Die Naivität der Wohlgesinnten
Kommentar von Jens Baumanns

„Ein Muster ist allgemein eine durch Wiederholbarkeit ihrer Merkmale gekennzeichnete Struktur, die als Vorlage, Vorbild oder Kopie auftreten kann.“ So definiert eine bekannte Online-Enzyklopädie einen Begriff, der in der deutschen Migrations- und Sicherheitsdebatte längst zur politischen Zumutung geworden ist. Denn genau daran scheitert dieses Land: nicht am Mangel an Ereignissen, nicht am Mangel an Warnsignalen, nicht einmal am Mangel an Fakten. Es scheitert am Unwillen, aus der Wiederholung ein Muster zu erkennen.
Ein Muster entsteht nicht erst, wenn jeder Fall identisch ist. Es entsteht, wenn sich Merkmale wiederholen. Wenn Täter ähnlich handeln, wenn Motive ähnlich klingen, wenn Opfer austauschbar werden, weil sie in der Logik des Täters ohnehin nur noch eines sind: Vertreter einer verhassten Ordnung. Mal fährt ein Islamist mit einem Lkw in einen Weihnachtsmarkt, wie 2016 am Berliner Breitscheidplatz. Mal wird mit dem Messer zugestochen, wie in Mannheim. Mal sterben Menschen auf einem Stadtfest, wie in Solingen. Mal ist es das Auto, mal das Messer, mal der Sprengstoff oder andere Waffen. Immer aber ist es dieselbe Botschaft: Der freie, westliche, säkulare Alltag wird zum Ziel.
Das ist keine zufällige Aneinanderreihung tragischer Ausnahmen mehr. Es ist eine Reihe von betrüblichen Einzelfällen, die nur deshalb noch Einzelfälle genannt werden, weil das Wort „Muster“ politische Konsequenzen hätte. Wer ein Muster erkennt, muss handeln. Wer es Einzelfall nennt, darf weiter moderieren, beschwichtigen und die nächste Betroffenheitsformel vorbereiten.
Dabei sprechen wir nicht einmal nur über die Taten, die geschehen sind. Wir sprechen auch über jene Taten, von denen wir nur deshalb erfahren, weil Polizei, Verfassungsschutz und Ermittlungsbehörden rechtzeitig eingegriffen haben. Über Anschläge, die nicht stattfanden. Über Messer, die nicht gezogen werden konnten. Über Sprengsätze, die rechtzeitig unschädlich gemacht wurden. Über Orte, die nur deshalb keine Tatorte wurden, weil der Rechtsstaat im entscheidenden Moment schneller war als seine Feinde.
Hinzu kommen jene Fälle, über die wir gar nicht sprechen können: Verdachtsmomente, Hinweise, Gefährderansprachen, verdeckte Ermittlungen, vereitelte Vorbereitungen, die nie zur Schlagzeile werden, weil erfolgreiche Sicherheitsarbeit oft unsichtbar bleibt. Gerade diese Dunkelzone macht die Lage so brisant: Das, was öffentlich wird, ist nicht zwingend das ganze Ausmaß. Es ist nur der sichtbare Teil eines Problems, das im Verborgenen längst größer sein kann, als es die beruhigende Sprache der politischen Beschwichtigung vermuten lässt.
Einer dieser rechtzeitig aufgedeckten Fälle führt nun nach Hamburg.
Ein 17-jähriger Syrer soll nach Angaben der Ermittler einen islamistisch motivierten Anschlag geplant haben. Jünger noch als viele politische Erklärungen, die man anschließend bemühen wird, um das Offensichtliche sprachlich zu entschärfen. Als mögliche Ziele wurden ein Einkaufszentrum, eine Polizeiwache oder eine Bar genannt; eingesetzt werden sollten offenbar Sprengstoff, Molotowcocktails oder Messer. Beschafft worden sein sollen unter anderem Dünger, Grillanzünder, eine Sturmhaube und ein Messer. Der Verdächtige soll sich ideologisch am sogenannten Islamischen Staat orientiert haben.
Die eigentliche Sprengkraft dieses Falls liegt nicht allein im Dünger, nicht im Grillanzünder, nicht im Messer. Sie liegt in einem Wort: „Ungläubige“.
Man muss diesen Sachverhalt nicht künstlich aufladen. Er ist bereits aufgeladen genug.
Die Anatomie dieses Falls ist schnell freigelegt: Ein syrischer Jugendlicher soll in Hamburg geplant haben, Menschen zu töten, weil sie in seinem Weltbild „Ungläubige“ sind. Dieses Wort ist der Schlüssel. Es legt offen, worum es hier tatsächlich geht: Nicht um gewöhnliche Jugendkriminalität, nicht um schlechte Sozialarbeit. Schon gar nicht um ein bedauerliches Missverständnis zwischen Kulturen. Hier zeigt sich eine Ideologie, die den Menschen nicht als Bürger, Individuum oder Träger unveräußerlicher Rechte begreift, sondern nach religiöser Zugehörigkeit sortiert: in Gläubige und Feinde, in Zugehörige und Auszusondernde, in jene, die sich unterwerfen sollen, und jene, die bekämpft werden dürfen.
Das ist Islamismus – und Islamismus ist nicht einfach eine besonders strenge Religiosität. Islamismus ist der politische Anspruch, religiöse Ordnung über demokratisches Recht zu stellen. Genau hier endet jede falsche Toleranz.
Der Islam als Religion ist durch das Grundgesetz geschützt. Der politische Islam als Herrschaftsanspruch nicht. Wer betet, fastet, glaubt und friedlich lebt, hat in diesem Land selbstverständlich seinen Platz. Wer aber die Scharia über das Grundgesetz stellt, wer religiöse Gebote über die freiheitlich-demokratische Grundordnung setzt, wer Frauenrechte, Religionsfreiheit, sexuelle Selbstbestimmung und säkulare Rechtsprechung ablehnt, stellt sich gegen dieses Land.
Nicht kulturell, nicht folkloristisch, nicht „anders sozialisiert“, sondern politisch.
Die Scharia als staatlicher oder gesellschaftlicher Ordnungsanspruch ist mit dem Grundgesetz unvereinbar. Punkt. Das Grundgesetz kennt keine religiöse Oberhoheit. Es kennt keine gottgewollte Ungleichheit von Mann und Frau. Es kennt keine Sonderrechte für Gläubige und keine Minderrechte für Ungläubige. Es kennt keine Todessehnsucht im Namen Gottes, sondern Menschenwürde, Rechtsstaat, Freiheit und Gleichheit vor dem Gesetz.
Wer das nicht akzeptiert, hat in Deutschland nichts zu suchen.
Das gilt nicht nur für Terroristen, sondern für alle, die dieses Land als Zufluchtsort nutzen, während sie seine Werte verachten. Wer vor Krieg, Gewalt und Verfolgung flieht, hat Anspruch auf ein rechtsstaatliches Verfahren und menschenwürdige Behandlung. Doch Schutz ist keine Einbahnstraße. Wer kommt, hat nicht nur Rechte. Er hat Pflichten, er hat eine Bringschuld.
Diese Bringschuld lautet: Akzeptiere das Grundgesetz. Akzeptiere die Gleichberechtigung. Akzeptiere, dass Religion Privatsache ist. Akzeptiere, dass Homosexuelle frei leben. Akzeptiere, dass Juden sicher sein müssen. Akzeptiere, dass Kritik an Religion erlaubt ist. Akzeptiere, dass dieses Land nicht nach Mekka, Teheran, Damaskus oder irgendeinem mittelalterlichen Rechtsverständnis ausgerichtet wird, sondern schlicht nach seiner Verfassung. Das ist keine Zumutung, es ist das absolute Minimum.
Wer das nicht leisten will, der ist hier falsch. Wer es bekämpft, ist gefährlich. Wer es mit Gewalt bekämpft, gehört verfolgt, verurteilt und – sofern er keinen deutschen Pass besitzt und die rechtlichen Voraussetzungen vorliegen – abgeschoben. Diese Klarheit ist längst überfällig.
Seit Jahren wird in Deutschland so getan, als sei die größte Gefahr nicht der Islamismus, sondern die angeblich falsche Tonlage seiner Kritiker. Während Sicherheitsbehörden Anschläge verhindern, während der Verfassungsschutz das islamistische Personenpotenzial in Deutschland für 2024 auf 28.280 Personen und das gewaltorientierte islamistische Personenpotenzial auf 9.540 Personen beziffert, diskutiert ein Teil der politischen Öffentlichkeit lieber darüber, ob die Benennung dieser Realität vielleicht „stigmatisierend“ sei.
Das ist keine Differenziertheit, es ist Feigheit mit akademischem Vokabular.
Die Islamisierung, gegen die man sich stellen muss, ist nicht die Existenz muslimischer Nachbarn, Kollegen oder Mitschüler. Es geht nicht um den friedlichen Muslim, der arbeitet, Steuern zahlt, seine Kinder zur Schule bringt und das Grundgesetz achtet. Er ist Teil dieses Landes. Es geht um den politischen Islam, um Scharia-Denken, Paralleljustiz, religiös begründete Frauenverachtung. Antisemitismus, Homosexuellenhass, um jene Milieus, in denen Deutschland nicht als freiheitlicher Rechtsstaat gilt, sondern als schwaches Land, das man ausnutzen, verachten und im Zweifel bekämpfen kann.
Genau diese Islamisierung muss bekämpft werden. Nicht halb, nicht mit pädagogischem Räucherstäbchen, nicht mit Stuhlkreisromantik und Förderprogrammlyrik. Sondern mit Rechtsstaat, Abschiebung, Vereinsverboten, konsequenter Strafverfolgung und einer Leitkultur, die ihren Namen verdient. Denn eine Gesellschaft, die ihre eigenen Werte nicht mehr verteidigt, lädt ihre Gegner geradezu ein, sie zu testen.
Das linksgrüne Spektrum hat an dieser Stelle über Jahre einen gefährlichen Beitrag geleistet. Nicht, weil jeder Linke Islamismus gutheißen würde. Das wäre Unsinn. Sondern weil ein erheblicher Teil dieses Spektrums jede harte Migrations- und Islamismusdebatte so lange moralisch vergiftet hat, bis viele Bürger nur noch zwischen Schweigen und Trotz wählen konnten.
Wer Migration begrenzen wollte, war herzlos.
Wer Abschiebungen forderte, war unmenschlich.
Wer Leitkultur sagte, war reaktionär.
Wer über importierten Antisemitismus sprach, war verdächtig.
Wer Islamismus benannte, spielte angeblich den Rechten in die Hände.
Vielleicht wäre die ehrlichere Wahrheit: Wer Islamismus verharmlost, spielt Islamisten in die Hände.
Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 liefert jedenfalls genügend Anlass, nüchtern über Fehlentwicklungen zu sprechen. Zwar gingen die registrierten Straftaten insgesamt zurück, doch nichtdeutsche Tatverdächtige sind bei Gewaltkriminalität weiterhin deutlich überrepräsentiert. Laut BMI lag ihr Anteil dort 2025 bei 42,9 Prozent. Diese Zahl erklärt nicht alles, sie ersetzt keine Analyse von Alter, Geschlecht, sozialer Lage, Aufenthaltsstatus oder Herkunftsmilieu; aber sie verbietet das Gegenteil: die Behauptung, es gebe hier nichts zu sehen.
Genau diese intellektuelle Unredlichkeit macht die Debatte so unerträglich. Niemand Seriöses behauptet, jeder Migrant sei kriminell. Niemand Seriöses behauptet, jeder Muslim sei Islamist. Aber nur ein politischer Analphabet kann aus dieser Selbstverständlichkeit ableiten, dass Herkunft, Sozialisation, Religion, Milieu und Integrationsverweigerung keine Rolle spielen dürften.
Natürlich spielen sie eine Rolle. Sie erklären nicht alles, aber sie erklären genug, um endlich politisch zu handeln.
Deutschland hat sich zu lange auf der Nase herumtanzen lassen. Von Islamisten, die unsere Freiheit als Schwäche deuten. Von Clans, die den Rechtsstaat für Dekoration halten. Von Predigern, die in Hinterzimmern gegen Juden, Frauen und Homosexuelle hetzen. Von jungen Männern, die hier Schutz, Geld, Bildung und Infrastruktur erhalten, während sie zugleich die Kultur verachten, die all das ermöglicht.
Das ist der eigentliche Skandal: Nicht, dass Bürger wütend werden, sondern dass sie allen Grund dazu haben.
Es ist vollkommen angemessen, von Einwanderern, Flüchtlingen und Schutzsuchenden Loyalität zur Verfassung zu verlangen. Nicht Dankbarkeit als Unterwürfigkeit. Nicht Assimilation bis zur Selbstverleugnung, aber Loyalität. Wer in ein Land kommt, das ihm Schutz bietet, kann nicht gleichzeitig die Rechtsordnung dieses Landes bekämpfen. Wer hier leben will, muss akzeptieren, dass dieses Land nicht neutral zwischen Grundgesetz und Scharia steht.
Deutschland ist kein religiöser Basar, auf dem sich jeder seine Rechtsordnung aussuchen kann. Das Grundgesetz ist keine Einladung zur Verhandlung, es ist die Hausordnung dieses Staates.
Deshalb braucht es endlich eine Politik der klaren Kante. Islamistische Organisationen gehören verboten, wenn sie gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung arbeiten. Hassprediger gehören konsequent verfolgt. Ausländische Straftäter gehören nach rechtsstaatlicher Verurteilung abgeschoben, wo immer es rechtlich möglich ist. Wer terroristische Straftaten vorbereitet, finanziert oder unterstützt, hat jeden Anspruch auf Nachsicht verwirkt.
Dänemark zeigt seit Jahren, dass ein europäischer Rechtsstaat deutlich härter auftreten kann, ohne deshalb seine Rechtsstaatlichkeit aufzugeben. Die dänische Regierung verfolgt eine wesentlich strengere Linie bei der Ausweisung straffälliger Ausländer und hat just weitere Verschärfungen angekündigt. Deutschland sollte daraus lernen: Humanität ohne Ordnung wird zur Selbstgefährdung.
Der Rechtsstaat darf kein betreutes Wohnen für Verfassungsfeinde sein.
Wer unsere Freiheit bekämpft, muss ihre Konsequenz spüren. Wer unsere Gleichberechtigung verachtet, darf nicht ausgerechnet von unserer Toleranz profitieren. Wer unsere Gesellschaft als dekadent beschimpft, aber ihre Sozialleistungen nimmt, hat das Prinzip Gastland gründlich missverstanden.
An dieser Stelle wird mir erfahrungsgemäß schnell der Rassismusvorwurf bemüht, doch das alles hat schlichtweg rein gar nichts mit Rassismus zu tun:
Rassismus bewertet Menschen nach Herkunft. Dieser Kommentar bewertet Menschen nach Haltung. Genau darin liegt der Unterschied. Ein syrischer Christ, ein liberaler Muslim, ein säkularer Iraner, ein kurdischer Jeside oder ein arabischer Atheist, der das Grundgesetz achtet, steht mir politisch näher als jeder deutsche Islamist, jeder deutsche Antisemit oder jeder deutsche Extremist, der unsere Ordnung verachtet.
Die Trennlinie verläuft nicht zwischen Deutschen und Ausländern, sie verläuft zwischen Verfassungsfreunden und Verfassungsfeinden.
Gerade deshalb ist der Vorwurf des Rassismus in dieser Debatte so billig: Er ist der Feuerlöscher, mit dem man jede unbequeme Wahrheit absprühen will. Er soll nicht klären, sondern beenden. Nicht argumentieren, sondern einschüchtern. Nicht differenzieren, sondern mundtot machen. Damit sollte Schluss sein.
Ein freiheitliches Land muss nicht jeden Unsinn anhören, nur weil er im Kostüm der Moral daherkommt. Man darf linken und grünen Beschwichtigern widersprechen. Man darf ihnen sagen, dass ihre Naivität gefährlich ist. Man darf ihnen den Applaus verweigern. Man darf ihnen auch zumuten, dass ihre jahrzehntelange Multikulti-Folklore an der Wirklichkeit zerschellt ist.
Denn Realität ist kein rechter Kampfbegriff. Realität ist das, was übrig bleibt, wenn die ideologischen Plakate abgehängt sind.
Deutschland braucht wieder mehr gesunden Menschenverstand, mehr Patriotismus, mehr Mut zur Leitkultur. Nicht als dumpfes Nationalgefühl, sondern als republikanische Selbstachtung. Patriotismus bedeutet hier nicht, andere Menschen abzuwerten. Patriotismus bedeutet, das eigene Land nicht aus Angst vor moralischer Kritik preiszugeben.
Patriotismus heißt: Unsere Freiheit ist nicht verhandelbar, Gleichberechtigung ist nicht verhandelbar, jüdische Mitbürger sind nicht verhandelbar. Unsere homosexuellen Bürger sind nicht verhandelbar, unsere säkulare Ordnung ist nicht verhandelbar. Oder in einem Satz: Unser Grundgesetz ist nicht verhandelbar.
Wer das „rechts“ findet, hat nicht verstanden, was eine liberale Demokratie ist.
Der vereitelte Anschlag von Hamburg ist deshalb weit mehr als ein Kriminalfall. Er ist ein politisches Warnsignal. Ein weiterer Hinweis darauf, dass dieses Land sich entscheiden muss: Will es seine Werte verteidigen oder sie aus falscher Toleranz langsam preisgeben? Will es Integration einfordern oder Integrationsverweigerung verwalten? Will es Islamismus bekämpfen oder weiterhin die Kritiker des Islamismus problematisieren?
Die Antwort müsste einfach sein: Eine offene Gesellschaft bleibt nur offen, wenn sie ihre Feinde erkennt. Eine tolerante Gesellschaft bleibt nur tolerant, wenn sie Intoleranz zurückweist. Eine freie Gesellschaft bleibt nur frei, wenn sie denen Grenzen setzt, die Freiheit verachten.
Vielleicht ist das die unbequeme Lehre aus Hamburg: Deutschland muss nicht härter werden, weil es seine Werte verrät. Deutschland muss härter werden, weil es seine Werte endlich ernst nimmt.
Wieder also ein Einzelfall? Nein. Es ist ein Warnsignal und wer es diesmal wieder überhört, tut es nicht aus Unwissenheit, sondern aus Vorsatz.
Weitere meiner Kommentare und Essays gibt es hier.









