Natürlich wird auch fossile Energie noch eine Zeit lang Teil des Systems bleiben. Doch Übergänge sind keine Ziele. Wer sie als solche behandelt, bleibt dauerhaft im Übergang stecken und genau dort, wo Deutschland seit Jahrzehnten weilt.

Genau hier beginnt die eigentliche Ironie dieser Debatte. Während manche Kommentatoren die Rückkehr zu fossilen Optionen als Ausdruck neu gewonnener Freiheit feiern, vollzieht sich im Hintergrund das Gegenteil: Die strukturelle Abhängigkeit, die man gerade erst mühsam reduziert hat, wird politisch wieder salonfähig gemacht und schlägt am Ende gleich doppelt zu Buche: ökologisch wie finanziell.

Freiheit entsteht nicht aus der Pipeline. Sie entsteht dort, wo ein Land seine zentralen Infrastrukturen selbst kontrollieren kann.

Wer fossile Energien heute als Befreiung verkauft, betreibt daher vor allem semantische Kosmetik. Die eigentliche energiepolitische Freiheit besteht nicht darin, Öl und Gas wieder leichter zugänglich zu machen. Sie besteht darin, irgendwann nicht mehr auf sie angewiesen zu sein.


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Ein Schuss in den Ofen

Öl und Gas feiern ein Comeback – das Klima nicht.
Die Koalition verkauft Rückabwicklung als Fortschritt.

Kommentar von Jens Baumanns

Es gibt politische Entscheidungen, die sind falsch.
Es gibt politische Entscheidungen, die sind teuer.
Und es gibt politische Entscheidungen, die sind vor allem eines: unnötig.

Die Rückabwicklung des sogenannten Heizungsgesetzes gehört in die dritte Kategorie.

Ich verteidige selten Positionen der Grünen und noch seltener lobe ich sie. Wer meine Kommentare liest, weiß das. Wenn ausgerechnet ich mich in die seltene Lage versetzt sehe, eine grüne Leitlinie zu verteidigen, dann ist das kein Gesinnungswandel, sondern ein Alarmzeichen.

Doch hier geht es nicht um Sympathie. Es geht um Staatlichkeit, um Verlässlichkeit und um die schlichte Erkenntnis, dass Politik mehr sein muss als das reflexhafte Zurückdrehen der Uhr, sobald die Machtverhältnisse wechseln.

Die 65-Prozent-Regel fällt. Öl- und Gasheizungen dürfen wieder neu eingebaut werden. Die Koalition verkauft das als Freiheit, als Technologieoffenheit, als Befreiung des Bürgers vom ideologischen Zwang. Tatsächlich ist es jedoch ein Signal der Beliebigkeit.

Man kann über das ursprüngliche Gesetz streiten – und das habe ich getan. Man konnte die Ausgestaltung kritisieren, die Kommunikation, die soziale Flankierung. All das war legitim. Was man jedoch nicht bestreiten kann, ist die Realität des Klimawandels. Sie verschwindet nicht, nur weil sich Koalitionsarithmetik ändert. Das Weltklima kennt keine Wahlperioden.

Vier Jahre nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine – vier Jahre nach der schmerzhaften Erkenntnis, wie abhängig wir von russischem Gas waren – öffnen wir nun wieder die Tür für fossile Heizsysteme und nennen das Pragmatismus. Das ist keine strategische Souveränität, das ist politisches Kurzzeitgedächtnis.

Der Großteil der Bürger hatte sich längst darauf eingestellt, dass neue Heizungen perspektivisch keine Gas- oder Ölkessel mehr sein sollten. Handwerksbetriebe haben investiert. Hersteller haben Produktionslinien umgestellt. Unternehmen haben sich auf eine neue Marktrealität vorbereitet. Planungssicherheit ist kein linker Kampfbegriff, sondern die Grundlage jeder funktionierenden Marktwirtschaft.

Nun erleben wir das Gegenteil: Regeln gelten nur bis zur nächsten Wahl, Investitionen stehen unter Vorbehalt. Der Staat sendet das Signal, dass langfristige Strategien in Deutschland immer nur auf Widerruf gelten.

Das ist nicht wirtschaftsliberal, das ist wirtschaftspolitischer Aktionismus.

Man muss kein Freund der Grünen sein, um zu erkennen, dass permanentes Rückabwickeln kein Konzept ist. Wer heute ein Gesetz beschließt, das morgen wieder kassiert wird, produziert nicht Freiheit, sondern Unsicherheit. Der Markt kann mit klaren Leitplanken umgehen. Was er nicht kann, ist politischer Zickzackkurs.

Liebesgrüße nach Moskau?

Hinzu kommt die geopolitische Dimension. Wer fossile Technologien erneut salonfähig macht, verlängert Abhängigkeiten, die wir gerade mühsam zu reduzieren versuchen. Die Illusion, man könne nach einer „Normalisierung“ wieder unbeschwert auf russisches Gas zurückgreifen, ist gefährlich. Sie mag opportun erscheinen, ist jedoch weder strategisch klug noch moralisch unproblematisch.

Es wäre naiv zu glauben, dass sich die Kräfte am rechten und linken Rand nicht längst über eine neue Annäherung an Russland freuen. Dort wird Energiepolitik nicht als Klimafrage verstanden, sondern als geopolitisches Instrument. Wer hier ohne Not die fossile Hintertür wieder öffnet, stärkt genau jene Narrative, die Deutschland in die alte Abhängigkeit zurückführen wollen.

Die Koalition verkauft das Ganze als Entideologisierung. Tatsächlich ersetzt sie eine Ideologie durch eine andere: die Ideologie der kurzfristigen Popularität.

Gas- und Ölheizungen sind keine Zukunftstechnologie. Sie sind Übergang, bestenfalls. Wer sie nun wieder als reguläre Option ins Schaufenster stellt, sendet das Signal: Es eilt nicht, man kann sich Zeit lassen, der Markt regelt das schon. Nur regelt der Markt nichts, wenn der Staat permanent die Spielregeln ändert.

Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet jene Parteien, die sich gern als Garanten wirtschaftlicher Vernunft inszenieren, hier die zentrale Tugend der Marktwirtschaft untergraben: Verlässlichkeit. Investitionen brauchen einen Horizont. Innovation braucht Richtung. Wer diese Richtung alle vier Jahre neu justiert, darf sich nicht wundern, wenn Kapital und Vertrauen gleichermaßen abwandern.

Cui bono?

Vielleicht freut sich mancher über gut gefüllte Auftragsbücher im klassischen Heizungsbau und verkauft das als Beweis neu entdeckten Realismus. In den Parteizentralen wird man sich gegenseitig versichern, endlich ideologiefrei gehandelt zu haben. Erfahrungsgemäß sind es bei solchen Wendemanövern allerdings selten nur klimapolitische Überlegungen, die am Tisch sitzen: Netzwerke funktionieren geräuschlos, Interessen diskret – und politische Großzügigkeit kennt bisweilen bemerkenswert dankbare Empfänger.

Dieser vermeintliche Realismus endet spätestens dann, wenn wir feststellen, dass wir nicht nur wertvolle Jahre verloren haben, sondern auch das letzte Stück Vertrauen in die Lauterkeit politischer Entscheidungen – wieder einmal.

Ich verteidige nicht das ursprüngliche Gesetz in jeder Einzelheit. Ich verteidige das Prinzip, dass Politik in einem Industrieland mehr sein muss als das Abgrenzen vom Vorgänger. Wer Fortschritt ausschließlich als Korrektur der Vergangenheit versteht, wird niemals gestalten.

Die Welt steht nicht Kopf, weil wir zu ambitioniert waren. Sie steht Kopf, weil wir nicht den Mut haben, einmal eingeschlagene Wege mit Augenmaß, aber konsequent weiterzugehen.

Diese Rückabwicklung ist kein Befreiungsschlag, sie ist ein sprichwörtlicher Schuss in den Ofen.


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Die Versuchung der Einheitsmeinung

Über die gefährliche Sehnsucht nach politischer Homogenität.

Kommentar von Jens Baumanns

Im Thalia Theater wurde im Rahmen der Lessingtage „Der Prozess gegen Deutschland“ inszeniert. Bereits der Titel ist programmatisch: Nicht eine konkrete Regierung, nicht ein einzelnes Gesetz, nicht eine politische Entscheidung steht zur Debatte – sondern das Land selbst. Deutschland als Angeklagter. Deutschland als moralisches Objekt.

Man kann das als künstlerische Provokation lesen oder auch als notwendige Selbstprüfung interpretieren. Bemerkenswert ist weniger die Inszenierung selbst als die Parallele zur politischen Realität. Denn auch außerhalb des Theaters hat sich der Ton verändert. Deutschland wird zunehmend nicht mehr politisch diskutiert, sondern moralisch bewertet. Angeklagt wird nicht eine Entscheidung, sondern eine Haltung. Kritisiert wird nicht ein Argument, sondern seine Existenz.

Parallel dazu flammt – wieder einmal – die Forderung nach einem Verbot der Alternative für Deutschland auf, begleitet von ritualisierten Demonstrationen, die eher Bekenntnisveranstaltungen als politische Debatten sind.

Aus meiner Haltung mache ich kein Geheimnis: Ich bin konservativ, mit klar national- und wirtschaftsliberalen Überzeugungen. Ich glaube an Eigenverantwortung statt staatlicher Bevormundung, an Ordnung statt moralischer Beliebigkeit, an nationale Souveränität im Rahmen europäischer Vernunft – und an die Freiheit des Individuums, auch und gerade dann, wenn sie unbequem ist.

Weder habe ich die AfD gewählt, noch teile ich ihr gesamtes Programm. Viele ihrer rhetorischen Eskalationen halte ich für politisch unklug, manche sogar für gefährlich.

Auch, dass sie Themen aufgreift, die konservative oder nationalliberale Bürger bewegen, macht sie weder unangreifbar noch zur einzig legitimen Vertreterin dieser Anliegen. Es zeigt jedoch, dass bestimmte Fragen real sind: Fragen nach Ausländerkriminalität, nach Überfremdung, nach sichtbaren Veränderungen in unserem Stadtbild verschwinden nicht dadurch, dass man sie moralisch missbilligt oder sprachlich tabuisiert. Über Jahre hinweg wurden sie von anderen Parteien marginalisiert, relativiert oder aus dem legitimen Diskurs verdrängt.

Politische Räume entstehen nicht im Vakuum. Wenn etablierte Kräfte bestimmte Problemwahrnehmungen nicht mehr aufgreifen, entsteht ein Repräsentationsdefizit. Dieses Defizit wird politisch gefüllt. Das erklärt den Erfolg einer Partei – es rechtfertigt ihn nicht automatisch.

Ich verteidige die AfD daher nicht aus inhaltlicher Gefolgschaft, sondern aus ordnungspolitischem Prinzip: Politische Fragen müssen politisch beantwortet werden – nicht durch moralische Ausgrenzung oder juristische Eliminierung.

Demokratie ist kein Wunschkonzert und erst recht keine Veranstaltung zur moralischen Selbstvergewisserung. Sie ist ein Verfahren, ein Mechanismus zur Austragung von Konflikten. Sie institutionalisiert Gegensätze, statt sie zu tilgen. Sie lebt nicht von Einigkeit, sondern von Spannungsverhältnissen.

Demokratie beruht nicht auf Harmonie, sondern auf Polarität

Tag und Nacht stehen nicht im Widerspruch – sie bedingen einander. Erst im Wechsel entsteht Rhythmus. Erst im Gegensatz entsteht Orientierung. Würde es nur Tag geben, verlöre der Begriff seine Bedeutung. Würde es nur Nacht geben, gäbe es keinen Maßstab für Licht.

Genauso verhält es sich mit den politischen Grundmechaniken. Rechts und links sind keine zufälligen Parteietiketten. Sie sind historische Strukturbegriffe politischer Ordnung. Sie markieren unterschiedliche Wertprioritäten, unterschiedliche Risikoabwägungen, unterschiedliche Vorstellungen von Staat, Gesellschaft und Freiheit.

Das Rechte artikuliert Fragen nach Identität, Ordnung, Kontinuität und Souveränität.
Das Linke formuliert Impulse von Gleichheit, sozialer Gerechtigkeit und Veränderung.

Beide Perspektiven erfüllen Funktionen, beide begrenzen und korrigieren einander:
Ohne rechts kein Korrektiv gegen entgrenzte Utopien.
Ohne links kein Gegengewicht zu erstarrter Bewahrung – und ohne diese Spannung gibt es keine Mitte.

Die politische Mitte ist kein isolierter Raum. Sie entsteht aus dem Gleichgewicht der Kräfte. Sie ist das Resultat von Spannung, nicht deren Abwesenheit. Wer nun glaubt, einen dieser Pole beseitigen zu können, verkennt, dass er damit nicht nur eine Seite schwächt, sondern die Statik des gesamten Systems verschiebt.

Genau hier liegt das Problem der Verbotsdebatte. Sie folgt der Annahme, politische Fehlentwicklungen ließen sich juristisch eliminieren. Entfernt man den „Störfaktor“, so die Hoffnung, normalisiere sich das System. Das Gegenteil ist der Fall.

Konflikte verschwinden nicht, wenn man ihre parlamentarische Repräsentation verbietet. Sie verlagern sich in den außerinstitutionellen Raum – und dort verlieren sie die regulierende Kraft demokratischer Verfahren. Ein Verbot ersetzt Argumente nicht, es ersetzt sie durch Macht.

Demokratie bedeutet nicht, dass jede Position legitim oder richtig ist. Demokratie bedeutet, dass falsche Positionen politisch widerlegt werden müssen – nicht administrativ gelöscht. Der Kern der Demokratie ist Wahlfreiheit, nicht moralische Vorauswahl.

Wenn Millionen Bürger eine Partei wählen, kann man diese Entscheidung kritisieren, sie für falsch halten, argumentativ angreifen. Man kann sie jedoch nicht moralisch delegitimieren, ohne die Wähler selbst implizit zu entwerten. Genau hier beginnt die gefährliche Verschiebung: Aus politischer Gegnerschaft wird moralische Überlegenheit, aus Wettbewerb wird Tribunal, aus Argument wird Anklage.

Wer entscheidet künftig, welche politische Haltung noch zulässig ist?
Ein Verfassungsgericht? Eine moralische Mehrheit? Ein kultureller Konsens?

Heute mag es die AfD treffen. Morgen konservative Migrationskritik. Übermorgen wirtschaftsliberale Reformforderungen, die als „unsolidarisch“ etikettiert werden. Eine Demokratie, die beginnt, legitime politische Pole aus dem Spektrum zu entfernen, verliert ihr Korrektiv – und am Ende ihre Fähigkeit zur Selbstkorrektur.

Egal wie oft und vermeintlich laut man es auch zu wiederholen vermag: das rechte Spektrum ist kein Betriebsunfall, es erfüllt eine Funktion und es artikuliert reale Fragen – nach kultureller Identität, staatlicher Ordnung, nationaler Selbstbestimmung. Man kann diese Antworten ablehnen, man kann sie politisch bekämpfen, doch man kann die zugrunde liegenden Fragen nicht verbieten. Wer das versucht, hebt nicht nur eine Partei auf – er verschiebt Maßstäbe.

Der „Prozess gegen Deutschland“ steht sinnbildlich für eine politische Kultur, die glaubt, durch moralische Anklage Fortschritt zu demonstrieren. Doch Fortschritt entsteht nicht durch permanente Delegitimierung des eigenen Gemeinwesens, sondern durch stabile Spielregeln.

Ja, Demokratie ist anstrengend. Sie verlangt, Spannungen auszuhalten; sie verlangt, Argumente zu liefern statt blind Verbote zu fordern. Wer das Rechte abschaffen will, verändert nicht nur das Parteiensystem. Er verändert das Wesen des politischen Wettbewerbs selbst.

Wenn politische Auswahl durch moralische Selektion ersetzt wird, bleibt am Ende nur eine unbequeme Frage: Wie nennt man eine Ordnung, in der nur noch das gewählt werden darf, was zuvor als moralisch akzeptabel definiert wurde?


Am Ende votierte die Bürgerjury des Theaterprojekts mehrheitlich dafür, ein mögliches AfD-Verbot prüfen zu lassen und staatliche Finanzierungen zu hinterfragen – nicht jedoch für ein unmittelbares Verbot per Bannspruch. Selbst im moralisch aufgeladenen Bühnenraum blieb also die letzte Konsequenz aus. Man wollte prüfen, nicht verbannen. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieses Abends: Nicht Deutschland saß sinnbildlich auf der Anklagebank, sondern unser Verständnis von Demokratie.


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Die Inflationslüge

Warum die Statistik nicht an der Supermarktkasse zahlt

Kommentar von Jens Baumanns

Ende letzter Woche, als ich an der Ampel auf dem Weg ins Büro stoppen musste, blieb mein Blick an einem dieser urbanen Infoscreens hängen, die einem zwischen Rotphase und erster Ungeduld das Weltgeschehen in Schlagzeilen servieren.
Eine Tagesschau Kurzmeldung sprang mir unweigerlich ins Auge: Euro-Inflation auf tiefstem Stand seit 2021

Mein erster Gedanke war beinahe wohlig. Dieses kurze Gefühl von Entspannung, dieses reflexhafte „Ach, wie schön“, das sich einstellt, wenn Zahlen vermeintlich Entwarnung geben. Für einen Moment griff diese wohlbehütete Sicherheit, die politische Erfolgsmeldungen so gern erzeugen sollen. Alles scheint sich zu beruhigen, die Krise gezähmt, die Lage im Griff.

Dann kam der zweite Gedanke – und mit ihm die Ernüchterung.

[Denn wenn die Inflation wirklich niedrig ist, müssten Preise eigentlich fallen, nicht langsamer steigen, sondern sinken: Im Supermarkt, an der Tankstelle, auf der Stromrechnung. Ebendort, wo sich wirtschaftliche Realität entscheidet. Doch genau das passiert nicht. Die Lebenshaltungskosten sind auf einem Rekordhoch: die Einkaufszettel werden kürzer, die Summe auf dem Kassenzettel dafür immer größer.

In diesem Moment wurde klar: Wir reden über Zahlen, aber wir leben in Preisen.]

Nachtrag zum vorigen Abschnitt (kursiv): An dieser Stelle lohnt eine saubere Differenzierung: Eine niedrige Inflationsrate bedeutet nicht, dass Preise fallen. Das wäre Deflation. Eine sinkende Inflation heißt lediglich, dass sich die Geschwindigkeit der Preissteigerung verlangsamt. Doch genau darin liegt der Kern des Problems: Das Preisniveau selbst bleibt hoch. Für den Alltag der Menschen ist es unerheblich, ob etwas langsamer teurer wird – entscheidend ist, dass es nicht spürbar günstiger wird. Zwischen Preisdynamik und Preisniveau klafft inzwischen eine Lücke, die politisch gern übersehen wird, im Portemonnaie jedoch sehr real ist.

Die Deutschen und ihre Inflation

Inflation ist in Deutschland mehr als eine ökonomische Kennzahl. Sie ist ein kulturelles Trauma. Wir fürchten sie mehr als Kriege, Naturkatastrophen oder Migrationsbewegungen. Inflation gilt hierzulande als Urknall aller gesellschaftlichen Verwerfungen, als politischer Super-GAU. Kaum ein anderes Thema mobilisiert schneller, emotionaler, reflexhafter. Umso bemerkenswerter ist daher auch, wie leichtfertig heute mit diesem Begriff umgegangen wird.

Doch was ist Inflation eigentlich?

Inflation misst die Geschwindigkeit von Preissteigerungen, nicht deren Höhe. Diese Differenzierung ist kein akademischer Luxus, sie ist politisch zentral. Eine sinkende Inflationsrate bedeutet lediglich, dass alles langsamer teurer wird als zuvor. Sie sagt nichts darüber aus, ob sich Menschen wieder mehr leisten können. Sie sagt nichts darüber aus, ob der Monat am 30., 25. oder eben schon am 10. endet.

Trotzdem wird diese Kennzahl derzeit wie ein wirtschaftspolitischer Befreiungsschlag gefeiert. Als hätte man das Problem gelöst, weil der Zeiger sich bewegt hat. Als wäre ökonomische Realität eine Frage der richtigen Kurve im Diagramm.

Das eigentliche Problem liegt längst woanders: Die Inflation ist nicht mehr der Haupttreiber der Belastung. Es sind strukturell hohe Preise, die sich verfestigt haben. Lebensmittelkonzerne senken ihre Preise nicht, weil sie es nicht müssen. Energie bleibt teuer, weil politische Fehlentscheidungen und Abhängigkeiten nicht einfach verschwinden. Mieten explodieren weiter, weil Angebot und Regulierung seit Jahren auseinanderlaufen.

Alles wird teurer. Nur die Ausreden werden immer billiger.

Das alles hat mit der aktuellen Inflationsrate nur noch am Rande zu tun. Wer hier weiterhin Ursache und Wirkung verwechselt, betreibt politische Beruhigung, keine Analyse und erst recht kein Gegensteuern.

Ich schreibe das aus einer privilegierten Position. Ich habe ein gutes Auskommen, einen guten familiären Hintergrund, finanzielle Sicherheit. Ich stehe nicht vor dem Regal und rechne, was liegen bleiben muss. Verzicht ist mir fremd, nicht aus Ignoranz, sondern aus Glück. Genau deshalb ist diese Diskrepanz so offensichtlich. Wenn selbst jemand, der nicht verzichten muss, merkt, wie absurd diese Erfolgsmeldungen klingen, dann läuft politisch etwas grundlegend schief.

Was muss es dann bedeuten für jene, bei denen jede Preiserhöhung realen Verzicht erzwingt? Für Haushalte, bei denen nicht die Urlaubsplanung, sondern der Wocheneinkauf zur Belastungsprobe wird. Für Menschen, die nicht fragen, ob sie sparen wollen, sondern wo sie sparen müssen?

Die Soziale Frage gibt es heute im Sonderangebot

Das ist keine Frage von sozialer Gerechtigkeit im moralischen Sinne. Es ist eine Frage politischer Durchsetzungskraft, von Ordnungspolitik und von der Bereitschaft, sich mit Marktmacht auseinanderzusetzen, statt sich hinter Statistik zu verstecken.

Wenn Lebensmittelpreise hoch bleiben, obwohl Kosten sinken, ist das kein funktionierender Markt. Wenn Energiepreise dauerhaft belasten, obwohl Entlastung versprochen wurde, ist das kein Naturgesetz. Wenn Lebenshaltungskosten steigen, während politische Akteure Entwarnung geben, dann ist das kein Missverständnis, sondern ein kalkulierter Perspektivwechsel.

Inflation und Lebenshaltungskosten werden inzwischen bewusst miteinander vermischt, weil es bequem ist: Die eine Zahl sieht gut aus, das andere Thema ist unerquicklich. Also feiert man die Statistik und ignoriert den Alltag. Politisch mag das zwar kurzfristig funktionieren, ökonomisch ist es mindestens fahrlässig und gesellschaftlich brandgefährlich.

Eine Regierung, die sich an sinkender Inflation berauscht, ohne die Preisrealität anzugehen, verwechselt Stabilisierung mit Lösung. Wer glaubt, Kaufkraft entstehe durch Pressemitteilungen, hat den Kontakt zur Lebenswirklichkeit verloren.

Die Menschen spüren keine Inflationsrate, sie spüren Preise und solange diese Wahrheit politisch nicht ernst genommen wird, bleibt jede Entwarnung nichts weiter als ein kurzer Moment an der Fußgängerampel. Beruhigend im Vorbeigehen, wirkungslos im Alltag.


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Mehr Arbeit? Dann bezahlt sie auch.

Warum Minijobs der wahre Skandal der Arbeitsdebatte sind.

Kommentar von Jens Baumanns

Der Wirtschaftsflügel der CDU wirkt dieser Tage wie ein Vorstandskreis, der versehentlich aus der klimatisierten Limousinenwelt stolpert und sich plötzlich – irritiert wie orientierungslos – in einer Fußgängerzone im Stadtbild der deutschen Lebensrealität wiederfindet.

Wie immer gilt hier: viel Meinung, wenig Kontakt zur Realität. Dort wird über „Teilzeitmentalität“ geklagt, als sei sie eine neue deutsche Unart, irgendwo zwischen Tiktok und Tempolimit. Als wären Menschen morgens aufgewacht und hätten im Kollektiv beschlossen, dem Bruttoinlandsprodukt aus purer Bequemlichkeit eins auszuwischen.

Diese Erzählung ist nicht nur falsch, sie ist bequem. Sie verschiebt Verantwortung von Strukturen auf Individuen. Sie macht aus einem Systemfehler eine Charakterfrage, wie ich in meinem Kommentar „Don’t hate the players, hate the game bereits festgehalten habe. Wer so argumentiert, braucht keine Analyse mehr, sondern nur noch einen moralischen Zeigefinger und davon hat die CDU-Spitze bekanntlich einen gut trainierten.

Die Mär der Arbeitsverweigerer in Teilzeit

Teilzeit fällt unter Generalverdacht, weil sie sich so herrlich einfach skandalisieren lässt: Man kann auf sie zeigen, man kann sie politisch verwursten, man kann sie als Chiffre für „zu wenig Fleiß“ missbrauchen. Praktisch. Nur leider lenkt das exakt von dem ab, was im Arbeitsmarkt wirklich schiefläuft: von den legalen Niedriglohn-Parallelwelten, die sich Deutschland seit Jahren leistet – und die man inzwischen sogar als „Flexibilität“ verkauft.

Minijobs sind dafür das perfekte Symbol: offiziell Arbeit, faktisch oft ein System zur Entwertung von Arbeit. Wer achtet eigentlich darauf, wie viele Tätigkeiten in diesem Land längst wie Vollzeit funktionieren, nur ohne Vollzeit-Lohn, ohne Perspektive, ohne Aufstieg? Wer will ernsthaft behaupten, das Problem seien Menschen, die ihre Stunden reduzieren, während andere in Minijob-Konstruktionen festhängen, die weder eine vernünftige soziale Absicherung bieten noch ein echtes berufliches Fortkommen?

Der Wirtschaftsflügel der CDU redet über Arbeitsmoral, während der Arbeitsmarkt an vielen Stellen Arbeit wie Wegwerfware behandelt. Das ist die eigentliche Schieflage: Vollwertige Leistung wird mit halben Rechten und einem Hungerlohn abgegolten. Prekäre Beschäftigung ist keine Randnotiz mehr, sie ist für viele Branchen längst ein Geschäftsmodell. Die Gig-Economy mit ihren Ridern und Zustellern hat daraus sogar eine ästhetisch ansprechende App gemacht: „Sei dein eigener Chef“, lautet die Werbebotschaft. In Wahrheit heißt es: Trage das Risiko selbst, bezahle deine Absicherung selbst, plane deine Zukunft selbst – am besten ohne Zukunft.

Eine unbequeme Wahrheit

Hier liegt der Kern des Problems: Nicht die Menschen sind zu bequem, sondern ein Teil der Wirtschaft ist zu billig. Konzerne und Plattformen profitieren davon, dass der Staat Regeln zulässt, die reguläre Stellen verdrängen oder kleinrechnen. Das ist kein Naturgesetz, das ist politische Gestaltung – oder politisches Wegsehen. Wer dann ernsthaft Teilzeit verbieten oder einschränken will, bekämpft nicht Missbrauch, sondern Lebensrealität.

Besonders grotesk wird es beim Thema Alleinerziehende. Teilzeit ist dort keine Lifestyle-Entscheidung, sondern oft die einzige Möglichkeit, Arbeit und Betreuung überhaupt zusammenzubekommen. Wer diese Option diskreditiert, produziert nicht mehr Vollzeitkräfte, sondern mehr Abhängigkeit. Die Alternative zur Teilzeit ist für viele nicht „mehr Arbeit“, sondern „gar keine Arbeit“ – und das dürfte unserem Kanzler so gar nicht gefallen. Wer Menschen so aus der Erwerbstätigkeit drängt, darf sich anschließend den Sozialstaat nicht als Sündenbock zurechtlegen.

Der angebliche „Luxus“ Teilzeit ist im Vergleich zu Minijobs fast schon die Business-Class der Prekarität: wenigstens mit halbwegs nachvollziehbaren Arbeitszeiten, einem Vertrag, einer gewissen Planbarkeit. Minijobs hingegen sind oft die Holzklasse ohne Notausgang. Genau darüber müsste eine Partei reden, die vorgibt, die Mitte des Landes zu vertreten. Genau darüber müsste ein Wirtschaftsflügel reden, der sich „Leistung“ auf die Fahnen schreibt.

Leistung ist kein Verhaltensbefehl an Arbeitnehmer. Leistung entsteht dort, wo Arbeit sich lohnt, wo Aufstieg möglich ist, wo Qualifikation honoriert wird, wo Regeln fair sind. Wer den Menschen „mehr Arbeit“ predigt, während er ein System duldet, in dem Arbeit entwertet wird, verwechselt Marktwirtschaft mit Moralpredigt.

Die CDU wäre gut beraten, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: auf ein Arbeitsmarktmodell, das reguläre Beschäftigung stärkt statt sie auszuhöhlen. Auf Anreize, die Vollzeit attraktiv machen, statt Teilzeit zu dämonisieren. Auf Rahmenbedingungen, die Unternehmen belohnen, wenn sie fair bezahlen, statt sie zu ermutigen, Personal in Minijob-Schablonen zu pressen.

Wie wäre es mit einer kleinen Expedition?

Der CDU-Wirtschaftsflügel sollte dafür einmal den Elfenbeinturm verlassen. Ein Besuch in der Lebensrealität dieses Landes würde reichen: Supermarkt-Kasse, Paketzentrum, Pflege, Gastronomie, Lieferdienst, Reinigung, Einzelhandel. Dort wird nicht über „Teilzeitmentalität“ diskutiert. Dort wird gearbeitet. Oft hart, oft ohne Sicherheitsnetz und viel zu oft mit dem Gefühl, dass man zwar gebraucht wird – aber nicht ernst genommen.

Fazit

Wer diese Menschen politisch erreichen will, sollte aufhören, sie zu belehren. Wer wirtschaftspolitisch ernst genommen werden will, sollte aufhören, das falsche Problem zu bekämpfen. Der Skandal ist nicht, dass Menschen weniger arbeiten. Der eigentliche Skandal ist, dass dieses Land Arbeit so organisiert, dass sich Arbeit für zu viele nur noch begrenzt lohnt.


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Ein Turm für Hamburg

Zwischen Verlust und Möglichkeit Konkretisierung eines Gedankenspiels

Kommentar von Jens Baumanns

Die Zifferblätter des 1963 errichteten Turmhelms gelten als markanteste Elemente des sonst eher nüchternen Baus. ©stadtraummensch, Jens Baumanns

Status quo – ein notwendiger Schritt

Zurzeit verdichtet sich die öffentliche Debatte auf einen Punkt: den notwendigen Abtrag des heutigen Turmhelms von St. Jacobi. Statik, Gewicht und die zunehmenden Schäden am mittelalterlichen Mauerwerk bestimmen den Ton. Diese Diskussion ist unvermeidlich, vor allem aber ist sie eines: richtig. Denn sie entscheidet über die Sicherung eines Bauwerks, das seit Jahrhunderten Teil dieser Stadt ist.

Gerade weil dieser Schritt unausweichlich ist, lohnt es sich jedoch, den Blick zu weiten. Wenn der Turmhelm ohnehin entfernt werden muss, stellt sich zwangsläufig die Frage, was danach kommt – und ob man diesen Moment allein als Verlust begreift oder auch als Möglichkeit, weiterzudenken.

Es geht mir dabei ausdrücklich nicht um vorschnelle Lösungen, sondern um das Öffnen eines Denkraums. Der Abtrag des Turmhelms ist nicht nur eine technische Maßnahme, sondern ein sprichwörtlicher Einschnitt, der erstmals seit Jahrzehnten erlaubt, grundsätzlich über den Turm von St. Jacobi nachzudenken. Über seine Zukunft, seine Rolle im Stadtbild und auch über das, was sich in seinem Inneren verbirgt.

Gerade dieser Blick nach innen eröffnet eine neue Perspektive. Der mittelalterliche Turmschaft ist kein leerer Körper, sondern ein Raum aus Ziegeln, Handwerkskunst und Geschichte. Bislang bleibt er funktional genutzt, aber kaum erfahrbar. Genau hier liegt ein bislang ungenutztes Potenzial.

Denkmalpflege – von der Verfestigung zur Entlastung

Der notwendige Abtrag des heutigen Turmhelms ist zweifellos ein drastischer Schritt, doch er ist vor allem eines: eine konsequente Lastreduktion. Über Jahrzehnte war das mittelalterliche Mauerwerk Belastungen ausgesetzt, für die es nie ausgelegt war. Die schwere Stahlbetonkonstruktion der Nachkriegszeit hat die historische Substanz dauerhaft geschädigt.

In der Denkmalpflege galt lange die Hoffnung, man könne solche Schäden durch Injektionen, Verpressungen oder andere verfestigende Maßnahmen beheben. Heute wird das deutlich kritischer gesehen. Solche Eingriffe sind häufig kaum reversibel, greifen tief in die historische Substanz ein und bergen materialchemische Risiken, die langfristig mehr Schaden als Nutzen verursachen können. Der Fokus zeitgenössischer Denkmalpflege liegt daher zunehmend auf Entlastung, Materialverträglichkeit und konstruktiver Trennung.

In diesem Licht erscheint die Entscheidung, den Turmhelm abzutragen, nicht als Kapitulation, sondern als Akt der Verantwortung. Sie setzt an der Ursache an – der übermäßigen Masse – und schützt damit das historische Mauerwerk nachhaltig. Zugleich entsteht jedoch eine sichtbare Lücke in der Hamburger Skyline.

Vielleicht liegt in dieser Debatte auch eine Ironie der Gegenwart: Während an anderen Stellen der Stadt sichtbar wird, dass Höhe allein noch keine Bedeutung schafft, erinnert St. Jacobi daran, dass Dauer, Substanz und Verantwortung die eigentlichen Maßstäbe von Architektur sind.

Die offene Frage – wie weiter?

Damit stellt sich unmittelbar die Frage nach dem Danach. Ein Turmstumpf mit einem bloßen Wetterdach mag kurzfristig notwendig sein, kann jedoch keine dauerhafte Antwort sein – weder für eine Hauptkirche noch für eine Stadt wie Hamburg, deren Türme seit Jahrhunderten identitätsstiftende Zeichen und Sinnbilder ihrer hanseatischen Geschichte sind.

In der jüngeren Vergangenheit wurden unterschiedliche technische Ansätze diskutiert, um den bestehenden Turmhelm zu halten: Zuganker, Stahlabspannungen, Lastabfänge oder ergänzende Stützkonstruktionen. Doch all diese Maßnahmen behandelten Symptome, nicht die Ursache. Solange der Turmhelm selbst zu schwer bleibt, kann das historische Mauerwerk nicht dauerhaft geschützt werden. Vor diesem Hintergrund ist der Abtrag schmerzhaft, aber bautechnisch konsequent.

Nun, da dieser Schritt unausweichlich ist und der Rückbau selbst eine enorme Aufgabe für sich darstellt, öffnet sich Raum für eine Vision.

Die Vision – der Turm im Turm

An diesem Punkt setzt meine Vision an: die Idee eines „Turms im Turm“.

Statt den Turm als statisches Monument zu begreifen, ließe er sich als begehbarer Geschichtsraum neu denken. Eine sanft geführte Rampe im Inneren begleitete die Besuchenden nach oben – vorbei an freigelegtem mittelalterlichem Mauerwerk, an Exponaten, Fragmenten und erklärenden Elementen zur Bau- und Stadtgeschichte. Geschichte würde hier nicht erklärt, sondern durch Bewegung, Raum und Material unmittelbar erfahrbar.

Bautechnisch bedeutete dies eine eigenständige innere Tragstruktur, die vollständig unabhängig vom historischen Mauerwerk funktionierte. Sie nähme künftig alle Lasten auf: die eines neuen, deutlich leichteren Turmhelms ebenso wie die nicht zu unterschätzenden dynamischen Belastungen des Glockenstuhls. Das mittelalterliche Mauerwerk würde von tragenden Aufgaben befreit und könnte als Hülle, Raum und historisches Zeugnis bestehen bleiben.

Die innere Struktur würde dabei mehrere Funktionen bündeln: tragen, entkoppeln und erschließen. In ihr könnte ein Aufzug geführt werden, der den Turm erstmals vollständig barrierefrei zugänglich machte. Ergänzend dazu ermöglichte die Rampe eine schrittweise Erschließung des Turminneren.

Entlang dieses Weges würde das Backsteinmauerwerk auf Augenhöhe erlebbar. Fragmente, Bauteile und Stücke aus dem Lapidarium der Baugeschichte würden räumlich integriert. Der Turm würde so selbst zum „vertikalen Lapidarium“ – zu einem begehbaren Narrativ seiner eigenen Geschichte.

So entstünde kein museales Abbild, sondern ein lebendiger Stadtraum in der Vertikalen: ein Ort, an dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbunden wären. Der Turm von St. Jacobi wäre nicht länger nur Silhouette, sondern Erlebnis-, Lernort und öffentlicher Raum zugleich.

Wiederaufbau als Fortschreibung

Auch ein möglicher Neubau des Turmhelms ließe sich unter diesen Voraussetzungen neu bewerten. Ein Aufbau nach historischem, neugotischem Vorbild wäre naheliegend – jedoch nicht als massiver Wiederaufbau, sondern als zeitgemäß interpretierte Rekonstruktion mit klarer Funktion.

Moderne Materialien, digitale Vermessung, präzise Vorfertigung, robotische Fertigung oder 3D-Druck würden heute leichte Konstruktionen ermöglichen, die historische Proportionen aufnehmen, ohne deren Gewicht zu reproduzieren. Handwerkliches Können würde dabei nicht ersetzt, sondern sinnvoll ergänzt.

Die verbleibenden Lasten eines neuen Turmhelms würden vollständig über die innere Stützkonstruktion abgefangen. Gleichzeitig bliebe auch die jüngste Baugeschichte sichtbar: Die markanten Zifferblätter des Nachkriegsbaus könnten integriert werden und die Zeitschichten miteinander verbinden.

Über Teilhabe, Nutzung und Tragfähigkeit

Ein so erschlossener Turm wäre nicht nur architektonisch, sondern auch gesellschaftlich ein Gewinn. St. Jacobi könnte zur ersten der fünf Hamburger Hauptkirchen werden, die vollständig und in vertikaler Gänze barrierefrei zugänglich wäre. Eine Aussichtsplattform auf dem Dach des historischen Turmsockels sowie eine weitere Plattform im neuen Turm eröffneten neue Perspektiven auf die Stadt. Ein moderater Eintritt – wie in vielen europäischen Kirchen selbstverständlich – könnte Betrieb, Pflege und Vermittlung langfristig unterstützen.

So entstünde aus einer notwendigen Maßnahme keine Lücke, sondern ein neuer Raum – im Turm und im Denken über ihn.


Die Case Study versteht sich als architektonisches Gedankenspiel: eine Vision für den Turm von St. Jacobi.


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Case Study | St. Jacobi – Hamburg

Architekturkonzept für den Turm von St. Jacobi

Ausgangslage

Der notwendige Abtrag des heutigen Turmhelms von St. Jacobi bildet den Ausgangspunkt dieses Entwurfs. Die Maßnahme dient dem Schutz des mittelalterlichen Ziegelmauerwerks und eröffnet zugleich die Möglichkeit, den Turm nicht nur statisch zu sichern, sondern räumlich, konstruktiv und kulturell neu zu denken.

Der hier aufgezeigte Entwurf versteht den Turm nicht ausschließlich als äußere Silhouette, sondern als architektonischen Raum, dessen inneres Potenzial bislang weitgehend ungenutzt ist.

Leitidee: Der Turm im Turm

Zentrales Element des Konzepts ist eine eigenständige innere Tragstruktur, die innerhalb des mittelalterlichen Backsteinturms errichtet wird. Diese neue Struktur übernimmt die Lasten eines künftigen Turmhelms und entlastet das historische Mauerwerk dauerhaft.

Alt und Neu bleiben dabei konstruktiv klar getrennt:
Der mittelalterliche Ziegelschaft bildet die raumprägende Hülle, während die neue innere Struktur als sichtbares, zeitgenössisches Tragwerk aus hellem Stahl und weißem Beton eingefügt wird. Die Trennung der Systeme ist bewusst ablesbar und bildet den gestalterischen Kern des Entwurfs.

Der Innenraum als architektonische Erfahrung

Der Turm besitzt einen nahezu quadratischen Grundriss, der als ruhige, klare Raumfigur erhalten bleibt. Innerhalb dieses Volumens entwickelt sich eine sanft ansteigende Rampe als primäres Erschließungselement. Sie ermöglicht einen langsamen, barrierearmen Aufstieg und folgt der vertikalen Logik des Turms. Die Rampe ist nicht nur Erschließung, sondern Erzählraum.

Entlang der Rampe bleibt das mittelalterliche Backsteinmauerwerk vollständig sichtbar: Ziegel, unregelmäßige Fugen, Reparaturspuren und Alterung erzählen von Jahrhunderten Baugeschichte. Das historische Material wird nicht verkleidet, sondern bewusst in Szene gesetzt.

Vertikales Lapidarium

In den Innenraum integriert ist ein vertikales Lapidarium. Fragmente, Steinmetzarbeiten, Maßwerkstücke und Bauteile aus unterschiedlichen Bauphasen werden entlang des Weges räumlich eingebunden. Der Turm wird so selbst zum Ausstellungsraum – nicht additiv, sondern integrativ.

Der Entwurf verzichtet bewusst auf museale Inszenierung. Die Geschichte des Bauwerks erschließt sich aus Material, Raum und Bewegung. Der Turm wird so selbst zum Museum seiner Geschichte:
kein additiver Ausstellungsraum, sondern ein gebautes Narrativ.

Konstruktion und Funktion

Die neue innere Struktur ist als leichtes, sichtbares, trianguläres Tragwerk ausgebildet. Schlanke Stahlstützen und Träger übernehmen Lasten und bilden zugleich das konstruktive Rückgrat des Entwurfs. Die neue innere Tragstruktur ist bewusst sichtbar ausgeführt.

Schlanke Stahlstützen, Träger und Verbände sowie Elemente aus hellem Beton bilden ein klares, zeitgenössisches Tragwerk, das sich deutlich vom historischen Backstein abhebt und kontrastiert.

Der Glockenstuhl wird in diese neue Struktur integriert, um das historische Mauerwerk von dynamischen Belastungen zu entlasten.

Ein Aufzug ergänzt die Rampe und ermöglicht eine vollständig barrierefreie Erschließung. Er führt zunächst zu einer Aussichtsplattform auf Höhe des historischen Turmsockels und darüber hinaus in den neu errichteten Turmhelm, der ebenfalls eine Plattform aufnimmt.

Wiederaufbau und Kontinuität

Der mögliche Neubau des Turmhelms folgt historischen Proportionen, wird jedoch mit zeitgemäßen Mitteln realisiert: digitale Vermessung, präzise Vorfertigung und leichte Konstruktionen sorgen für Substanzschonung und Dauerhaftigkeit.

Prägende Elemente der Nachkriegszeit, insbesondere die Zifferblätter, können bewusst in den Neubau integriert werden. Der Entwurf versteht Wiederaufbau nicht als Rückgriff, sondern als Fortschreibung der Baugeschichte.

Atmosphärische Zielsetzung

Der Entwurf schafft einen ruhigen, kontemplativen Raum. Tageslicht fällt von oben in den Turm und verstärkt die vertikale Wirkung. Der Kontrast zwischen schwerem, historischem Backstein und leichter, moderner Konstruktion bleibt jederzeit spürbar.

Der Turm wird so nicht nur wieder sichtbar, sondern erlebbar – als Raum, als Geschichte und als zeitgenössische architektonische Vision.

Moodboard und Entwurfsideen

Disclaimer

Die dargestellten Bilder wurden mithilfe von KI-gestützter Bildgenerierung (Midjourney) erzeugt und verstehen sich als visuelle Gedankenstützen innerhalb einer architektonischen Vision. Sie dienen der atmosphärischen und konzeptionellen Veranschaulichung und ersetzen keine planerische oder technische Ausarbeitung. Das zugrunde liegende Konzept sowie sämtliche Inhalte dieser Seite unterliegen dem Urheberrecht.

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© Konzeption: Jens Baumanns

Don’t hate the players, hate the game

Wenn Mehrarbeit bestraft wird, darf sich niemand über Teilzeit wundern.

Kommentar von Jens Baumanns

Die CDU wirkt dieser Tage wie eine Partei, die den Kontakt zu zwei ihrer zentralen Grundlagen verloren hat: zum Wähler – bereits seit geraumer Zeit – und zum Verständnis dafür, wie Arbeit in einer modernen Volkswirtschaft tatsächlich funktioniert. Was als wirtschaftspolitische Klartextrede daherkommt, wie aus dem Strategiepapier einer Arbeitgeber-Tagungs-Agenda, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als moralischer Appell mit auffallend, entscheidenden analytischen Leerstellen. Kritisiert wird individuelles Verhalten, nicht das System, das dieses Verhalten erst hervorbringt.

Spätestens seit den Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz im schweizerischen Davos ist diese Schieflage offenkundig. Der Vergleich der deutschen Arbeitsleistung mit jener des Gastgeberlandes mag statistisch nicht falsch sein, politisch ist er dennoch unerquicklich. Wer sich an der Schweiz orientiert, muss den Mut haben, mehr zu vergleichen als bloße Arbeitsstunden. So berechtigt Teile seiner Analyse sein mögen, reiht sich auch diese Aussage nahtlos in die Serie der Merz’schen Fettnäpfchen ein: pointiert formuliert, kommunikativ unvollständig und ohne den notwendigen erklärenden Zusatz, der Einordnung leisten würde. Statt Klarheit zu schaffen, überlässt der Kanzler die Deutung dem Skandal – und liefert ihm damit die Bühne gleich mit.

Doch lassen Sie es mich für Sie differenzieren, Herr Bundeskanzler: Die Schweiz ist kein Hochleistungsland aus kultureller Disziplin oder besonderem Arbeitsethos. Sie ist ein Land mit geringerer Abgabenlast auf Arbeit, höheren Nettoeinkommen und einem System, in dem zusätzliche Leistung spürbar beim Einzelnen ankommt. Mehr Arbeit führt dort zu mehr verfügbarem Einkommen. In Deutschland hingegen wird Mehrarbeit fiskalisch abgeschöpft, bis sie kaum noch Anreiz entfaltet. Leistung verpufft zwischen Steuern, Abgaben und Sozialbeiträgen, während die politische Debatte sich an der Moral der Arbeitnehmer abarbeitet.

Unter diesen Bedingungen ist Zurückhaltung kein Ausdruck von Bequemlichkeit, sondern von Rationalität. Wer erlebt, dass ein erheblicher Teil zusätzlicher Arbeit direkt verschwindet, trifft keine Charakterentscheidung, sondern eine nüchterne Kosten-Nutzen-Abwägung. Das Problem liegt nicht beim Arbeitnehmer, sondern bei den Spielregeln.

Genau hier verfehlt die CDU (wieder einmal) den Kern: Sie spricht über Arbeitsmoral, obwohl es um Arbeitsanreize geht. Sie fordert mehr Einsatz, ohne das System zu verändern, das diesen Einsatz entwertet. Wer so argumentiert, betreibt keine Wirtschaftspolitik, sondern ersetzt Strukturreformen durch Appelle.

Hinzu kommt ein überholtes Arbeitsverständnis: Mehr Arbeitszeit bedeutet nicht automatisch mehr Leistung. Produktivität ist nämlich kein lineares Stundenkonto, auch wenn das in der CDU niemand begreifen möchte. Sie entsteht aus Effizienz, Qualifikation, Motivation und funktionierenden Rahmenbedingungen. Wer glaubt, wirtschaftliche Dynamik lasse sich per Anwesenheitsnachweis erzwingen, hat moderne Wertschöpfung nicht verstanden.

Besonders grotesk wird diese Denkweise jedoch nun erst in der aktuellen Teilzeitdebatte. Erst hält Merz den Deutschen vor, sie seien zu oft krank. Danach wirft er ihnen vor, sie arbeiteten zu wenig. Schließlich gerät auch noch Teilzeit unter Generalverdacht. Dabei bleibt eine unbequeme Wahrheit außen vor: Teilzeit ist in vielen Fällen steuerlich attraktiver als Vollzeit – nicht, weil Menschen das System unterlaufen wollen, sondern weil der Staat genau diese Anreize gesetzt hat.

Wer Vollzeit entwertet und Teilzeit relativ begünstigt, produziert genau das Verhalten, das er anschließend beklagt. Daraus eine moralische Debatte zu machen, ist bequem, aber ein Trugschluss. Die Verantwortung liegt nicht beim Einzelnen, sondern beim System:
Don’t hate the players, hate the game.

Von unterschiedlichen Lebensrealitäten und alten Problemen

Dieses System lässt sich ohnehin nicht verallgemeinern. Lebensrealitäten sind unterschiedlich und verlangen unterschiedliche Modelle. Gerade Familien haben sich bewusst für Konstellationen entschieden, in denen ein Elternteil in Teilzeit arbeitet. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Notwendigkeit. Kinder betreuen sich nicht selbst.

Wenn beide Elternteile Vollzeit arbeiten sollen, braucht es verlässliche, qualitativ hochwertige Kinderbetreuung. Genau hier versagt der Staat seit Jahren. Kitas fehlen, Betreuung ist unzuverlässig, Ganztagsangebote bleiben Stückwerk. Mehr Arbeit zu fordern, ohne diese Voraussetzungen zu schaffen, ist politisch bequem, aber praktisch realitätsfern.

Die Alternative wäre, auf Kinder zu verzichten, um maximale Produktivität zu erreichen. Das mag betriebswirtschaftlich schlüssig wirken, ist gesellschaftlich jedoch fatal. Ein Land ohne Kinder produziert zwar kurzfristig Arbeitsstunden, langfristig aber auch keine Beitragszahler. Ein ohnehin marodes Rentensystem würde endgültig kollabieren.

Ein Vorschlag zur Güte

Man könnte den Bogen dieses Gedankengangs nun konsequent zu Ende spannen und – ganz im Sinne einer rein ökonomischen Verwertungslogik – vorschlagen, Kinderarbeit wieder einzuführen. Schließlich handelt es sich dabei um die wohl unproduktivste Gruppe unserer Gesellschaft, noch vor den Bürgergeldempfängern, versteht sich, um im vertrauten CDU-Jargon zu bleiben. Ein enormes, bislang ungenutztes Arbeitskräftepotenzial, das täglich wertvolle Zeit in maroden Schulen, ausgelasteten Kitas und auf Stadtbild-prägenden Spielplätzen vergeudet.

Ganz nebenbei ließen sich damit gleich mehrere Probleme lösen: mehr Beitragsjahre für ein ohnehin marodes Rentensystem und eine spürbare Entlastung bei der Kinderbetreuung. Die Bärengruppe könnte endlich ihren Beitrag zur Infrastruktur leisten, Bahnschwellen montieren und Schotter bewegen – altersgerecht natürlich, mit Schippchen. Morgen sind dann die Tiger dran.
Ironie off.

Gerade diese Absurdität zeigt, wohin eine Debatte führt, die Arbeit ausschließlich über Stunden, Produktivität ausschließlich über Anwesenheit und Gesellschaft ausschließlich über Statistiken definiert. Wer jedes Lebensmodell dem gleichen ökonomischen Maßstab unterwirft, landet zwangsläufig bei Forderungen, die rechnerisch sauber, gesellschaftlich jedoch grotesk sind.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Leistung, Einsatz und Verantwortung Voraussetzungen von Wohlstand sind, aber Leistung muss sich lohnen und genau daran scheitert dieses System zunehmend.

Man muss nicht links sein, um zu erkennen, wem diese Rahmenbedingungen nützen: dem Staat, der sich über steigende Abgaben einen immer größeren Anteil der Arbeitseinkommen sichert, und jenen, die nicht von Arbeit leben müssen, sondern von Kapital, Besitz und Erbschaften. Wer arbeitet, wird belastet. Wer vererbt, wird geschont. Eine Leistungsgesellschaft, in der Arbeit stärker besteuert wird als Besitz, erzeugt Frustration statt Motivation.

Fazit

Wer es wirklich ernst meint mit Arbeit, Leistung und Verantwortung, muss deshalb dort ansetzen, wo politische Steuerung tatsächlich wirkt: bei den Rahmenbedingungen. Eine leistungsorientierte Gesellschaft entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Anreize. Sie entsteht dort, wo Mehrarbeit nicht bestraft, sondern belohnt wird, wo Produktivität nicht moralisch eingefordert, sondern strukturell ermöglicht wird.

Dazu gehört eine Abgaben- und Steuerpolitik, die Arbeit nicht systematisch entwertet. Dazu gehört eine Sozialpolitik, die Erwerbsarbeit nicht schlechter stellt als ihren Verzicht. Dazu gehört eine Familien- und Betreuungspolitik, die Lebensrealitäten anerkennt, statt sie ideologisch zu normieren. Wer Vollzeit fordert, muss Betreuung liefern. Wer mehr Leistung will, muss sie messbar honorieren.

Solange Politik diese Zusammenhänge ignoriert, bleibt die Debatte über Arbeitsmoral eine Scheindebatte. Sie verlagert Verantwortung vom System auf den Einzelnen und ersetzt Reformen durch Rhetorik. Das mag kurzfristig Applaus bringen, löst aber kein einziges strukturelles Problem.

Am Ende gilt eine einfache Wahrheit: Menschen reagieren rational auf die Spielregeln, die man ihnen vorgibt. Wer andere Ergebnisse will, muss andere Regeln schaffen. Alles andere ist keine Wirtschaftspolitik, sondern Wunschdenken.


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Hamburg, Stadt der Türme

– und dann ist da noch St. Jacobi.

Kommentar von Jens Baumanns

©stadtraummensch, Jens Baumanns

Hamburg ist eine Stadt der Türme: Wer über die Dächer blickt, sieht nicht nur Wahrzeichen, Landmarken, sondern auch Geschichte, in Stein: die Türme der fünf Hamburger Hauptkirchen – St. Petri, St. Nikolai, St. Katharinen, St. Michaelis (der wohl bekannteste im Bunde, weithin kurz als „Michel“ bekannt) und St. Jacobi.

St. Nikolai ist dabei ein besonderer Fall: Der Turm und die Ruine sind als Mahnmal eine bleibende Warnung vor den Folgen des Krieges – und diese Mahnung wirkt, in den turbulenten Zeiten wie derzeit, wichtiger denn je. Dennoch bleibt der stehengebliebene Turm ein starkes Zeichen im Stadtbild.

Und dennoch – wenn ich ehrlich bin – passiert mir etwas Merkwürdiges: Ich zähle innerlich „Petri, Michel, Katharinen, Nikolai …“ und dann kommt dieser Moment, in dem ich kurz stocke. „Da ist doch noch diese eine Kirche.“ Eine Hauptkirche sogar. Der Name fällt mir nicht sofort ein, obwohl er eigentlich selbstverständlich sein müsste: St. Jacobi. Vielleicht, weil ihr heutiger Turmhelm so deutlich aus der vertrauten Reihe herausfällt und genau dieses persönliche „Vergessen“ ist für mich ein Hinweis darauf, wie stark Architektur unser Stadtbild – vor allem unser inneres Stadtbild – prägt.

Nun steht St. Jacobi vor einer sprichwörtlichen Zäsur: einem Einschnitt, der buchstäblich ein „Kappen“ sein wird. Denn nach aktueller Planung beginnt der Abbau des heutigen Turmhelms bereits in zwei Jahren. Grund ist nicht Laune oder Geschmack, sondern Statik und Substanz: Die schwere Stahlbeton-Konstruktion der Nachkriegszeit belastet den mittelalterlichen Turmschaft so stark, dass es zu massiven Schäden am Mauerwerk gekommen ist. Der Abtrag ist notwendig, um die historische Substanz zu bewahren.

Das ist bedauerlich, denn auch dieser Turmhelm ist Teil der Biografie der Stadt geworden und hat Hamburgs Skyline über Jahrzehnte geprägt. Vielleicht ist es eine Ironie der Wahrnehmung, dass man seine Existenz kaum noch hinterfragt – bis man ihm ausgerechnet in Bielefeld begegnet. Dort steht ein nahezu baugleicher Turmhelm, an einem Ort, über den man gerne behauptet, es gebe ihn gar nicht.

Mir ist dabei wichtig, ausdrücklich festzuhalten: Ich will die Architektur und ihre Entscheidungen der Nachkriegszeit nicht verunglimpfen. Vieles war getragen von Aufbruch, Notwendigkeit, Pragmatismus und oft von dem ehrlichen Wunsch, überhaupt wieder aufzubauen.

Es lohnt sich aber auch ein zweiter Gedanke: „Gut gemeint“ ist nicht automatisch „gut für die Substanz.“ St. Jacobi zeigt exemplarisch, dass Ergänzungen, die in ihrer Zeit plausibel wirkten, langfristig an Grenzen stoßen können – technisch, konstruktiv und materialverträglich.

Genau hier eröffnet sich – trotz allem Schmerz des Verlustes – eine einmalige Gelegenheit:

Wenn ein Turmhelm ohnehin abgetragen werden muss, entsteht ein seltener Moment, in dem nicht nur repariert, sondern neu entschieden werden kann: Wie soll St. Jacobi künftig erscheinen? Wird es bei einem reinen Wetterschutz bleiben – oder nutzen wir die Gelegenheit, über eine historische Rekonstruktion ernsthaft nachzudenken? Dass derzeit zunächst nur ein Wetterschutzdach vorgesehen ist, zeigt: Diese Frage ist offen und damit verhandelbar.

Eine Rekonstruktion wäre dabei kein Rückwärtsgang, sondern eine verantwortungsvolle Verbindung aus historischer Gestalt und heutigem Wissen. Baustoffe, Techniken, statische Konzepte, Materialverständnis und Denkmalpflege haben sich seit der Nachkriegszeit fundamental weiterentwickelt. Was früher als „robust“ galt, kann man heute differenzierter und oft substanzschonender lösen. Gerade deshalb ist die Vorstellung überzeugend, eine historische Form nicht als bloße Kopie, sondern als präzise, zeitgemäß konstruierte Wiedergewinnung zu verstehen.

Vielleicht ist es am Ende genau das, was St. Jacobi braucht: nicht mehr „die Kirche mit dem Turm, der irgendwie anders ist“, sondern wieder ein Turm, der selbstverständlich in Hamburgs Reihe der Hauptkirchen steht und den man nicht mehr vergisst, wenn man die Türme dieser Stadt im Kopf aufzählt.

Diese Zäsur kommt so oder so. Die Frage ist nur, ob Hamburg sie als reine Notwendigkeit behandelt – oder als Gelegenheit, St. Jacobi im Stadtbild wieder den Platz zu geben, der ihr seit Jahrhunderten zusteht.

KI-generiertes Bildmaterial einer möglichen Rekonstruktion nach historischem Vorbild.

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Wer hat Schuld am Aufstieg der AfD?

Eine Analyse ohne Pathos, aber mit Verantwortung

Kommentar von Jens Baumanns


Autorenbemerkung: Am 9. Mai 2025 ist Margot Friedländer im Alter von 103 Jahren verstorben. Dieser Kommentar war unabhängig davon geplant – doch ihre Haltung, ihr Appell an Vernunft und Menschlichkeit, verdienen gerade in diesen Tagen mehr Aufmerksamkeit denn je.


Gestern, am 9. Mai 2025, ist Margot Friedländer im Alter von 103 Jahren gestorben. Sie war eine der letzten Überlebenden der Schoah – und eine der wenigen, die der deutschen Gesellschaft bis zuletzt nicht mit Anklage, sondern mit Appell begegnete. Ihre Worte zielten nie auf Schuldzuweisung, sondern auf Verantwortung. Nie auf Ausgrenzung, sondern auf Menschlichkeit.

Gerade in einer Zeit, in der sich der politische Diskurs zunehmend in Empörung verliert und die Polarisierung schneller wächst als die Problemlösung, sind ihre Worte mehr als ein moralischer Hinweis: Sie sind Maßstab.

Der folgende Kommentar versucht nicht, Margot Friedländers Botschaft zu interpretieren. Aber er steht im Wissen darum, dass politische Analyse nicht genügt, wenn sie sich nicht an einem Grundsatz orientiert: Anständige Gesellschaften beginnen dort, wo Menschen einander nicht abschreiben – sondern zuhören. Nur so können wir verhindern, dass sich die Vergangenheit wiederholt.


Es ist eine dieser Fragen, die in politischen Talkshows gern aufgeworfen, aber selten ernsthaft beantwortet werden: Wer trägt die Verantwortung für den Aufstieg der AfD? Die reflexhafte Antwort lautet: „die anderen“. Die Grünen, weil sie zu belehrend sind. Die CDU, weil sie zu angepasst ist. Die Medien, weil sie zu viel berichten – oder zu wenig differenzieren. Auch „der Osten“ muss oft herhalten, als wäre dort ein demokratischer Sonderfall ausgebrochen. Doch der eigentliche Befund liegt tiefer – und unbequemer.

Die AfD ist nicht trotz, sondern wegen des Zustands der etablierten Politik so stark geworden. Sie ist das Produkt eines systemischen Defizits – nicht dessen Ursache.

Eine Republik auf Verschleiß – das materielle Fundament bröckelt

Zunächst zur Realität, die sich nicht mehr übersehen lässt: Der physische Zustand der Bundesrepublik ist ein Spiegel ihres politischen. Brücken sind marode und kollabieren, die Deutsche Bahn schreibt Rekorde, aber in Entschädigungszahlungen, Schulgebäude verfallen. Die Versäumnisse sind nicht neu, sie summieren sich. Jahrzehntelang wurden Innovationen durch Bestandsverwaltung ersetzt – ein Betriebsmodus, der gut funktioniert, solange nichts Außergewöhnliches passiert. Doch nun trifft der Normalbetrieb auf eine Gleichzeitigkeit multipler Krisen – Migration, Inflation, Krieg, Klimawandel – und plötzlich wird sichtbar, wie wenig dieses Land auf Belastung ausgelegt ist.

Der Verfall der Infrastruktur ist keine Metapher, sondern politischer Alltag. Wer erlebt, dass der Staat weder zuverlässig organisiert noch zeitnah reagiert, verliert das Vertrauen – nicht nur in Institutionen, sondern in deren Vertreter. Besonders dann, wenn zugleich immer weniger im eigenen Portemonnaie ankommt, während der Staat sich zur Hälfte am Einkommen bedient – aber nur noch ein Viertel davon sichtbar funktioniert.

Die Verschiebung des politischen Koordinatensystems – oder: Wie sich die Mitte plötzlich rechts wiederfand

Parallel dazu hat sich das politische Koordinatensystem nach links verschoben – nicht, weil rechte Kräfte stärker geworden wären, sondern weil die klassischen Volksparteien sich aus Unsicherheit selbst entkernt haben. Lange wurde versucht, gesellschaftliche Konfliktthemen durch semantische Befriedung zu entschärfen: Migration wurde zu „Vielfalt“, wirtschaftlicher Strukturwandel zu „Transformation“, Energieunsicherheit zu „Herausforderung“. Die reale Zumutung verschwand jedoch nicht – sie wurde lediglich sprachlich verbrämt.

In dieser Gemengelage wurde jeder Versuch, Probleme offen zu benennen, moralisch problematisiert. Wer über Kontrollverlust an den Grenzen sprach, war schnell „rechtsoffen“. Wer den sozialen Sprengstoff von Parallelgesellschaften thematisierte, wurde als „populistisch“ etikettiert.

Wer die AfD vermeiden will, muss sich mit genau diesen Themen sachlich auseinandersetzen – nicht mit dem Sprechzettel der Empörung, sondern mit nüchternem Realitätssinn. Kein Wunder, dass sich der Konservatismus ein neues Zuhause suchte – und leider ausgerechnet bei denen fand, wo Heimat nicht als Verantwortung, sondern als Abgrenzung verstanden wird.

Die politische Entkopplung – wenn Verwaltung an Repräsentation scheitert

Viele Bürger erleben die Politik nicht mehr als gestaltende Kraft, sondern als ritualisierter Selbstzweck. Es geht nicht mehr um Richtungsentscheidungen, sondern um Prozesspflege. Der Eindruck, dass der Staat in entscheidenden Fragen nicht mehr handlungsfähig ist, hat sich tief verfestigt. Migration, Energiepreise, Bildung, Infrastruktur, innere Sicherheit – allesamt Themen, in denen seit Jahren über Konzepte gesprochen wird, ohne dass sich strukturell etwas verbessert.

Der Wunsch nach einer anderen Politik ist da – und er ist legitim. Die AfD gelingt es, ihn kommunikativ zu besetzen, auch wenn sie politisch dafür nicht qualifiziert ist. Dass sie dennoch so viele Stimmen auf sich vereint, ist kein Beleg für deren Radikalisierung, sondern für die Kapitulation der übrigen Parteien vor den eigenen Versäumnissen.

Die fatale Gleichsetzung von Kritik und Gesinnung

Hinzu kommt: Der öffentliche Diskurs hat sich in eine Sackgasse manövriert, in der Kritik an Regierungshandeln regelmäßig als Indikator fragwürdiger Gesinnung gelesen wird. Die moralische Formatierung des Diskurses – stets mit dem Verweis auf „Haltung“ und „Demokratie“ – führt paradoxerweise zu deren Aushöhlung. Eine Demokratie lebt nicht von Einigkeit, sondern von Widerspruchsfähigkeit. Doch wer den Eindruck vermittelt, dass jede Kritik an Migrationspolitik oder Energiepolitik ein Einstieg in den Rechtsextremismus sei, darf sich über Polarisierung nicht wundern.

In einer solchen Atmosphäre ist es fast zwangsläufig, dass eine Partei wie die AfD als Katalysator wirkt: nicht, weil sie besonders überzeugend wäre – sondern weil sie in einem diskursiv versperrten Raum schlicht die verbliebene Ausdrucksform des Protests ist.

Gesellschaftliche Sättigung – Wohlstand ohne Richtung

Ein weiterer Aspekt, der kaum thematisiert wird: Deutschland befindet sich, bei allen aktuellen Krisen, weiterhin in einer langen Wohlstandsphase, obgleich der sich zuspitzenden ungleichen Vermögensverteilung. Doch Sättigung erzeugt keinen politischen Konsens, sondern Orientierungslosigkeit. In Schweden, in Finnland, in Dänemark zeigte sich das gleiche Phänomen: Je länger Stabilität währte, desto eher kippten Wähler aus Langeweile, Frustration oder schlichtem Überdruss ins Lager der Unzufriedenen.

Man will etwas anderes – nicht, weil man weiß, was man will, sondern weil man sich vom Status quo nichts mehr verspricht. Die politische Ordnung erscheint vielen als starr, technokratisch und unbeteiligt. In dieser Leerstelle wächst der Wunsch nach klaren Identitäten – und der Rückzug ins Nationale ist dabei kein Ausnahmephänomen, sondern historisch das Regelverhalten von Gesellschaften in Überforderungslagen.

Fazit: Die AfD ist kein Unfall, sondern die Quittung

Wer also wissen will, wer die AfD groß gemacht hat, sollte nicht nur nach Chemnitz oder Cottbus schauen – sondern nach Berlin-Mitte. In die Parteizentralen, in die Redaktionsräume, in die Selbstgewissheit des politischen Betriebes. Die AfD ist nicht die Ursache, sie ist die Konsequenz. Sie ist nicht der Riss – sie ist das Echo.

Wer sie klein halten will, muss aufhören, sie groß zu reden – und anfangen, wieder Politik zu machen, die diesen Namen verdient. Politik, die nicht belehrt, sondern erklärt. Die nicht symbolisiert, sondern strukturiert. Die Probleme löst – statt Empörung zu kultivieren. Denn der Vertrauensverlust ist nicht aus dem Nichts gekommen, er wurde sich redlich verdient.

Was es jetzt braucht, ist nicht noch mehr Aufregung, sondern mehr Aufrichtigkeit. Weniger Gegeneinander, mehr Miteinander; und vielleicht vor allem: mehr Margot Friedländer.

Ihr Aufruf zur Vernunft war kein Relikt vergangener Zeiten, sondern eine Einladung an uns alle, das Gespräch nicht aufzugeben – über Differenzen hinweg, im Sinne des Miteinanders. Ihr Vermächtnis verpflichtet. Es ist an uns, es fortzuführen.


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