Der Funke liegt bei uns

Trockenheit schafft Gefahr, Fahrlässigkeit macht daraus Feuer.

Meinungskommentar von Jens Baumanns

Eine wärmere Welt erhöht das Brandrisiko, doch zur Katastrophe wird es meist erst durch menschliche Fahrlässigkeit. Waldbrandschutz beginnt deshalb mit einer erstaunlich unspektakulären Tugend: der Verantwortung für das eigene Handeln.

Prometheus, so erzählt der Mythos, stahl den Göttern das Feuer und brachte es den Menschen. Ein Akt des Ungehorsams und zugleich eine Gründungsgeschichte unserer Zivilisation. Mit dem Feuer kam alles Weitere: bearbeitetes Metall, haltbare Nahrung, Licht in der Dunkelheit, eine Natur, die sich in einem zuvor undenkbaren Maß unterwerfen ließ.

Zeus war darüber wenig erfreut. Vielleicht wusste er, warum. Denn die eigentliche Macht des Feuers liegt nicht darin, dass wir es zu entzünden vermögen, sondern darin, dass wir die Vernunft besitzen sollten, es im richtigen Moment eben nicht zu tun.

Ich kenne das Hohe Venn nicht aus den Bildern der vergangenen Tage. Ich kenne es aus den Jahren davor: diese eigenwillige Weite, die Moore und Heideflächen, den bisweilen fast unwirklichen Wechsel aus Kargheit und üppigem Grün. Aachen und die Eifel bis nach Monschau und ins Hohe Venn waren lange Teil der Heimat meiner Familie, bevor ich nach Hamburg zog. Vielleicht trifft mich deshalb besonders, was dort nun verbrannt ist.

Rund 3.000 Hektar erfasste der Großbrand im Hohen Venn. Das entspricht 30 Quadratkilometern oder, in der gern bemühten Vergleichsgröße, etwa 4.200 Fußballfeldern. Wer es noch anschaulicher mag, darf zur deutschen Lieblingseinheit Badewanne greifen: Auf ein Fußballfeld passen rechnerisch rund 5.600 Stück à 150 Liter. Macht 840.000 Liter Wasser pro Fußballfeld und auf 4.200 Fußballfeldern rund 23,5 Millionen Badewannen mit gut 3,5 Milliarden Litern Wasser. Eine absurde Rechnung, gewiss. als Löschwasser wären diese Milliarden Liter allerdings deutlich sinnvoller aufgehoben gewesen als als bloße Vergleichsgröße.

Der Vergleich wirkt spielerisch, die Lage ist es nicht. Denn während sich Flächen in Fußballfelder und Badewannen übersetzen lassen, glimmen die Torfschichten teilweise weiterhin unterirdisch und setzen dabei über lange Zeit gebundenes CO₂ frei. Menschen auf beiden Seiten der deutsch-belgischen Grenze mussten ihre Häuser verlassen oder sich auf Evakuierungen einstellen. Nur wenige Kilometer entfernt hatte kurz zuvor bereits der Hürtgenwald gebrannt: rund 300 Hektar, nach Einschätzung der nordrhein-westfälischen Landesregierung der größte Waldbrand in der Geschichte des Landes. In der Spitze waren dort etwa 1.800 Einsatzkräfte im Einsatz. Solche Bilder werden uns künftig leider häufiger begegnen.

Der Klimawandel ist real, seine Folgen werden teuer, überaus unangenehm und mitunter sprichwörtlich brandgefährlich. Gerade deshalb stört mich eine zweite Entwicklung: unsere reflexhafte Neigung, die Verantwortung immer außerhalb des eigenen Wirkungskreises zu suchen.

Der Wald entzündet sich nicht von selbst

In der Debatte geht eine Unterscheidung regelmäßig verloren, denn der Klimawandel selbst entzündet keinen Wald. Er schafft lediglich die Bedingungen, unter denen ein Feuer leichter entsteht, sich schneller ausbreitet und schwerer zu löschen ist. Hitze, trockene Luft, ausgedörrte Vegetation und Wind verwandeln eine Landschaft in einen gewaltigen Brennstoffvorrat. Den Funken liefert in aller Regel der Mensch, selbst natürliche Zündquellen wie Blitzschlag spielen eine untergeordnete Rolle.

NRW-Innenminister Herbert Reul hat das beim Brand im Hürtgenwald wenig diplomatisch, aber treffend formuliert: Er vermutete menschliches Fehlverhalten und sprach von „irgendeinem Idioten“, der das Feuer verursacht habe. Gesichert ist die Ursache bislang nicht. Die Polizei ermittelt noch und prüft dabei auch Hinweise auf mehrere Brandstellen. Solange diese Ermittlungen laufen, ist bei einem solchen Vorwurf Zurückhaltung geboten. An Reuls grundsätzlichem Gedanken ändert das jedoch wenig.

Denn was sich verändert hat, ist nicht in erster Linie unser Verhalten. Unachtsam waren Menschen schon immer. Verändert hat sich hingegen, was Unachtsamkeit anrichtet. Was vor dreißig Jahren eine kurze Gedankenlosigkeit blieb, kann heute ein überregionaler Katastropheneinsatz werden.

Eine Zigarette ist kein Naturereignis

Ich habe ohnehin nie verstanden, weshalb Menschen ihre Kippen aus dem Autofenster werfen oder auf den Gehweg schnippen. Schon ohne jede Waldbrandgefahr ist das eine bemerkenswerte Mischung aus Bequemlichkeit und Rücksichtslosigkeit: Der eigene Müll wird offenbar in dem Moment zum Problem der Allgemeinheit, in dem er die Fingerspitzen verlässt. Müll bleibt Müll. Bei extremer Trockenheit kommt jedoch eine weit gefährlichere Dimension hinzu.

Brennende oder glimmende Gegenstände wegzuwerfen oder fahrlässig zu handhaben, sollte eigentlich schon der gesunde Menschenverstand verbieten. Das Gesetz gießt diese Selbstverständlichkeit lediglich in verbindliche Form: Verstöße können nach dem Landesforstgesetz mit Geldbußen von bis zu 25.000 Euro geahndet werden. Wer durch Fahrlässigkeit einen fremden Wald, eine Heide oder ein Moor in Brand setzt, verlässt dabei ohnehin den Bereich bloßer Ordnungswidrigkeiten. Fahrlässige Brandstiftung kann nach dem Strafgesetzbuch mit Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft werden.

Das ist auch richtig so, denn wer bei hoher Waldbrandgefahr eine brennende Zigarette in trockenes Gras wirft, ist nicht „nur ein bisschen unachtsam“. Er nimmt ein Risiko in Kauf, dessen Folgen inzwischen jedem bekannt sein dürften. Hunderte Feuerwehrleute, Löschhubschrauber, Bundeswehr, Polizei und Technisches Hilfswerk rücken nicht aus, damit jemand sein persönliches Recht auf Gedankenlosigkeit ausleben kann. Bei solchen Verstößen darf der Staat seine vorhandenen Sanktionsmöglichkeiten mit etwas weniger pädagogischem Fingerspitzengefühl ausschöpfen.

Eigenverantwortung ist keine neoliberale Zumutung

Der Einwand ist absehbar: Wer an den Einzelnen appelliert, lenke von den Strukturen ab und schiebe ein gesellschaftliches Problem dem Individuum zu. Dabei muss niemand sein Leben umbauen, um eine glimmende Kippe nicht ins trockene Gras zu werfen. Dasselbe gilt für das Lagerfeuer im Kiefernwald, für den Unkrautbrenner, der im August zwischen ausgedörrten Pflasterfugen zum Einsatz kommt und für das Feuerwerk, das außerhalb der Silvestertage ohnehin einer Erlaubnis bedarf. Das sind keine Lebensentwürfe, sondern Handgriffe. Sie kosten nichts, sie verlangen keinen Verzicht und niemandem sind sie strukturell erschwert.

Trotzdem haben wir uns daran gewöhnt, bei nahezu jedem Risiko zuerst nach dem Staat zu rufen:
Es soll gewarnt, abgesperrt, verboten, kontrolliert und anschließend selbstverständlich entschädigt werden. Für beinahe jede Lebenslage existiert die Erwartung, dass eine Behörde irgendwo zuständig sein müsse – und gleichzeitig beklagen wir uns über ausufernde Bürokratie.

Ein leistungsfähiger Staat ist notwendig. Gerade der Katastrophenschutz zeigt, wie viel funktionierende öffentliche Strukturen wert sind. Die Einsatzkräfte im Hürtgenwald und im Hohen Venn haben bewiesen, was staatliche Organisation, Ehrenamt und grenzüberschreitende Zusammenarbeit leisten. Nur ist auch der leistungsfähigste Staat kein Ersatz für eine verantwortungsfähige Gesellschaft. Kein Ordnungsamt kontrolliert jeden Wanderweg, kein Polizeibeamter sitzt auf dem Beifahrersitz, wenn jemand seine Kippe aus dem Fenster schnippt und keine Warn-App ersetzt den Verstand ihres Nutzers.

Eigenverantwortung entlässt den Staat nicht aus seiner Pflicht, sie beginnt nur früher. Das war einmal eine bürgerliche Selbstverständlichkeit.

Klimaanpassung darf nicht am Waldrand enden

Persönliche Verantwortung allein löst das Problem selbstverständlich nicht. Wer sie gegen staatliche Klimaanpassung ausspielt, macht es sich genauso leicht wie derjenige, der individuelles Verhalten für bedeutungslos erklärt.

Auch unsere Wälder müssen widerstandsfähiger werden. Mischwälder mit höherem Laubbaumanteil sind in der Regel weniger brandanfällig als manche Nadelholzbestände. Moore gehören dort renaturiert und wiedervernässt, wo es sinnvoll und möglich ist – im Hohen Venn hat sich gerade gezeigt, was ein ausgetrockneter Torfkörper anrichtet, wenn er einmal glimmt. Zufahrten, Löschwasserstellen, Früherkennung und spezialisierte Waldbrandeinheiten müssen auf eine Gefahrenlage vorbereitet sein, die Deutschland künftig häufiger treffen dürfte.

Temporäre Sperrungen besonders gefährdeter Gebiete können bei extremer Gefahrenlage selbstverständlich sinnvoll sein. Daraus sollte jedoch kein pauschales Wegsperren unserer Wälder werden. Menschen aus der Natur fernzuhalten, weil einige wenige sich nicht verantwortungsvoll zu verhalten wissen, wäre erneut jene politische Reflexhandlung, die Verantwortung kollektiviert, statt konkretes Fehlverhalten gezielt zu sanktionieren.

Wer sich korrekt verhält, ist nicht das Problem. Wer bei höchster Waldbrandgefahr grillt, Unkraut flammt, Feuer macht oder glimmende Gegenstände fortwirft, schon. Diesen Unterschied darf ein handlungsfähiger Staat durchaus kennen.

Freiheit braucht jemanden, der mit ihr umgehen kann

Mitunter ist das vielleicht die unbequemste Lehre dieser Brände: Der Klimawandel ist nicht nur eine Frage großer politischer Systeme, internationaler Abkommen und milliardenschwerer Transformationsprogramme. Er verschiebt auch die Maßstäbe unseres Alltags. Trockenere Sommer verlangen mehr Vorsicht. Leichter brennende Wälder verlangen einen anderen Umgang mit Feuer und wo ein kleiner Fehler tausende Hektar gefährdet, ist Gedankenlosigkeit keine Bagatelle mehr.

Das Hohe Venn wird sich erholen, manche Flächen schneller, andere erst über Jahrzehnte. Doch kein Haushaltsbeschluss lässt das Verlorene Wiederherstellen. Mich macht dieser Anblick traurig und wütend bei dem Gedanken, dass am Anfang womöglich nichts weiter stand als eine achtlose Handbewegung.

Zweifellos können wir keine Dürre verhindern, keine Hitzewelle kurzfristig abstellen, und wir werden trotz aller Klimapolitik mit einem wachsenden Waldbrandrisiko leben müssen. Eine brennende Zigarette nicht in den Wald zu werfen und im Zweifel für einen kurzen Moment den gesunden Menschenverstand zu bemühen, sollte allerdings noch innerhalb unserer zivilisatorischen Möglichkeiten liegen.

Der Klimawandel legt inzwischen immer häufiger den Zunder bereit. Den Funken müssen wir ihm nicht auch noch liefern.

Schlussendlich liegt darin die eigentliche Aktualität der eingangs erwähnten Sage. Die Götter fürchteten das Feuer nicht, weil es von sich aus böse gewesen wäre. Sie fürchteten die Macht, die es dem Menschen verlieh: zu wärmen und zu vernichten, zu schützen und zu zerstören, Fortschritt zu ermöglichen und ganze Landschaften in Asche zu legen. Sein Wert hing schon damals davon ab, wer es in Händen hielt. Prometheus brachte der Menschheit deshalb nicht nur eine Gabe, sondern eine Verantwortung. An Erstere erinnern wir uns offenbar deutlich zuverlässiger.


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Freiheit aus der Pipeline

Endlich wieder Öl und Gas?

Kommentar von Jens Baumanns

Die Freude war groß. Endlich, so die Erzählung, dürften Bürger wieder selbst entscheiden, womit sie heizen. Öl und Gas würden rehabilitiert, der ideologische Zwang verschwinde und der Staat ziehe sich aus dem privaten Heizungskeller zurück.

Kaum war die Rückabwicklung zentraler Elemente des Heizungsgesetzes beschlossen, machte in den sozialen Medien ein Begriff die Runde, der so verlockend wie missverständlich klingt: energetische Freiheit.

Es ist in der Tat ein bemerkenswertes Freiheitsverständnis. Gar so besonders, dass man diese Wortwahl nur einen Moment wirken lassen muss, um ihre Ironie zu erkennen:
Freiheit – ausgerechnet durch jene Energieträger, die wir vollständig importieren müssen.

Öl und Gas liegen nicht unter deutschen Feldern, sondern unter fremden Territorien. Sie werden von Staaten gefördert, deren Interessen und Wertvorstellungen selten mit unseren identisch sind, und über Handelsrouten transportiert, deren Stabilität – wie man nun sieht – weder wir noch sie selbst garantieren können.

Die viel beschworene energetische Freiheit beginnt also dort, wo unsere Abhängigkeit beginnt: in der Pipeline. Es ist eine rhetorisch elegante Vorstellung – strategisch jedoch eine erstaunlich fragil.

Gerade ein Land wie Deutschland sollte diese Fragilität eigentlich kennen. Noch vor wenigen Jahren galt russisches Gas als Inbegriff pragmatischer Energiepolitik: zuverlässig, wirtschaftlich und politisch bequem. Erst der Angriff Russlands auf die Ukraine verwandelte diese vermeintliche Partnerschaft in eine energiepolitische Lektion von bemerkenswerter Deutlichkeit.

Man hätte erwarten können, dass eine solche Erfahrung zumindest eine gewisse strategische Skepsis hinterlässt, doch die politische Erinnerung ist offenbar kürzer als die Pipeline, aus der unsere Freiheit angeblich fließen soll.

Deutschland hat diese Lektion eigentlich bereits gelernt – auf eine Weise, die schmerzhaft genug gewesen sein sollte, um nachhaltige Erinnerung zu hinterlassen. Doch Politik besitzt mitunter die bemerkenswerte Fähigkeit, Krisen zu überstehen, ohne aus ihnen zu lernen.

Während sich die geopolitische Lage im Nahen Osten zunehmend zuspitzt, während Iran eine zentrale Rolle in einer der sensibelsten Energiehandelsregionen der Welt spielt und während die Straße von Hormus weiterhin eines der größten Nadelöhre des globalen Ölmarktes bleibt, diskutiert Deutschland ernsthaft darüber, fossile Energieträger wieder als selbstverständliche Option zu etablieren und nennt das Pragmatismus.

Pragmatismus kann vieles sein. In diesem Fall ist er vor allem eines: kurzfristige Bequemlichkeit.

Fossile Energie hat eine Eigenschaft, die sie politisch attraktiv macht: Sie ist vertraut, sie funktioniert nach bekannten Mustern, sie beruhigt Debatten, weil sie Veränderung vermeidet. In politischen Systemen, die stark auf kurzfristige Stimmungen reagieren, wirkt sie daher wie ein Beruhigungsmittel.

Das Problem mit Beruhigungsmitteln ist nur, dass sie die Ursache eines Problems selten lösen.
Sie verschieben sie.

In meinen beiden vorherigen Kommentaren ging es vor allem um Planungssicherheit und ordnungspolitische Verlässlichkeit. Märkte, so meine These, können mit ambitionierten Zielen umgehen. Was sie nicht vertragen, ist politischer Zickzackkurs.

Doch hinter dieser ordnungspolitischen Frage verbirgt sich eine noch grundlegendere: die der strategischen Autonomie.

Energiepolitik ist keine rein technische Debatte über Heizsysteme, Netze oder Förderprogramme. Sie ist eine Frage der Machtverhältnisse. Wer Energie importiert, importiert auch Abhängigkeiten.

Jede Kilowattstunde, die im eigenen Land produziert wird, reduziert diese Abhängigkeit ein Stück. Photovoltaik auf privaten Dächern, Windenergie, Speichertechnologien – all das sind nicht nur Instrumente der Klimapolitik. Sie sind Bausteine strategischer Resilienz.

Eine Solaranlage auf einem deutschen Dach kann nicht durch eine geopolitische Krise abgeschaltet werden. Ein Windrad lässt sich nicht durch diplomatische Spannungen blockieren. Energie, die vor Ort erzeugt wird, ist nicht nur erneuerbar – sie ist politisch stabiler.

Gerade deshalb wirkt die aktuelle energiepolitische Debatte so bemerkenswert.

Während Europa über strategische Autonomie spricht, während Lieferketten neu gedacht und Abhängigkeiten reduziert werden sollen, diskutiert Deutschland darüber, fossile Technologien wieder stärker zu legitimieren. Es ist, als würde ein Land, das gerade erst aus einem strukturellen Risiko herausmanövriert hat, ernsthaft erwägen, denselben Kurs erneut einzuschlagen – diesmal mit etwas anderen Lieferanten.

Die politische Begründung lautet Freiheit. Der tatsächliche Effekt ist Abhängigkeit.

Dabei ist die Logik eigentlich simpel: Ein Staat, der seine Energieversorgung zu einem erheblichen Teil selbst produzieren kann, ist resilienter als einer, der sie importieren muss. Diese Erkenntnis ist weder ideologisch noch besonders revolutionär. Sie ist schlicht strategische Mathematik.

Natürlich wird es Übergangsphasen geben. Natürlich wird auch fossile Energie noch eine Zeit lang Teil des Systems bleiben. Doch Übergänge sind keine Ziele. Wer sie als solche behandelt, bleibt dauerhaft im Übergang stecken und genau dort, wo Deutschland seit Jahrzehnten weilt.

Genau hier beginnt die eigentliche Ironie dieser Debatte. Während manche Kommentatoren die Rückkehr zu fossilen Optionen als Ausdruck neu gewonnener Freiheit feiern, vollzieht sich im Hintergrund das Gegenteil: Die strukturelle Abhängigkeit, die man gerade erst mühsam reduziert hat, wird politisch wieder salonfähig gemacht und schlägt am Ende gleich doppelt zu Buche: ökologisch wie finanziell.

Freiheit entsteht nicht aus der Pipeline. Sie entsteht dort, wo ein Land seine zentralen Infrastrukturen selbst kontrollieren kann.

Wer fossile Energien heute als Befreiung verkauft, betreibt daher vor allem semantische Kosmetik. Die eigentliche energiepolitische Freiheit besteht nicht darin, Öl und Gas wieder leichter zugänglich zu machen. Sie besteht darin, irgendwann nicht mehr auf sie angewiesen zu sein.


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