Die Versuchung der Einheitsmeinung

Über die gefährliche Sehnsucht nach politischer Homogenität.

Kommentar von Jens Baumanns

Im Thalia Theater wurde im Rahmen der Lessingtage „Der Prozess gegen Deutschland“ inszeniert. Bereits der Titel ist programmatisch: Nicht eine konkrete Regierung, nicht ein einzelnes Gesetz, nicht eine politische Entscheidung steht zur Debatte – sondern das Land selbst. Deutschland als Angeklagter. Deutschland als moralisches Objekt.

Man kann das als künstlerische Provokation lesen oder auch als notwendige Selbstprüfung interpretieren. Bemerkenswert ist weniger die Inszenierung selbst als die Parallele zur politischen Realität. Denn auch außerhalb des Theaters hat sich der Ton verändert. Deutschland wird zunehmend nicht mehr politisch diskutiert, sondern moralisch bewertet. Angeklagt wird nicht eine Entscheidung, sondern eine Haltung. Kritisiert wird nicht ein Argument, sondern seine Existenz.

Parallel dazu flammt – wieder einmal – die Forderung nach einem Verbot der Alternative für Deutschland auf, begleitet von ritualisierten Demonstrationen, die eher Bekenntnisveranstaltungen als politische Debatten sind.

Aus meiner Haltung mache ich kein Geheimnis: Ich bin konservativ, mit klar national- und wirtschaftsliberalen Überzeugungen. Ich glaube an Eigenverantwortung statt staatlicher Bevormundung, an Ordnung statt moralischer Beliebigkeit, an nationale Souveränität im Rahmen europäischer Vernunft – und an die Freiheit des Individuums, auch und gerade dann, wenn sie unbequem ist.

Weder habe ich die AfD gewählt, noch teile ich ihr gesamtes Programm. Viele ihrer rhetorischen Eskalationen halte ich für politisch unklug, manche sogar für gefährlich.

Auch, dass sie Themen aufgreift, die konservative oder nationalliberale Bürger bewegen, macht sie weder unangreifbar noch zur einzig legitimen Vertreterin dieser Anliegen. Es zeigt jedoch, dass bestimmte Fragen real sind: Fragen nach Ausländerkriminalität, nach Überfremdung, nach sichtbaren Veränderungen in unserem Stadtbild verschwinden nicht dadurch, dass man sie moralisch missbilligt oder sprachlich tabuisiert. Über Jahre hinweg wurden sie von anderen Parteien marginalisiert, relativiert oder aus dem legitimen Diskurs verdrängt.

Politische Räume entstehen nicht im Vakuum. Wenn etablierte Kräfte bestimmte Problemwahrnehmungen nicht mehr aufgreifen, entsteht ein Repräsentationsdefizit. Dieses Defizit wird politisch gefüllt. Das erklärt den Erfolg einer Partei – es rechtfertigt ihn nicht automatisch.

Ich verteidige die AfD daher nicht aus inhaltlicher Gefolgschaft, sondern aus ordnungspolitischem Prinzip: Politische Fragen müssen politisch beantwortet werden – nicht durch moralische Ausgrenzung oder juristische Eliminierung.

Demokratie ist kein Wunschkonzert und erst recht keine Veranstaltung zur moralischen Selbstvergewisserung. Sie ist ein Verfahren, ein Mechanismus zur Austragung von Konflikten. Sie institutionalisiert Gegensätze, statt sie zu tilgen. Sie lebt nicht von Einigkeit, sondern von Spannungsverhältnissen.

Demokratie beruht nicht auf Harmonie, sondern auf Polarität

Tag und Nacht stehen nicht im Widerspruch – sie bedingen einander. Erst im Wechsel entsteht Rhythmus. Erst im Gegensatz entsteht Orientierung. Würde es nur Tag geben, verlöre der Begriff seine Bedeutung. Würde es nur Nacht geben, gäbe es keinen Maßstab für Licht.

Genauso verhält es sich mit den politischen Grundmechaniken. Rechts und links sind keine zufälligen Parteietiketten. Sie sind historische Strukturbegriffe politischer Ordnung. Sie markieren unterschiedliche Wertprioritäten, unterschiedliche Risikoabwägungen, unterschiedliche Vorstellungen von Staat, Gesellschaft und Freiheit.

Das Rechte artikuliert Fragen nach Identität, Ordnung, Kontinuität und Souveränität.
Das Linke formuliert Impulse von Gleichheit, sozialer Gerechtigkeit und Veränderung.

Beide Perspektiven erfüllen Funktionen, beide begrenzen und korrigieren einander:
Ohne rechts kein Korrektiv gegen entgrenzte Utopien.
Ohne links kein Gegengewicht zu erstarrter Bewahrung – und ohne diese Spannung gibt es keine Mitte.

Die politische Mitte ist kein isolierter Raum. Sie entsteht aus dem Gleichgewicht der Kräfte. Sie ist das Resultat von Spannung, nicht deren Abwesenheit. Wer nun glaubt, einen dieser Pole beseitigen zu können, verkennt, dass er damit nicht nur eine Seite schwächt, sondern die Statik des gesamten Systems verschiebt.

Genau hier liegt das Problem der Verbotsdebatte. Sie folgt der Annahme, politische Fehlentwicklungen ließen sich juristisch eliminieren. Entfernt man den „Störfaktor“, so die Hoffnung, normalisiere sich das System. Das Gegenteil ist der Fall.

Konflikte verschwinden nicht, wenn man ihre parlamentarische Repräsentation verbietet. Sie verlagern sich in den außerinstitutionellen Raum – und dort verlieren sie die regulierende Kraft demokratischer Verfahren. Ein Verbot ersetzt Argumente nicht, es ersetzt sie durch Macht.

Demokratie bedeutet nicht, dass jede Position legitim oder richtig ist. Demokratie bedeutet, dass falsche Positionen politisch widerlegt werden müssen – nicht administrativ gelöscht. Der Kern der Demokratie ist Wahlfreiheit, nicht moralische Vorauswahl.

Wenn Millionen Bürger eine Partei wählen, kann man diese Entscheidung kritisieren, sie für falsch halten, argumentativ angreifen. Man kann sie jedoch nicht moralisch delegitimieren, ohne die Wähler selbst implizit zu entwerten. Genau hier beginnt die gefährliche Verschiebung: Aus politischer Gegnerschaft wird moralische Überlegenheit, aus Wettbewerb wird Tribunal, aus Argument wird Anklage.

Wer entscheidet künftig, welche politische Haltung noch zulässig ist?
Ein Verfassungsgericht? Eine moralische Mehrheit? Ein kultureller Konsens?

Heute mag es die AfD treffen. Morgen konservative Migrationskritik. Übermorgen wirtschaftsliberale Reformforderungen, die als „unsolidarisch“ etikettiert werden. Eine Demokratie, die beginnt, legitime politische Pole aus dem Spektrum zu entfernen, verliert ihr Korrektiv – und am Ende ihre Fähigkeit zur Selbstkorrektur.

Egal wie oft und vermeintlich laut man es auch zu wiederholen vermag: das rechte Spektrum ist kein Betriebsunfall, es erfüllt eine Funktion und es artikuliert reale Fragen – nach kultureller Identität, staatlicher Ordnung, nationaler Selbstbestimmung. Man kann diese Antworten ablehnen, man kann sie politisch bekämpfen, doch man kann die zugrunde liegenden Fragen nicht verbieten. Wer das versucht, hebt nicht nur eine Partei auf – er verschiebt Maßstäbe.

Der „Prozess gegen Deutschland“ steht sinnbildlich für eine politische Kultur, die glaubt, durch moralische Anklage Fortschritt zu demonstrieren. Doch Fortschritt entsteht nicht durch permanente Delegitimierung des eigenen Gemeinwesens, sondern durch stabile Spielregeln.

Ja, Demokratie ist anstrengend. Sie verlangt, Spannungen auszuhalten; sie verlangt, Argumente zu liefern statt blind Verbote zu fordern. Wer das Rechte abschaffen will, verändert nicht nur das Parteiensystem. Er verändert das Wesen des politischen Wettbewerbs selbst.

Wenn politische Auswahl durch moralische Selektion ersetzt wird, bleibt am Ende nur eine unbequeme Frage: Wie nennt man eine Ordnung, in der nur noch das gewählt werden darf, was zuvor als moralisch akzeptabel definiert wurde?


Am Ende votierte die Bürgerjury des Theaterprojekts mehrheitlich dafür, ein mögliches AfD-Verbot prüfen zu lassen und staatliche Finanzierungen zu hinterfragen – nicht jedoch für ein unmittelbares Verbot per Bannspruch. Selbst im moralisch aufgeladenen Bühnenraum blieb also die letzte Konsequenz aus. Man wollte prüfen, nicht verbannen. Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Pointe dieses Abends: Nicht Deutschland saß sinnbildlich auf der Anklagebank, sondern unser Verständnis von Demokratie.


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Die Inflationslüge

Warum die Statistik nicht an der Supermarktkasse zahlt

Kommentar von Jens Baumanns

Ende letzter Woche, als ich an der Ampel auf dem Weg ins Büro stoppen musste, blieb mein Blick an einem dieser urbanen Infoscreens hängen, die einem zwischen Rotphase und erster Ungeduld das Weltgeschehen in Schlagzeilen servieren.
Eine Tagesschau Kurzmeldung sprang mir unweigerlich ins Auge: Euro-Inflation auf tiefstem Stand seit 2021

Mein erster Gedanke war beinahe wohlig. Dieses kurze Gefühl von Entspannung, dieses reflexhafte „Ach, wie schön“, das sich einstellt, wenn Zahlen vermeintlich Entwarnung geben. Für einen Moment griff diese wohlbehütete Sicherheit, die politische Erfolgsmeldungen so gern erzeugen sollen. Alles scheint sich zu beruhigen, die Krise gezähmt, die Lage im Griff.

Dann kam der zweite Gedanke – und mit ihm die Ernüchterung.

[Denn wenn die Inflation wirklich niedrig ist, müssten Preise eigentlich fallen, nicht langsamer steigen, sondern sinken: Im Supermarkt, an der Tankstelle, auf der Stromrechnung. Ebendort, wo sich wirtschaftliche Realität entscheidet. Doch genau das passiert nicht. Die Lebenshaltungskosten sind auf einem Rekordhoch: die Einkaufszettel werden kürzer, die Summe auf dem Kassenzettel dafür immer größer.

In diesem Moment wurde klar: Wir reden über Zahlen, aber wir leben in Preisen.]

Nachtrag zum vorigen Abschnitt (kursiv): An dieser Stelle lohnt eine saubere Differenzierung: Eine niedrige Inflationsrate bedeutet nicht, dass Preise fallen. Das wäre Deflation. Eine sinkende Inflation heißt lediglich, dass sich die Geschwindigkeit der Preissteigerung verlangsamt. Doch genau darin liegt der Kern des Problems: Das Preisniveau selbst bleibt hoch. Für den Alltag der Menschen ist es unerheblich, ob etwas langsamer teurer wird – entscheidend ist, dass es nicht spürbar günstiger wird. Zwischen Preisdynamik und Preisniveau klafft inzwischen eine Lücke, die politisch gern übersehen wird, im Portemonnaie jedoch sehr real ist.

Die Deutschen und ihre Inflation

Inflation ist in Deutschland mehr als eine ökonomische Kennzahl. Sie ist ein kulturelles Trauma. Wir fürchten sie mehr als Kriege, Naturkatastrophen oder Migrationsbewegungen. Inflation gilt hierzulande als Urknall aller gesellschaftlichen Verwerfungen, als politischer Super-GAU. Kaum ein anderes Thema mobilisiert schneller, emotionaler, reflexhafter. Umso bemerkenswerter ist daher auch, wie leichtfertig heute mit diesem Begriff umgegangen wird.

Doch was ist Inflation eigentlich?

Inflation misst die Geschwindigkeit von Preissteigerungen, nicht deren Höhe. Diese Differenzierung ist kein akademischer Luxus, sie ist politisch zentral. Eine sinkende Inflationsrate bedeutet lediglich, dass alles langsamer teurer wird als zuvor. Sie sagt nichts darüber aus, ob sich Menschen wieder mehr leisten können. Sie sagt nichts darüber aus, ob der Monat am 30., 25. oder eben schon am 10. endet.

Trotzdem wird diese Kennzahl derzeit wie ein wirtschaftspolitischer Befreiungsschlag gefeiert. Als hätte man das Problem gelöst, weil der Zeiger sich bewegt hat. Als wäre ökonomische Realität eine Frage der richtigen Kurve im Diagramm.

Das eigentliche Problem liegt längst woanders: Die Inflation ist nicht mehr der Haupttreiber der Belastung. Es sind strukturell hohe Preise, die sich verfestigt haben. Lebensmittelkonzerne senken ihre Preise nicht, weil sie es nicht müssen. Energie bleibt teuer, weil politische Fehlentscheidungen und Abhängigkeiten nicht einfach verschwinden. Mieten explodieren weiter, weil Angebot und Regulierung seit Jahren auseinanderlaufen.

Alles wird teurer. Nur die Ausreden werden immer billiger.

Das alles hat mit der aktuellen Inflationsrate nur noch am Rande zu tun. Wer hier weiterhin Ursache und Wirkung verwechselt, betreibt politische Beruhigung, keine Analyse und erst recht kein Gegensteuern.

Ich schreibe das aus einer privilegierten Position. Ich habe ein gutes Auskommen, einen guten familiären Hintergrund, finanzielle Sicherheit. Ich stehe nicht vor dem Regal und rechne, was liegen bleiben muss. Verzicht ist mir fremd, nicht aus Ignoranz, sondern aus Glück. Genau deshalb ist diese Diskrepanz so offensichtlich. Wenn selbst jemand, der nicht verzichten muss, merkt, wie absurd diese Erfolgsmeldungen klingen, dann läuft politisch etwas grundlegend schief.

Was muss es dann bedeuten für jene, bei denen jede Preiserhöhung realen Verzicht erzwingt? Für Haushalte, bei denen nicht die Urlaubsplanung, sondern der Wocheneinkauf zur Belastungsprobe wird. Für Menschen, die nicht fragen, ob sie sparen wollen, sondern wo sie sparen müssen?

Die Soziale Frage gibt es heute im Sonderangebot

Das ist keine Frage von sozialer Gerechtigkeit im moralischen Sinne. Es ist eine Frage politischer Durchsetzungskraft, von Ordnungspolitik und von der Bereitschaft, sich mit Marktmacht auseinanderzusetzen, statt sich hinter Statistik zu verstecken.

Wenn Lebensmittelpreise hoch bleiben, obwohl Kosten sinken, ist das kein funktionierender Markt. Wenn Energiepreise dauerhaft belasten, obwohl Entlastung versprochen wurde, ist das kein Naturgesetz. Wenn Lebenshaltungskosten steigen, während politische Akteure Entwarnung geben, dann ist das kein Missverständnis, sondern ein kalkulierter Perspektivwechsel.

Inflation und Lebenshaltungskosten werden inzwischen bewusst miteinander vermischt, weil es bequem ist: Die eine Zahl sieht gut aus, das andere Thema ist unerquicklich. Also feiert man die Statistik und ignoriert den Alltag. Politisch mag das zwar kurzfristig funktionieren, ökonomisch ist es mindestens fahrlässig und gesellschaftlich brandgefährlich.

Eine Regierung, die sich an sinkender Inflation berauscht, ohne die Preisrealität anzugehen, verwechselt Stabilisierung mit Lösung. Wer glaubt, Kaufkraft entstehe durch Pressemitteilungen, hat den Kontakt zur Lebenswirklichkeit verloren.

Die Menschen spüren keine Inflationsrate, sie spüren Preise und solange diese Wahrheit politisch nicht ernst genommen wird, bleibt jede Entwarnung nichts weiter als ein kurzer Moment an der Fußgängerampel. Beruhigend im Vorbeigehen, wirkungslos im Alltag.


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Mehr Arbeit? Dann bezahlt sie auch.

Warum Minijobs der wahre Skandal der Arbeitsdebatte sind.

Kommentar von Jens Baumanns

Der Wirtschaftsflügel der CDU wirkt dieser Tage wie ein Vorstandskreis, der versehentlich aus der klimatisierten Limousinenwelt stolpert und sich plötzlich – irritiert wie orientierungslos – in einer Fußgängerzone im Stadtbild der deutschen Lebensrealität wiederfindet.

Wie immer gilt hier: viel Meinung, wenig Kontakt zur Realität. Dort wird über „Teilzeitmentalität“ geklagt, als sei sie eine neue deutsche Unart, irgendwo zwischen Tiktok und Tempolimit. Als wären Menschen morgens aufgewacht und hätten im Kollektiv beschlossen, dem Bruttoinlandsprodukt aus purer Bequemlichkeit eins auszuwischen.

Diese Erzählung ist nicht nur falsch, sie ist bequem. Sie verschiebt Verantwortung von Strukturen auf Individuen. Sie macht aus einem Systemfehler eine Charakterfrage, wie ich in meinem Kommentar „Don’t hate the players, hate the game bereits festgehalten habe. Wer so argumentiert, braucht keine Analyse mehr, sondern nur noch einen moralischen Zeigefinger und davon hat die CDU-Spitze bekanntlich einen gut trainierten.

Die Mär der Arbeitsverweigerer in Teilzeit

Teilzeit fällt unter Generalverdacht, weil sie sich so herrlich einfach skandalisieren lässt: Man kann auf sie zeigen, man kann sie politisch verwursten, man kann sie als Chiffre für „zu wenig Fleiß“ missbrauchen. Praktisch. Nur leider lenkt das exakt von dem ab, was im Arbeitsmarkt wirklich schiefläuft: von den legalen Niedriglohn-Parallelwelten, die sich Deutschland seit Jahren leistet – und die man inzwischen sogar als „Flexibilität“ verkauft.

Minijobs sind dafür das perfekte Symbol: offiziell Arbeit, faktisch oft ein System zur Entwertung von Arbeit. Wer achtet eigentlich darauf, wie viele Tätigkeiten in diesem Land längst wie Vollzeit funktionieren, nur ohne Vollzeit-Lohn, ohne Perspektive, ohne Aufstieg? Wer will ernsthaft behaupten, das Problem seien Menschen, die ihre Stunden reduzieren, während andere in Minijob-Konstruktionen festhängen, die weder eine vernünftige soziale Absicherung bieten noch ein echtes berufliches Fortkommen?

Der Wirtschaftsflügel der CDU redet über Arbeitsmoral, während der Arbeitsmarkt an vielen Stellen Arbeit wie Wegwerfware behandelt. Das ist die eigentliche Schieflage: Vollwertige Leistung wird mit halben Rechten und einem Hungerlohn abgegolten. Prekäre Beschäftigung ist keine Randnotiz mehr, sie ist für viele Branchen längst ein Geschäftsmodell. Die Gig-Economy mit ihren Ridern und Zustellern hat daraus sogar eine ästhetisch ansprechende App gemacht: „Sei dein eigener Chef“, lautet die Werbebotschaft. In Wahrheit heißt es: Trage das Risiko selbst, bezahle deine Absicherung selbst, plane deine Zukunft selbst – am besten ohne Zukunft.

Eine unbequeme Wahrheit

Hier liegt der Kern des Problems: Nicht die Menschen sind zu bequem, sondern ein Teil der Wirtschaft ist zu billig. Konzerne und Plattformen profitieren davon, dass der Staat Regeln zulässt, die reguläre Stellen verdrängen oder kleinrechnen. Das ist kein Naturgesetz, das ist politische Gestaltung – oder politisches Wegsehen. Wer dann ernsthaft Teilzeit verbieten oder einschränken will, bekämpft nicht Missbrauch, sondern Lebensrealität.

Besonders grotesk wird es beim Thema Alleinerziehende. Teilzeit ist dort keine Lifestyle-Entscheidung, sondern oft die einzige Möglichkeit, Arbeit und Betreuung überhaupt zusammenzubekommen. Wer diese Option diskreditiert, produziert nicht mehr Vollzeitkräfte, sondern mehr Abhängigkeit. Die Alternative zur Teilzeit ist für viele nicht „mehr Arbeit“, sondern „gar keine Arbeit“ – und das dürfte unserem Kanzler so gar nicht gefallen. Wer Menschen so aus der Erwerbstätigkeit drängt, darf sich anschließend den Sozialstaat nicht als Sündenbock zurechtlegen.

Der angebliche „Luxus“ Teilzeit ist im Vergleich zu Minijobs fast schon die Business-Class der Prekarität: wenigstens mit halbwegs nachvollziehbaren Arbeitszeiten, einem Vertrag, einer gewissen Planbarkeit. Minijobs hingegen sind oft die Holzklasse ohne Notausgang. Genau darüber müsste eine Partei reden, die vorgibt, die Mitte des Landes zu vertreten. Genau darüber müsste ein Wirtschaftsflügel reden, der sich „Leistung“ auf die Fahnen schreibt.

Leistung ist kein Verhaltensbefehl an Arbeitnehmer. Leistung entsteht dort, wo Arbeit sich lohnt, wo Aufstieg möglich ist, wo Qualifikation honoriert wird, wo Regeln fair sind. Wer den Menschen „mehr Arbeit“ predigt, während er ein System duldet, in dem Arbeit entwertet wird, verwechselt Marktwirtschaft mit Moralpredigt.

Die CDU wäre gut beraten, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: auf ein Arbeitsmarktmodell, das reguläre Beschäftigung stärkt statt sie auszuhöhlen. Auf Anreize, die Vollzeit attraktiv machen, statt Teilzeit zu dämonisieren. Auf Rahmenbedingungen, die Unternehmen belohnen, wenn sie fair bezahlen, statt sie zu ermutigen, Personal in Minijob-Schablonen zu pressen.

Wie wäre es mit einer kleinen Expedition?

Der CDU-Wirtschaftsflügel sollte dafür einmal den Elfenbeinturm verlassen. Ein Besuch in der Lebensrealität dieses Landes würde reichen: Supermarkt-Kasse, Paketzentrum, Pflege, Gastronomie, Lieferdienst, Reinigung, Einzelhandel. Dort wird nicht über „Teilzeitmentalität“ diskutiert. Dort wird gearbeitet. Oft hart, oft ohne Sicherheitsnetz und viel zu oft mit dem Gefühl, dass man zwar gebraucht wird – aber nicht ernst genommen.

Fazit

Wer diese Menschen politisch erreichen will, sollte aufhören, sie zu belehren. Wer wirtschaftspolitisch ernst genommen werden will, sollte aufhören, das falsche Problem zu bekämpfen. Der Skandal ist nicht, dass Menschen weniger arbeiten. Der eigentliche Skandal ist, dass dieses Land Arbeit so organisiert, dass sich Arbeit für zu viele nur noch begrenzt lohnt.


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Ein Turm für Hamburg

Zwischen Verlust und Möglichkeit Konkretisierung eines Gedankenspiels

Kommentar von Jens Baumanns

Die Zifferblätter des 1963 errichteten Turmhelms gelten als markanteste Elemente des sonst eher nüchternen Baus. ©stadtraummensch, Jens Baumanns

Status quo – ein notwendiger Schritt

Zurzeit verdichtet sich die öffentliche Debatte auf einen Punkt: den notwendigen Abtrag des heutigen Turmhelms von St. Jacobi. Statik, Gewicht und die zunehmenden Schäden am mittelalterlichen Mauerwerk bestimmen den Ton. Diese Diskussion ist unvermeidlich, vor allem aber ist sie eines: richtig. Denn sie entscheidet über die Sicherung eines Bauwerks, das seit Jahrhunderten Teil dieser Stadt ist.

Gerade weil dieser Schritt unausweichlich ist, lohnt es sich jedoch, den Blick zu weiten. Wenn der Turmhelm ohnehin entfernt werden muss, stellt sich zwangsläufig die Frage, was danach kommt – und ob man diesen Moment allein als Verlust begreift oder auch als Möglichkeit, weiterzudenken.

Es geht mir dabei ausdrücklich nicht um vorschnelle Lösungen, sondern um das Öffnen eines Denkraums. Der Abtrag des Turmhelms ist nicht nur eine technische Maßnahme, sondern ein sprichwörtlicher Einschnitt, der erstmals seit Jahrzehnten erlaubt, grundsätzlich über den Turm von St. Jacobi nachzudenken. Über seine Zukunft, seine Rolle im Stadtbild und auch über das, was sich in seinem Inneren verbirgt.

Gerade dieser Blick nach innen eröffnet eine neue Perspektive. Der mittelalterliche Turmschaft ist kein leerer Körper, sondern ein Raum aus Ziegeln, Handwerkskunst und Geschichte. Bislang bleibt er funktional genutzt, aber kaum erfahrbar. Genau hier liegt ein bislang ungenutztes Potenzial.

Denkmalpflege – von der Verfestigung zur Entlastung

Der notwendige Abtrag des heutigen Turmhelms ist zweifellos ein drastischer Schritt, doch er ist vor allem eines: eine konsequente Lastreduktion. Über Jahrzehnte war das mittelalterliche Mauerwerk Belastungen ausgesetzt, für die es nie ausgelegt war. Die schwere Stahlbetonkonstruktion der Nachkriegszeit hat die historische Substanz dauerhaft geschädigt.

In der Denkmalpflege galt lange die Hoffnung, man könne solche Schäden durch Injektionen, Verpressungen oder andere verfestigende Maßnahmen beheben. Heute wird das deutlich kritischer gesehen. Solche Eingriffe sind häufig kaum reversibel, greifen tief in die historische Substanz ein und bergen materialchemische Risiken, die langfristig mehr Schaden als Nutzen verursachen können. Der Fokus zeitgenössischer Denkmalpflege liegt daher zunehmend auf Entlastung, Materialverträglichkeit und konstruktiver Trennung.

In diesem Licht erscheint die Entscheidung, den Turmhelm abzutragen, nicht als Kapitulation, sondern als Akt der Verantwortung. Sie setzt an der Ursache an – der übermäßigen Masse – und schützt damit das historische Mauerwerk nachhaltig. Zugleich entsteht jedoch eine sichtbare Lücke in der Hamburger Skyline.

Vielleicht liegt in dieser Debatte auch eine Ironie der Gegenwart: Während an anderen Stellen der Stadt sichtbar wird, dass Höhe allein noch keine Bedeutung schafft, erinnert St. Jacobi daran, dass Dauer, Substanz und Verantwortung die eigentlichen Maßstäbe von Architektur sind.

Die offene Frage – wie weiter?

Damit stellt sich unmittelbar die Frage nach dem Danach. Ein Turmstumpf mit einem bloßen Wetterdach mag kurzfristig notwendig sein, kann jedoch keine dauerhafte Antwort sein – weder für eine Hauptkirche noch für eine Stadt wie Hamburg, deren Türme seit Jahrhunderten identitätsstiftende Zeichen und Sinnbilder ihrer hanseatischen Geschichte sind.

In der jüngeren Vergangenheit wurden unterschiedliche technische Ansätze diskutiert, um den bestehenden Turmhelm zu halten: Zuganker, Stahlabspannungen, Lastabfänge oder ergänzende Stützkonstruktionen. Doch all diese Maßnahmen behandelten Symptome, nicht die Ursache. Solange der Turmhelm selbst zu schwer bleibt, kann das historische Mauerwerk nicht dauerhaft geschützt werden. Vor diesem Hintergrund ist der Abtrag schmerzhaft, aber bautechnisch konsequent.

Nun, da dieser Schritt unausweichlich ist und der Rückbau selbst eine enorme Aufgabe für sich darstellt, öffnet sich Raum für eine Vision.

Die Vision – der Turm im Turm

An diesem Punkt setzt meine Vision an: die Idee eines „Turms im Turm“.

Statt den Turm als statisches Monument zu begreifen, ließe er sich als begehbarer Geschichtsraum neu denken. Eine sanft geführte Rampe im Inneren begleitete die Besuchenden nach oben – vorbei an freigelegtem mittelalterlichem Mauerwerk, an Exponaten, Fragmenten und erklärenden Elementen zur Bau- und Stadtgeschichte. Geschichte würde hier nicht erklärt, sondern durch Bewegung, Raum und Material unmittelbar erfahrbar.

Bautechnisch bedeutete dies eine eigenständige innere Tragstruktur, die vollständig unabhängig vom historischen Mauerwerk funktionierte. Sie nähme künftig alle Lasten auf: die eines neuen, deutlich leichteren Turmhelms ebenso wie die nicht zu unterschätzenden dynamischen Belastungen des Glockenstuhls. Das mittelalterliche Mauerwerk würde von tragenden Aufgaben befreit und könnte als Hülle, Raum und historisches Zeugnis bestehen bleiben.

Die innere Struktur würde dabei mehrere Funktionen bündeln: tragen, entkoppeln und erschließen. In ihr könnte ein Aufzug geführt werden, der den Turm erstmals vollständig barrierefrei zugänglich machte. Ergänzend dazu ermöglichte die Rampe eine schrittweise Erschließung des Turminneren.

Entlang dieses Weges würde das Backsteinmauerwerk auf Augenhöhe erlebbar. Fragmente, Bauteile und Stücke aus dem Lapidarium der Baugeschichte würden räumlich integriert. Der Turm würde so selbst zum „vertikalen Lapidarium“ – zu einem begehbaren Narrativ seiner eigenen Geschichte.

So entstünde kein museales Abbild, sondern ein lebendiger Stadtraum in der Vertikalen: ein Ort, an dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbunden wären. Der Turm von St. Jacobi wäre nicht länger nur Silhouette, sondern Erlebnis-, Lernort und öffentlicher Raum zugleich.

Wiederaufbau als Fortschreibung

Auch ein möglicher Neubau des Turmhelms ließe sich unter diesen Voraussetzungen neu bewerten. Ein Aufbau nach historischem, neugotischem Vorbild wäre naheliegend – jedoch nicht als massiver Wiederaufbau, sondern als zeitgemäß interpretierte Rekonstruktion mit klarer Funktion.

Moderne Materialien, digitale Vermessung, präzise Vorfertigung, robotische Fertigung oder 3D-Druck würden heute leichte Konstruktionen ermöglichen, die historische Proportionen aufnehmen, ohne deren Gewicht zu reproduzieren. Handwerkliches Können würde dabei nicht ersetzt, sondern sinnvoll ergänzt.

Die verbleibenden Lasten eines neuen Turmhelms würden vollständig über die innere Stützkonstruktion abgefangen. Gleichzeitig bliebe auch die jüngste Baugeschichte sichtbar: Die markanten Zifferblätter des Nachkriegsbaus könnten integriert werden und die Zeitschichten miteinander verbinden.

Über Teilhabe, Nutzung und Tragfähigkeit

Ein so erschlossener Turm wäre nicht nur architektonisch, sondern auch gesellschaftlich ein Gewinn. St. Jacobi könnte zur ersten der fünf Hamburger Hauptkirchen werden, die vollständig und in vertikaler Gänze barrierefrei zugänglich wäre. Eine Aussichtsplattform auf dem Dach des historischen Turmsockels sowie eine weitere Plattform im neuen Turm eröffneten neue Perspektiven auf die Stadt. Ein moderater Eintritt – wie in vielen europäischen Kirchen selbstverständlich – könnte Betrieb, Pflege und Vermittlung langfristig unterstützen.

So entstünde aus einer notwendigen Maßnahme keine Lücke, sondern ein neuer Raum – im Turm und im Denken über ihn.


Die Case Study versteht sich als architektonisches Gedankenspiel: eine Vision für den Turm von St. Jacobi.


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Case Study | St. Jacobi – Hamburg

Architekturkonzept für den Turm von St. Jacobi

Ausgangslage

Der notwendige Abtrag des heutigen Turmhelms von St. Jacobi bildet den Ausgangspunkt dieses Entwurfs. Die Maßnahme dient dem Schutz des mittelalterlichen Ziegelmauerwerks und eröffnet zugleich die Möglichkeit, den Turm nicht nur statisch zu sichern, sondern räumlich, konstruktiv und kulturell neu zu denken.

Der hier aufgezeigte Entwurf versteht den Turm nicht ausschließlich als äußere Silhouette, sondern als architektonischen Raum, dessen inneres Potenzial bislang weitgehend ungenutzt ist.

Leitidee: Der Turm im Turm

Zentrales Element des Konzepts ist eine eigenständige innere Tragstruktur, die innerhalb des mittelalterlichen Backsteinturms errichtet wird. Diese neue Struktur übernimmt die Lasten eines künftigen Turmhelms und entlastet das historische Mauerwerk dauerhaft.

Alt und Neu bleiben dabei konstruktiv klar getrennt:
Der mittelalterliche Ziegelschaft bildet die raumprägende Hülle, während die neue innere Struktur als sichtbares, zeitgenössisches Tragwerk aus hellem Stahl und weißem Beton eingefügt wird. Die Trennung der Systeme ist bewusst ablesbar und bildet den gestalterischen Kern des Entwurfs.

Der Innenraum als architektonische Erfahrung

Der Turm besitzt einen nahezu quadratischen Grundriss, der als ruhige, klare Raumfigur erhalten bleibt. Innerhalb dieses Volumens entwickelt sich eine sanft ansteigende Rampe als primäres Erschließungselement. Sie ermöglicht einen langsamen, barrierearmen Aufstieg und folgt der vertikalen Logik des Turms. Die Rampe ist nicht nur Erschließung, sondern Erzählraum.

Entlang der Rampe bleibt das mittelalterliche Backsteinmauerwerk vollständig sichtbar: Ziegel, unregelmäßige Fugen, Reparaturspuren und Alterung erzählen von Jahrhunderten Baugeschichte. Das historische Material wird nicht verkleidet, sondern bewusst in Szene gesetzt.

Vertikales Lapidarium

In den Innenraum integriert ist ein vertikales Lapidarium. Fragmente, Steinmetzarbeiten, Maßwerkstücke und Bauteile aus unterschiedlichen Bauphasen werden entlang des Weges räumlich eingebunden. Der Turm wird so selbst zum Ausstellungsraum – nicht additiv, sondern integrativ.

Der Entwurf verzichtet bewusst auf museale Inszenierung. Die Geschichte des Bauwerks erschließt sich aus Material, Raum und Bewegung. Der Turm wird so selbst zum Museum seiner Geschichte:
kein additiver Ausstellungsraum, sondern ein gebautes Narrativ.

Konstruktion und Funktion

Die neue innere Struktur ist als leichtes, sichtbares, trianguläres Tragwerk ausgebildet. Schlanke Stahlstützen und Träger übernehmen Lasten und bilden zugleich das konstruktive Rückgrat des Entwurfs. Die neue innere Tragstruktur ist bewusst sichtbar ausgeführt.

Schlanke Stahlstützen, Träger und Verbände sowie Elemente aus hellem Beton bilden ein klares, zeitgenössisches Tragwerk, das sich deutlich vom historischen Backstein abhebt und kontrastiert.

Der Glockenstuhl wird in diese neue Struktur integriert, um das historische Mauerwerk von dynamischen Belastungen zu entlasten.

Ein Aufzug ergänzt die Rampe und ermöglicht eine vollständig barrierefreie Erschließung. Er führt zunächst zu einer Aussichtsplattform auf Höhe des historischen Turmsockels und darüber hinaus in den neu errichteten Turmhelm, der ebenfalls eine Plattform aufnimmt.

Wiederaufbau und Kontinuität

Der mögliche Neubau des Turmhelms folgt historischen Proportionen, wird jedoch mit zeitgemäßen Mitteln realisiert: digitale Vermessung, präzise Vorfertigung und leichte Konstruktionen sorgen für Substanzschonung und Dauerhaftigkeit.

Prägende Elemente der Nachkriegszeit, insbesondere die Zifferblätter, können bewusst in den Neubau integriert werden. Der Entwurf versteht Wiederaufbau nicht als Rückgriff, sondern als Fortschreibung der Baugeschichte.

Atmosphärische Zielsetzung

Der Entwurf schafft einen ruhigen, kontemplativen Raum. Tageslicht fällt von oben in den Turm und verstärkt die vertikale Wirkung. Der Kontrast zwischen schwerem, historischem Backstein und leichter, moderner Konstruktion bleibt jederzeit spürbar.

Der Turm wird so nicht nur wieder sichtbar, sondern erlebbar – als Raum, als Geschichte und als zeitgenössische architektonische Vision.

Moodboard und Entwurfsideen

Disclaimer

Die dargestellten Bilder wurden mithilfe von KI-gestützter Bildgenerierung (Midjourney) erzeugt und verstehen sich als visuelle Gedankenstützen innerhalb einer architektonischen Vision. Sie dienen der atmosphärischen und konzeptionellen Veranschaulichung und ersetzen keine planerische oder technische Ausarbeitung. Das zugrunde liegende Konzept sowie sämtliche Inhalte dieser Seite unterliegen dem Urheberrecht.

Alle Inhalte und Visualisierungen unterliegen dem Urheberrecht.
Bei Verwendung – auch in Auszügen – ist folgende Kennzeichnung erforderlich:
© Konzeption: Jens Baumanns

Don’t hate the players, hate the game

Wenn Mehrarbeit bestraft wird, darf sich niemand über Teilzeit wundern.

Kommentar von Jens Baumanns

Die CDU wirkt dieser Tage wie eine Partei, die den Kontakt zu zwei ihrer zentralen Grundlagen verloren hat: zum Wähler – bereits seit geraumer Zeit – und zum Verständnis dafür, wie Arbeit in einer modernen Volkswirtschaft tatsächlich funktioniert. Was als wirtschaftspolitische Klartextrede daherkommt, wie aus dem Strategiepapier einer Arbeitgeber-Tagungs-Agenda, entpuppt sich bei näherem Hinsehen als moralischer Appell mit auffallend, entscheidenden analytischen Leerstellen. Kritisiert wird individuelles Verhalten, nicht das System, das dieses Verhalten erst hervorbringt.

Spätestens seit den Äußerungen von Bundeskanzler Friedrich Merz im schweizerischen Davos ist diese Schieflage offenkundig. Der Vergleich der deutschen Arbeitsleistung mit jener des Gastgeberlandes mag statistisch nicht falsch sein, politisch ist er dennoch unerquicklich. Wer sich an der Schweiz orientiert, muss den Mut haben, mehr zu vergleichen als bloße Arbeitsstunden. So berechtigt Teile seiner Analyse sein mögen, reiht sich auch diese Aussage nahtlos in die Serie der Merz’schen Fettnäpfchen ein: pointiert formuliert, kommunikativ unvollständig und ohne den notwendigen erklärenden Zusatz, der Einordnung leisten würde. Statt Klarheit zu schaffen, überlässt der Kanzler die Deutung dem Skandal – und liefert ihm damit die Bühne gleich mit.

Doch lassen Sie es mich für Sie differenzieren, Herr Bundeskanzler: Die Schweiz ist kein Hochleistungsland aus kultureller Disziplin oder besonderem Arbeitsethos. Sie ist ein Land mit geringerer Abgabenlast auf Arbeit, höheren Nettoeinkommen und einem System, in dem zusätzliche Leistung spürbar beim Einzelnen ankommt. Mehr Arbeit führt dort zu mehr verfügbarem Einkommen. In Deutschland hingegen wird Mehrarbeit fiskalisch abgeschöpft, bis sie kaum noch Anreiz entfaltet. Leistung verpufft zwischen Steuern, Abgaben und Sozialbeiträgen, während die politische Debatte sich an der Moral der Arbeitnehmer abarbeitet.

Unter diesen Bedingungen ist Zurückhaltung kein Ausdruck von Bequemlichkeit, sondern von Rationalität. Wer erlebt, dass ein erheblicher Teil zusätzlicher Arbeit direkt verschwindet, trifft keine Charakterentscheidung, sondern eine nüchterne Kosten-Nutzen-Abwägung. Das Problem liegt nicht beim Arbeitnehmer, sondern bei den Spielregeln.

Genau hier verfehlt die CDU (wieder einmal) den Kern: Sie spricht über Arbeitsmoral, obwohl es um Arbeitsanreize geht. Sie fordert mehr Einsatz, ohne das System zu verändern, das diesen Einsatz entwertet. Wer so argumentiert, betreibt keine Wirtschaftspolitik, sondern ersetzt Strukturreformen durch Appelle.

Hinzu kommt ein überholtes Arbeitsverständnis: Mehr Arbeitszeit bedeutet nicht automatisch mehr Leistung. Produktivität ist nämlich kein lineares Stundenkonto, auch wenn das in der CDU niemand begreifen möchte. Sie entsteht aus Effizienz, Qualifikation, Motivation und funktionierenden Rahmenbedingungen. Wer glaubt, wirtschaftliche Dynamik lasse sich per Anwesenheitsnachweis erzwingen, hat moderne Wertschöpfung nicht verstanden.

Besonders grotesk wird diese Denkweise jedoch nun erst in der aktuellen Teilzeitdebatte. Erst hält Merz den Deutschen vor, sie seien zu oft krank. Danach wirft er ihnen vor, sie arbeiteten zu wenig. Schließlich gerät auch noch Teilzeit unter Generalverdacht. Dabei bleibt eine unbequeme Wahrheit außen vor: Teilzeit ist in vielen Fällen steuerlich attraktiver als Vollzeit – nicht, weil Menschen das System unterlaufen wollen, sondern weil der Staat genau diese Anreize gesetzt hat.

Wer Vollzeit entwertet und Teilzeit relativ begünstigt, produziert genau das Verhalten, das er anschließend beklagt. Daraus eine moralische Debatte zu machen, ist bequem, aber ein Trugschluss. Die Verantwortung liegt nicht beim Einzelnen, sondern beim System:
Don’t hate the players, hate the game.

Von unterschiedlichen Lebensrealitäten und alten Problemen

Dieses System lässt sich ohnehin nicht verallgemeinern. Lebensrealitäten sind unterschiedlich und verlangen unterschiedliche Modelle. Gerade Familien haben sich bewusst für Konstellationen entschieden, in denen ein Elternteil in Teilzeit arbeitet. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Notwendigkeit. Kinder betreuen sich nicht selbst.

Wenn beide Elternteile Vollzeit arbeiten sollen, braucht es verlässliche, qualitativ hochwertige Kinderbetreuung. Genau hier versagt der Staat seit Jahren. Kitas fehlen, Betreuung ist unzuverlässig, Ganztagsangebote bleiben Stückwerk. Mehr Arbeit zu fordern, ohne diese Voraussetzungen zu schaffen, ist politisch bequem, aber praktisch realitätsfern.

Die Alternative wäre, auf Kinder zu verzichten, um maximale Produktivität zu erreichen. Das mag betriebswirtschaftlich schlüssig wirken, ist gesellschaftlich jedoch fatal. Ein Land ohne Kinder produziert zwar kurzfristig Arbeitsstunden, langfristig aber auch keine Beitragszahler. Ein ohnehin marodes Rentensystem würde endgültig kollabieren.

Ein Vorschlag zur Güte

Man könnte den Bogen dieses Gedankengangs nun konsequent zu Ende spannen und – ganz im Sinne einer rein ökonomischen Verwertungslogik – vorschlagen, Kinderarbeit wieder einzuführen. Schließlich handelt es sich dabei um die wohl unproduktivste Gruppe unserer Gesellschaft, noch vor den Bürgergeldempfängern, versteht sich, um im vertrauten CDU-Jargon zu bleiben. Ein enormes, bislang ungenutztes Arbeitskräftepotenzial, das täglich wertvolle Zeit in maroden Schulen, ausgelasteten Kitas und auf Stadtbild-prägenden Spielplätzen vergeudet.

Ganz nebenbei ließen sich damit gleich mehrere Probleme lösen: mehr Beitragsjahre für ein ohnehin marodes Rentensystem und eine spürbare Entlastung bei der Kinderbetreuung. Die Bärengruppe könnte endlich ihren Beitrag zur Infrastruktur leisten, Bahnschwellen montieren und Schotter bewegen – altersgerecht natürlich, mit Schippchen. Morgen sind dann die Tiger dran.
Ironie off.

Gerade diese Absurdität zeigt, wohin eine Debatte führt, die Arbeit ausschließlich über Stunden, Produktivität ausschließlich über Anwesenheit und Gesellschaft ausschließlich über Statistiken definiert. Wer jedes Lebensmodell dem gleichen ökonomischen Maßstab unterwirft, landet zwangsläufig bei Forderungen, die rechnerisch sauber, gesellschaftlich jedoch grotesk sind.

Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Leistung, Einsatz und Verantwortung Voraussetzungen von Wohlstand sind, aber Leistung muss sich lohnen und genau daran scheitert dieses System zunehmend.

Man muss nicht links sein, um zu erkennen, wem diese Rahmenbedingungen nützen: dem Staat, der sich über steigende Abgaben einen immer größeren Anteil der Arbeitseinkommen sichert, und jenen, die nicht von Arbeit leben müssen, sondern von Kapital, Besitz und Erbschaften. Wer arbeitet, wird belastet. Wer vererbt, wird geschont. Eine Leistungsgesellschaft, in der Arbeit stärker besteuert wird als Besitz, erzeugt Frustration statt Motivation.

Fazit

Wer es wirklich ernst meint mit Arbeit, Leistung und Verantwortung, muss deshalb dort ansetzen, wo politische Steuerung tatsächlich wirkt: bei den Rahmenbedingungen. Eine leistungsorientierte Gesellschaft entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Anreize. Sie entsteht dort, wo Mehrarbeit nicht bestraft, sondern belohnt wird, wo Produktivität nicht moralisch eingefordert, sondern strukturell ermöglicht wird.

Dazu gehört eine Abgaben- und Steuerpolitik, die Arbeit nicht systematisch entwertet. Dazu gehört eine Sozialpolitik, die Erwerbsarbeit nicht schlechter stellt als ihren Verzicht. Dazu gehört eine Familien- und Betreuungspolitik, die Lebensrealitäten anerkennt, statt sie ideologisch zu normieren. Wer Vollzeit fordert, muss Betreuung liefern. Wer mehr Leistung will, muss sie messbar honorieren.

Solange Politik diese Zusammenhänge ignoriert, bleibt die Debatte über Arbeitsmoral eine Scheindebatte. Sie verlagert Verantwortung vom System auf den Einzelnen und ersetzt Reformen durch Rhetorik. Das mag kurzfristig Applaus bringen, löst aber kein einziges strukturelles Problem.

Am Ende gilt eine einfache Wahrheit: Menschen reagieren rational auf die Spielregeln, die man ihnen vorgibt. Wer andere Ergebnisse will, muss andere Regeln schaffen. Alles andere ist keine Wirtschaftspolitik, sondern Wunschdenken.


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Hamburg, Stadt der Türme

– und dann ist da noch St. Jacobi.

Kommentar von Jens Baumanns

©stadtraummensch, Jens Baumanns

Hamburg ist eine Stadt der Türme: Wer über die Dächer blickt, sieht nicht nur Wahrzeichen, Landmarken, sondern auch Geschichte, in Stein: die Türme der fünf Hamburger Hauptkirchen – St. Petri, St. Nikolai, St. Katharinen, St. Michaelis (der wohl bekannteste im Bunde, weithin kurz als „Michel“ bekannt) und St. Jacobi.

St. Nikolai ist dabei ein besonderer Fall: Der Turm und die Ruine sind als Mahnmal eine bleibende Warnung vor den Folgen des Krieges – und diese Mahnung wirkt, in den turbulenten Zeiten wie derzeit, wichtiger denn je. Dennoch bleibt der stehengebliebene Turm ein starkes Zeichen im Stadtbild.

Und dennoch – wenn ich ehrlich bin – passiert mir etwas Merkwürdiges: Ich zähle innerlich „Petri, Michel, Katharinen, Nikolai …“ und dann kommt dieser Moment, in dem ich kurz stocke. „Da ist doch noch diese eine Kirche.“ Eine Hauptkirche sogar. Der Name fällt mir nicht sofort ein, obwohl er eigentlich selbstverständlich sein müsste: St. Jacobi. Vielleicht, weil ihr heutiger Turmhelm so deutlich aus der vertrauten Reihe herausfällt und genau dieses persönliche „Vergessen“ ist für mich ein Hinweis darauf, wie stark Architektur unser Stadtbild – vor allem unser inneres Stadtbild – prägt.

Nun steht St. Jacobi vor einer sprichwörtlichen Zäsur: einem Einschnitt, der buchstäblich ein „Kappen“ sein wird. Denn nach aktueller Planung beginnt der Abbau des heutigen Turmhelms bereits in zwei Jahren. Grund ist nicht Laune oder Geschmack, sondern Statik und Substanz: Die schwere Stahlbeton-Konstruktion der Nachkriegszeit belastet den mittelalterlichen Turmschaft so stark, dass es zu massiven Schäden am Mauerwerk gekommen ist. Der Abtrag ist notwendig, um die historische Substanz zu bewahren.

Das ist bedauerlich, denn auch dieser Turmhelm ist Teil der Biografie der Stadt geworden und hat Hamburgs Skyline über Jahrzehnte geprägt. Vielleicht ist es eine Ironie der Wahrnehmung, dass man seine Existenz kaum noch hinterfragt – bis man ihm ausgerechnet in Bielefeld begegnet. Dort steht ein nahezu baugleicher Turmhelm, an einem Ort, über den man gerne behauptet, es gebe ihn gar nicht.

Mir ist dabei wichtig, ausdrücklich festzuhalten: Ich will die Architektur und ihre Entscheidungen der Nachkriegszeit nicht verunglimpfen. Vieles war getragen von Aufbruch, Notwendigkeit, Pragmatismus und oft von dem ehrlichen Wunsch, überhaupt wieder aufzubauen.

Es lohnt sich aber auch ein zweiter Gedanke: „Gut gemeint“ ist nicht automatisch „gut für die Substanz.“ St. Jacobi zeigt exemplarisch, dass Ergänzungen, die in ihrer Zeit plausibel wirkten, langfristig an Grenzen stoßen können – technisch, konstruktiv und materialverträglich.

Genau hier eröffnet sich – trotz allem Schmerz des Verlustes – eine einmalige Gelegenheit:

Wenn ein Turmhelm ohnehin abgetragen werden muss, entsteht ein seltener Moment, in dem nicht nur repariert, sondern neu entschieden werden kann: Wie soll St. Jacobi künftig erscheinen? Wird es bei einem reinen Wetterschutz bleiben – oder nutzen wir die Gelegenheit, über eine historische Rekonstruktion ernsthaft nachzudenken? Dass derzeit zunächst nur ein Wetterschutzdach vorgesehen ist, zeigt: Diese Frage ist offen und damit verhandelbar.

Eine Rekonstruktion wäre dabei kein Rückwärtsgang, sondern eine verantwortungsvolle Verbindung aus historischer Gestalt und heutigem Wissen. Baustoffe, Techniken, statische Konzepte, Materialverständnis und Denkmalpflege haben sich seit der Nachkriegszeit fundamental weiterentwickelt. Was früher als „robust“ galt, kann man heute differenzierter und oft substanzschonender lösen. Gerade deshalb ist die Vorstellung überzeugend, eine historische Form nicht als bloße Kopie, sondern als präzise, zeitgemäß konstruierte Wiedergewinnung zu verstehen.

Vielleicht ist es am Ende genau das, was St. Jacobi braucht: nicht mehr „die Kirche mit dem Turm, der irgendwie anders ist“, sondern wieder ein Turm, der selbstverständlich in Hamburgs Reihe der Hauptkirchen steht und den man nicht mehr vergisst, wenn man die Türme dieser Stadt im Kopf aufzählt.

Diese Zäsur kommt so oder so. Die Frage ist nur, ob Hamburg sie als reine Notwendigkeit behandelt – oder als Gelegenheit, St. Jacobi im Stadtbild wieder den Platz zu geben, der ihr seit Jahrhunderten zusteht.

KI-generiertes Bildmaterial einer möglichen Rekonstruktion nach historischem Vorbild.

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Wer krank ist, ist nicht faul

Wenn ein Kanzler Symptome beklagt, aber Ursachen ignoriert.

Kommentar von Jens Baumanns

Es ist eine dieser Aussagen, die auf den ersten Blick nach Tatkraft klingen und auf den zweiten nach intellektueller Bequemlichkeit: Die Deutschen meldeten sich zu oft krank, die Wirtschaft lahme, das Gegenmittel sei schlicht „mehr Arbeit“. Gesagt von Bundeskanzler Friedrich Merz, vorgetragen mit dem Tonfall eines Managers, der glaubt, Motivation lasse sich per Stechuhr erzeugen.

Das Problem dieser Diagnose ist nicht nur ihre Schlichtheit. Es ist ihre Gefährlichkeit.

Vorab: Arbeit ist kein lineares Produkt. Mehr Zeit erzeugt nicht automatisch mehr Leistung. Wer glaubt, Produktivität ließe sich erhöhen, indem man einfach mehr Stunden in den Tag presst, hat entweder noch nie Verantwortung getragen oder sich längst von der Realität moderner Arbeitswelten verabschiedet.

Entscheidend ist allein das Ergebnis. Nicht die Dauer der Anwesenheit, nicht das Absitzen von Zeit, nicht die Illusion permanenter Betriebsamkeit. Genau von diesem Ergebnisdenken aber hat sich die Bundesregierung seit geraumer Zeit verabschiedet. Statt Resultate zu liefern, feiert man Prozesse, statt Wirkung zu erzielen, verwaltet man Zeit.

Ironischerweise gilt das exakt auch für die Regierung selbst. Viel Zeit ist vergangen, gearbeitet wurde angeblich viel, doch das Resultat bleibt überschaubar. Die versprochene wirtschaftliche Belebung ist ausgeblieben, Reformen versanden, strukturelle Probleme werden vertagt. Mehr Zeit im Kanzleramt hat offenkundig nicht zu mehr Führung geführt.

Besonders irritierend ist dabei das Weltbild, das hinter solchen Aussagen steht. Krankheit wird zum Störfaktor erklärt, der Mensch zur variablen Ressource, die man nur stärker belasten müsse, um bessere Ergebnisse zu erzielen. Ja, ein hoher Krankenstand ist ärgerlich. Er kostet Unternehmen Geld, er belastet Abläufe. Doch er ist kein moralisches Versagen der Beschäftigten, sondern ein Symptom.

Spätestens seit Corona sollte klar sein, dass es sinnvoll ist, krank zu Hause zu bleiben. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Verantwortung. Niemandem ist geholfen, wenn sich Belegschaften gegenseitig anstecken, nur um eine Präsenzkultur zu bedienen, die längst aus der Zeit gefallen ist. Hinzu kommt eine medizinische Realität, die sich verändert hat: Erkältungswellen, Influenza-Ausbrüche, saisonale Belastungen gehören zur kalten Jahreszeit. Das ist kein gesellschaftlicher Kontrollverlust, sondern Biologie.

Wesentlich alarmierender ist jedoch der massive Anstieg psychosomatischer Erkrankungen. Depressionen, Burn-out, Angststörungen, Einsamkeit. Das sind keine Modediagnosen, sondern der Spiegel einer Gesellschaft, die seit Jahren auf Verschleiß fährt. Eine Leistungsgesellschaft, die permanent fordert, aber immer weniger Sicherheit bietet. Wer diesen Befund mit dem Vorwurf der Faulheit quittiert, verkennt Ursache und Wirkung.

Es ist gut und richtig, dass seelische Erkrankungen heute ernster genommen werden als früher. Die Alternative wäre eine Rückkehr zu einem Denken, das katastrophale Folgen haben kann. Menschen zur Arbeit zu drängen, obwohl sie krank sind, ist kein Ausdruck von Leistungsbereitschaft, sondern von Verantwortungslosigkeit. Ich möchte hier an den Germanwings-Flug 9525, der Katastrophe von 2015 erinnern, die 150 Menschen das Leben kostete. Eine Stigmatisierung Erkrankter als Drückeberger ist nicht nur polemisch, sie ist eines Kanzlers schlicht unwürdig.

Der hohe Krankenstand ist kein Zufall. Er ist der logische Spiegel einer Bevölkerung, die am Limit arbeitet. Nicht nur die Infrastruktur dieses Landes ist überlastet, auch die Menschen sind es. Steigende Steuerlasten, wachsende Sozialabgaben, explodierende Lebenshaltungskosten, ein Gesundheitssystem unter Dauerdruck und eine Rente, die vielen eher Sorgen als Zuversicht bereitet. Wer sich morgens fragt, wofür er das alles eigentlich noch tut, ist nicht arbeitsscheu, sondern erschöpft.

Besonders zynisch wirkt der Vorwurf an jene, die „den Laden am Laufen halten“. Pflegekräfte, Handwerker, Verkäufer, Logistiker, Angestellte in Verwaltung und Industrie. Menschen, die früh aufstehen, funktionieren, Verantwortung tragen. Wer aus der politischen Komfortzone heraus mit dem Finger auf sie zeigt, agiert nicht nur falsch, sondern spaltend.

Deutschland braucht in dieser Lage keine einfachen Parolen, sondern eine nüchterne Analyse. Mehr Arbeit ist kein Wirtschaftsprogramm. Mehr Druck ist kein Führungsstil. Was es braucht, ist ein Umdenken: weg von der Verknüpfung von Zeit und Leistung, hin zu Ergebnissen, Produktivität und Wertschöpfung. Und vor allem braucht es eine politische Führung, die versteht, dass eine erschöpfte Gesellschaft nicht durch Appelle gesünder wird.

Eine Krise lässt sich nicht gegen die Menschen bewältigen, sondern nur mit ihnen. Wer das übersieht, darf sich über wachsende Frustration, die Erstarkung von Extremisten und einen weiter steigenden Krankenstand nicht wundern.


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Der Blizzard, der keiner war.

Wie Hamburg den Katastrophenmodus probte – und am Ende nur Winter bekam.

Kommentar von Jens Baumanns

Donnerstagabend roch die Stadt nach Erwartung. Nicht nach Schnee, sondern nach dem, was inzwischen vor jedem „Ereignis“ in der Luft liegt:
Warnungen, Push-Benachrichtungen, der Blick aufs Handy, der Blick aus dem Fenster, die Gedanken an die Einkaufsliste im Kopf. Hamburg, so wurde es erzählt, stünde kurz davor, am Freitag von einem „Blizzard“ heimgesucht zu werden – einem Wort, das nach arktischer Ausweglosigkeit klingt und sich anfühlt wie ein Hollywood-Trailer: zu viel Sound, zu viele Schnitte, zu wenig Handlung.

Der Senat warnte offiziell vor einer markanten Wetterlage mit starkem Schneefall, Verwehungen und gab den Appell, möglichst zu Hause zu bleiben. Die schneereichen Tage zuvor hieß es ebenfalls, dass dies der stärkste Schneefall seit 15 Jahren war. Schulen stellten den Präsenzunterricht für Freitag ein, mit Notbetreuung für die unteren Klassen – ein Schritt, der im norddeutschen Alltag nicht zur Routine gehört, weil man hier gewöhnlich eher mit hochgezogener Augenbraue reagiert als mit flächendeckender Stilllegung.

Das Ergebnis war absehbar: kollektiver Rückzug. Straßen wie leergefegt, Homeoffice „wo möglich“, die Stadt in einer Art sanftem Lockdown-Reflex. Wer sich noch an Corona erinnert, erkennt das Muster sofort: Erst die Warnung, dann die Verhaltensänderung, dann dieses diffuse Gefühl, man sei verantwortungslos, wenn man noch kurz „nur“ Brot kaufen will. Die Vorratslogik springt an, als wäre sie im Stammhirn fest verdrahtet. Toilettenpapier? Man weiß es nicht. Ein gewisses Knistern im Regal spürte man trotzdem, als hätte der Schnee einen Inzidenzwert.

Ich nehme mich da nicht aus. Auch ich habe mich fürs Wochenende eingedeckt. Das ist ja das Raffinierte am Alarmismus: Er wirkt nicht nur auf „die anderen“, er wirkt auf alle. Der Unterschied liegt höchstens darin, wie ehrlich man das zugibt und wie maßlos man den Korb belädt.

Prognose, Drama, Realität

Die Chronologie macht die Sache so entlarvend. Donnerstag schneite es bereits ordentlich. Der Erwartungspegel stieg, weil die Erzählung schon stand: In der Nacht würde „es“ losgehen. Der große Auftritt. Die weiße Wand. Der Moment, in dem man beim Blick aus dem Fenster das Wort „Blizzard“ plötzlich nicht mehr für übertrieben hält.

Nichts davon geschah.

Der Freitagmorgen begann, als hätte jemand den Regler wieder heruntergedreht. Kein infernalisches Schneetreiben, keine apokalyptische Sicht, keine Stadt im Griff der Natur. Noch nicht einmal Schneefall. Später fiel Schnee, ja. Es war windig, ja. Am Nachmittag glättete es, es war kalt, es war winterlich. Es war – und das ist der entscheidende Punkt – ein Wintertag. Früher hätte man dazu schlicht „Winter“ gesagt. Heute sagt man „Extremwetterlage“, weil „Winter“ offenbar nicht mehr klickt.

Nun kann man fair bleiben: Hamburg lag offenbar am Ausläufer. In anderen Teilen des Nordens dürfte es ruppiger gewesen sein. Es gab glatte Straßen, Unfälle, Einschränkungen – die Warnung hatte also ihren Sinn. Nur passt eben nicht überall die kommunikative Lautstärke zum tatsächlichen Pegel. Der Unterschied zwischen „Vorsicht“ und „Weltuntergang“ ist keine Stilfrage, sondern eine Frage der Glaubwürdigkeit.

Blizzard ist kein Adjektiv, sondern ein Maßstab

Der Begriff „Blizzard“ ist dabei nicht einfach eine blumige Umschreibung, sondern in seinem Ursprung erstaunlich präzise. Ein Blizzard ist nicht „ein bisschen Schnee mit Böen“, sondern ein Ereignis, das über eine gewisse Dauer mit kräftigem Wind und stark eingeschränkter Sicht einhergeht. Wer jedes winterliche Wetter mit einem dramatischen Etikett versieht, macht Sprache zur Konfetti-Kanone: kurz beeindruckend, hinterher die Ernüchterung.

Man kann das spitz formulieren: Wenn man aus jedem Wintertag einen Blizzard macht, wird der echte Blizzard irgendwann nur noch ein „etwas stärkerer Blizzard“. Das ist sprachliche Inflation – und wie bei jeder Inflation ist am Ende das Vertrauen die Währung, die als erstes leidet.

Alle reden vom Wetter – die Bahn fährt nicht

Die Deutsche Bahn lieferte an diesem Tag zuverlässig das zweite Stück Realsatire. Der Fernverkehr im Norden wurde früh eingestellt. Diese Entscheidungen können im Einzelfall sinnvoll sein, weil Sicherheit vorgeht. Das Problem ist das Muster: Die Bahn wirkt nicht wie ein Verkehrssystem, sondern wie ein Erklärsystem. Sie liefert Gründe, selten Lösungen.

Früher prangte auf einem legendären Plakat der Satz: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ Heute liest sich dieser Spruch wie eine archäologische Fundstätte aus einer Epoche, in der Infrastruktur noch als Leistungsversprechen galt – und nicht als fortlaufende Entschuldigungskette. Das Wetter ist dabei nur der Anlass. Der Kern ist, dass ein System mit wenig Puffer schon bei moderaten Belastungen in den Notbetrieb fällt.

Umso bemerkenswerter war die hanseatische Normalität im Rest der Stadt: Busse und U-Bahnen fuhren, kein Heldentum, eher Pflichterfüllung. Das ist der Punkt, an dem man merkt, dass es nicht „das Wetter“ ist, das alles erklärt. Es ist die Robustheit – oder deren Fehlen.

Journalismus im Katastrophen-Modus

Der größere Befund liegt allerdings nicht auf den Schienen, sondern in den Schlagzeilen. Der moderne Nachrichtenbetrieb hat eine Schwäche entwickelt: Er verwechselt Relevanz mit Reiz. Die Welt geht nicht unter? Dann wird eben nachgeholfen. Ein bisschen sprachlich, ein bisschen dramaturgisch. Die „Lage“ wird zum „Drama“, das „Ereignis“ zur „Katastrophe“, das „Risiko“ zur „Lebensgefahr“, die „Warnung“ zum „Alarm“.

Das Tragische daran ist, dass es nicht einmal böse Absicht sein muss. In einer Medienlogik, die Aufmerksamkeit in Sekunden misst, gewinnt das grellere Wort. „Blizzard“ schlägt „Schneefall“. „Chaos“ schlägt „Behinderungen“. „Jahrhundert-Event“ schlägt „Winter“. Selbst wenn Experten später einordnen, das ganz große Extrem sei ausgeblieben, bleibt beim Publikum oft das Gefühl hängen, man habe an der Kante zur Apokalypse gestanden.

Wenn die Tagesschau und andere Formate berichten, im Hamburger Hafen seien bei 40 Zentimetern Neuschnee die Hafenbahnen (Güterbahnen) eingestellt worden, dann ist das mehr als nur ein Detail. Es ist die Behauptung einer Realität, die man im Stadtbild so nicht wiederfindet. Ich wohne in der HafenCity, ich sehe den Schnee, ich sehe, was liegt – und das waren am Freitag bei uns eher fünf bis zehn Zentimeter. Nicht nichts, aber eben auch keine 40. Der Eindruck entsteht: Man nimmt irgendeine Zahl, die gut klingt, und klebt sie auf die Schlagzeile.

Hinzu kommen Live-Reportings, die manchmal unfreiwillig komisch werden: der Reporter, der aus dem „Verkehrschaos“ berichtet, und im Hintergrund tut die Wirklichkeit, was sie immer tut – sie widerspricht. Der vermeintlich liegengebliebene LKW, der als Beleg dienen soll, und dann sieht jeder, dass er einfach in einer Linksabbiegerspur steht und bei Grün ganz normal losfährt. Das ist das perfekte Bild für den Tag: vorne große Geste, hinten normaler Betrieb.

Ahrtal als Argument – richtig verstanden

Meteorologen und Behörden kann man für eine defensive Warnpolitik nicht einfach schelten. Das Ahrtal hat sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt: die Warnung war zu wenig, zu spät, zu unklar – mit verheerenden Folgen. Diese Lektion sitzt. Genau deshalb ist Warnen richtig und notwendig.

Nur folgt daraus nicht, dass man künftig jede Wetterlage wie eine Generalprobe fürs Ende der Zivilisation behandeln muss. Aus Ahrtal folgt vor allem: Präzision. Lokalität. Verständlichkeit. Der Bürger muss wissen, was ihn wo mit welcher Wahrscheinlichkeit trifft, welche Handlungen sinnvoll sind – und welche nur Panikmache.

Warnen ist Pflicht, Übertreiben die Kür. Diese Unterscheidung wirkt banal, ist aber essenziell.

Der gefährlichste Nebeneffekt: Der nächste Warnruf verhallt

Warnen ist kein Showgeschäft, sondern ein mächtiges, mit Bedacht einzusetzendes Instrument, das präzise, lokal und nachvollziehbar sein muss. Mit klarer Unterscheidung zwischen „wahrscheinlich“, „möglich“ und „ausgeschlossen“. Mit der Bereitschaft, nachzuschärfen – und auch zu sagen: „Es trifft eher Region X als Region Y.“ Das ist keine Schwäche, das ist Professionalität.

Der größte Schaden entsteht nicht an einem Freitagmittag, wenn es „nur“ glättet. Der größte Schaden entsteht am Tag X, wenn es wirklich ernst wird und die Menschen innerlich abwinken: „Ja ja, wieder Blizzard.“ Dann bleibt man eben nicht zu Hause. Dann fährt man „nur kurz“ los. Dann wird aus einem statistischen Risiko eine reale Opferzahl.

Gesunde Warnkommunikation ist wie ein Rauchmelder: Er muss zuverlässig sein, nicht hysterisch. Ein Rauchmelder, der bei jedem Toast anspringt, wird irgendwann abmontiert.

Zurück zum Maß – und zum Menschenverstand

Hamburg ist nicht Alaska. Winter gehört hier nicht zum Markenkern. Genau deshalb ist Vorbereitung sinnvoll: Streuen, räumen, sensible Bereiche schützen, Verkehr anpassen, Notdienste hochfahren. Das ist gute Verwaltung.

Was Hamburg nicht braucht, ist die Kuratierung der Katastrophe. Eine Gesellschaft, die sich bei fünf bis zehn Zentimetern Schnee selbst in den Ausnahmezustand redet, wirkt nicht besonders umsichtig, sondern nervös. Sie wirkt wie ein Land, das sich an seine eigenen Krisen gewöhnt hat – und sie deshalb überall vermutet und als Ausrede nutzt.

Nötig wäre ein neues, altes Mittelmaß: Behörden warnen deutlich, aber konkret – und korrigieren offen, wenn die Lage sich anders entwickelt als prognostiziert. Medien berichten, was ist, nicht was klickt – und unterscheiden sauber zwischen „droht“ und „tritt ein“. Bürger handeln vernünftig, nicht reflexhaft – und nehmen Warnungen ernst, ohne sich von Schlagzeilen regieren zu lassen.

Das klingt langweilig, ich weiß. Vernunft ist selten viraler Content. Nur ist Vernunft genau das, was Vertrauen erhält. Vertrauen in Warnungen, in Institutionen und schlussendlich in Informationen. Wenn man das verspielt, weil man aus „Winter“ dauernd „Blizzard“ macht, dann hat man am Ende zwar eine gute Schlagzeile – aber eine schlechte Gesellschaft.

Fazit

Der Wintereinbruch war, je nach Region, durchaus eine Herausforderung. Er hat gezeigt, dass Wetter eine reale Gefahr sein kann. Er hat ebenso gezeigt, wie schnell aus Vorsorge Theater wird – und wie stark Systeme auf Kante genäht sind, wenn sie schon vor dem Ereignis kapitulieren.

Eine freie Gesellschaft braucht keine Dauerpanik, um verantwortungsvoll zu sein. Sie braucht Klarheit, Maß und ein bisschen mehr Gelassenheit. Winter bleibt Winter, ein Blizzard ist etwas anderes.


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Treten Sie zurück, Frau Bas!

Warum ihr Fehltritt nicht ohne Konsequenzen bleiben darf.

Kommentar von Jens Baumanns

In meinem jüngsten Kommentar „Klassenkampf statt Kompetenz“ habe ich beschrieben, wie Bärbel Bas erst beim Deutschen Arbeitgebertag mit einer simplifizierenden Aussage zur Rentenfinanzierung Gelächter auslöste und dann wenige Tage später vor den Jusos aus dieser Szene ein persönliches Erweckungserlebnis strickte. Bereits hier war klar: Hier redet keine Oppositionspolitikerin, die sich auf einem Parteitag warm läuft, sondern die Bundesarbeitsministerin und SPD-Vorsitzende, deren eigentliche Aufgabe darin bestünde, Interessen auszugleichen, nicht Lager zu markieren. Inzwischen hat sich das bestätigt – und verschärft.

Die Reaktionen aus Wirtschaft und Verbänden sind eindeutig. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger spricht von einem „respektlosen“ Auftritt und einem „Aufruf zum Kampf gegen Arbeitgeber“, der in der Geschichte der Bundesrepublik beispiellos sei. Wer Arbeitgeber bekämpfe, bekämpfe Wohlstand, Arbeitsplätze und soziale Sicherheit.

Der CDU-Wirtschaftsflügel spricht von einer „Fehlbesetzung im Amt“ und selbst aus der Versenkung kommen Stimmen: die FDP fordert offen ihre Entlassung. Ganz pragmatisch ist hingegen das Handwerk: der Präsident des Sächsischen Handwerkstages bezeichnet Bas’ Worte als „wie Öl im Feuer“ einer ohnehin verunsicherten Gesellschaft und lädt die Ministerin gleichzeitig ein, sich in Betrieben ein Bild davon zu machen, wie eng Arbeitgeber und Beschäftigte zusammenarbeiten.

Gleich Fünfzehn Mittelstandsverbände haben in einem gemeinsamen Brandbrief an Bas die „pauschale Abwertung“ des Mittelstands kritisiert und daran erinnert, dass Millionen Unternehmerinnen und Unternehmer täglich Werte schaffen, Innovation ermöglichen und Beschäftigung sichern. Es handelt sich nicht um ein paar empfindliche Lobbyisten, die eine Formulierung übelnehmen. Es handelt sich um ein breites Misstrauensvotum gegenüber einer Ministerin, die die Sozialpartnerschaft, auf der die soziale Marktwirtschaft ruht, mit der Sprache des Lagerkampfes untergräbt.

Genau an diesem Punkt führt kein Weg mehr an der Frage vorbei, die ich in meinem ersten Kommentar bewusst offen gelassen habe: Kann Bärbel Bas dieses Amt noch ausüben? Die ehrliche Antwort lautet: nein.

Eine Arbeitsministerin, die aus eigener Kränkung heraus öffentlich erklärt, „gegen“ wen in diesem Land „gekämpft“ werden müsse, hat ihre Rolle verfehlt. Eine Arbeitsministerin, die mitten im dritten Jahr ökonomischer Stagnation jene Seite zum Feind erklärt, die investieren, ausbilden und Beschäftigung sichern soll, unterminiert das Fundament, aus dem sie den Sozialstaat finanzieren möchte. 

Wer in einer solchen Lage politische Verantwortung trägt, müsste sich fragen, wie viel Vertrauen die Wirtschaft diesem Land eigentlich noch entgegenbringt. Trotz bürokratischer Überlastung, trotz energiepolitischer Irrwege, trotz steuerlicher Bleigewichte investieren unzählige mittelständische Betriebe weiterhin in Deutschland. Sie halten Lehrstellen offen, modernisieren Produktionsstätten, wagen Innovationen, obwohl ihnen die Rahmenbedingungen dafür täglich erschwert werden. 

Diese Unternehmen sind nicht die Gegner sozialer Sicherheit, sie sind ihre Existenzgrundlage. Der eigentliche Wahnsinn liegt darin, dass ausgerechnet jene, die diese Grundlage bereitstellen, nun zu Statisten in einem sozialromantischen Weltbild degradiert werden, das mit der Realität eines wirtschaftlich erschöpften Landes nur noch am Rand Berührung hat. Die „Herren im Maßanzug“, die Bas so gern als Feindbild bemüht, sind in Wahrheit die Menschen, die morgens als Erste das Licht in der Firma einschalten und abends als Letzte den Arbeitslaptop zuhause zuklappen, ganz ohne Maßanzug.

In vielen Fällen sind es Familienunternehmer, die sich seit Generationen durch Krisen manövrieren und in lokalen Gemeinschaften Verantwortung tragen, lange bevor sich irgendein SPD-Bundesvorstand jemals dorthin verirrt hat. Das perfide an Bas’ Rede ist nicht die Zuspitzung, sondern die Haltung dahinter: ein tief sitzendes Misstrauen gegenüber jenen, die etwas schaffen, statt nur darüber zu sprechen. Wer Arbeitgeber pauschal als Gegner sozialer Sicherheit markiert, offenbart ein ökonomisches Weltbild, das in den 1970er-Jahren stehen geblieben ist – mit dem entscheidenden Unterschied, dass die SPD damals noch Politiker hervorbrachte, die wussten, wie man Verantwortung trägt. 

Heute produziert sie Funktionäre, die sich auf Parteitagen von ideologisch vorgefertigten Wahrheiten tragen lassen und jede Wirklichkeit ausblenden, die nicht in das gewünschte Narrativ passt. Bärbel Bas steht damit beispielhaft für eine SPD, die sich von ihrer historischen Rolle entfernt hat. Eine Volkspartei, die einst stolz darauf war, Brücken zu bauen zwischen Kapital und Arbeit, stilisiert nun den einen Teil dieser Brücke zum Feindbild, während der andere Teil sie begeistert dafür beklatscht. Das Ergebnis ist ein politisches Vakuum, in dem wirtschaftliche Vernunft durch moralische Selbstüberhöhung ersetzt wird. 

Die Frage der Fragen

Die Frage lautet deshalb nicht mehr, ob Bas sich versprochen hat, ob sie übers Ziel hinausschoss oder ob ihr nur die Emotionen durchgingen. Die Frage lautet, ob eine Ministerin, die in einer der wirtschaftlich fragilsten Phasen der Bundesrepublik so agiert, auch nur einen Tag länger Vertrauen beanspruchen kann. Vertrauen ist keine ideologische Währung – es basiert auf Kompetenz, Souveränität und der Fähigkeit, Konflikte zu moderieren, statt sie künstlich anzufeuern. Ein Rücktritt wäre kein Strafmaß, sondern ein Befreiungsschlag – für die Glaubwürdigkeit des Amtes, für die Bundesregierung und vor allem für jene Millionen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, die auf eine Politik angewiesen sind, die sie nicht zu Spielfiguren in einem künstlichen Klassenkampf degradiert. 

Eigentlich müsste der Bundeskanzler handeln, wenn er seiner Verantwortung gerecht werden will. Die Wahrscheinlichkeit dafür ist gering, denn Entschlossenheit gehört nicht zu den prägenden Eigenschaften des amtierenden Regierungschefs. Dennoch bleibt der Satz richtig: Eine Ministerin, die offen erklärt, „gegen“ jene zu kämpfen, die dieses Land wirtschaftlich tragen, ist im Kabinett fehl am Platz.

Doch wer im Glashaus sitzt…

Damit rückt zwangsläufig der Blick auf den Bundeskanzler. In einer stabilen politischen Kultur wäre klar: Wer als Ressortchef eine zentrale Ordnungsidee der Republik mutwillig beschädigt, wird vom Regierungschef aus dem Amt entlassen. Kanzler Merz weiß um die Tragweite der Äußerungen; in der Unionsfraktion soll er von einem inakzeptablen Auftritt gesprochen haben.

Seine eigene jüngste Bilanz macht es ihm allerdings nicht leichter, Autorität zu beanspruchen. Auf der Weltklimakonferenz in Belém löste er mit einer Bemerkung über die Stadt einen diplomatischen Flurschaden aus: Er stellte vor heimischem Publikum heraus, wie froh alle gewesen seien, Belém wieder verlassen zu haben – eine Aussage, die in Brasilien als arrogant und herablassend aufgefasst wurde und den Präsidenten Lula zu deutlicher Kritik veranlasste. Merz weigert sich bislang, sich dafür zu entschuldigen; die Bundesregierung versucht, den Vorfall als Missverständnis abzutun.

Kurz darauf folgte die nächste Irritation: Nach seiner Afrikareise, bei der Merz am Gipfel der Europäischen und der Afrikanischen Union in Luanda teilnahm, erklärte er bei einem Termin in Hamburg, man merke im Ausland jedes Mal, „was man am deutschen Brot hat“; in Luanda habe er am Frühstücksbuffet vergeblich nach einem „ordentlichen Stück Brot“ gesucht. Hätte es doch bloß Kuchen gegeben oder einen bekannten Schokoriegel mit hohem Erdnussanteil… honi soit qui mal y pense.

Beides sind natürlich keine Staatsverbrechen, aber es sind Zeichen dafür, wie leichtfertig auch an der Spitze des Regierungsamts mit Wirkung und Würde des Amtes umgegangen wird. Wer außenpolitisch mit flapsigen Sätzen stolpert, steht innenpolitisch schwächer da, wenn es darum geht, Konsequenzen von anderen einzufordern.

Und dennoch…

Trotzdem entlässt diese Schwäche den Kanzler nicht aus seiner Verantwortung. Denn die eigentliche Sprengkraft liegt längst nicht nur in Belém oder Luanda, sondern im Inneren der schwarz-roten Koalition. Das Bündnis aus CDU/CSU und SPD war von Beginn an eine Zweckgemeinschaft. Inzwischen gleicht es einem politischen Schwelbrand. Das Rentenpaket, das als teuerstes Sozialprojekt seit Jahrzehnten kritisiert wird, sorgt nicht nur in der Wirtschaft, sondern auch in der Union für erheblichen Widerstand.

Bärbel Bas hat diesen Schwelbrand zur offenen Brandgefahr gemacht. Ihre Koalitionsbruchs-Drohungen in der Rentenfrage, ihre Kampf-Rhetorik gegen Arbeitgeber, der Brandbrief des Mittelstands, die Forderung der FDP nach ihrer Entlassung – all dies hat die Lage so zugespitzt, dass ein Bruch der Koalition so wahrscheinlich ist wie nie zuvor.

Besonders bitter ist, wem diese Instabilität in die Hände spielt. Die Union vereint deutlich mehr Stimmen als ihr sozialdemokratischer Partner, lässt sich aber von einer SPD treiben, die sich längst eher wie eine lautstarke Minderheitenpartei verhält, statt wie ein verlässlicher Koalitionspartner. Artikel und Analysen sprechen offen davon, dass die SPD den Kanzler „fest im Griff“ habe und mit ihm „Hardball“ spielt. Ein größerer Koalitionspartner, der sich von einem kleineren permanent in die Ecke drängen lässt, wirkt nicht souverän, sondern getrieben.

Genau hier liegt die eigentliche Bewährungsprobe.

Wer nur deshalb auf eine Entlassung verzichtet, weil der Koalitionspartner dann mit dem Bruch droht, akzeptiert, dass die Würde und Glaubwürdigkeit eines Amtes zur Verhandlungsmasse wird. Wer in dieser Lage Bas im Amt belässt, sendet ein klares Signal: Die Regierung ist bereit, die Grundlagen der Sozialpartnerschaft und das Vertrauen der Wirtschaft zu opfern, um ein wackliges Bündnis noch ein paar Monate zu retten.

Politik der Mitte müsste anders aussehen. Eine konservative, ordnungspolitisch verankerte Regierung müsste in dieser Situation sagen: Das Amt ist mehr wert als die persönlichen Befindlichkeiten der Koalitionspolitiker. Die Sozialpartnerschaft ist wichtiger als der Frieden im Koalitionsausschuss. Der Schaden, den eine Arbeitsministerin im Dauer-Klassenkampf anrichtet, wiegt schwerer als das Risiko, eine ohnehin verschlissene Koalition zu verlieren.

Bärbel Bas hat mit ihrer Rede vor den Jusos nicht nur die falschen Gegner gewählt. Sie hat gezeigt, dass sie das Wesen ihres Amtes nicht begriffen hat. Arbeitgeber sind in einer sozialen Marktwirtschaft keine gegnerische Armee. Sie sind konfliktbeladene Partner, ohne die es keine Löhne, keine Steuern, keine Renten gäbe. Wer das nicht sehen will, sollte kein Arbeitsministerium führen.

Es bleibt deshalb nur eine konsequente Schlussfolgerung:

Bärbel Bas sollte anständigerweise selbst zurücktreten. Tut sie es nicht, muss der Bundeskanzler sie entlassen – auch auf die Gefahr hin, dass die SPD den Koalitionsbruch wagt. Angesichts der aktuellen Umfragen wäre das allerdings politischer Selbstmord.

Deutschland braucht in der Krise keine Klassenkämpfer im Kabinett und keinen Kanzler, der vor dem schwächeren Koalitionspartner kuscht. Deutschland braucht Verantwortungsträger, die bereit sind, im Zweifel die schwierigere Entscheidung zu treffen.

Genau deshalb ist jetzt der Moment für eine solche Entscheidung.


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