Das Recht auf Verwahrlosung

Warum Freiheit nicht heißen darf, den öffentlichen Raum mit in den Abgrund zu ziehen

Kommentar von Jens Baumanns

Es gibt Sätze, die hängen bleiben, weil sie die Wahrheit derart hart formulieren, dass man sie zunächst zurückweisen möchte.
Einer dieser Sätze lautet: Der Mensch hat ein Recht auf Verwahrlosung.

Ich habe diese Formulierung jüngst in einem Gespräch aufgenommen und übernommen, weil sie den Kern einer liberalen Gesellschaft erstaunlich präzise trifft. In einem freien Land darf der Mensch unvernünftig leben. Er darf falsche Entscheidungen treffen, Hilfe ablehnen, sich selbst schaden und an den eigenen Lebensentscheidungen scheitern. Der Staat ist nicht dazu da, jeden Menschen gegen seinen Willen zu einem bürgerlichen Idealbild zu erziehen. Freiheit umfasst auch Zumutungen. Sie umfasst sogar das Recht, am eigenen Leben zu scheitern.

Aber dieses Recht endet dort, wo die Allgemeinheit mitverwahrlosen soll.

Am gestrigen Freitag schrieb Zoe Clausen in der MOPO über bettelnde Menschen in Hamburgs S- und U-Bahnen. Ihre These lautet sinngemäß: Nicht die Bettelnden seien das eigentliche Problem. Ich las das, hielt kurz inne und musste an den eingangs erwähnten Satz denken. Ihre Aussagen sind menschlich nachvollziehbar, sozial sensibel und in Teilen sicher richtig. Natürlich stehen hinter Obdachlosigkeit, Armut, Sucht und Betteln oft harte Einzelschicksale. Niemand ist wohl deshalb auf der Straße, weil das Leben dort so bequem wäre. Es gibt sicher auch freundliche, zurückhaltende obdachlose Menschen, die niemanden bedrängen und deren Not man nicht achtlos wegwischen sollte.

Nur bildet diese Perspektive nicht die ganze Realität ab. Denn die Wirklichkeit vieler Fahrgäste sieht anders aus: Sie erleben nicht nur stille Armut, sondern aufdringliches Betteln.

Das Problem ist das wiederholte, aufdringliche, teils aggressive Ansprechen in einem Raum, dem man nicht ausweichen kann. Das Problem ist der Mann, der durch den Wagen läuft, laut seine Geschichte erzählt und Geld fordert. Die Frau, die nach einem freundlichen „Nein“ beleidigend wird. Die Gruppe, die betrunken oder berauscht in der Station sitzt. Der Fahrgast, der sich nicht mehr sicher ist, ob Wegschauen klüger ist als Reagieren. Die Mutter, die ihrem Kind erklären muss, warum jemand im Abteil schreit. Der Pendler, der morgens nicht sozialpolitisch konfrontiert werden möchte, sondern einfach zur Arbeit fahren will. Wer täglich fährt, erlebt diese Situationen nicht als kurze Begegnung mit der „Realität der Straße“, sondern als wiederkehrende Zumutung in einem Verkehrssystem, für das er bezahlt.

Man muss diese Unterscheidung zwingend sauber treffen: Nicht jeder Bettelnde ist aggressiv und nicht jeder Obdachlose stört. Nicht jeder Mensch in Not ist ein Problem für andere. Der Grundsatz aber bleibt: Betteln gehört nicht in S- und U-Bahnen. Der Nahverkehr ist kein moralisches Versuchslabor, keine mobile Sozialstation und kein öffentlicher Beichtstuhl für das schlechte Gewissen der Stadt. Er ist in erster Linie ein Verkehrsmittel.

Genau deshalb gibt es Regeln. Die Hochbahn und der HVV verfügen über Hausrecht, Beförderungsbedingungen und Verhaltensvorgaben. Betteln, Musizieren, Rauchen und Alkoholkonsum sind in Fahrzeugen und Anlagen nicht ohne Grund untersagt oder eingeschränkt. Das ist keine soziale Grausamkeit, sondern eine notwendige Grundordnung. Wer den öffentlichen Nahverkehr nutzt, betritt keinen rechtsfreien Raum, sondern einen zweckgebundenen:
Er dient der Beförderung.

Der Skandal ist daher nicht, dass solche Regeln wie auch die Bußen existieren. Der eigentliche Skandal ist, dass man in Hamburg immer wieder so tut, als sei ihre konsequente Durchsetzung bereits eine moralische Entgleisung. Sie ist es nämlich nicht.

Es ist kein Angriff auf die Menschenwürde, Fahrgäste vor Belästigung zu schützen. Es ist keine soziale Kälte, aggressives Betteln aus Bahnen und Bahnhöfen herauszuhalten. Es ist kein Klassenkampf von oben, wenn ein Verkehrsunternehmen sein Hausrecht durchsetzt. Es ist schlicht Ordnungspolitik.

Natürlich braucht Hamburg Hilfeangebote. Mehr Wohnraum, Suchthilfe, medizinische Versorgung, psychiatrische Betreuung, Streetwork und niedrigschwellige Anlaufstellen sind notwendig. Wer nur mit Bußgeldern und Platzverweisen antwortet, löst Obdachlosigkeit nicht. Daraus folgt aber eben nicht, dass man auf Regeln verzichten darf. Hilfe und Ordnung sind keine Gegensätze, sie gehören zusammen.

Eine Stadt, die nur hilft, ohne klare Grenzen zu setzen, schafft keine Humanität, sondern Dauerelend. Eine Stadt, die nur verdrängt, ohne Hilfe anzubieten, handelt ebenso falsch. Notwendig ist beides: Hilfe für diejenigen, die erreichbar sind, Konsequenz gegenüber denen, die andere bedrängen, und klare Durchsetzung bestehender Regeln im öffentlichen Raum.

Besonders aufgestoßen ist mir der wohlmeinende Hinweis, man könne ja einfach kurz vom Handy hochschauen, zuhören und freundlich „Nein“ sagen. Das klingt empathisch. Es ist aber auch bemerkenswert bevormundend. Fahrgäste sind keine ehrenamtlichen Streetworker auf Schienen. Niemand ist verpflichtet, sich morgens auf dem Weg zur Arbeit, abends nach einem langen Tag oder mit Kindern im Abteil mit jedem fremden Elend auseinanderzusetzen. Niemand muss Blickkontakt aufnehmen, zuhören, reagieren oder innerlich eine kleine Gewissensprüfung bestehen, nur weil jemand im Waggon um Geld bittet.

Ein Nein muss nicht freundlich performt werden, damit es legitim ist. Es muss schlicht akzeptiert werden.

Wer den öffentlichen Nahverkehr attraktiv machen will, darf nicht nur über Takte, Tarife und Klimaziele sprechen. Er muss auch über Sicherheit, Sauberkeit und Zumutbarkeit sprechen. Denn ein Verkehrsmittel, in dem sich Menschen bedrängt, belästigt oder unsicher fühlen, wird nicht dadurch besser, dass man ihnen erklärt, sie müssten nur sensibler sein.

An dieser Stelle lohnt der Blick nach London. Dort sind U-Bahn-Stationen durch Zugangssperren gesichert. Wer den bezahlten Bereich betreten will, braucht ein Ticket oder eine gültige Zahlung. Das löst natürlich keine Obdachlosigkeit, aber es schützt den Zweck des Systems. Es trennt Verkehrs- von Aufenthaltsraum. Es macht klar: Wer hier ist, ist Reisender, nicht Dauergast eines Verkehrsbetriebs, der unfreiwillig zur Wärmestube, Bettelzone oder Ausweichfläche ungelöster Sozialpolitik wird.

Hamburg sollte diesen Gedanken ernsthaft prüfen. Kontrollierte Zugänge zu stark frequentierten Bahnsteigen und Stationen wären kein Allheilmittel, aber ein ordnungspolitisches Signal. Sie würden Schwarzfahren erschweren, unkontrolliertes Verweilen reduzieren und den fahrkartenpflichtigen Bereich wieder stärker denjenigen vorbehalten, für die er gedacht ist: Fahrgästen.

Das mag hart klingen, tatsächlich ist es nur ehrlich.

Wer kein gültiges Ticket hat, gehört nicht in den fahrkartenpflichtigen Bereich. Wer bettelt, Fahrgäste bedrängt, alkoholisiert randaliert oder andere beleidigt, gehört aus dem System entfernt – unabhängig von Herkunft, Einkommen, sozialem Status oder persönlicher Lebenslage. Wer Hilfe braucht, muss Hilfe angeboten bekommen. Wer sie ablehnt und zugleich andere belastet, muss mit Konsequenzen rechnen. Das ist keine Entmenschlichung, es ist die notwendige Unterscheidung zwischen Mitgefühl und Kapitulation.

Hamburg hat zu lange akzeptiert, dass sich soziale Probleme in Bahnen, Bahnhöfe und zentrale Räume verlagern. Dort sind sie sichtbar, dort stören sie, dort werden sie kurz diskutiert und anschließend auf Wiedervorlage gesetzt. Eine Stadt ist nicht sozial, weil sie Elend in der U-Bahn mitfahren lässt. Sie ist sozial, wenn sie Hilfe organisiert, Regeln durchsetzt und den Bürgern den Raum zurückgibt, den sie finanzieren.

Der öffentliche Nahverkehr ist eine zivilisatorische Errungenschaft. Er funktioniert aber nur, wenn er geordnet bleibt. Wird er zum Auffangbecken ungelöster Sozial-, Sucht- und Ordnungspolitik, verliert er jene Normalität, auf die eine Großstadt angewiesen ist.

Genau deshalb braucht Hamburg keine Debatte darüber, ob man Mitleid haben darf. Hamburg braucht eine Debatte darüber, warum dieses Mitleid immer öfter von den falschen Menschen eingefordert wird: von Fahrgästen, Mitarbeitern der Hochbahn, Anwohnern und all jenen, die täglich mit den Folgen politischer Halbherzigkeit konfrontiert sind.

Genau hier liegt die Grenze liberaler Nachsicht. Der Staat darf nicht jeden Menschen vor sich selbst retten wollen, aber er muss die Allgemeinheit vor den Folgen schützen, wenn individuelles Elend zur öffentlichen Gefahrenlage wird. Freiheit ist kein Anspruch darauf, ganze Nachbarschaften zu überfordern. Sozialpolitik ist kein Schutzschirm, unter dem Ordnung, Sicherheit und Zumutbarkeit verschwinden.

Wer also sagt, der Mensch habe ein Recht auf Verwahrlosung, muss den zweiten Satz gleich mitsprechen: Die Allgemeinheit hat ein Recht darauf, nicht mitverwahrlost zu werden.


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Der Blizzard, der keiner war.

Wie Hamburg den Katastrophenmodus probte – und am Ende nur Winter bekam.

Kommentar von Jens Baumanns

Donnerstagabend roch die Stadt nach Erwartung. Nicht nach Schnee, sondern nach dem, was inzwischen vor jedem „Ereignis“ in der Luft liegt:
Warnungen, Push-Benachrichtungen, der Blick aufs Handy, der Blick aus dem Fenster, die Gedanken an die Einkaufsliste im Kopf. Hamburg, so wurde es erzählt, stünde kurz davor, am Freitag von einem „Blizzard“ heimgesucht zu werden – einem Wort, das nach arktischer Ausweglosigkeit klingt und sich anfühlt wie ein Hollywood-Trailer: zu viel Sound, zu viele Schnitte, zu wenig Handlung.

Der Senat warnte offiziell vor einer markanten Wetterlage mit starkem Schneefall, Verwehungen und gab den Appell, möglichst zu Hause zu bleiben. Die schneereichen Tage zuvor hieß es ebenfalls, dass dies der stärkste Schneefall seit 15 Jahren war. Schulen stellten den Präsenzunterricht für Freitag ein, mit Notbetreuung für die unteren Klassen – ein Schritt, der im norddeutschen Alltag nicht zur Routine gehört, weil man hier gewöhnlich eher mit hochgezogener Augenbraue reagiert als mit flächendeckender Stilllegung.

Das Ergebnis war absehbar: kollektiver Rückzug. Straßen wie leergefegt, Homeoffice „wo möglich“, die Stadt in einer Art sanftem Lockdown-Reflex. Wer sich noch an Corona erinnert, erkennt das Muster sofort: Erst die Warnung, dann die Verhaltensänderung, dann dieses diffuse Gefühl, man sei verantwortungslos, wenn man noch kurz „nur“ Brot kaufen will. Die Vorratslogik springt an, als wäre sie im Stammhirn fest verdrahtet. Toilettenpapier? Man weiß es nicht. Ein gewisses Knistern im Regal spürte man trotzdem, als hätte der Schnee einen Inzidenzwert.

Ich nehme mich da nicht aus. Auch ich habe mich fürs Wochenende eingedeckt. Das ist ja das Raffinierte am Alarmismus: Er wirkt nicht nur auf „die anderen“, er wirkt auf alle. Der Unterschied liegt höchstens darin, wie ehrlich man das zugibt und wie maßlos man den Korb belädt.

Prognose, Drama, Realität

Die Chronologie macht die Sache so entlarvend. Donnerstag schneite es bereits ordentlich. Der Erwartungspegel stieg, weil die Erzählung schon stand: In der Nacht würde „es“ losgehen. Der große Auftritt. Die weiße Wand. Der Moment, in dem man beim Blick aus dem Fenster das Wort „Blizzard“ plötzlich nicht mehr für übertrieben hält.

Nichts davon geschah.

Der Freitagmorgen begann, als hätte jemand den Regler wieder heruntergedreht. Kein infernalisches Schneetreiben, keine apokalyptische Sicht, keine Stadt im Griff der Natur. Noch nicht einmal Schneefall. Später fiel Schnee, ja. Es war windig, ja. Am Nachmittag glättete es, es war kalt, es war winterlich. Es war – und das ist der entscheidende Punkt – ein Wintertag. Früher hätte man dazu schlicht „Winter“ gesagt. Heute sagt man „Extremwetterlage“, weil „Winter“ offenbar nicht mehr klickt.

Nun kann man fair bleiben: Hamburg lag offenbar am Ausläufer. In anderen Teilen des Nordens dürfte es ruppiger gewesen sein. Es gab glatte Straßen, Unfälle, Einschränkungen – die Warnung hatte also ihren Sinn. Nur passt eben nicht überall die kommunikative Lautstärke zum tatsächlichen Pegel. Der Unterschied zwischen „Vorsicht“ und „Weltuntergang“ ist keine Stilfrage, sondern eine Frage der Glaubwürdigkeit.

Blizzard ist kein Adjektiv, sondern ein Maßstab

Der Begriff „Blizzard“ ist dabei nicht einfach eine blumige Umschreibung, sondern in seinem Ursprung erstaunlich präzise. Ein Blizzard ist nicht „ein bisschen Schnee mit Böen“, sondern ein Ereignis, das über eine gewisse Dauer mit kräftigem Wind und stark eingeschränkter Sicht einhergeht. Wer jedes winterliche Wetter mit einem dramatischen Etikett versieht, macht Sprache zur Konfetti-Kanone: kurz beeindruckend, hinterher die Ernüchterung.

Man kann das spitz formulieren: Wenn man aus jedem Wintertag einen Blizzard macht, wird der echte Blizzard irgendwann nur noch ein „etwas stärkerer Blizzard“. Das ist sprachliche Inflation – und wie bei jeder Inflation ist am Ende das Vertrauen die Währung, die als erstes leidet.

Alle reden vom Wetter – die Bahn fährt nicht

Die Deutsche Bahn lieferte an diesem Tag zuverlässig das zweite Stück Realsatire. Der Fernverkehr im Norden wurde früh eingestellt. Diese Entscheidungen können im Einzelfall sinnvoll sein, weil Sicherheit vorgeht. Das Problem ist das Muster: Die Bahn wirkt nicht wie ein Verkehrssystem, sondern wie ein Erklärsystem. Sie liefert Gründe, selten Lösungen.

Früher prangte auf einem legendären Plakat der Satz: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ Heute liest sich dieser Spruch wie eine archäologische Fundstätte aus einer Epoche, in der Infrastruktur noch als Leistungsversprechen galt – und nicht als fortlaufende Entschuldigungskette. Das Wetter ist dabei nur der Anlass. Der Kern ist, dass ein System mit wenig Puffer schon bei moderaten Belastungen in den Notbetrieb fällt.

Umso bemerkenswerter war die hanseatische Normalität im Rest der Stadt: Busse und U-Bahnen fuhren, kein Heldentum, eher Pflichterfüllung. Das ist der Punkt, an dem man merkt, dass es nicht „das Wetter“ ist, das alles erklärt. Es ist die Robustheit – oder deren Fehlen.

Journalismus im Katastrophen-Modus

Der größere Befund liegt allerdings nicht auf den Schienen, sondern in den Schlagzeilen. Der moderne Nachrichtenbetrieb hat eine Schwäche entwickelt: Er verwechselt Relevanz mit Reiz. Die Welt geht nicht unter? Dann wird eben nachgeholfen. Ein bisschen sprachlich, ein bisschen dramaturgisch. Die „Lage“ wird zum „Drama“, das „Ereignis“ zur „Katastrophe“, das „Risiko“ zur „Lebensgefahr“, die „Warnung“ zum „Alarm“.

Das Tragische daran ist, dass es nicht einmal böse Absicht sein muss. In einer Medienlogik, die Aufmerksamkeit in Sekunden misst, gewinnt das grellere Wort. „Blizzard“ schlägt „Schneefall“. „Chaos“ schlägt „Behinderungen“. „Jahrhundert-Event“ schlägt „Winter“. Selbst wenn Experten später einordnen, das ganz große Extrem sei ausgeblieben, bleibt beim Publikum oft das Gefühl hängen, man habe an der Kante zur Apokalypse gestanden.

Wenn die Tagesschau und andere Formate berichten, im Hamburger Hafen seien bei 40 Zentimetern Neuschnee die Hafenbahnen (Güterbahnen) eingestellt worden, dann ist das mehr als nur ein Detail. Es ist die Behauptung einer Realität, die man im Stadtbild so nicht wiederfindet. Ich wohne in der HafenCity, ich sehe den Schnee, ich sehe, was liegt – und das waren am Freitag bei uns eher fünf bis zehn Zentimeter. Nicht nichts, aber eben auch keine 40. Der Eindruck entsteht: Man nimmt irgendeine Zahl, die gut klingt, und klebt sie auf die Schlagzeile.

Hinzu kommen Live-Reportings, die manchmal unfreiwillig komisch werden: der Reporter, der aus dem „Verkehrschaos“ berichtet, und im Hintergrund tut die Wirklichkeit, was sie immer tut – sie widerspricht. Der vermeintlich liegengebliebene LKW, der als Beleg dienen soll, und dann sieht jeder, dass er einfach in einer Linksabbiegerspur steht und bei Grün ganz normal losfährt. Das ist das perfekte Bild für den Tag: vorne große Geste, hinten normaler Betrieb.

Ahrtal als Argument – richtig verstanden

Meteorologen und Behörden kann man für eine defensive Warnpolitik nicht einfach schelten. Das Ahrtal hat sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt: die Warnung war zu wenig, zu spät, zu unklar – mit verheerenden Folgen. Diese Lektion sitzt. Genau deshalb ist Warnen richtig und notwendig.

Nur folgt daraus nicht, dass man künftig jede Wetterlage wie eine Generalprobe fürs Ende der Zivilisation behandeln muss. Aus Ahrtal folgt vor allem: Präzision. Lokalität. Verständlichkeit. Der Bürger muss wissen, was ihn wo mit welcher Wahrscheinlichkeit trifft, welche Handlungen sinnvoll sind – und welche nur Panikmache.

Warnen ist Pflicht, Übertreiben die Kür. Diese Unterscheidung wirkt banal, ist aber essenziell.

Der gefährlichste Nebeneffekt: Der nächste Warnruf verhallt

Warnen ist kein Showgeschäft, sondern ein mächtiges, mit Bedacht einzusetzendes Instrument, das präzise, lokal und nachvollziehbar sein muss. Mit klarer Unterscheidung zwischen „wahrscheinlich“, „möglich“ und „ausgeschlossen“. Mit der Bereitschaft, nachzuschärfen – und auch zu sagen: „Es trifft eher Region X als Region Y.“ Das ist keine Schwäche, das ist Professionalität.

Der größte Schaden entsteht nicht an einem Freitagmittag, wenn es „nur“ glättet. Der größte Schaden entsteht am Tag X, wenn es wirklich ernst wird und die Menschen innerlich abwinken: „Ja ja, wieder Blizzard.“ Dann bleibt man eben nicht zu Hause. Dann fährt man „nur kurz“ los. Dann wird aus einem statistischen Risiko eine reale Opferzahl.

Gesunde Warnkommunikation ist wie ein Rauchmelder: Er muss zuverlässig sein, nicht hysterisch. Ein Rauchmelder, der bei jedem Toast anspringt, wird irgendwann abmontiert.

Zurück zum Maß – und zum Menschenverstand

Hamburg ist nicht Alaska. Winter gehört hier nicht zum Markenkern. Genau deshalb ist Vorbereitung sinnvoll: Streuen, räumen, sensible Bereiche schützen, Verkehr anpassen, Notdienste hochfahren. Das ist gute Verwaltung.

Was Hamburg nicht braucht, ist die Kuratierung der Katastrophe. Eine Gesellschaft, die sich bei fünf bis zehn Zentimetern Schnee selbst in den Ausnahmezustand redet, wirkt nicht besonders umsichtig, sondern nervös. Sie wirkt wie ein Land, das sich an seine eigenen Krisen gewöhnt hat – und sie deshalb überall vermutet und als Ausrede nutzt.

Nötig wäre ein neues, altes Mittelmaß: Behörden warnen deutlich, aber konkret – und korrigieren offen, wenn die Lage sich anders entwickelt als prognostiziert. Medien berichten, was ist, nicht was klickt – und unterscheiden sauber zwischen „droht“ und „tritt ein“. Bürger handeln vernünftig, nicht reflexhaft – und nehmen Warnungen ernst, ohne sich von Schlagzeilen regieren zu lassen.

Das klingt langweilig, ich weiß. Vernunft ist selten viraler Content. Nur ist Vernunft genau das, was Vertrauen erhält. Vertrauen in Warnungen, in Institutionen und schlussendlich in Informationen. Wenn man das verspielt, weil man aus „Winter“ dauernd „Blizzard“ macht, dann hat man am Ende zwar eine gute Schlagzeile – aber eine schlechte Gesellschaft.

Fazit

Der Wintereinbruch war, je nach Region, durchaus eine Herausforderung. Er hat gezeigt, dass Wetter eine reale Gefahr sein kann. Er hat ebenso gezeigt, wie schnell aus Vorsorge Theater wird – und wie stark Systeme auf Kante genäht sind, wenn sie schon vor dem Ereignis kapitulieren.

Eine freie Gesellschaft braucht keine Dauerpanik, um verantwortungsvoll zu sein. Sie braucht Klarheit, Maß und ein bisschen mehr Gelassenheit. Winter bleibt Winter, ein Blizzard ist etwas anderes.


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