Rien ne va plus

Wenn Demokratie plötzlich das falsche Ergebnis liefert

Kommentar von Jens Baumanns

Wie die Grünen in Sachsen einen eigenen Antrag gewinnen, aber an den falschen Stimmen scheitern.

Rien ne va plus.“ Nichts geht mehr.

Im Casino ist das der Moment, in dem der Croupier die Einsätze schließt. Die Jetons liegen auf dem Filz, die Spieler haben gesetzt, die Kugel rollt, das Rad dreht sich. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Keine nachträgliche Korrektur, keinen moralischen Einspruch, keine spontane Neubewertung des eigenen Risikos. Wer gesetzt hat, wartet. Wer gewinnt, gewinnt. Wer verliert, verliert.

So ähnlich funktioniert auch ein Parlament. Nur ohne Samtjackett, Champagnerglas und die Illusion, dass alle Beteiligten die Spielregeln verstanden hätten.

Im Sächsischen Landtag lag ein Antrag der Grünen auf dem Tisch. Es ging um kleine Schlachtbetriebe, um regionale Fleischverarbeitung, um Gebühren, um Entlastung, um das Fleischerhandwerk. Kein revolutionäres Manifest, kein Umsturz der Staatsordnung, kein heimlicher Marsch auf Berlin. Ein sachpolitischer Antrag, wie ihn eine Oppositionsfraktion eben stellt, wenn sie parlamentarisch arbeiten möchte.

Dann wurde abgestimmt.

Die Kugel rollte.

AfD und BSW, die zuvor in der Debatte noch dagegen argumentiert hatten, stimmten am Ende zu. Sie legten ihre Stimmen mit Pokerface auf den parlamentarischen Filz, wohl wissend, dass nicht nur der Antrag, sondern vor allem die Reaktion der Grünen zum eigentlichen Einsatz geworden war. Die Grünen stimmten ebenfalls zu. Der Antrag bekam eine Mehrheit. Die weiße Kugel fiel ausgerechnet auf Grün.

Eigentlich wäre das der Moment gewesen, in dem eine Partei zufrieden feststellen könnte: Unser Antrag hat überzeugt, unser Anliegen hat eine Mehrheit gefunden. Kleine Betriebe werden entlastet, regionale Strukturen erhalten Unterstützung. Sachpolitik hat funktioniert.

Doch im politischen Casino der Gegenwart folgt auf den Gewinn nicht der Jubel, sondern die betretene Suche nach dem Notausgang.

Die Grünen waren bestürzt. Nicht, weil ihr Antrag gescheitert wäre, sondern weil er erfolgreich war. Nicht, weil ihre Forderung abgelehnt wurde, sondern weil ihr Anliegen mit den falschen Stimmen angenommen wurde. Das ist die Pointe dieses Vorgangs: Die Grünen haben gewonnen und wirkten danach, als hätte ihnen jemand den Safe leergeräumt.

Man muss sich diese Logik einen Moment auf der Zunge zergehen lassen: Eine Partei bringt einen Antrag ein, der Antrag erhält im Parlament eine Mehrheit. Die Mehrheit entsteht ohne erkennbare Absprache, ohne Koalition, ohne Vertrag, ohne politische Verbrüderung. Trotzdem wird das Ergebnis nicht als parlamentarische Realität akzeptiert, sondern als moralische Beschädigung empfunden.

Das ist kein nebensächlicher Ausrutscher. Es ist ein Blick in den Maschinenraum eines merkwürdigen Demokratieverständnisses.

Demokratie ist kein Wunschkonzert mit politischer Gästeliste. Sie ist auch keine Veranstaltung, bei der nur diejenigen Stimmen zählen dürfen, die moralästhetisch in das eigene Milieu passen. Demokratie bedeutet, dass Mehrheiten entstehen können, die einem nicht gefallen. Sie bedeutet, dass auch politische Gegner zustimmen dürfen und dass ein Antrag nicht dadurch kontaminiert wird, wenn jemand aus den falschen Reihen zufällig dasselbe Kreuz macht.

Die Grünen wollten kleine Schlachtbetriebe entlasten, AfD und BSW stimmten zu. Daraus entsteht weder eine Koalition noch eine politische Zusammenarbeit. Daraus folgt nicht, dass irgendeine illusorische Brandmauer eingerissen wurde. In Sachsen ist zunächst nichts weiter geschehen, als dass ein Parlament abgestimmt hat. Genau dafür ist es da.

Es ist bemerkenswert, wie sehr sich ein Teil des politischen Betriebs inzwischen vor den eigenen Verfahren fürchtet. Jahrelang wurde die Demokratie wie eine Monstranz vor sich hergetragen. Jeder Zweifel an der politischen Linie der eigenen Blase wurde mit dem Hinweis auf die Demokratie abgewehrt. Doch sobald diese Demokratie ein Ergebnis hervorbringt, das nicht in die moralische Choreografie passt, soll plötzlich neu sortiert, neu abgesprochen, neu abgestimmt werden.

Besonders entlarvend ist deshalb der Vorschlag, künftig sofortige Abstimmungswiederholungen einzuführen. Man stelle sich das im Casino vor: Die Kugel fällt, der Einsatz gewinnt, der Saal hält den Atem an. Dann erhebt sich jemand am Tisch und sagt: „Das Ergebnis entspricht leider nicht meiner politischen Erwartung. Bitte drehen Sie das Rad noch einmal.

So wird aus Parlamentarismus eine pädagogische Nachspielzeit. Man stimmt so lange ab, bis das Ergebnis in die Haltung passt.

Natürlich werden die Grünen einwenden, dass es ihnen nicht um den Inhalt gehe, sondern um die AfD. Doch genau darin liegt das Problem. Wenn Inhalte nur noch danach bewertet werden, wer ihnen zustimmt, ist Politik nicht mehr Sacharbeit, sondern Kontaktangst. Dann entscheidet nicht mehr die Frage, ob ein Antrag richtig ist, sondern ob seine Mehrheit gesellschaftlich keimfrei wirkt.

Das ist bequem, aber gefährlich. Denn wer parlamentarische Mehrheiten nach moralischer Herkunft sortiert, entwertet das Verfahren selbst. Heute trifft es einen Grünen-Antrag, morgen einen CDU-Antrag, übermorgen vielleicht eine sozialpolitische Forderung, die zufällig von den Falschen unterstützt wird. Am Ende steht ein Parlament, in dem nicht mehr abgestimmt wird, um Entscheidungen zu treffen, sondern um Distanzrituale aufzuführen.

Genau diese Rituale ermüden die Bürger. Der Metzger auf dem Land, der kleine Betrieb, der unter Gebühren und Bürokratie ächzt, dürfte wenig Interesse daran haben, ob seine Entlastung mit politisch zertifizierten Stimmen zustande kommt. Der Bürger fragt nicht zuerst, ob eine Lösung in der richtigen moralischen Verpackung geliefert wird. Er fragt, ob sie funktioniert.

Das scheinen viele Grüne bis heute nicht verstanden zu haben.

Dabei war ich zuletzt durchaus bereit, die Grünen differenzierter zu betrachten. Wer meine letzten Kommentare gelesen hat, konnte vielleicht den Eindruck gewinnen, dass sich meine politische Sympathie zumindest punktuell von der klassischen nationalkonservativen Linie entfernt und den Grünen angenähert hat. Nicht aus ideologischer Begeisterung, sondern aus nüchterner Beobachtung: Es gibt Themen, bei denen grüne Politik wichtige Fragen stellt. Nachhaltigkeit, europäische Verantwortung, ökologische Modernisierung, eine ernsthafte Debatte über Zukunftsfähigkeit – all das ist nicht per se falsch, nur weil es von den Grünen kommt.

Doch dann kommt Sachsen mit diesem Antrag. Dem Moment, in dem eine Partei ihr eigenes Anliegen lieber beschädigt sieht, als eine Mehrheit zu akzeptieren, die nicht in ihr Weltbild passt. So schnell löst sich ein kurzer Anflug politischer Hoffnung wieder auf.

Die Grünen haben hier nicht gezeigt, dass sie besonders konsequent sind. Sie haben gezeigt, dass sie mit demokratischer Ergebnisoffenheit fremdeln, sobald die Realität nicht sauber in ihre moralischen Schubladen passt. Es ist eben leicht, Demokratie zu feiern, wenn sie die eigene Haltung bestätigt. Interessant wird es erst, wenn sie ein Ergebnis produziert, das irritiert. Genau dann zeigt sich, ob man Demokrat ist oder nur Regisseur des gewünschten Ausgangs.

AfD und BSW haben in Sachsen natürlich gespielt. Sie haben den Grünen eine Falle gestellt, gewiss. Sie haben die Brandmauer-Logik ausgenutzt und den politischen Gegner vorgeführt. Das war taktisch, durchsichtig und nicht besonders edel. Doch Politik ist kein Seminar für gewaltfreie Kommunikation. Wer Anträge ins Parlament einbringt, muss damit rechnen, dass andere Fraktionen taktisch handeln.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob AfD und BSW hier ein Spiel gespielt haben. Die eigentliche Frage lautet, warum die Grünen so bereitwillig in die Kulisse gestolpert sind.

Denn ein souveräner Umgang wäre möglich gewesen. Man hätte sagen können: „Wir haben keine Zusammenarbeit gesucht. Wir bleiben politisch klar abgegrenzt. Aber unser Antrag ist sachlich richtig, und wenn andere Fraktionen ihm zustimmen, ändert das nichts an seiner inhaltlichen Qualität.

Das wäre erwachsen – demokratisch – gewesen. Es wäre sogar strategisch klug gewesen.

Stattdessen kam Bestürzung, Empörung und der Reflex, das Ergebnis organisatorisch künftig verhindern zu wollen. Als sei nicht die politische Schwäche der eigenen Taktik das Problem, sondern die Tatsache, dass ein Parlament tatsächlich abgestimmt hat.

Hier zeigt sich ein eigentümliches Demokratieverständnis: Mehrheiten sind willkommen, solange sie aus dem richtigen Milieu stammen. Stimmen zählen, aber nicht alle sollen gleich viel bedeuten. Das Verfahren gilt, doch nur bis zur moralischen Unzufriedenheit. Sobald das Ergebnis stört, wird aus Demokratie ein Störfall.

Nur funktioniert Demokratie nicht wie ein grüner Parteitag mit eingebautem Gesinnungsfilter. Sie ist rauer, widersprüchlicher und oft unangenehmer. Sie zwingt dazu, Ergebnisse auszuhalten. Gerade das zeichnet ihren Wert aus.

In Sachsen ist nichts Ungeheuerliches geschehen: Es wurde abgestimmt. Ein Antrag bekam eine Mehrheit. Die Welt dreht sich weiter. Kleine Schlachtbetriebe standen plötzlich im Zentrum einer Debatte, die weniger über Fleischverarbeitung aussagt als über die psychologische Verfassung des politischen Betriebs.

Die Grünen wollten Sachpolitik machen. Bekommen haben sie eine Lehrstunde in Demokratie.

Vielleicht liegt darin sogar etwas Heilsames: Wer politische Verantwortung beansprucht, muss lernen, dass ein Parlament kein privates Wohnzimmer ist. Es ist der Ort des Widerspruchs, der Zumutung und der Mehrheitsbildung. Dort kann ein eigener Antrag auch dann gewinnen, wenn man sich die Unterstützer nicht ausgesucht hat.

Rien ne va plus. Die Einsätze sind gemacht, die Kugel fällt. Wer danach den Gewinn zurückgeben möchte, weil der Nachbar am Tisch mitgesetzt hat, sollte nicht das Casino verantwortlich machen.
Er sollte sich fragen, ob er das Spiel verstanden hat.


Weitere meiner Kommentare und Essays gibt es hier.

Wer hat Schuld am Aufstieg der AfD?

Eine Analyse ohne Pathos, aber mit Verantwortung

Kommentar von Jens Baumanns


Autorenbemerkung: Am 9. Mai 2025 ist Margot Friedländer im Alter von 103 Jahren verstorben. Dieser Kommentar war unabhängig davon geplant – doch ihre Haltung, ihr Appell an Vernunft und Menschlichkeit, verdienen gerade in diesen Tagen mehr Aufmerksamkeit denn je.


Gestern, am 9. Mai 2025, ist Margot Friedländer im Alter von 103 Jahren gestorben. Sie war eine der letzten Überlebenden der Schoah – und eine der wenigen, die der deutschen Gesellschaft bis zuletzt nicht mit Anklage, sondern mit Appell begegnete. Ihre Worte zielten nie auf Schuldzuweisung, sondern auf Verantwortung. Nie auf Ausgrenzung, sondern auf Menschlichkeit.

Gerade in einer Zeit, in der sich der politische Diskurs zunehmend in Empörung verliert und die Polarisierung schneller wächst als die Problemlösung, sind ihre Worte mehr als ein moralischer Hinweis: Sie sind Maßstab.

Der folgende Kommentar versucht nicht, Margot Friedländers Botschaft zu interpretieren. Aber er steht im Wissen darum, dass politische Analyse nicht genügt, wenn sie sich nicht an einem Grundsatz orientiert: Anständige Gesellschaften beginnen dort, wo Menschen einander nicht abschreiben – sondern zuhören. Nur so können wir verhindern, dass sich die Vergangenheit wiederholt.


Es ist eine dieser Fragen, die in politischen Talkshows gern aufgeworfen, aber selten ernsthaft beantwortet werden: Wer trägt die Verantwortung für den Aufstieg der AfD? Die reflexhafte Antwort lautet: „die anderen“. Die Grünen, weil sie zu belehrend sind. Die CDU, weil sie zu angepasst ist. Die Medien, weil sie zu viel berichten – oder zu wenig differenzieren. Auch „der Osten“ muss oft herhalten, als wäre dort ein demokratischer Sonderfall ausgebrochen. Doch der eigentliche Befund liegt tiefer – und unbequemer.

Die AfD ist nicht trotz, sondern wegen des Zustands der etablierten Politik so stark geworden. Sie ist das Produkt eines systemischen Defizits – nicht dessen Ursache.

Eine Republik auf Verschleiß – das materielle Fundament bröckelt

Zunächst zur Realität, die sich nicht mehr übersehen lässt: Der physische Zustand der Bundesrepublik ist ein Spiegel ihres politischen. Brücken sind marode und kollabieren, die Deutsche Bahn schreibt Rekorde, aber in Entschädigungszahlungen, Schulgebäude verfallen. Die Versäumnisse sind nicht neu, sie summieren sich. Jahrzehntelang wurden Innovationen durch Bestandsverwaltung ersetzt – ein Betriebsmodus, der gut funktioniert, solange nichts Außergewöhnliches passiert. Doch nun trifft der Normalbetrieb auf eine Gleichzeitigkeit multipler Krisen – Migration, Inflation, Krieg, Klimawandel – und plötzlich wird sichtbar, wie wenig dieses Land auf Belastung ausgelegt ist.

Der Verfall der Infrastruktur ist keine Metapher, sondern politischer Alltag. Wer erlebt, dass der Staat weder zuverlässig organisiert noch zeitnah reagiert, verliert das Vertrauen – nicht nur in Institutionen, sondern in deren Vertreter. Besonders dann, wenn zugleich immer weniger im eigenen Portemonnaie ankommt, während der Staat sich zur Hälfte am Einkommen bedient – aber nur noch ein Viertel davon sichtbar funktioniert.

Die Verschiebung des politischen Koordinatensystems – oder: Wie sich die Mitte plötzlich rechts wiederfand

Parallel dazu hat sich das politische Koordinatensystem nach links verschoben – nicht, weil rechte Kräfte stärker geworden wären, sondern weil die klassischen Volksparteien sich aus Unsicherheit selbst entkernt haben. Lange wurde versucht, gesellschaftliche Konfliktthemen durch semantische Befriedung zu entschärfen: Migration wurde zu „Vielfalt“, wirtschaftlicher Strukturwandel zu „Transformation“, Energieunsicherheit zu „Herausforderung“. Die reale Zumutung verschwand jedoch nicht – sie wurde lediglich sprachlich verbrämt.

In dieser Gemengelage wurde jeder Versuch, Probleme offen zu benennen, moralisch problematisiert. Wer über Kontrollverlust an den Grenzen sprach, war schnell „rechtsoffen“. Wer den sozialen Sprengstoff von Parallelgesellschaften thematisierte, wurde als „populistisch“ etikettiert.

Wer die AfD vermeiden will, muss sich mit genau diesen Themen sachlich auseinandersetzen – nicht mit dem Sprechzettel der Empörung, sondern mit nüchternem Realitätssinn. Kein Wunder, dass sich der Konservatismus ein neues Zuhause suchte – und leider ausgerechnet bei denen fand, wo Heimat nicht als Verantwortung, sondern als Abgrenzung verstanden wird.

Die politische Entkopplung – wenn Verwaltung an Repräsentation scheitert

Viele Bürger erleben die Politik nicht mehr als gestaltende Kraft, sondern als ritualisierter Selbstzweck. Es geht nicht mehr um Richtungsentscheidungen, sondern um Prozesspflege. Der Eindruck, dass der Staat in entscheidenden Fragen nicht mehr handlungsfähig ist, hat sich tief verfestigt. Migration, Energiepreise, Bildung, Infrastruktur, innere Sicherheit – allesamt Themen, in denen seit Jahren über Konzepte gesprochen wird, ohne dass sich strukturell etwas verbessert.

Der Wunsch nach einer anderen Politik ist da – und er ist legitim. Die AfD gelingt es, ihn kommunikativ zu besetzen, auch wenn sie politisch dafür nicht qualifiziert ist. Dass sie dennoch so viele Stimmen auf sich vereint, ist kein Beleg für deren Radikalisierung, sondern für die Kapitulation der übrigen Parteien vor den eigenen Versäumnissen.

Die fatale Gleichsetzung von Kritik und Gesinnung

Hinzu kommt: Der öffentliche Diskurs hat sich in eine Sackgasse manövriert, in der Kritik an Regierungshandeln regelmäßig als Indikator fragwürdiger Gesinnung gelesen wird. Die moralische Formatierung des Diskurses – stets mit dem Verweis auf „Haltung“ und „Demokratie“ – führt paradoxerweise zu deren Aushöhlung. Eine Demokratie lebt nicht von Einigkeit, sondern von Widerspruchsfähigkeit. Doch wer den Eindruck vermittelt, dass jede Kritik an Migrationspolitik oder Energiepolitik ein Einstieg in den Rechtsextremismus sei, darf sich über Polarisierung nicht wundern.

In einer solchen Atmosphäre ist es fast zwangsläufig, dass eine Partei wie die AfD als Katalysator wirkt: nicht, weil sie besonders überzeugend wäre – sondern weil sie in einem diskursiv versperrten Raum schlicht die verbliebene Ausdrucksform des Protests ist.

Gesellschaftliche Sättigung – Wohlstand ohne Richtung

Ein weiterer Aspekt, der kaum thematisiert wird: Deutschland befindet sich, bei allen aktuellen Krisen, weiterhin in einer langen Wohlstandsphase, obgleich der sich zuspitzenden ungleichen Vermögensverteilung. Doch Sättigung erzeugt keinen politischen Konsens, sondern Orientierungslosigkeit. In Schweden, in Finnland, in Dänemark zeigte sich das gleiche Phänomen: Je länger Stabilität währte, desto eher kippten Wähler aus Langeweile, Frustration oder schlichtem Überdruss ins Lager der Unzufriedenen.

Man will etwas anderes – nicht, weil man weiß, was man will, sondern weil man sich vom Status quo nichts mehr verspricht. Die politische Ordnung erscheint vielen als starr, technokratisch und unbeteiligt. In dieser Leerstelle wächst der Wunsch nach klaren Identitäten – und der Rückzug ins Nationale ist dabei kein Ausnahmephänomen, sondern historisch das Regelverhalten von Gesellschaften in Überforderungslagen.

Fazit: Die AfD ist kein Unfall, sondern die Quittung

Wer also wissen will, wer die AfD groß gemacht hat, sollte nicht nur nach Chemnitz oder Cottbus schauen – sondern nach Berlin-Mitte. In die Parteizentralen, in die Redaktionsräume, in die Selbstgewissheit des politischen Betriebes. Die AfD ist nicht die Ursache, sie ist die Konsequenz. Sie ist nicht der Riss – sie ist das Echo.

Wer sie klein halten will, muss aufhören, sie groß zu reden – und anfangen, wieder Politik zu machen, die diesen Namen verdient. Politik, die nicht belehrt, sondern erklärt. Die nicht symbolisiert, sondern strukturiert. Die Probleme löst – statt Empörung zu kultivieren. Denn der Vertrauensverlust ist nicht aus dem Nichts gekommen, er wurde sich redlich verdient.

Was es jetzt braucht, ist nicht noch mehr Aufregung, sondern mehr Aufrichtigkeit. Weniger Gegeneinander, mehr Miteinander; und vielleicht vor allem: mehr Margot Friedländer.

Ihr Aufruf zur Vernunft war kein Relikt vergangener Zeiten, sondern eine Einladung an uns alle, das Gespräch nicht aufzugeben – über Differenzen hinweg, im Sinne des Miteinanders. Ihr Vermächtnis verpflichtet. Es ist an uns, es fortzuführen.


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