– und dann ist da noch St. Jacobi.
Kommentar von Jens Baumanns


Hamburg ist eine Stadt der Türme: Wer über die Dächer blickt, sieht nicht nur Wahrzeichen, Landmarken, sondern auch Geschichte, in Stein: die Türme der fünf Hamburger Hauptkirchen – St. Petri, St. Nikolai, St. Katharinen, St. Michaelis (der wohl bekannteste im Bunde, weithin kurz als „Michel“ bekannt) und St. Jacobi.
St. Nikolai ist dabei ein besonderer Fall: Der Turm und die Ruine sind als Mahnmal eine bleibende Warnung vor den Folgen des Krieges – und diese Mahnung wirkt, in den turbulenten Zeiten wie derzeit, wichtiger denn je. Dennoch bleibt der stehengebliebene Turm ein starkes Zeichen im Stadtbild.
Und dennoch – wenn ich ehrlich bin – passiert mir etwas Merkwürdiges: Ich zähle innerlich „Petri, Michel, Katharinen, Nikolai …“ und dann kommt dieser Moment, in dem ich kurz stocke. „Da ist doch noch diese eine Kirche.“ Eine Hauptkirche sogar. Der Name fällt mir nicht sofort ein, obwohl er eigentlich selbstverständlich sein müsste: St. Jacobi. Vielleicht, weil ihr heutiger Turmhelm so deutlich aus der vertrauten Reihe herausfällt und genau dieses persönliche „Vergessen“ ist für mich ein Hinweis darauf, wie stark Architektur unser Stadtbild – vor allem unser inneres Stadtbild – prägt.
Nun steht St. Jacobi vor einer sprichwörtlichen Zäsur: einem Einschnitt, der buchstäblich ein „Kappen“ sein wird. Denn nach aktueller Planung beginnt der Abbau des heutigen Turmhelms bereits in zwei Jahren. Grund ist nicht Laune oder Geschmack, sondern Statik und Substanz: Die schwere Stahlbeton-Konstruktion der Nachkriegszeit belastet den mittelalterlichen Turmschaft so stark, dass es zu massiven Schäden am Mauerwerk gekommen ist. Der Abtrag ist notwendig, um die historische Substanz zu bewahren.
Das ist bedauerlich, denn auch dieser Turmhelm ist Teil der Biografie der Stadt geworden und hat Hamburgs Skyline über Jahrzehnte geprägt. Vielleicht ist es eine Ironie der Wahrnehmung, dass man seine Existenz kaum noch hinterfragt – bis man ihm ausgerechnet in Bielefeld begegnet. Dort steht ein nahezu baugleicher Turmhelm, an einem Ort, über den man gerne behauptet, es gebe ihn gar nicht.
Mir ist dabei wichtig, ausdrücklich festzuhalten: Ich will die Architektur und ihre Entscheidungen der Nachkriegszeit nicht verunglimpfen. Vieles war getragen von Aufbruch, Notwendigkeit, Pragmatismus und oft von dem ehrlichen Wunsch, überhaupt wieder aufzubauen.
Es lohnt sich aber auch ein zweiter Gedanke: „Gut gemeint“ ist nicht automatisch „gut für die Substanz.“ St. Jacobi zeigt exemplarisch, dass Ergänzungen, die in ihrer Zeit plausibel wirkten, langfristig an Grenzen stoßen können – technisch, konstruktiv und materialverträglich.
Genau hier eröffnet sich – trotz allem Schmerz des Verlustes – eine einmalige Gelegenheit:
Wenn ein Turmhelm ohnehin abgetragen werden muss, entsteht ein seltener Moment, in dem nicht nur repariert, sondern neu entschieden werden kann: Wie soll St. Jacobi künftig erscheinen? Wird es bei einem reinen Wetterschutz bleiben – oder nutzen wir die Gelegenheit, über eine historische Rekonstruktion ernsthaft nachzudenken? Dass derzeit zunächst nur ein Wetterschutzdach vorgesehen ist, zeigt: Diese Frage ist offen und damit verhandelbar.
Eine Rekonstruktion wäre dabei kein Rückwärtsgang, sondern eine verantwortungsvolle Verbindung aus historischer Gestalt und heutigem Wissen. Baustoffe, Techniken, statische Konzepte, Materialverständnis und Denkmalpflege haben sich seit der Nachkriegszeit fundamental weiterentwickelt. Was früher als „robust“ galt, kann man heute differenzierter und oft substanzschonender lösen. Gerade deshalb ist die Vorstellung überzeugend, eine historische Form nicht als bloße Kopie, sondern als präzise, zeitgemäß konstruierte Wiedergewinnung zu verstehen.
Vielleicht ist es am Ende genau das, was St. Jacobi braucht: nicht mehr „die Kirche mit dem Turm, der irgendwie anders ist“, sondern wieder ein Turm, der selbstverständlich in Hamburgs Reihe der Hauptkirchen steht und den man nicht mehr vergisst, wenn man die Türme dieser Stadt im Kopf aufzählt.
Diese Zäsur kommt so oder so. Die Frage ist nur, ob Hamburg sie als reine Notwendigkeit behandelt – oder als Gelegenheit, St. Jacobi im Stadtbild wieder den Platz zu geben, der ihr seit Jahrhunderten zusteht.

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