Teuer, abhängig, kurzsichtig.

Warum Deutschlands Energiepolitik gerade jetzt in die falsche Richtung läuft

Kommentar von Jens Baumanns

Die Zapfsäule ist derzeit der ehrlichste energiepolitische Kommentator. Sie zeigt, was politische Debatten gern ausblenden: Ein Konflikt im Nahen Osten genügt – und der Preis steigt. Sofort, spürbar, für jeden sichtbar. Nicht, weil sich hierzulande etwas verändert hätte, sondern weil sich die geopolitische Lage verschärft.

Was dann folgt, ist ein ebenso bekannter wie verlässlicher Mechanismus: Risiko wird eingepreist – und Margen gleich doppelt mit. Die großen Mineralölkonzerne reagieren nicht nur auf Knappheit, sondern auch auf Erwartungen. In einem Markt, der von Unsicherheit und oligopolartigen Strukturen geprägt ist, wird Volatilität schnell zur Einnahmequelle.

Der Verbraucher zahlt schlussendlich beides: die Krise und die Kalkulation darauf.

Es ist daher umso bemerkenswerter, dass Deutschland genau in diesem Moment darüber diskutiert, fossile Energieträger wieder stärker zur energiepolitischen Normalität zu erklären.

Kurskorrektur im Rückwärtsgang

Was hier als pragmatische Korrektur verkauft wird, ist bei näherer Betrachtung das Gegenteil. Es ist eine Rückkehr zu einem System, dessen Risiken wir gerade erst in aller Deutlichkeit kennengelernt haben – und das unter denkbar ungünstigen globalen Vorzeichen. Der energiepolitische CDU-Kurs von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche steht exemplarisch für diese Entwicklung.

Die Rücknahme zentraler Leitplanken der Wärmewende, die Dämpfung der Solarförderung und die gleichzeitige politische Rehabilitierung fossiler Optionen ergeben kein kohärentes Konzept, sie ergeben ein Muster. Ein Muster, das sich durch bemerkenswerte Konsequenz auszeichnet:
kurzfristige Entlastung wird über langfristige Stabilität gestellt.

Gerade die aktuelle geopolitische Lage entlarvt diese Logik als das, was sie ist: Fossile Energie ist kein stabiler Anker. Sie ist Teil eines globalen Marktes, der auf politische Spannungen nicht mit Rationalität reagiert, sondern mit Preissprüngen. Es bedarf keiner Versorgungskrise, um die Verwundbarkeit offenzulegen. Die bloße Zuspitzung eines Konflikts an einem der zentralen Nadelöhre des globalen Energiehandels genügt.

Der Preis reagiert sofort. Nicht irgendwann, nicht theoretisch, sondern in Echtzeit.

Genau darin liegt der fundamentale Unterschied zu jener Energieform, die in der politischen Debatte noch immer gern als teuer und ideologisch diskreditiert wird. Erneuerbare Energien reagieren nicht auf geopolitische Krisen. Ihre Kosten entstehen im Aufbau, nicht im Betrieb. Wer investiert, entkoppelt sich schrittweise von globalen Preisschwankungen. Was einmal installiert ist, produziert unabhängig von Konflikten, Sanktionen oder Handelsrouten.

Das ist keine moralische Kategorie, es ist schlichte ökonomische Logik. Umso unverständlicher erscheint mir der aktuelle Kurs.

Statt die strukturelle Abhängigkeit weiter zu reduzieren, wird sie politisch wieder legitimiert. Statt einen vereinbarten, eingeschlagenen Weg konsequent fortzuführen, wird er relativiert. Statt die Lehren der letzten Jahre zu verinnerlichen, scheint man darauf zu setzen, dass die nächste Krise schon irgendwie glimpflicher verlaufen wird als die letzte.

Diese Form des „Irgendwie“-Pragmatismus ist vor allem eines: Hoffnungspolitik.
Hoffnung jedoch ersetzt keine Strategie.

Besonders irritierend ist dabei die ordnungspolitische Inkonsistenz dieses Kurses. Eine Politik, die sich wirtschaftliche Vernunft auf die Fahnen schreibt, müsste genau das Gegenteil tun: Risiken antizipieren, Abhängigkeiten reduzieren und Investitionen in stabile Strukturen fördern.

Stattdessen entsteht der Eindruck einer Energiepolitik, die sich an kurzfristigen Stimmungen orientiert, nicht an langfristigen Notwendigkeiten.

Die Konsequenzen sind absehbar

Wer auf fossile Energieträger setzt, entscheidet sich nicht nur für eine bestimmte Technologie. Er entscheidet sich für ein System, das durch Volatilität, geopolitische Risiken und externe Preisschocks geprägt ist. Diese Risiken lassen sich weder regulieren noch politisch wegdefinieren.

Sie schlagen durch.
Nicht nimmer sofort, aber zuverlässig und in der Regel teurer, als es jede Transformation gewesen wäre.

Der gegenwärtige Kurs mag kurzfristig den politischen Druck reduzieren, er erhöht jedoch gleichzeitig den Druck und die strukturellen Risiken. Er wirkt entlastend – bis zu dem Moment, in dem die nächste Krise diese Entlastung wieder einpreist.

Spätestens dann zeigt sich, was vermeintlicher Pragmatismus tatsächlich bedeutet: aufgeschobene Kosten.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob fossile Energie sinnvoll erscheint. Die Frage lautet, wie oft man bereit ist, für dieselbe Abhängigkeit immer wieder einen höheren Preis zu zahlen. Die Antwort darauf entscheidet nicht über Heizsysteme, sie entscheidet über die wirtschaftliche und geopolitische Handlungsfähigkeit eines Landes.


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