Klingbeils Aktienrente: weniger Freiheit, weniger Rendite, mehr SPD.
Kommentar von Jens Baumanns
Ein System auf Zeit – insolvenzreif per Mathematik
Das deutsche Rentensystem ist ein Anschreiben auf Zeit. Immer weniger Beitragszahler finanzieren immer mehr Rentner, die Lebenserwartung steigt, die Babyboomer gehen in Rente. Ökonomen des ifo‑Instituts warnen: Ohne strukturelle Reformen steigt der Beitragssatz bis 2050 von derzeit 18,6 Prozent auf etwa 22 Prozent – mit gravierenden Folgen für Beschäftigte und Unternehmen.
Parallel wachsen die aufzuwendenden Bundesmittel: Laut Haushaltsunterlagen und Prognosen dürften die Zuschüsse von 127,8 Milliarden Euro (2026) auf rund 154,1 Milliarden Euro (2029) anschwellen.
Die Politik reagiert mit ihrer Lieblingsdisziplin: Aufschieben. Die nächste Rentenkommission tagt – kein Witz – erst Anfang 2026. Zeit, die wir nicht haben. Wer so handelt, spielt nicht auf Zeit, er verspielt die Zukunft. In einem System, das jährlich Dutzende Milliarden an Zuschüssen verschlingt, ist das mehr als Bequemlichkeit – es ist politökonomische Insolvenzverschleppung.
Was vereinbart war – und warum das Vertrauen zählt
Die „Frühstart‑Rente“ wurde als kluge Ergänzung entworfen: früh beginnen, breit streuen, privatwirtschaftlich organisieren, freie Produktauswahl, individuelles Depot, Schutz vor staatlichem Zugriff. Genau diese Architektur schafft Vertrauen, Wettbewerbsdruck auf die Kosten – und langfristig Rendite. So stand es schwarz auf weiß im gemeinsamen Verständnis, dem Koalitionsvertrag, zur Einführung in 2026. Dabei könnte die Aktienrente ein echter Befreiungsschlag sein: weniger Abhängigkeit vom demografischen Druck, mehr Eigenverantwortung, langfristig höhere Renten. Doch anstatt dieses Instrument zu stärken, bastelt Klingbeil am Käfig für den Vogel, bevor er überhaupt fliegen kann.
Was jetzt droht – die politische Fondsliste
Nach einem Bericht der NZZ erwägt das SPD‑geführte Finanzministerium, die Auswahl der Fonds und Wertpapiere staatlich zu beschränken. Staatlich gefilterte Fonds verengen den Wettbewerb, treiben die Kosten und verschlechtern die Performance. Kurz: das wäre der operative Einstieg in eine politisierte Allokation. Heute sind es ESG-Kriterien, morgen Sektorquoten, übermorgen „strategische Umschichtungen“, um Haushaltslöcher zu stopfen. Die Verlockung, Milliarden aus einem staatlich gesteuerten Fonds für tagespolitische Zwecke zu nutzen, wird keine Regierung lange widerstehen können – schon gar nicht eine, die chronisch mit dem Geld anderer Leute wirtschaftet und dennoch nicht auskommt.
Der politische Akteur – Machtanspruch ohne Renditeverantwortung
Lars Klingbeil ist nicht nur SPD‑Chef, er ist seit dem 6. Mai 2025 Bundesfinanzminister und übrigens auch Vizekanzler. Wer den Bundeshaushalt verantwortet, trägt bereits genügend makroökonomische Risiken – die Rolle des Fondsmanagers für private Altersdepots braucht es nicht. Eine Regierung, die um zweistellige Milliardenposten ringt, sollte nicht gleichzeitig festlegen, welche Fonds Bürger für die Rente besparen dürfen. Das wirkt nach Kontrolle statt Kompetenz.
Es grenzt an Realsatire, wenn dieselbe Hand, die im Etat mit Rekordposten und Lücken jongliert, nun vorgibt, die Renditearchitektur privater Vorsorge besser zu kennen als der Markt. Man könnte lachen, wäre es nicht unser Geld.
Ökonomik der Eingriffe – weniger Vielfalt, höhere Kosten, schwächere Rendite
Staatlich vorgefilterte Fondsuniversen verengen den Wettbewerb, verschieben Marktanteile hin zu „gelabelten“ Produkten, erhöhen Friktions- und Verwaltungskosten und unterminieren Portfolio‑Effizienz. Politische Kriterien ersetzen langfristige Rendite‑Risiko‑Präferenzen. Die Rechnung zahlt über Jahrzehnte der Sparer – nicht der Minister. Das ist Lehrbuch, nicht Ideologie.
Der internationale Maßstab – Norwegen trennt Politik und Portfolio
Der norwegische Staatsfonds (GPFG) erzielt über Dekaden stabile Ergebnisse, weil Profis unabhängig investieren und die Politik nur den Rahmen setzt. Apropos Timing: Die Norweger haben den Vorläufer dieses Fonds, bereits 1990 ins Leben gerufen, seit 1998 obliegt die Fondsverwaltung Norges Bank Investment Managers, im Auftrag des norwegischen Finanzministeriums. Anlageentscheidungen folgen einem klaren Auftrag, nicht Parteitagsstimmungen. Sogar Ethik‑Leitplanken existieren – die Tagespolitik bleibt draußen. Genau diese Distanz fehlt in der deutschen Debatte.
Wortbruch mit Ansage – Vertrauensschaden inklusive
Die geplanten Eingriffe brechen das Kernversprechen des Koalitionsvertrags, in dem klar festgehalten ist: privatwirtschaftlich, freie Auswahl. Wer dieses Versprechen kassiert, signalisiert, dass politische Vereinbarungen in Berlin kaum mehr wert sind als das Papier, auf dem sie stehen – und zerstört damit nicht nur Renditechancen, sondern vor allem Vertrauen und Planungssicherheit, die eigentliche Währung jeder Altersvorsorge.
Politische Selbstüberschätzung – die SPD als Fondsverwalter der Nation
Die SPD tut so, als sei sie noch immer die Volkspartei vergangener Jahrzehnte – mit einem Mandat, die großen Weichen für das Land zu stellen. In Wahrheit repräsentiert sie heute nur noch einen Bruchteil der Bevölkerung, hat ihr wirtschaftspolitisches Profil weitgehend verloren und lebt von nostalgischen Selbstbildern. Klingbeils Plan wirkt deshalb nicht wie eine sachorientierte Reform, sondern wie ein politisches Projekt zur Selbstvergewisserung: „Wir bestimmen, also sind wir noch wer.“
Was stattdessen zu tun ist – sechs Punkte, die tragen
Firewall gegen Politik: Gesetzlich fixierte Trennung von Rahmen (Parlament) und Portfolio (unabhängige Institution).
Offene Architektur: Kein Positiv‑Listenstaat. Jeder Anbieter, der strenge Kosten‑, Transparenz‑ und Qualitätskriterien erfüllt, ist zugelassen.
Kostengünstige Defaults: Global diversifizierte Standardportfolios (passiv), automatisches Opt‑in bei Start, einfacher Wechsel.
Transparenz & Aufsicht: Scharfe Reporting‑Pflichten, aber keine Tagesentscheidungen aus einem Ministerium.
Gebührenkappung statt Gängelung: Kostenobergrenzen statt Asset‑Allokation per Erlass.
Zweckentfremdungs‑Sperre: Klare gesetzliche Riegel gegen fiskalische Zugriffe auf Altersvermögen.
Fazit
Mehr Kapitaldeckung ist dringend nötig – aber nicht in staatliche Fesseln gelegt. Altersvorsorge braucht Unabhängigkeit, Professionalität und eine lange Perspektive. Politische Kurzsichtigkeit ist ihr natürlicher Feind. Norwegen hat das verstanden. Deutschland droht, es unter Klingbeil einmal mehr zu beweisen: Gute Ideen kann man hierzulande am zuverlässigsten dadurch ruinieren, dass man sie in SPD-Hände legt.
Weitere meiner Kommentare und Essays gibt es hier.
Wenn Rekordeinnahmen nicht reichen, liegt das Problem nicht beim Zahler.
Kommentar von Jens Baumanns
Jetzt also wieder: „Haushaltslücke noch größer als angenommen“. Die Tagesschauberichtete, als handle es sich um eine lästige Fußnote im Tagesgeschäft.
Dabei war das keine Überraschung – sondern die logische Folge einer Art Dauerzustand.
Wer die bisherigen Haushalte mit klarem Blick gelesen hat, konnte sehen, dass alles auf Kante genäht war. Risiken wurden dabei schöngerechnet, Rücklagen überstrapaziert, Notlagen definiert, die schon längst Alltag waren. In der Privatwirtschaft nennt man so etwas Fantasiebuchung oder schlicht: Insolvenzverschleppung.
Trotzdem sitzen in Berlin vermeintlich kluge Köpfe, die es nicht für nötig hielten, mit Vorsicht zu planen. Die sich sicher waren, dass alles schon irgendwie aufgeht. Tut es aber nicht.
Ich habe Fragen
Wie kann es sein, dass ein Staat mit Rekordeinnahmen Jahr für Jahr in dieselbe Misere schlittert? Wie kann es sein, dass Haushaltslöcher überhaupt noch passieren – mit all den Finanzexperten, Ausschüssen, Prognosen, Ministerialbeamten?
Entweder fehlt es an Ehrlichkeit, an Können – oder an beidem.
Als rational denkender Steuerzahler fällt es mir zunehmend schwer, dieser Finanzpolitik noch mit Respekt zu begegnen. Ich verstehe nicht mehr, warum ich fast die Hälfte meines Jahreseinkommens an den Staat abgebe – und trotzdem Jahr für Jahr lesen muss, dass das Geld angeblich nicht reicht. Warum es Haushaltslöcher gibt, während die Steuereinnahmen auf Rekordniveau liegen, warum der Staat mit dem Geld nicht auskommt, warum man in Berlin damit offenbar rechnet, dass wir Bürger das alles weiter mitmachen.
Der Steuerzahlergedenktag
Die traurige Wahrheit ist: 2025 arbeiteten wir bis zum 13. Juli, also 194 Tage, nur für den Staat. Erst danach verdienten wir für uns selbst. So viel zur Staatsquote, so viel zur Verhältnismäßigkeit, so viel zu der Frage, ob sich Leistung in diesem Land noch lohnt.
Grundsätzlich bin ich bereit, meinen Beitrag zu leisten. Aber was heißt das heute eigentlich? Bei mir sind es knapp 40 % Abzüge vom Bruttolohn, noch bevor ich einen einzigen Euro selbst ausgeben darf – und das ist nur der Anfang.
Denn sobald das Gehalt auf dem Konto liegt, geht es schließlich erst richtig los:
Mehrwertsteuer auf jeden Einkauf, Energiesteuer auf jede Tankfüllung, Rundfunkbeitrag, Kfz-Steuer, Versicherungssteuer – die Liste ist lang, und die meisten Posten laufen längst unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Doch eine Steuer trifft mich besonders: Die Schaumweinsteuer, seit 1902, offiziell zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegsflotte, heute für… tja, wer weiß das schon? In meinem Fall ist sie jedenfalls haushaltswirksam. Das Geld verschwindet scheibchenweise – legal, zuverlässig, still.
Der Staat kassiert – immer, überall, unaufhörlich. Dennoch reicht es nicht und wieder einmal spricht man von Haushaltslöchern. Es ist nicht nur die Belastung, die schwer wiegt – es ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie hingenommen wird.
Ich habe kein Problem damit, Steuern zu zahlen, wirklich nicht. Zumindest solange ich den Eindruck habe, dass ich dafür auch etwas bekomme: Ein funktionierendes System, eine effiziente Verwaltung, eine Infrastruktur, die ihren Namen verdient – kurz gesagt: ein Staat, der seine Seite des Vertrags erfüllt.
Doch eben dieses Verhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung stimmt in Deutschland seit geraumer Zeit nicht mehr. Die Steuerlast steigt – Jahr für Jahr. Still, zuverlässig. Gleichzeitig wird das, was man dafür kommt, spürbar schlechter. Es beginnt beim monatelangen Warten auf einen Facharzttermin, setzt sich fort in einer Verwaltung, die mit Digitalisierung überfordert ist, und endet bei Straßen, Schienen und Schulen, die aussehen, als hätten sie das letzte Upgrade mit der D-Mark erhalten.
Ich bin Anfang dreißig – und ich ertappe mich dabei zu denken: „Früher war das besser.“ Nicht nostalgisch, sondern ganz nüchtern. Es war direkter. Funktionaler. Erwartbarer. Heute wirkt vieles wie ein System, das vor allem sich selbst verwaltet – aber eben nicht mehr für den Bürger.
Wir sind bereits am Rande der Funktionalität – und damit an der Grenze meines Verständnisses.
Wirtschaften heißt nicht: immer mehr
Ich will keinen Staat, der hungert. Ich will einen, der haushalten kann. Ich will keinen Staat, der alles kann. Ich will einen, der das, was er macht, gut macht. Ich will keine Ausgabenkultur auf Verdacht. Ich will eine Prioritätenkultur mit Verstand.
Denn was im Privathaushalt gilt, muss auch im Staatshaushalt gelten: Man lebt mit dem, was man hat. Punkt.
Wenn mehr Einnahmen nötig wären, müsste man erklären können, wofür das bisherige Geld nicht reicht – und warum. Diese Erklärung bleibt aus. Stattdessen wird weiter gegriffen, verteilt, geschönt, verschoben.
Warum? Weil überall, wo der Staat tätig ist, scheint das Prinzip zu gelten: lieber breiter als besser. Lieber teurer als wirksamer. Lieber schnell als durchdacht.
Man nennt das dann „soziale Gerechtigkeit“ oder „Transformation“. Tatsächlich ist es oft das Gegenteil: ineffizient, mit der Gießkanne, unpräzise – und im Ergebnis teuer. Zwar nicht für die Politik, sondern für uns. Für die, die dieses System mittragen. Für die, die morgens um 6 Uhr aufstehen, um bis 18 Uhr zu arbeiten, damit die Maschine weiterläuft.
Die Geduld des Bürgers ist bereits am unteren Rand des Dispos
Die Politik in Berlin wäre jetzt gut beraten, innezuhalten. Sehr gut sogar. Denn es ist nicht mehr viel Luft nach unten – nicht beim Vertrauen, nicht bei der Belastbarkeit, nicht bei der Geduld derer, die das alles seit Jahren mitfinanzieren.
Man sollte sich also sehr genau überlegen, wie die nächsten Schritte aussehen. Nicht nur fiskalisch – sondern gesellschaftlich. Denn was hier verhandelt wird, ist weit mehr als ein Bundeshaushalt. Es ist das Verhältnis zwischen Staat und Bürger. Zwischen Pflicht und Gegenleistung. Zwischen Zumutung und Akzeptanz.
Wer jetzt glaubt, weitermachen zu können wie bisher, der missversteht das Signal und verkennt die Stimmung.
Denn dass diese Politik irgendwann an ihre Akzeptanzgrenzen stößt, ist nicht nur wahrscheinlich – es ist unausweichlich. Man darf sich nicht wundern, wenn in einem Land, in dem die Menschen sich durch Abgaben bis zur Erschöpfung engagieren, die Stimmung kippt. Nicht in Gleichgültigkeit oder dem vermeintlichen Super-GAU, der Flucht ins Blaue, sondern in offene Wut und das ist bei weitem gefährlicher.
Geschichte lehrt bekanntermaßen, dass sie nicht lehrt. Daher empfehle ich, so altmodisch das klingen mag, in den Geschichtsbüchern nachzuschlagen. Etwa dort, wo das Kapitel beginnt über eine beratungsresistente Elite, die munter am Steuersatz nach oben schraubte, ihre Privilegien nicht reflektierte, ein Staat, der Schulden türmte, ein Bürgertum, das zahlte – und irgendwann nicht mehr stillhielt.
1789 war kein Zufall. Es war eine Reaktion. Historisch bekannt. Politisch verdrängt.
Ein Vorschlag am Rande: Wie wär’s mit Effizienz statt Erfindung neuer Einnahmen?
Apropos Einnahmen: Falls das Finanzministerium dennoch über neue Abgaben fantasiert, könnte es ja zunächst einmal dort anfangen, wo es ohnehin schon als Dienstleister tätig ist: bei der Kirchensteuer, die die Finanzämter bis heute einziehen. Vielleicht wäre es an der Zeit, hier eine Gebühr zu erheben. Wenn man schon als Zahlungsdienstleister der Bischofskonferenz auftritt, darf man auch eine Handlingfee erheben – zwei bis drei Prozent dürften marktüblich sein. Dann hätte auch die Kirche mal einen Anreiz, ihre Schäfchen selbst zu finden – statt sie per Lohnabrechnung geliefert zu bekommen.
Es wäre ein kleiner Schritt für den Verwaltungsapparat, aber ein großer Schritt in Richtung 2025.
Wir brauchen keinen größeren Staat, nur einen effizienteren.
Ich will keine Revolution, ich will Rationalität. Ich will nicht weniger Staat – ich will, dass er aufhört, mehr zu wollen, als er kann. Ich will keine permanente Rechtfertigung von Verschwendung als Gerechtigkeit. Ich will, dass mit dem Geld, das wir alle zahlen, sinnvoll gewirtschaftet wird. Wie in jedem normalen Haushalt auch.
Wumms, Doppelwumms und Sondervermögen
Deutschland hat ein Haushaltsproblem – sagen die einen. Deutschland hat ein Einnahmenproblem – behaupten die anderen. Tatsächlich aber hat Deutschland vor allem eines: ein Realitätsproblem.
Dabei ist die öffentliche Haushaltsdebatte mittlerweile so berechenbar wie ein schlechter Zaubertrick: Man rief „Wumms“, dann, „Doppelwumms“, wedelt jetzt mit einem „Sondervermögen“ – und siehe da, das Loch im Etat verschwindet. Zumindest rhetorisch, doch real wird es nur größer.
Das Publikum? Klatscht nicht mehr. Es merkt, dass da nichts mehr kommt außer heißer Luft und verschwundener Glaubwürdigkeit.
Die Lüge vom Einnahmenproblem
Die gängige Mär: Der Staat habe zu wenig Geld. Die unbequeme Wahrheit: Der Staat hat zu viele Ansprüche – und zu wenig Mut, sich selbst zu beschränken.
Die politische Reaktion auf die gestiegene Lücke ist ein Abziehbild struktureller Selbstüberschätzung: Man überlegt, wo man zusätzliche Mittel herbekommen könnte – aber nicht, wo man endlich kürzen sollte. Niemand in Berlin stellt die zentrale Frage:
Warum kommt dieser Staat nicht mit dem aus, was er hat?
Zur Erinnerung: Wir reden hier nicht über einen schrumpfenden Entwicklungsetat – sondern über einen Bundeshaushalt von knapp 500 Milliarden [!] Euro.
Das ist kein Mangel, das ist eine Überforderung. Statt also endlich ehrlich zu fragen, ob wir es uns leisten können, das Geld auszugeben, wird lieber weiter verteilt. Nach dem Motto: Wo ein Wunsch, da ein Fördertopf. Wo ein Problem, da ein Programm. Wo ein Bürger, da ein Bedürfnis, das staatlich refinanziert werden will.
Der Staat soll alles können – und darf alles kosten. Bildung, Rente, Klima, Transformation, Digitalisierung, Soziales – alles wichtig, alles dringend, alles teuer. Die Lücke entsteht nicht, weil zu wenig da ist, sondern weil zu viel gewollt wird – gleichzeitig, widersprüchlich und unkoordiniert. Ein politischer Bauchladen ohne Kassenprüfung.
Ineffizienz als Geschäftsmodell
Was mich dabei wirklich wütend macht: Die Bundesregierung tut so, als sei diese Lage überraschend eingetreten – dabei war sie absehbar. Die Ausgaben wurden schon im Frühjahr mit Schönrechnerei geplant. Man wusste, dass der Klima- und Transformationsfonds in seiner bisherigen Konstruktion wackelt. Man wusste, dass die Konjunktur sich abschwächt. Man wusste, dass die Aufrüstung der Bundeswehr mehr kosten wird und trotzdem wurde alles wie gewohnt weiter verplant.
Diese Form von finanzieller Realitätsverweigerung ist keine Nachlässigkeit – sie ist ein Muster. Man weiß, dass man sich übernimmt und man tut es trotzdem. Warum? Weil man davon ausgeht, dass der Bürger schon irgendwie zahlen wird.
Der Mittelstand in Geiselhaft
Was dabei ebenfalls zu kurz kommt – oder bewusst ignoriert wird – ist die Rolle des Mittelstands. Der kann im Gegensatz zu Großkonzernen oder globalen Banken nicht einfach sein Vermögen verschwinden lassen, sobald der fiskalische Wind dreht. Er hat keine Briefkastenfirma auf den Cayman Islands, kein steueroptimiertes Tochterunternehmen in Dublin, keine Fluchtoption nach Delaware.
Der Mittelstand bleibt.
Er zahlt, schafft Arbeitsplätze und hält am zunehmend maroden Standort Deutschland fest – oft aus Überzeugung, manchmal aus Verpflichtung, meistens aus beidem.
Ausgerechnet dieser Teil der Wirtschaft wird immer weiter belastet. Mit neuen Abgaben, mit wachsender Bürokratie, mit dem implizierten Vorwurf, „noch nicht genug“ beigetragen zu haben, das Lieferkettengesetz lässt grüßen.
Dabei sind es die Mittelständler, die die Gehälter derer zahlen, an denen sich der Staat ohnehin schon bedient – über die erwähnten Steuern, inklusive kostenloser Zustellung der Kirchensteuer.
Wenn das die Gerechtigkeitsvorstellung moderner Haushaltspolitik ist, dann ist das Wort „sozial“ zur Mogelpackung des Jahrzehnts verkommen.
Großrabatte für Großaktionäre
Warum bittet der Staat nicht endlich die zur Kasse, die tatsächlich zur Kasse gebeten werden müssten?
Wir erleben im Mittelstand eine beispiellose fiskalische Belastung einer Bürokratie, die bis in den letzten Beleg hinein kontrollieren will – und gleichzeitig lässt man zu, dass dort, wo wirklich Geld liegt, keine Konsequenzen folgen.
Ich erinnere nur an Cum-Ex. Ein kriminelles System, das den Staat – also uns alle – um Milliarden erleichtert hat und doch sind bis heute viele der Täter nicht zur Rechenschaft gezogen worden. Verfahren verlaufen im Sand, politische Aufarbeitung wird ausgesessen, Verantwortlichkeiten vertagt.
Es drängt sich der Eindruck auf, dass dieses System die Großen laufen lässt – und die Kleinen kontrolliert. Wer in Berlin noch nie mit den Cum-Ex-Akteuren zu Abend gegessen hat, der werfe den ersten Haushaltsentwurf. Einige dürften sich dabei schwertun oder zumindest schwer mit Erinnerungslücken zu kämpfen haben.
Ich rechne nicht mehr mit – ich rechne ab
Ich sage es bewusst in aller Deutlichkeit: Ich sehe es nicht mehr ein. Nicht, dass der Staat Geld braucht – das ist legitim. Aber dass er es trotz Rekordsteuereinnahmen immer noch nicht schafft, mit dem Vorhandenen effizient und zielgerichtet zu haushalten. Wer sich darüber beschwert, gilt als unsozial. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Wer sich für verantwortungsvolle Ausgaben einsetzt, schützt den Sozialstaat – vor sich selbst.
Der moralische Zeigefinger als Blankoscheck
Jede Diskussion über Ausgabenkürzungen endet in Deutschland spätestens dort, wo der moralische Zeigefinger beginnt. Wer weniger Geld für irgendetwas fordert, gilt sofort als kalt, herzlos, neoliberal – oder, noch schlimmer: haushaltspolitisch vernünftig.
Dabei wäre gerade jetzt Haushaltsdisziplin kein Akt der Härte, sondern der Verantwortung. Nicht jeder Euro, der nicht ausgegeben wird, ist ein Angriff auf die Gerechtigkeit. Manchmal ist er einfach eine Einladung an den Staat, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren: Kernaufgaben, Effizienz, Wirkung.
Sparen ist keine Härte – sondern Haltung
Sparen ist in der politischen Debatte zum Schimpfwort geworden. Dabei ist es nichts anderes als ein Ausdruck von Verantwortung. Kein Angriff auf das Soziale, sondern eine Voraussetzung dafür, dass man es sich überhaupt leisten kann. Ein Staat, der nicht spart, wenn er muss, wird auch nicht helfen können, wenn er soll.
Was nützt der größte Haushalt, wenn die Wirkung verpufft? Was nützt das teuerste Versprechen, wenn die Verwaltung daran scheitert? Was nützt das nächste Sondervermögen, wenn das letzte noch nicht einmal ansatzweise effizient eingesetzt wurde?
Das eigentliche Risiko dieser Politik liegt nicht in der Höhe der Schulden – sondern in der Tiefe des Misstrauens, das sie erzeugt. Ein Staat, der mehr verspricht als er halten kann, verliert seine Glaubwürdigkeit. Ein Staat, der mehr verlangt, ohne sich selbst zu beschränken, verliert seine Legitimität.
Die Menschen sind nicht deshalb politikverdrossen, weil der Staat spart – sondern weil er maßlos ist. Weil er sich selbst immer wichtiger nimmt als die, die ihn finanzieren.
Dabei gilt im privaten Haushalt aber genau das, was in der Staatskasse mit Füßen getreten wird: Wenn das Einkommen sinkt oder nicht mehr reicht, schraubt man die Ausgaben zurück – nicht die Erwartungen nach oben. Man stelle sich vor, ich gehe zum Bäcker, bestelle und erkläre dabei freundlich: „Ich habe zwar kein Geld mehr, aber keine Sorge, ich schreibe mir ein Sondervermögen. Ist ja schließlich für die Grundversorgung.“ Im gleichen Atemzug rufe ich meinen Arbeitgeber an und stimme ihn schon mal vorsorglich darauf ein, mir im nächsten Monat mehr Gehalt zu zahlen. Nicht etwa weil ich mehr leiste, sondern weil ich mit dem, was ich aktuell verdiene, nicht auskomme. Ich müsse halt meine Einnahmenseite „nachsteuern“, wie man in Berlin zu sagen pflegt.
Klingt absurd? Ist es auch. Doch genau so agiert der Staat.
Wer privat mit Geld umgeht, weiß: Wenn es eng wird, wird gespart. Punkt.
Die politische Klasse verplant das Geld, das sie nicht hat, und hofft, dass niemand nachrechnet. Es wurde finanziert, was gefällt – nicht, was notwendig ist. Von der Mütterrente, einer Kindergrundsicherung über die Industriesubvention bis zur Bürgergeldreform: Alles kann mehr kosten, niemand darf verzichten. Der Staat gibt sich großzügig wie ein Spieler, der gerade erst den Jackpot geknackt hat – nur dass er auf Kredit spielt und der Einsatz die Lebensrealität der Steuerzahler ist.
Die Frage ist also nicht, woher Berlin noch mehr Geld nehmen kann, sondern warum Berlin nicht endlich lernt, mit dem auszukommen, was es hat. Dass ein Staat auch einmal verzichten kann – das scheint ein undenkbarer Gedanke geworden zu sein. Stattdessen verteidigt man Ausgabenstrukturen, die an die Großzügigkeit eines maroden Adelsgeschlechts erinnern, das sich die Kutsche noch leistet, obwohl das Dach bereits undicht ist.
Die Idee des schlanken, effektiven und effizient wirtschaftenden Staates darf nicht länger als neoliberale Marotte abgetan werden – sie ist eine demokratische Notwendigkeit.
Fazit
Es ist höchste Zeit für eine Rückkehr zur haushaltspolitischen Vernunft. Es braucht einen Paradigmenwechsel. Nicht jeder Mangel muss mit Geld bekämpft werden. Nicht jedes Problem ist ein Etatposten.
Wer haushalten kann, schafft Vertrauen. Wer sich beschränkt, schafft Raum für Wirksamkeit und wer wieder lernt, mit dem auszukommen, was er hat, kann auch endlich aufhören, sich permanent zu überschätzen.
Was wir jetzt brauchen, ist kein zweites Haushaltsgutachten – sondern eine politische Kultur, die Ehrlichkeit über Euphemismus stellt. Die erkennt: Nicht jeder Anspruch ist ein Anspruch auf Steuergeld. Nicht jedes politische Ziel ist finanzierbar, erst recht nicht gleichzeitig.
Denn irgendwann wird aus Vertrauen eine Rechnung – und dann ist nicht der Bürger illoyal, sondern der Staat bankrott. An Geld, an Glaubwürdigkeit und an Haltung. Der Staatshaushalt ist kein Sandkasten für politische Träume – sondern das Treuhandkonto der Bürger.
Weitere meiner Kommentare und Essays gibt es hier.
Man stelle sich vor: Ein Angestellter taucht monatelang nicht zur Arbeit auf, meldet sich nicht ab, reagiert nicht auf Mails, ist telefonisch nicht erreichbar – und kassiert trotzdem weiter volles Gehalt. Er muss keine Leistungsnachweise erbringen, keine Projekte abliefern, keine Teammeetings besuchen. Kritik? Wird ignoriert. Konsequenzen? Keine. Im Gegenteil: Er legt sich sogar noch Nebentätigkeiten zu, verdient zusätzlich sechsstellig und erklärt auf Nachfrage, er sei eben „seinem Gewissen verpflichtet“.
In jedem Unternehmen wäre so jemand nach dem dritten Fehltag Geschichte. In der Verwaltung: suspendiert. In der Industrie: entlassen. Im Krankenhaus: eine Gefahr für Patienten. Im Bundestag? Ein ganz normaler Dienstag.
Dort gelten eigene Spielregeln. Oder besser gesagt: gar keine. Wer es einmal ins Parlament geschafft hat, genießt ein Schutzschild, das selbst Teflon neidisch machen würde. Unantastbar, unangreifbar, unkündbar. Die Immunität des Mandats ist in der Praxis längst zur Immunität gegenüber Verantwortung mutiert.
Mandatsfreiheit als Flucht vor Verantwortung
Dabei war der Grundgedanke einst ehrenwert: Die Väter des Grundgesetzes wollten verhindern, dass Abgeordnete unter Fraktions-, Parteidruck oder staatlicher Repression stehen. Artikel 38 GG spricht ihnen deshalb das „freie Mandat“ zu – verpflichtet allein dem Gewissen. Doch was als Schutz gegen autoritäre Übergriffe gedacht war, dient heute als Tarnkappe für politische Arbeitsverweigerung.
Der Volksvertreter von heute ist zwar gewählt, aber faktisch unantastbar. Ein politischer Freigeist mit der Lizenz zum Fernbleiben, zur Inaktivität, zur Nebentätigkeit – selbstverständlich alles steuerfinanziert. Kein Chef kann ihn ermahnen, kein Bürger ihn abberufen, keine Instanz ihn zur Ordnung rufen. Nicht einmal die kollektive Peinlichkeit, mit leerem Plenarsaal bei Debatten zur Haushaltskrise, reicht für Konsequenzen.
Ein Beruf ohne Nachweis, ohne Pflicht – aber mit Diäten
Wir sprechen von einem Berufsstand ohne Präsenzpflicht, ohne Urlaubsregeln, ohne formale Leistungsprüfung. Kein Protokoll vermerkt, ob ein Abgeordneter sich monatelang jeder inhaltlichen Auseinandersetzung verweigert. Kein Ausschuss rügt, wenn die einzige Aktivität darin besteht, Pressemitteilungen zu retweeten. Kein Wähler hat die rechtliche Möglichkeit, bei grober Untätigkeit einzugreifen – außer, vier Jahre lang still zu leiden.
Während Arbeitnehmer mit Stempeluhr, Leistungsdruck und Befristung leben müssen, reicht im Bundestag ein Mandat – und schon verwandelt sich Verantwortung in Dekoration. Das politische Mandat ist zur Vollkasko-Versicherung für Karrieristen geworden, denen der Kontakt zum Wahlkreis oft genauso fremd ist wie der Blick ins Grundgesetz.
Karriere ohne Können
Doch nicht nur das System ist dysfunktional – auch viele seiner Protagonisten sind es. Denn man wagt kaum zu fragen, mit welchen Qualifikationen manche unserer hochdotierten Volksvertreter eigentlich in ihr Mandat gestolpert sind. Die nüchterne Antwort: mit erstaunlich wenig. Kein Abschluss, keine Ausbildung, kein Beruf – dafür aber eine steile Karriere im Fahrstuhl der Parteijugend. Wer es früh genug schafft, im JU-Kreisverband Flyer zu verteilen, kann heute ohne einen einzigen Tag ehrlicher Erwerbsarbeit ins Parlament einziehen – und dort das Leben von Millionen mitgestalten, deren Realität er nie kennengelernt hat.
Das Ergebnis? Ein Rekordanteil von Akademikern im Bundestag – aber erschreckend viele davon ohne jeden Praxisbezug. Laut Auswertungen verfügen Dutzende Abgeordnete über keinen Berufsabschluss, einige nicht einmal über ein abgeschlossenes Studium. Sie gehören damit zu einer sehr exklusiven Gruppe: den bestbezahlten Ungelernten des Landes. Über 10.000 Euro monatlich Grundvergütung, steuerfreie Pauschalen, großzügige Altersversorgung – das alles ohne je wissen zu müssen, wie man eine Steuererklärung ausfüllt, eine Schicht in der Pflege überlebt oder mit drei Kindern durch den Wocheneinkauf kommt. Willkommen im Hochadel der Lebensferne.
Ein Elfenbeinturm mit Fahrdienst
Während der normale Bürger über Heizkosten, Rentenlücken und Kita-Plätze grübelt, fliegt in Berlin die Debatte an der Wirklichkeit vorbei wie der ICE am Regionalbahnhof. Dort, wo das Leben spielt, sind unsere Abgeordneten längst ausgestiegen. Existenzsorgen? Unbekannt. Angst vor Jobverlust? Unerklärlich. Monatsende? Reine Theorie. Die Republik diskutiert über bezahlbaren Wohnraum, Berlin hingegen über Dienstwagenordnungen. Und wer sich dann noch fragt, warum die Politikverdrossenheit wächst, hat den letzten Bürgerdialog wohl durch eine Lobbyistenrunde ersetzt.
Demokratie als Selbstbedienungsladen
Zu allem Überfluss regeln sich die politischen Kasten ihre Privilegien auch noch selbst. Die AfD zeigte es zuletzt exemplarisch: Ihre Fraktionsspitze gönnte sich ganz ungeniert eine Verdopplung der eigenen Zulagen – von bereits üppigen 6.000 auf satte 12.000 Euro monatlich obendrauf. Gesamteinkommen: 24.000 Euro. Pro Monat. Pro Person. Beschlossen im stillen Kämmerlein, kontrolliert von niemandem außer den eigenen Reihen. Man stelle sich vor, ein Betriebsrat würde sich selbst zum CEO befördern – und keiner hält ihn auf.
Doch während im Bundestag die eigenen Bezüge steigen, sind die großen Reformprojekte längst unter der Patina des politischen Stillstands begraben. Steuerlast, Energiekosten, Pflegekrise, Wohnraummangel – alles verschoben, vertagt, verpennt. Jahrzehntelang wurde das Notwendige hinausgezögert, bis das Unumgängliche nicht mehr zu bezahlen war. Jetzt ist es nicht nur zu spät. Es ist verantwortungslos spät.
Zeit für ein Ende der politischen Narrenfreiheit
Deshalb braucht es Reformen. Kein Reförmchen, kein Gutachten, kein „Wir-müssen-reden“-Stuhlkreis der Bundestagspräsidentin – sondern klare, durchsetzbare Regeln:
Ein gesetzlich verankertes Abwahlrecht für Abgeordnete, die nachweislich ihre Pflichten verletzen oder dauerhaft passiv bleiben. Was in anderen Demokratien längst Realität ist, wäre hier ein Befreiungsschlag.
Verpflichtende Transparenzpflichten zur Anwesenheit im Plenum, zur Beteiligung an Ausschüssen, zu Redebeiträgen, zur Abstimmungsteilnahme und zu Nebentätigkeiten. Öffentlich einsehbar, quartalsweise dokumentiert. Wer etwas taugt, hat nichts zu befürchten.
Gehaltskürzungen oder Disziplinarmaßnahmen bei grober Pflichtverletzung – etwa monatelanger Abwesenheit ohne triftigen Grund. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht verdienen. Das gilt in jeder Branche – außer in der Politik. Noch.
Verpflichtende Rechenschaftsformate im Wahlkreis, mindestens zweimal jährlich. Kein PR-Kaffeekränzchen, sondern verbindliche Bürgerdialoge, protokolliert und nachweisbar.
Natürlich wird sofort das freie Mandat bemüht. Doch wer das Mandat als Ausrede für Untätigkeit missbraucht, hat den Sinn der Freiheit nie verstanden. Es geht nicht darum, die Unabhängigkeit des Abgeordneten abzuschaffen. Es geht darum, sie mit Leben zu füllen – und mit Pflichten zu unterfüttern. Freiheit ohne Verantwortung ist keine Tugend, sondern eine politische Unverschämtheit.
Der Bundestag ist kein Ponyhof. Er ist das Zentrum unserer Demokratie und wer dort sitzt, muss nicht nur Reden halten, sondern auch liefern. Der Wähler ist nicht das Empfangskomitee einer politischen Elite, sondern der Arbeitgeber der Republik. Wer sich als Abgeordneter dafür zu schade ist, der sollte sich besser eine andere Bühne suchen – Reality-TV bietet bekanntlich ebenfalls Immunität gegen Sachlichkeit.
Fazit: Parlamentarismus braucht Prüfzeichen
Es ist höchste Zeit, den Goldrand um das freie Mandat zu schleifen. Nicht, um den Parlamentarismus zu schwächen – sondern um ihn zu retten. Denn wenn sich das Gefühl verfestigt, dass Abgeordnete zwar alles dürfen, aber nichts müssen, dann ist die eigentliche Gefahr nicht die Politikverdrossenheit – sondern die Demokratieverweigerung.
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Die Koalition spielt an der Sicherung – nur beim Bürger fliegt sie raus
Kommentar von Jens Baumanns
Da war sie wieder, diese Sekunde, in der Politik kurz so wirkte, als würde sie funktionieren: Die Stromsteuer sollte gesenkt werden. Für alle. Endlich mal eine Maßnahme, die ohne Antrag, ohne Bürokratie und ohne Koalitionskrise direkt beim Bürger ankommt. Ein Vorschlag so simpel wie wirksam – geradezu ein politischer Glücksmoment. Hätte man meinen können. Doch dann kam die Realität:
Wie bei einer feinen Sicherung knallt es zuerst im Versprechen – und dann auf der Stromrechnung.
Die vielversprochene Stromsteuer-Senkung für alle bleibt aus. Stattdessen fließt die Entlastung zielgenau in die Schaltzentralen der Industrie – dorthin, wo Lobbyarbeit auf Hochspannung läuft. Trotz vollmundiger Ankündigungen bleibt die Stromsteuer für Privathaushalte unangetastet. Während die Bundesregierung Gasspeicherumlage und Netzentgelte senkt, aber die eigentliche Steuerlast nur der Industrie erlässt, endet die Entlastung für den Normalbürger an der Türschwelle der Fertigungshalle. Gleichzeitig werden Diäten angepasst und Renten neu justiert – offenbar funktioniert die finanzpolitische Notlage selektiv.
Das ist kein Versehen – das ist politischer Kurzschluss mit Ansage.
Verpasste Chance auf echte Fairness
Dass ausgerechnet jetzt, nach wochenlangen Verhandlungen über Haushaltslöcher, Milliarden für Rüstung, marode Bahnstrecken und Digitales locker gemacht werden, während man bei der Entlastung des Mittelstands auf den Cent rechnet, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Diätenerhöhungen für Abgeordnete? Selbstverständlich. Aber eine Strompreisbremse für die, die morgens um sechs das Licht in der Küche anschalten, gilt als untragbare Belastung für den Haushalt.
Dabei hätte eine vollständige Senkung rund 5,4 Milliarden Euro gekostet. Im Finanzministerium hieß das „Haushaltsrisiko“. Zur Relation: Das ist in etwa so viel, wie der Bundestag in einem halben Jahr an Ausschüssen, Apparat und Aufmerksamkeitsökonomie verbrennt.
Das nennt man dann wohl Prioritätenmanagement nach dem Prinzip: Oben funkt die Macht, unten brennt die Sicherung durch. Die Entlastung bleibt dort, wo sie politisch weniger wehtut: bei den Branchen mit Verbandspräsidenten und Ministerhandynummer. Wer hingegen nur einen Stromzähler und zwei Kinder hat, gilt als bedauerlich, aber haushaltstechnisch vernachlässigbar.
Das eigentlich Absurde: Diese Stromsteuer-Senkung wäre einmal eine jener seltenen Maßnahmen gewesen, die tatsächlich jeden erreicht hätten. Strom braucht jeder, und genau deshalb hätte eine flächendeckende Senkung alle Bürger erreicht: Nur eine simple, ehrliche Senkung – direkt auf der nächsten Stromrechnung. Sie hätte die breite Mitte entlastet, die Rentnerwohnung ebenso wie die Familienküche, das WG-Zimmer wie das Eigenheim mit Wärmepumpe und obligatorischem E-Auto in der Garage.
Doch stattdessen gibt es jetzt Entlastungen mit technischer Zielgruppe: Wer mit Gas heizt, profitiert von der gestrichenen Gasspeicherumlage. Wer in einem gut angebundenen Netzgebiet wohnt, spart bei den Netzentgelten und wer schlicht wenig hat? Der bleibt außen vor – obwohl er gerade jede Kilowattstunde spürt.
Was besonders irritiert: Diese Entscheidung ist nicht einfach haushaltspolitisch fragwürdig, sie ist zutiefst politisch dumm. Gerade jetzt, wo Akzeptanz für die Energiewende, Inflation und Steuerlast auf der Kippe steht, hätte man mit einem kleinen Schritt große Wirkung erzeugen können. 93 Euro im Jahr weniger für eine vierköpfige Familie sind zwar kein Reichtum, aber ein Zeichen. Stattdessen sendet man ein anderes: Entlastung ist keine Frage der Notwendigkeit, sondern der Nähe zur Lobby. So verliert Politik ihre Spannung – und das Vertrauen gleich mit.
Ein Haushalt, viele Lücken – und keine Entlastung in Sicht
Denn während für Haushalte jedes Kilowatt zählt, hat man sich bei der Industrie großzügig gezeigt: Sie zahlt künftig den europäischen Mindestbetrag – 0,5 statt 2,05 Cent pro Kilowattstunde. Die Energiewende lebt davon, dass möglichst viele Menschen mitziehen – beim Stromsparen, beim Umrüsten, beim Mitfinanzieren. Wer jedoch den Eindruck gewinnt, dass sich Klimapolitik nur dann lohnt, wenn man über ein Industriegleis ins Kanzleramt fährt, wird sich irgendwann ausklinken. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Überdruss.
Die Regierung hat hier nicht nur eine Chance verpasst – sie hat Vertrauen verspielt. Wer Entlastung verspricht und dann im Schattenkabinett die Stecker zieht, darf sich über politische Dunkelziffern nicht wundern. Der nächste Blackout in der öffentlichen Akzeptanz ist vorprogrammiert – aber nur solange, bis die blaue Stunde einsetzt.
Berlin schaltet auf Standby – der Bürger zahlt
Diese selektive Entlastungspolitik ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines tieferliegenden Problems: Bürgernähe wird versprochen, geliefert wird Wirtschaftsnähe. Dabei ist der Vertrauensverlust inzwischen messbar – nicht in Meinungsumfragen, sondern in den Rechnungen, die trotz der damaligen Versprechen unverändert hoch bleiben. Das politische Versagen, einfache Entlastungen transparent und gerecht umzusetzen, ist damit nicht nur eine Frage des Haushaltsrechts – sondern eine Frage des Anstands.
Fazit: Hochspannung im Kleingedruckten
Wer den Menschen Steuererleichterungen in Aussicht stellt und dann im Schatten des Koalitionsausschusses den Stecker zieht, darf sich nicht wundern, wenn der Funke nicht mehr überspringt. Die Stromsteuer-Posse ist ein Musterbeispiel dafür, wie Versprechen zur Täuschung werden – und Entlastung zur Phrase.
Ja, die Industrie ist wichtig, zweifelsfrei. Aber sie ist nicht alles. Ein Land, das seine wirtschaftliche Stärke auf dem Rücken jener aufrechterhält, die abends die Waschmaschine mit schlechtem Gewissen starten, verkennt, worauf Stabilität wirklich beruht: auf Fairness. Wer nur die Industrie entlastet, aber nicht die Menschen, braucht sich nicht zu wundern, wenn ihm bald beides ausgeht – Strom und Zustimmung.
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Der Platz der Republik verliert, was ihn ausmachte: die Republik
Kommentar von Jens Baumanns
Sie nennen es „Sicherheitsarchitektur“. Ich nenne es ein Symbol der Entfremdung. Vor dem Reichstagsgebäude, auf jenem Platz der Republik, wo einst das Volk sinnbildlich und buchstäblich seinen Raum hatte, soll nun ein Graben gezogen werden. Das klingt nicht nach urbaner Ästhetik, sondern nach einer Festung. Nach Rückzug. Nach Misstrauen.
Es ist die bauliche Zuspitzung einer längst zerbrochenen Beziehung: zwischen dem Volk und jenen, die sich berufen fühlen, es zu vertreten. Vor dem Westportal des Reichstags soll nun ein Graben gezogen werden – ein „Aha“, wie man ihn in höfisch-feudaler Gartenbaukunst nannte. Ein Aha, das trennt, ohne sofort aufzufallen. Doch dieser Graben fällt auf – weil er symptomatisch ist für einen politischen Zustand, der längst nicht mehr nur symbolisch klafft – eben ein Aha, das bleibt.
Der Platz der Republik war einst ein Versprechen: ein weiter, offener Raum, der die architektonische Geste des Zugangs mit der Idee von politischer Teilhabe versöhnen sollte. Bürger sollten sich dem Parlament nicht nur nähern können – sie sollten es sich aneignen dürfen. Diese Geste wird nun zugeschüttet, oder besser: ausgehoben.
Zweieinhalb Meter tief, zehn Meter breit, 130 Meter lang – was klingt wie das Lastenheft für eine mittelalterliche Stadtmauer ist tatsächlich die neueste Idee aus dem Arsenal Berliner Symbolpolitik. Nicht mehr Transparenz, sondern topografische Trennung. Nicht mehr demokratische Offenheit, sondern ein permanenter Belagerungszustand. Die Republik im Verteidigungsmodus, gegen sich selbst.
Dieser Graben ist kein Bauprojekt, er ist ein Charakterbild. Er ist die gebaute Resignation einer politischen Klasse, die sich lieber verbarrikadiert als vermittelt. Wer in Umfragen verschwindet und sich auf der Straße nicht mehr blicken lassen kann, beginnt eben irgendwann, auch baulich auf Abstand zu gehen. Was als Shitstorm auf X beginnt, endet im Tiefbau.
Zur Verteidigung wird angeführt, es gehe um Prävention: der Reichstag sei ein potenzielles Ziel. Das ist nicht falsch, aber es ist auch weder neu noch einzigartig; und doch hat sich der Staat noch nie so offen eingestanden, wie sehr er den eigenen Bürgern misstraut. Die Furcht vor einem „deutschen 6. Januar“ treibt nun Sicherheitsplaner und Bauausschüsse um – als wäre es nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Sturm auf ein Parlament beginnt. Dass man dafür bereit ist, demokratische Offenheit buchstäblich unter die Erde zu bringen, verrät mehr über den Zustand des politischen Selbstverständnisses als über reale Gefahrenlagen.
Der Graben ist dabei keineswegs spontane Reaktion, sondern seit Jahren Teil eines umfassenderen Baukonzepts rund um das geplante Besucherzentrum des Reichstags. Bereits 2018 wurde die Maßnahme im Bundestag diskutiert, samt Tunnelanbindung und sogenanntem „Aha-Graben“ – ab 2025 soll gebaut, bis 2029 vollendet werden. Dass ein solches Projekt seither nahezu geräuschlos vorbereitet wurde, macht es nicht harmloser, sondern bezeichnender: eine bauliche Entscheidung ohne öffentliche Auseinandersetzung – technisch gedacht, politisch folgenreich. Die Demokratie, so scheint es, traut ihrem Demos nicht mehr.
„Der Graben ist kein Schutzwall gegen Terror – er ist eine Absage an Vertrauen.“
Dass am Westportal weiterhin der Satz „Dem deutschen Volke“ prangt, wirkt unter diesen Umständen wie Hohn in Bronze. Man könnte in einem Anflug architektonischer Konsequenz vorschlagen, es zu ergänzen: „… aber nur nach Voranmeldung, Sicherheitscheck und Abstandswahrung.“ Oder direkter: „Dem deutschen Volke – Zutritt nur mit berechtigtem Anliegen.“ Vielleicht gleich ganz ohne Schnörkel: „Zutritt verweigert. Demokratie bitte draußen bleiben.“
Statt Brücken zu bauen – wörtlich wie im übertragenen Sinne – zieht man nun Gräben. Nicht nur durch das Regierungsviertel, sondern durch die politische Landschaft dieses Landes. Zwischen denen, die regieren und denen, die sich regiert fühlen. Zwischen Mandatsträgern und Mandatsgebern. Zwischen Repräsentation und Realität. Zwischen Systemvertrauen und wachsender Skepsis.
Es ist eine Entwicklung, die sich nicht mit Beton aufhalten lässt – aber durch Beton sichtbar wird.
Selbstverständlich ist es richtig, über Sicherheit nachzudenken. Man muss es sogar, aber wer sie als Rechtfertigung für architektonische Abschottung missbraucht, macht aus der Demokratie ein Sperrgebiet. Sicherheit in einer offenen Gesellschaft ist kein Bollwerk – sie ist Beziehungspflege. Sie entsteht durch Dialog, nicht durch Distanz. Durch politische Präsenz, nicht durch Panikarchitektur.
Wer heute einen Graben zieht, sollte sich nicht wundern, wenn morgen der Dialog versiegt. Denn Vertrauen wächst nicht hinter Mauern. Vertrauen entsteht durch Nähe und wer diese Nähe aufgibt, gibt genau das auf, was ihn legitimiert: den Kontakt zum Souverän, dem Volke.
Manche mögen nun sagen: Es ist doch nur ein Graben. Doch wer das glaubt, hat nicht begriffen, was er symbolisiert. Dieser Graben ist kein architektonisches Detail – er ist das Sinnbild einer Demokratie, die sich zunehmend vor demjenigen fürchtet, von dem sie angeblich ausgeht. Ein Land, in dem sich die politische Klasse lieber einmauert, statt sich zu erklären, zieht nicht nur physische Linien in die Erde – sondern auch mentale Mauern in die Gesellschaft.
Der Reichstag wird zur Hochsicherheitszone, der Platz der Republik zur Sperrfläche. Und das Volk? Wird zur potenziellen Gefahr umgedeutet. Das ist keine Sicherheitsarchitektur – das ist der architektonische Offenbarungseid einer abgekoppelten Elite.
Vielleicht wäre es inzwischen nicht nur angebracht, sondern auch geradezu folgerichtig, die zuvor genannte Inschrift über dem Portal des Reichstags der neuen Realität anzupassen. Statt „Dem deutschen Volke“ müsste dort eigentlich stehen: „Dem deutschen Volke – mit Sicherheitsabstand“. Und wer weiß – vielleicht fällt beim nächsten Umbau auch gleich das „deutschen“ dem ästhetischen Feingefühl des Zeitgeists zum Opfer. Das würde gewiss all jenen gefallen, für die schon der bloße Verweis aufs Nationale den Anfang der Wiederauferstehung des Dritten Reichs markiert. In einer politischen Kultur, die zwischen Fahnenstange und Führergruß kaum mehr zu unterscheiden weiß, wäre es nur folgerichtig, auch sprachlich auf Distanz zu gehen – sicherheitshalber.
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Über eine Wahl, die alles sagt, was man wissen muss.
Kommentar von Jens Baumanns
Prolog: Kanzlerwahl – ein Lehrstück in drei Akten
Bühne: Deutscher Bundestag. Großer Saal, blendend ausgeleuchtet. In den Reihen: kostümierte Fraktionen, Blicke starr nach vorn, die Hände auf Zählung eingestellt. Flüstern hinter vorgehaltener Hand, nervöses Korrigieren der Sitzordnung. Die Republik hält den Atem an. Regieanweisung: Leichtes Rascheln im Zuschauerraum – die Bevölkerung schaut per Liveticker zu.
Vorhang auf für das Hohe Haus der großen Erwartungen. Die Inszenierung: Kanzlerwahl – Ein Lehrstück in drei Akten. Besetzt mit bekannten Namen, altgedienten Mienen und einem Hauptdarsteller, der sich seiner Rolle sicher ist. Die Bühne ist bereitet, die Dramaturgie bekannt: eine neue Legislatur beginnt, aber diesmal bröckelt der Putz schon bei der Premiere.
Der designierte Kanzler wartet auf seinen Einsatz. Die Koalition spielt sich warm, murmelt Textzeilen von Einigkeit und Aufbruch. Doch zwischen den Zeilen zittert es. Kein Schwung, kein Applaus – nur gespannte Erwartung. Dann der erste Auftritt: 328 Abgeordnete hätten ihn tragen sollen. Nur 310 tun es. Sechs Zeilen fehlen im Skript. Schnitt. Pause. Ratlosigkeit übernimmt die Hauptrolle.
Ein Raunen geht durchs Land. Auf den Bildschirmen draußen blinkt: „Merz durchgefallen – Beratung folgt.“ Der Vorhang schließt sich. Vorerst.
Was folgt, ist keine Inszenierung mehr – sondern Realsatire. Das Plenum verschiebt die Entscheidung auf morgen, während draußen Millionen arbeiten. Erst als die Außenwirkung unhaltbar wird, als selbst die Tagesschau-Zuschauer das Drehbuch nicht mehr verstehen, kommt die Kehrtwende. Geschäftsordnung? Spontan geändert. Zweiter Akt: improvisiert.
Jetzt bitte alle wieder einsteigen, Szenenwechsel. Kanzlerwahl, die zweite. Diesmal mit Ergebnis. 325 Stimmen. Applaus? Vom Tonband. Die Szene bleibt stehen wie eingefroren – niemand weiß, ob sie wirklich weitergeht.
Ein Regierungsbeginn auf Kante
Was sich heute zutrug, war kein Neuanfang. Es war ein Signal der Schwäche. Friedrich Merz wurde zum Kanzler gewählt – neun Stimmen über der Kanzlermehrheit, aber drei unter der Koalitionsstärke. Was nüchtern klingt, ist bei genauerem Hinsehen ein Lehrstück über die brüchige Statik dieser Regierung.
Denn schon im ersten Durchgang war sie gefallen – an sich selbst. Wer mit 328 Abgeordneten ins Rennen geht und mit 310 scheitert, hat kein Problem mit der Opposition, sondern mit der eigenen Koalition. Das Vertrauen fehlt – und es wird so schnell nicht zurückkommen.
Man kann sich ausmalen, wie die kommenden Monate aussehen werden: Jeder Gesetzesentwurf wird zur Vertrauensfrage, jede namentliche Abstimmung zum Nervenspiel. Ja, formal reicht oft die einfache Mehrheit der Anwesenden. Aber politisch heißt das: regieren im Ausnahmezustand. Keine Luft für Dissens, kein Platz für Profil. Eine Regierung auf Zählbetrieb – getrieben, nicht führend.
Die Grünen: Die Kunst, alles mitzunehmen und trotzdem zu verweigern
Am absurdesten aber bleibt das Verhalten der Grünen. Die Partei, die zuvor Milliarden aus dem Koalitionskompromiss erpresste und beim beschlossenen Schuldenpaket zulangte, als wäre das politische Budget ein All-you-can-eat-Buffet: Förderzusagen, Haushaltslinien, ideologische Duftmarken. Kaum war der letzte Paragraf trocken, wurde der Rückzug in die Opposition verkündet. Die Erklärung? Man wolle nicht Teil einer Regierung sein, die man gerade noch mitverhandelt hat. Es ist die Quadratur des politischen Opportunismus: zuerst mitgestalten, dann empört wegsehen.
Opposition wird zur Komfortzone. Verantwortung ist gut – solange sie in der Regierung bleibt. So simuliert man Prinzipientreue, ohne den Preis für Kompromisse zahlen zu müssen. Was bleibt, ist eine Haltung – aber keine Politik.
Die SPD: Macht aus Gewohnheit, nicht aus Mandat
Nicht minder bizarr ist der Auftritt der SPD. Eine Partei, die mit einem historischen Tief aus der Wahl kam, die gesellschaftliche Mitte an die CDU und die Arbeiterschicht an die AfD verloren hat – und dennoch Ministerien besetzt, als wäre der Wahltag ein Betriebsausflug gewesen. Wer so wenig Rückhalt hat, sollte leiser auftreten. Stattdessen verhalten sich die Genossen wie ein Mieter, der nach fristloser Kündigung trotzdem noch Ansprüche auf die Wohnungseinrichtung samt Stellplatz anmeldet.
Das Problem ist nicht die Zahl der SPD-Minister – es ist der Mangel an Legitimation. Olaf Scholz hat dieses Land über Jahre hinweg nicht regiert, sondern verwaltet. Nun soll seine Partei als tragende Säule einer neuen Regierung dienen? Es ist, als würde man ein marodes Dach neu decken, während das Fundament längst im Erdreich versinkt.
CDU: Zwischen moralischer Symbolik und praktischer Verantwortungslosigkeit
Die CDU hat nun ihren Kanzler: Hat ihn durchgebracht. Irgendwie, aber eben nicht mit Kraft, sondern mit Kalkül. Friedrich Merz steht nun an der Spitze einer Koalition, die ihn duldet, aber nicht trägt. Es ist der Sieg eines Kandidaten, der alles richtig gemacht hat – außer, Begeisterung zu erzeugen.
Wer eine Mehrheit will, muss sie sich holen. Auch wenn das bedeutet, mit der AfD zu reden. Nicht weil man die AfD gutheißen muss – Gott bewahre – sondern weil es Demokratie nicht ist, wenn man sich in einer Endlosschleife der Empörung windet, während das Land brennt. Politik ist kein Erbauungstheater: Wer gestalten will, muss sich die Hände schmutzig machen dürfen – statt ständig die weiße Weste der „Brandmauer“ zu zeigen, hinter der längst das Land in Flammen steht.
Ein Parlament, das sich selbst ausbremst – und ein Europa, das weiterzieht
Der Bundestag tritt in eine neue Legislatur, aber es fühlt sich an wie das letzte Kapitel eines politischen Romans, den niemand zu Ende schreiben will. Schon heute ist klar: Die kommenden Jahre werden keine Phase des Aufbruchs. Sie werden ein administrativer Eiertanz, ein parlamentarisches Mikadospiel: Wer sich zuerst, und vor allem, in die falsche Richtung bewegt, verliert.
Diese knappen Ergebnisse verdeutlichen die brüchige Basis der neuen Regierung und werfen einen Schatten auf die zukünftige Regierungsarbeit. Die Koalition wird bei jeder Abstimmung um Mehrheiten ringen müssen, was die Arbeitsfähigkeit des Bundestags erheblich belasten dürfte. Die Kanzlerwahl hat somit nicht nur einen neuen Regierungschef hervorgebracht, sondern auch die strukturellen Schwächen der aktuellen politischen Konstellation offenbart – sichtbar, zählbar, dokumentiert. Ein mahnender Ausblick auf die Herausforderungen, die das Parlament in den kommenden Jahren zu bewältigen hat. Nicht irgendwo am Horizont, sondern direkt in den eigenen Reihen.
Wie das Ganze auf die breite Bevölkerung wirkt, die diesen ersten Wahlgang im Liveticker der Tagesschau verfolgt hat? Es grenzt an Arbeitsverweigerung. „Merz durchgefallen“ – so die nüchterne Notiz. Dann: Beratungspause. Eine neue Wahl? Frühestens morgen, hieß es. Man müsse sich erst sortieren. Während draußen Bürger Steuern zahlen und drinnen Abgeordnete ihre Verantwortung vertagen.
Doch offenbar hat man im Bundestag gemerkt, dass man dem Steuerzahler diese Realsatire nicht länger zumuten kann. Also wurde die Geschäftsordnung im Eilverfahren angepasst – plötzlich war ein zweiter Wahlgang doch noch am selben Tag möglich. Einstimmig. Man möchte fast meinen: Wenn es um den eigenen Gesichtsverlust geht, kann das Parlament plötzlich sehr effizient sein.
Währenddessen fragt sich das Ausland, ob Deutschland gerade einen Regierungschef wählt oder ein kollektives Kommunikationsseminar veranstaltet. In Brüssel, Paris und Warschau schaut man irritiert nach Berlin – oder gar nicht mehr. Frankreich hat längst damit begonnen, das deutsche Gedeck am Tisch der Weltpolitik abzuräumen. Die Mahnung aus Paris war deutlich: Wer nicht kommt, fliegt raus und während Merz seine Mehrheit zusammenzählt, übernimmt Macron längst die Regie. Der neue Chefkellner Europas hat das Signal verstanden: Der deutsche Stammgast kommt wohl nicht mehr.
Was der Rest der Welt über diesen Wahlprozess denkt? Ich will es lieber gar nicht wissen.
Deutschland braucht eine handlungsfähige Regierung, keinen Debattierclub für moralische Überlegenheit. Demokratie heißt: Mehrheiten organisieren, nicht Haltung zelebrieren. Die Grünen spielen sich auf wie das gute Gewissen der Republik, während sie das Land sehenden Auges in eine Regierungsunfähigkeit treiben. Die SPD sonnt sich im Glanz vergangener Größe und die CDU zögert noch, das Offensichtliche zu tun: Machtpolitisch ist es Zeit, auch über bislang Undenkbares nachzudenken – nicht aus frenetischer Unterstützung und Liebe zur AfD, sondern aus Pragmatismus. Nichts geringeres, als der Pflicht für unser Land.
Was heute passiert ist, war nicht nur ein trauriges Schauspiel – es war ein gefährliches. Denn in Zeiten multipler Krisen hat Demokratie keine Zeit für kindische Spielchen. Sie braucht keine Bedenken-, sondern Entscheidungsträger.
Der Vorhang fällt. Nur eins ist sicher: Der dritte Akt steht uns noch bevor.
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Wie die SPD die Mitte demontiert und den Wohnungsmarkt destabilisiert
Kommentar von Jens Baumanns
Die Tagesschau berichtet über private Vermieter, die mit ihren Wohnungen inzwischen Verluste machen. Gemeint sind nicht Konzerne, Fonds oder internationale Player, sondern Menschen mit einer oder zwei Wohnungen – oft finanziert über Jahrzehnte, aus Rücklagen, im Vertrauen auf ein über Generationen anerkanntes Prinzip: Wer vorsorgt, schützt sich. Wer Eigentum schafft, entlastet den Staat. Wer vermietet, trägt zum Gemeinwohl bei. Es war ein Modell der bürgerlichen Verantwortung – heute ist es eine politische Zielscheibe.
Was sich über Jahrzehnte als zuverlässiger Bestandteil privater Altersvorsorge etabliert hatte, wird heute systematisch wirtschaftlich entwertet. Die Gründe sind bekannt – aber in ihrer politischen Dimension immer noch unterschätzt: drastisch gestiegene Instandhaltungs- und Betriebskosten, stark erhöhtes Hausgeld, wachsende Sanierungsauflagen, zunehmende Zinsschuldenlast, stagnierende Mieten und ein Mietrecht, das Investitionen erschwert und Eigentümerrechte systematisch einschränkt. Vermietung – einst ein Instrument zur Sicherung des Lebensstandards im Alter – wird für viele zum Zuschussgeschäft.
Gleichzeitig verschiebt sich die gesellschaftspolitische Rhetorik. Eigentümer gelten nicht länger als Stabilitätsfaktor, sondern als Teil des Problems. Die politische Darstellung ist ebenso einfach wie gefährlich: Wer vermietet, profitiert. Wer besitzt, schuldet der Gesellschaft etwas. Wer mit einer Immobilie Einnahmen erzielt – sei es zur eigenen Rente oder zur Finanzierung eines Pflegeheimplatzes – wird mit der Gier des Marktes in Verbindung gebracht. Es ist ein Klima der pauschalen Schuldzuweisung. Der eigentliche Wohnraummangel aber – strukturell, langfristig, vorhersehbar – wird in dieser Erzählung ausgeblendet.
Dabei sind die steigenden Mieten nicht das Resultat einzelner Vermieterentscheidungen, sondern Ausdruck eines Marktes, dem über Jahre hinweg die Substanz entzogen wurde. Neubau wird durch Baukosten, Normen und Bürokratie zunehmend unattraktiv. Investoren ziehen sich zurück, Projekte scheitern an Genehmigungsverfahren, Förderprogramme werden kurzfristig geändert oder gestrichen. Gleichzeitig wandern Wohnungen aus dem Mietmarkt ab: durch Verkäufe an Eigennutzer oder durch Rückzug der Eigentümer aus der aktiven Vermietung. Die Knappheit ist politisch verschärft, nicht marktgesteuert.
Inmitten dieser Entwicklung rückt nun auch der Kapitalmarkt ins Visier. Die SPD plant, Kapitalerträge künftig stärker zu besteuern – Dividenden, Kursgewinne, Fondsbeteiligungen. Die Argumentation folgt dem bekannten Muster: Es gehe nicht um die breite Masse, sondern um die „Reichen“, die „Millionäre“, jene, die „mehr als genug“ haben. Diese Form der steuerpolitischen Symbolpolitik trifft allerdings eine ganz andere Gruppe: den wirtschaftlich produktiven, leistungsbereiten Teil der Mittelschicht.
Denn die vorgeschlagenen Schwellenwerte klingen auf den ersten Blick hoch – auf den zweiten Blick sind sie erstaunlich schnell erreicht: Ein ETF-Depot, das über Jahrzehnte aufgebaut wurde. Eine vermietete Wohnung, deren Mieteinnahmen mit den Nebenkosten konkurrieren. Eine Unternehmensbeteiligung, ein vorgezogener Verkauf, eine Erbschaft. All das führt schnell zu einer steuerlichen Belastung, die nicht diejenigen trifft, die sich bereits längst entzogen haben – sondern diejenigen, die sich nicht entziehen können.
Denn wer heute wirklich wohlhabend ist, verfügt über Steuerexperten, über Stiftungskonstruktionen, über internationale Strukturen und juristische Beratung. Wer als Konzernbilanz oder als globales Family Office auftritt, hat längst gelernt, wie man sich effizient vor dem Zugriff des Fiskus schützt. Getroffen wird stattdessen der Mittelstand – jener Teil der Gesellschaft, der keine Offshore-Optionen hat, keine Teams aus Steueranwälten, keine Luxemburger Konstruktionen. Getroffen werden die Angestellte mit ETF-Sparplan, der selbstständige Ingenieur mit vermieteter Eigentumswohnung, die Unternehmerfamilie mit Beteiligung am lokalen Betrieb. Diese Menschen tragen schon heute einen überproportionalen Teil der Steuerlast – und sollen künftig noch mehr schultern. Weil sie greifbar sind. Weil sie zahlen können – nicht, weil sie ungerechtfertigt profitieren würden.
Auf dem Wohnungsmarkt zeigen sich die Folgen dieser Entwicklung längst: Kleinvermieter ziehen sich zurück. Sie verkaufen – an Eigennutzer oder an größere Gesellschaften. In beiden Fällen verliert der Markt an Vielfalt. Die SPD behauptet, gegen Konzentration und Spekulation vorzugehen – und produziert sie mit ihrer Politik selbst. Gleichzeitig wächst der politische Druck auf den Kapitalmarkt: Wer privat vorsorgt, wer investiert, wer Verantwortung übernimmt, wird steuerlich benachteiligt. Die Botschaft: Du darfst besitzen – aber es darf sich nicht lohnen.
All das geschieht zu einer Zeit, in der das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit der gesetzlichen Rente bröckelt, in der Pflegekosten steigen, in der die Gesellschaft altert und der demografische Wandel nicht theoretisch, sondern real in den Sozialsystemen ankommt. Wer jetzt Kapitalbildung bestraft, schwächt nicht die Reichen – er zerstört die Eigeninitiative der breiten Mitte. Der Schaden ist nicht kurzfristig fiskalisch, sondern langfristig strukturell: Es droht ein kultureller Verlust an Verantwortung, Eigenständigkeit, Eigentumsbewusstsein.
Die SPD hat sich von ihrer historischen Rolle als Partei der Aufstiegschancen verabschiedet. Was früher als sozial galt – der Erwerb von Eigentum, das Ziel der Selbstständigkeit, die Idee vom „kleinen Vermögen“ als Altersvorsorge – wird heute als Ausdruck bürgerlicher Selbstüberschätzung behandelt. Der Staat soll geben, der Einzelne nichts zurückverlangen. Eigeninitiative wird politisch entwertet, Eigentum kulturell delegitimiert. Die Mitte, die früher Wählerbasis war, ist heute politische Reibungsfläche.
Fazit:
Die SPD betreibt keinen sozialen Ausgleich – sie betreibt ideologisch motivierte Umverteilung auf dem Rücken jener, die dieses Land tragen: der produktiven, vorsorgenden Mitte. Wer Wohnraum schafft, Kapital aufbaut oder Verantwortung übernimmt, wird politisch nicht gefördert, sondern zur Zielscheibe gemacht – nicht trotz, sondern wegen seines Beitrags.
Wenn Vermietung arm macht, Vorsorge bestraft wird und Investitionen steuerlich entwertet werden, dann geht es längst nicht mehr um Gerechtigkeit. Dann verliert der Staat genau die, auf die er angewiesen ist: Die, die arbeiten. Die, die haften. Die, die bleiben.
Nicht die, die investieren, bauen und sich ein Vermögen erarbeiten, erhalten politische Unterstützung – sondern jene, die vom großzügigen Sozialstaat profitieren, ohne je zu seiner Finanzierung beigetragen zu haben.
Wenn ein Staat beginnt, Leistung zu bestrafen und Anspruch zu belohnen, gefährdet er seine eigene Tragfähigkeit. Wer die Mitte auspresst, vertreibt nicht nur Kapital, sondern zersetzt das Fundament dieses Landes. Deshalb braucht es jetzt eine politische Wende: Weg von ideologischer Umverteilung – hin zu einer Politik, die jene schützt und stärkt, die das Land am Laufen halten.
Wir brauchen endlich einen Staat, der nicht gegen Eigentum, Vermögen und Eigenverantwortung regiert – sondern an der Seite jener steht, die arbeiten, aufbauen, investieren und den Großteil der Steuerlast tragen. Nicht diejenigen, die kommen, weil der Sozialstaat offen ist, sollten belohnt werden – sondern jene, die ihn überhaupt erst möglich machen.
Das ist keine Frage der Gerechtigkeit. Es ist eine Frage der Vernunft – von der sich die SPD offensichtlich längst verabschiedet hat.
Es ist ein bewährtes Prinzip politischer Instinktlosigkeit: Wenn die eigene Bilanz sich nicht mehr schönrechnen lässt, erklärt man kurzerhand die Leistung anderer zum Problem. Genau so liest sich der jüngste Vorstoß der SPD zur stärkeren Besteuerung von Kapitaleinkünften. Verpackt als sozialpolitisches Korrektiv, angekündigt mit der immer gleichen Beruhigungsformel – „nur das obere Prozent“ –, zielt er in Wahrheit auf eine immer größere Gruppe: auf alle, die sich durch eigenes Sparen, Investieren und Risiko ein Stück Unabhängigkeit erarbeitet haben.
Diese Menschen bauen ihr Vermögen nicht aus dem Nichts auf. Sie tun es mit dem, was vom Nettolohn übrig bleibt – also mit bereits versteuertem Einkommen. Aus genau diesem Geld entstehen Rücklagen, ETF-Depots, Immobilienbeteiligungen, langfristige Vorsorge. Das Kapital wurde bereits besteuert. Jetzt soll auch dessen Ertrag noch einmal herangezogen werden – im Zweifel in immer neuen Stufen, je nach Kassenlage. Wer so agiert, argumentiert nicht mit Gerechtigkeit. Er praktiziert Doppelbesteuerung mit ideologischem Anstrich.
Das Rentensystem selbst gleicht mittlerweile einem Kartenhaus – gestützt von einer schrumpfenden Beitragsbasis und einer Anspruchsmentalität, die sich jeder ökonomischen Realität entzieht. Seit Jahrzehnten wurde es nicht grundlegend reformiert. Die Politik hangelt sich von Generationenversprechen zu Generationenbruch. Das Loch in der Kasse wird größer – und wer soll es stopfen? Natürlich der Bürger, der noch etwas hat.
Dabei trägt der Staat kein Risiko. Er investiert keinen Cent. Wenn die Märkte fallen, wenn das Depot temporär ins Minus rutscht, steht niemand aus dem Finanzministerium bereit, um Verluste auszugleichen. Doch sobald sich ein Buchgewinn zeigt, taucht der Staat auf – wie ein schlecht gelaunter Hauptaktionär, der nie etwas beigetragen hat, aber nun auf Ausschüttung besteht. Erfolgsbeteiligung? Selbstverständlich. Verluste? Nicht zuständig. Das ist kein fiskalisches Prinzip – das ist fiskalische Dreistigkeit.
Die Argumentation der SPD ist ebenso simpel wie schief: Wer etwas besitzt, kann auch etwas abgeben. Dass Besitz jedoch nicht von selbst entsteht, sondern aus Verzicht, Disziplin und langem Atem – das wird konsequent ignoriert. Sparen, investieren, Rücklagen bilden: Das ist keine Dekadenz. Es ist der Versuch, sich gegen ein System zu wappnen, das längst nicht mehr in der Lage ist, für eine angemessene Altersvorsorge zu sorgen.
Der Staat hat sich aus dieser Verantwortung längst verabschiedet. Er verwaltet lieber statt zu gestalten, verspricht lieber statt zu liefern – und reicht die Quittung am Ende an jene weiter, die sich rechtzeitig Gedanken gemacht haben. Das ist keine Umverteilung. Das ist eine Umkehr der Verantwortung.
Während Minister über „leistungslose Einkommen“ referieren, erleben Millionen Bürger tagtäglich, dass das einzig leistungslose System jenes ist, das Ansprüche ohne Gegenleistung produziert. Es schöpft aus Werten, die es nicht geschaffen hat. Es verteilt Vermögen, das es nie erwirtschaftet hat. Es ruft nach Gerechtigkeit – aber meint Zugriff.
Ich für meinen Teil habe beschlossen, den Spieß umzudrehen: Wenn sich der Staat wie ein Anteilseigner verhält, der auf meine Erträge spekuliert, ohne jemals investiert zu haben, dann bekommt er von mir künftig die Rechnung: Verwaltungskostenpauschale, Risikoprämie, Strategiegebühr und zwar rückwirkend. Ich mache nicht den Staat reich – ich sichere meine Altersvorsorge. Wer das angreift, greift nicht nur mein Depot an, sondern meine Unabhängigkeit. Es ist ein einfaches Prinzip: Wer nichts investiert, soll auch nichts bekommen.
Was die SPD hier vorlegt, ist keine Steuerpolitik, sondern ein kalkulierter Zugriff auf die Substanz der Eigenverantwortlichen. Ein Staat, der nicht mitträgt, aber mitkassiert, disqualifiziert sich nicht nur wirtschaftlich – sondern moralisch. Wer immer neue Lasten auf dieselben Schultern verteilt, darf sich nicht wundern, wenn diese irgendwann das Land verlassen.
Die Frage ist nicht, ob diese Pläne kurzfristig ein paar Milliarden einbringen. Die Frage ist, was langfristig bleibt, wenn Sparen zur Dummheit erklärt wird, Investieren zur Gefahr – und der Staat sich zum stillen Teilhaber aufspielt, dem jedes Risiko fremd ist, der aber im Gewinnfall mit am Tisch sitzt.
Das hier ist keine Steuerpolitik. Es ist fiskalisch verbrämte Enteignung. Eine Politik, die nicht reformiert, sondern redistribuiert. Nicht gestaltet, sondern abschöpft. Wer auf diese Weise Eigentum bekämpft, zeigt vor allem eines: dass ihm jede Idee ausgegangen ist – außer der, sich beim Bürger zu bedienen, der noch etwas besitzt.
Das ist keine Politik für eine Gesellschaft der Verantwortung. Das ist die letzte Ausfahrt vor dem Offenbarungseid.
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