Unter falscher Flagge

Warum Schwarz-Rot-Gold nicht immer Schwarz-Rot-Gold ist

Kommentar von Jens Baumanns

Ich war kurz wütend.
Nicht überrascht, nicht bloß irritiert, sondern wirklich wütend.

Als ich in meinem Instagram-Feed las, dass im Umfeld des Bundestages das Zeigen von Schwarz-Rot-Gold beanstandet worden sein soll, war mein erster Reflex ziemlich eindeutig:
Nicht auch das noch.

Nicht schon wieder diese deutsche Spezialbegabung, die eigene Nationalflagge mit spitzen Fingern anzufassen, als müsse man sie erst historisch desinfizieren, bevor man sie öffentlich zeigen darf.

Der Gedanke traf bei mir einen Nerv, denn der Umgang dieses Landes mit seinen eigenen Farben ist seit Jahren merkwürdig verkrampft. Schwarz-Rot-Gold wirkt in manchen Kreisen nicht wie das Symbol einer freiheitlichen Republik, sondern wie ein optischer Verdachtsmoment: Kaum hängt die Deutschlandfahne außerhalb von Fußballturnier, Staatsakt oder Siegerehrung irgendwo sichtbar, beginnt in Teilen des politischen Betriebs das inzwischen berühmt-berüchtigte Stirnrunzeln.

Nach den jüngsten Debatten um abgehängte Deutschlandfahnen, um Empörungswellen und um jene eingeübte linke Schnappatmung bei allem, was nach nationaler Symbolik aussieht, lag mein erster Impuls also nahe: „Schon wieder wird Schwarz-Rot-Gold zum Problem erklärt.“

Nur war genau dieser Impuls zu schnell.

Bei näherer Betrachtung bleibt von der einfachen Erzählung weniger übrig, als der erste Aufreger verspricht: Nach allem, was belastbar berichtet wurde, ging es im konkreten Vorfall offenbar um eine normale Deutschlandfahne, die von AfD-Abgeordneten auf einem Balkon von Bundestagsbüros gezeigt wurde. Beanstandet wurde demnach nicht Schwarz-Rot-Gold als solches, sondern eine sichtbare Symbolaktion im Bereich des Bundestages. Formal ging es also um einen möglichen Verstoß gegen die Hausordnung.

Das klingt weniger aufregend, es ist aber entscheidend. Denn damit kippt die Erzählung.

Es wurde nicht die Deutschlandfahne an sich verboten. Es wurde eine Aktion beanstandet, die im parlamentarischen Raum formal nicht zulässig gewesen sein soll. Man kann diese Regel kleinlich finden und darüber streiten, ob Abgeordnete in ihren Büros tatsächlich keine Fahnen sichtbar zeigen dürfen sollten. Man kann sich auch fragen, ob ein Parlament nicht souverän genug sein müsste, eine Bundesflagge an einem Abgeordnetenfenster auszuhalten.

Was man aber nicht tun sollte, ist so zu tun, als habe der Bundestag die Bundesflagge aus dem politischen Raum verbannt.

Genau an diesem Punkt wird der Vorgang eigentlich erst interessant. Nicht, weil er ein großer Skandal wäre, sondern weil er zeigt, wie verlässlich Empörung heute funktioniert.

Die Aufregung über Schwarz-Rot-Gold hat einen realen Kern. Viele Bürger empfinden längst, dass die Deutschlandfahne in Teilen der Öffentlichkeit nicht als selbstverständliches Symbol der Bundesrepublik wahrgenommen wird, sondern als etwas, das sofort erklärt, eingeordnet oder relativiert werden muss. Diese Wahrnehmung ist nicht erfunden. Wer Schwarz-Rot-Gold zeigt, muss sich in bestimmten Milieus schneller rechtfertigen als jene, die jede andere Fahne als Ausdruck von Haltung vor sich hertragen.

Das ist falsch. Mehr noch: Es ist politisch dumm.

Die Deutschlandfahne ist kein rechtes Symbol. Sie ist aber auch weder optischer Gesinnungstest, noch ein Relikt, das man nur mit historischem Gefahrguthinweis zeigen darf. Sie ist die Bundesflagge der Bundesrepublik Deutschland.
Art. 22 Abs. 2 des Grundgesetzes formuliert es denkbar knapp:
Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold.

Dieser Satz ist kurz, aber er sollte eigentlich genügen.

Schwarz-Rot-Gold steht nicht für autoritären Nationalismus. Diese Farben stehen für die freiheitliche Tradition Deutschlands, für Einheit und Recht, für Verfassung und Republik, für eine demokratische Bürgernation.

Eine Nachhilfestunde in Geschichte


Ein kurzer historischer Blick lohnt sich: Schwarz-Rot-Gold sind eben gerade nicht die Farben des Kaiserreichs und auch nicht die Farben des Nationalsozialismus. Das Deutsche Kaiserreich führte Schwarz-Weiß-Rot. Das NS-Regime griff diese Farbtradition zunächst wieder auf und machte später die Hakenkreuzflagge zur alleinigen Nationalflagge. Schwarz-Rot-Gold hingegen wird häufig auf die Befreiungskriege gegen Napoleon und das Lützowsche Freikorps zurückgeführt: schwarze Uniformen, rote Aufschläge, goldfarbene Knöpfe. Spätestens beim Hambacher Fest von 1832 wurden diese Farben zum Zeichen der deutschen Freiheits- und Einheitsbewegung. Bürger, Studenten und Demokraten forderten dort nationale Einheit, politische Mitbestimmung und Grundrechte. Auch die Frankfurter Nationalversammlung von 1848 bekannte sich zu Schwarz-Rot-Gold.

Diese Farben stehen historisch also nicht für Unterwerfung, sondern für den Versuch, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und nationale Einheit miteinander zu verbinden.

Sie gehören folglich nicht an den Rand der Gesellschaft, sie gehören in ihre Mitte.

Gerade deshalb halte ich die linke Verkrampfung gegenüber nationalen Symbolen für so fatal. Wer die Deutschlandfahne pauschal verdächtigt, überlässt sie jenen, die sie für ihre eigenen Zwecke vereinnahmen wollen. Wer nationale Zugehörigkeit nur noch als Problem behandelt, darf sich nicht wundern, wenn andere daraus ein Geschäftsmodell der Empörung machen.

Die AfD kann dieses Spiel nutzen. Sie muss dafür nicht einmal besonders raffiniert sein. Es reicht, einen Reiz zu setzen und die vorhersehbare Reaktion abzuwarten. Sobald die Empörung kommt, wird sie zum Beweis für die eigene Erzählung umgebaut. Aus einem möglichen Hausordnungsverstoß wird ein angebliches Deutschlandfahnenverbot. Aus formaler Beanstandung wird ein Angriff auf die Nation und aus parlamentarischer Ordnung politische Unterdrückung.

Genau so funktioniert Ragebait

Er ist deshalb so wirksam, weil er selten vollständig aus der Luft gegriffen ist. Deutschland hat tatsächlich ein gestörtes Verhältnis zu seinen Symbolen. In einem unverkrampften Land würde eine Deutschlandfahne keinen mittleren Nervenzusammenbruch auslösen. In einem unverkrampften Land müsste man nicht jedes Mal erklären, dass Patriotismus nicht automatisch Extremismus bedeutet. Deutschland ist in dieser Frage aber nicht unverkrampft. Genau deshalb wirkt der Köder.

Der Fall erinnert zugleich an die Debatte um Regenbogenfahnen in Bundestagsbüros und an die restriktive Linie zur Beflaggung des Bundestages. Damals wurde argumentiert, dass im und am Bundestag nicht beliebig jede politische Fahne gezeigt werden könne. Die Bundestagsverwaltung verwies darauf, dass Fahnen grundsätzlich und unabhängig von ihrer Symbolik nicht gestattet seien.

Wer diese Linie bei der Regenbogenflagge richtig fand, kann bei der Deutschlandfahne nicht plötzlich so tun, als sei dieselbe Ordnung ein antideutscher Skandal.

Das ist keine Spitzfindigkeit, es ist politische Konsequenz.

Natürlich ist die Deutschlandfahne nicht irgendeine politische Fahne. Sie ist die Bundesflagge. Sie hat eine andere Stellung als eine Parteifahne, eine Bewegungsfahne oder eine aktivistische Symbolflagge. Trotzdem darf der Bundestag als Verfassungsorgan Regeln für seine Gebäude und deren äußere Erscheinung setzen. Das Parlament ist kein beliebiger Balkon und keine Demonstrationskulisse. Es ist der zentrale Ort demokratischer Gesetzgebung.

Wer dort politische Zeichen setzt, weiß in der Regel ziemlich genau, was er tut.

Deshalb wäre es zu billig, diesen Vorgang ausschließlich als Empörung über Schwarz-Rot-Gold zu verkaufen. Die Erzählung ist größer als der Sachverhalt. Gerade darin liegt ihre politische Funktion.

Ein zweiter Punkt machte mich bei der Recherche in meinem Feed stutzig: der Begriff „Stolzflagge“.

Im ersten Moment klang dieses Wort für mich wie die nächste sprachpolitische Verrenkung. Nach einer jüngsten Debatte, in der die Formulierung „Migranten und Nicht-Migranten“ für Irritation sorgte, wirkte „Stolzflagge“ zunächst wie eine weitere betreute Wortschöpfung aus dem Labor der Gegenwartssemantik.

Auch das war zu schnell gedacht.

Der Begriff „Stolzflagge“ verweist auf einen politischen Deutungsraum, der nicht harmlos ist. Belastbar belegt ist vor allem der sogenannte „Stolzmonat“: eine Kampagne, die als Gegenentwurf zum Pride Month inszeniert wurde und von rechtskonservativen bis rechtsextremistischen Akteuren aufgegriffen worden ist. Auch das Umfeld der Identitären Bewegung bewegte sich in diesem Kontext. Damit ist der Begriff politisch nicht unschuldig.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass jede Deutschlandfahne eine „Stolzflagge“ ist. Diese Gleichsetzung wäre falsch, aber es bedeutet, dass Kontext zählt.

Schwarz-Rot-Gold ist zunächst die Bundesflagge. Wird es aber bewusst in einen Kampagnenrahmen gestellt, der mit identitärer Symbolik, Ausgrenzung und rechtsextremer Selbstinszenierung arbeitet, verändert sich die Botschaft: Dann wird aus einem Verfassungssymbol ein Code, aus der Bundesflagge eine Projektionsfläche und aus Patriotismus wird Instrumentalisierung.

Dort verläuft die klare Grenze.

Patriotismus ist legitim. Mehr noch: Ein Land braucht ein gesundes Maß an Patriotismus. Ein Staat, der von seinen Bürgern Loyalität, Steuern, Dienstbereitschaft und Gemeinsinn erwartet, kann nicht zugleich so tun, als sei nationale Identifikation etwas Peinliches. Ohne emotionale Bindung an das Gemeinwesen wird Politik technokratisch, kalt und beliebig, wie wir es derzeit erfahren.

Patriotismus ist jedoch kein Freibrief

Wer Deutschland liebt, sollte zuerst wissen, was dieses Deutschland ausmacht: Grundgesetz, Rechtsstaat, Freiheit, Verantwortung, Bürgerrechte, demokratische Ordnung. Patriotismus ohne Verfassungstreue ist Pose. Patriotismus ohne Maß ist Lärm. Patriotismus, der sich hinter Codes versteckt, ist kein Bekenntnis, sondern Strategie.

Darum muss man in diesem Fall zwei Zumutungen gleichzeitig aushalten:

Die Deutschlandfahne darf nicht dämonisiert werden. Wer Schwarz-Rot-Gold pauschal unter Verdacht stellt, beschädigt ein demokratisches Symbol und treibt normale Bürger in die Arme jener, die sich als letzte Verteidiger des Landes inszenieren. Die Nationalfarben gehören nicht in die Schmuddelecke politischer Verdächtigung. Sie gehören sichtbar und selbstverständlich in die Mitte der Republik.

Die Deutschlandfahne darf nicht instrumentalisiert werden. Wer Schwarz-Rot-Gold als Köder für Empörung, als Kulisse für Provokation oder als Deckmantel für identitäre Kampagnen nutzt, verteidigt diese Flagge nicht. Er missbraucht sie.

Die einen machen die Fahne verdächtig, die anderen machen sie zur Falle.

Deshalb wählte ich „Unter falscher Flagge“ als Titel. Nicht, weil die gezeigte Deutschlandfahne keine Deutschlandfahne gewesen wäre. Sondern weil die Erzählung um sie herum unter falscher Flagge segelt: Sie gibt vor, Schwarz-Rot-Gold zu verteidigen, während sie in Wahrheit Empörung bewirtschaftet. Sie nutzt ein reales Problem und überzieht es zur politischen Opfererzählung.

Am Ende bleibt eine Debatte, in der kaum noch unterschieden wird: zwischen Bundesflagge und Kampagnensymbol, zwischen Hausordnung und Flaggenverbot, zwischen legitimer nationaler Identifikation und strategischer Provokation. Ebensolche Unterscheidung wäre aber zwingend nötig.

Eine erwachsene Republik muss ihre Fahne zeigen können, ohne nervös zu werden. Sie muss aber auch stark genug sein, ihre Symbole gegen Vereinnahmung zu verteidigen. Schwarz-Rot-Gold gehört nicht der AfD. Es gehört nicht ihren Vorfeldakteuren, nicht rechten Kampagnen und nicht jenen, die aus jedem Stück Stoff ein politisches Stöckchen bauen, über das andere springen sollen.

Schwarz-Rot-Gold gehört der Bundesrepublik Deutschland

Diese Flagge steht nicht gegen Minderheiten. Sie steht nicht gegen Europa, nicht gegen Freiheit, Individualität oder moderne Lebensentwürfe. Sie steht für den Staat, der all das rechtlich schützt. Wer sie auf einen engen, ausgrenzenden Begriff von Nation reduziert, verkennt ihren demokratischen Sinn. Wer sie aus Angst vor falschen Assoziationen meidet, allerdings auch.

Die Deutschlandfahne ist kein Verdachtsmoment, sie ist aber auch kein Tarnmantel.

Sie ist ein Symbol, das Respekt verdient. Gerade deshalb darf sie weder von links dämonisiert noch von rechts instrumentalisiert werden. Wer sie verachtet, schwächt die demokratische Identität dieses Landes. Wer sie als Empörungswerkzeug benutzt, beschädigt sie ebenfalls.

Schwarz-Rot-Gold ist die Flagge der Bundesrepublik Deutschland. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wer diese Farben zeigt, sollte wissen, wofür sie stehen. Wer sie bekämpft, sollte sich fragen, welches Verhältnis er eigentlich zu diesem Land hat. Wer sie missbraucht, sollte nicht erwarten, dass man ihm Patriotismus abnimmt.

Die Deutschlandfahne gehört in die Mitte der Republik. Dort ist sie richtig, dort ist sie stark. Dort darf man sie weder verdächtigen noch vereinnahmen. Alles andere geschieht unter falscher Flagge.


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Demokratie ist kein Gästebuch

Frau Reichinneks Verwechslung von Bewohnern mit Bürgern

Kommentar von Jens Baumanns

Es gibt politische Vorschläge, bei denen man kurz innehält, das Gelesene noch einmal prüft und sich fragt, ob bei manchen inzwischen nicht nur die Sicherung, sondern gleich der ganze Schaltschrank durchgebrannt ist. Bundestagsdrucksache 21/6102 ist ein solcher Fall.

Hinter dem nüchternen Titel „Wahlrecht für Ausländerinnen und Ausländer einführen“ verbirgt sich kein bloßes integrationspolitisches Detail, sondern ein Vorschlag von erheblicher staatspolitischer Sprengkraft. Die Linke fordert, Menschen ohne deutschen Pass das Wahlrecht zu geben, sofern sie seit mindestens fünf Jahren rechtmäßig in Deutschland leben. Nach dem Antrag soll dies auf Bundesebene gelten; zugleich sollen die Länder entsprechende Möglichkeiten für Landtags- und Kommunalwahlen schaffen. Begründet wird das mit gleichberechtigter politischer Teilhabe aller dauerhaft in Deutschland lebenden Menschen.

Man muss diesen Gedanken kurz wirken lassen.

Fünf Jahre Aufenthalt sollen künftig reichen, um an der politischen Willensbildung eines Staates mitzuwirken, dessen Staatsbürgerschaft man gerade nicht besitzt. Der Stimmzettel würde damit nicht mehr aus der Zugehörigkeit zum Staatsvolk folgen, sondern aus einer Art politischem Langzeitwohnen. Demokratie nach dem Motto: Wer lange genug im Wartezimmer sitzt, darf irgendwann mit über die Hausordnung entscheiden.

Mit anderen Worten: Die Linke rührt nicht an einer Nebensächlichkeit, sie rührt am Bürgerbegriff selbst.

Frau Reichinnek steht in dieser Debatte nicht als alleinige Urheberin, sondern als politische Frontfigur einer Fraktion, die den Bürgerbegriff neu vermessen will. Die Linke präsentiert diesen Vorschlag im Ton moralischer Selbstverständlich- wie Herrlichkeit. Es klingt nach Teilhabe, Gerechtigkeit, Demokratie und Vielfalt. Doch hinter diesen Vokabeln steckt ein erstaunlich kaltes Staatsverständnis: Der Bürger wird nicht mehr als Träger politischer Verantwortung verstanden, sondern als verwaltungstechnische Zwischenstufe auf dem Weg zur maximalen Anspruchsberechtigung.

Der entscheidende Unterschied ist klein in der Formulierung, aber gewaltig in seiner Bedeutung: Bürger oder Bewohner.

Der Bewohner lebt im Land, der Bürger trägt es politisch. Der Bewohner ist Teil der Gesellschaft, der Bürger ist Teil des Souveräns. Der Bewohner ist von Politik betroffen, der Bürger legitimiert sie.

Diese Unterscheidung ist kein sprachliches Detail für Staatsrechtsseminare. Sie ist die Statik der Demokratie. Wer sie einreißt, verändert nicht bloß eine Regel des Wahlrechts: Er verändert das Verständnis davon, wer in diesem Land eigentlich politisch entscheidet.

Das Wahlrecht ist kein Bonusprogramm für Aufenthaltsdauer. Es ist kein Willkommensgeschenk nach fünf Jahren Meldeadresse. Es ist eines der zentralen Rechte des Staatsbürgers. Nicht weil der Staat Ausländer geringschätzt, sondern weil demokratische Selbstbestimmung nur dann funktionieren kann, wenn klar ist, wer das politische Staatsvolk bildet.

Zwei Tage in London machen mich nicht zum Briten. Ein Jahr in Zürich macht mich nicht zum Schweizer. Fünf Jahre in Wien machen mich nicht zum Österreicher. Ich kann dort arbeiten, Steuern zahlen, Freunde finden, mich verlieben, ein Unternehmen gründen und die jeweilige Lebensart schätzen. All das macht mich zum Bewohner, vielleicht sogar zu einem geschätzten Teil der Gesellschaft. Es macht mich aber nicht automatisch zum Träger politischer Souveränität dieses Staates.

Genau dafür gibt es die Staatsbürgerschaft.

Sie ist nicht nur ein Dokument mit Passfoto, sie ist ein staatsrechtliches Bekenntnis. Sie bedeutet Zugehörigkeit, Verantwortung, Loyalität zur Verfassung, Akzeptanz der politischen Ordnung und die Bereitschaft, nicht nur Rechte einzufordern, sondern Teil dieses Gemeinwesens zu werden. Wer dauerhaft in Deutschland lebt und politisch mitentscheiden möchte, kann sich einbürgern lassen. Dann erwirbt er nicht nur einen Pass, sondern die vollen Bürgerrechte – einschließlich des Wahlrechts.

Die Linke dreht diese Reihenfolge um: Erst mitentscheiden, später vielleicht dazugehören. Erst Stimmzettel, dann Staatsvolk. Erst Machtteilhabe, dann Bekenntnis.

Das ist keine Demokratisierung, das ist die Entwertung der Staatsbürgerschaft.

Gerade diese Entwertung ist der rote Faden des Vorschlags. Die Linke tut so, als sei Staatsbürgerschaft eine bürokratische Formalie auf dem Weg zur Wahlurne. Als sei der deutsche Pass ein lästiger Verwaltungsrest aus vergangenen Zeiten. Als bestehe Demokratie vor allem darin, möglichst vielen Menschen möglichst schnell möglichst viele Rechte zu geben, ohne noch ernsthaft nach Zugehörigkeit, Bindung und Verantwortung zu fragen.

Das ist typisch für ein linkes Staatsverständnis, das mit dem Begriff des Bürgers fremdelt. Der Bürger ist der Linken offenbar zu exklusiv, zu anspruchsvoll, zu sehr an Nation, Verfassung und staatliche Zugehörigkeit gebunden. Deshalb wird er sprachlich weichgezeichnet, politisch verdünnt und am Ende durch den Bewohner ersetzt. Aus dem Staatsvolk wird eine Wohnbevölkerung. Aus Bürgerrechten werden Aufenthaltsrechte mit Wahlbenachrichtigung. Aus Integration wird Anspruchslogik.

Genau an dieser Stelle muss man widersprechen.

Wer in Deutschland lebt, ist nicht rechtlos. Wer hier arbeitet, soll fair behandelt werden. Wer hier Steuern zahlt, soll ordentliche öffentliche Leistungen erwarten dürfen. Wer hier dauerhaft lebt, soll rechtsstaatlich geschützt sein. Wer sich zu Deutschland bekennt, soll eine faire Einbürgerungsperspektive haben.

Wer aber hier wählen will, soll deutscher Staatsbürger werden. Das ist kein Ausschluss, sondern schlicht Ordnung.

Nach der bisherigen Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts und nach herrschender Meinung steht ein solches Wahlrecht für Nichtstaatsbürger auf Bundes- und Landesebene auf äußerst dünnem verfassungsrechtlichem Eis. Das Gericht hat im Zusammenhang mit dem Ausländerwahlrecht klargestellt, dass das Volk, von dem in der Bundesrepublik die Staatsgewalt ausgeht, grundsätzlich durch die deutschen Staatsangehörigen gebildet wird. Die Linke weiß das. Ihr Antrag versucht deshalb, diese Ordnung neu zu deuten und den Begriff des Volkes von der Staatsangehörigkeit zu lösen. Genau darüber müsste ehrlich gesprochen werden.

Dann sollte Frau Reichinnek nicht nur von Teilhabe reden, sondern von der Auflösung der Staatsbürgerschaft als maßgeblicher Schwelle zum Wahlrecht. Ebenfalls sollte die Linke dann erklären, warum ein Mensch, der sich nicht einbürgern lässt oder die Voraussetzungen dafür nicht erfüllt, trotzdem über Bundestag, Regierung, Haushalt, Sozialstaat, Migration, innere Sicherheit und Außenpolitik Deutschlands mitentscheiden soll.

Stattdessen läuft die bekannte Nebelmaschine: Wer hier lebt, sei betroffen. Wer betroffen sei, müsse mitentscheiden dürfen. Wer das ablehne, verweigere Teilhabe. Das mag warmherzig klingen, ist aber staatsrechtlich dünn.

Betroffenheit ist kein Wahlrechtsgrund

Von deutscher Politik sind viele betroffen: Ausländische Unternehmen, Internationale Investoren. Grenzpendler, Studenten aus Drittstaaten und Touristen sind betroffen, wenn Visaregeln verändert werden. Andere Staaten sind betroffen, wenn Deutschland seine Außenpolitik ändert. Die Welt ist vernetzt. Politik wirkt über Grenzen hinaus. Daraus folgt aber nicht, dass jeder Betroffene Teil des deutschen Wahlvolks werden muss.

Demokratie ist nicht die Herrschaft aller Betroffenen. Demokratie ist die Selbstbestimmung eines klar bestimmbaren Staatsvolks.

Wer diesen Unterschied nicht mehr anerkennt, schafft nicht mehr Demokratie, sondern weniger Staatlichkeit. Dann entscheidet am Ende nicht mehr ein Bürgerverband über seine eigene politische Ordnung, sondern eine ständig erweiterbare Gruppe von Bewohnern über ein Gemeinwesen, zu dem sie nicht zwingend staatsrechtlich gehört.

Besonders bemerkenswert ist die Nonchalance, mit der ausgerechnet die Linke diesen Vorschlag vorträgt. Dieselbe Partei, die bei jeder Gelegenheit vor der Gefährdung der Demokratie warnt, möchte nun an einer ihrer zentralen Voraussetzungen drehen: daran, wer überhaupt das demokratische Staatsvolk bildet. Die Linke schützt die Demokratie also, indem sie ihren Träger neu sortieren will. Das ist ungefähr so überzeugend, als würde ein Statiker zur Rettung eines Hauses zuerst die tragenden Wände entfernen.

Natürlich geht es hier auch um Macht. Parteien fordern selten Änderungen, von denen sie sich dauerhaft schlechtere Ergebnisse versprechen. Die Linke entdeckt ihr Herz für das Ausländerwahlrecht nicht zufällig in einem Milieu, in dem sie politische Zustimmung vermutet. Das Wahlvolk wird hier nicht aus staatsbürgerlicher Einsicht neu gedacht, sondern aus parteipolitischer Hoffnung neu vermessen, das muss man aussprechen dürfen.

Wer den Kreis der Wahlberechtigten verändert, verändert die Grundlage demokratischer Macht. Das ist keine Kosmetik, es ist eine Operation am offenen Herzen des Staates. Der Souverän (das Volk) ist aber keine Knetmasse für parteipolitische Interessen. Wenn die Linke neue Wähler sucht, soll sie bessere Politik machen. Sie soll Bürger überzeugen. Sie soll nicht versuchen, den Bürgerbegriff so weit zu dehnen, bis er ihr nützt.

Der eigentliche Skandal liegt jedoch tiefer: Die Linke will nicht mehr Menschen zur Staatsbürgerschaft führen. Sie will zentrale Bürgerrechte ausgeben, ohne die Staatsbürgerschaft noch ernsthaft vorauszusetzen. Das ist der Unterschied zwischen Integration und Entkernung.

Integration sagt: Werde Teil dieses Landes. Die Linke sagt: Du musst es gar nicht werden, du sollst trotzdem schon mitentscheiden dürfen.

Einwanderungspolitik darf nicht darin bestehen, Bürgerrechte vor der Staatsbürgerschaft auszugeben. Sie muss Menschen, die dauerhaft dazugehören wollen, zur Staatsbürgerschaft führen. Nicht vorbei an ihr.

Genau hier offenbart sich, weshalb der Vorschlag sogar die Integration schwächt, die er angeblich stärken soll:
Warum soll jemand den Weg der Einbürgerung gehen, wenn zentrale Bürgerrechte bereits vorher ausgegeben werden?
Warum soll Staatsbürgerschaft noch als ernsthafter Schritt verstanden werden, wenn die Linke sie zur Nebensache erklärt?
Warum soll das Bekenntnis zu Deutschland wichtig bleiben, wenn die Wahlurne schon nach fünf Jahren Aufenthalt geöffnet wird?

Integration braucht ein Ziel. Dieses Ziel heißt nicht: möglichst viele Rechte ohne Bindung.
Dieses Ziel heißt: Bürger werden.

Ein Staat, der seine Staatsbürgerschaft ernst nimmt, ist kein hartherziger Staat. Er ist ein Staat, der weiß, dass Rechte, Pflichten und Zugehörigkeit zusammengehören. Ein Einwanderungsland braucht gerade keine Auflösung des Bürgerbegriffs. Es braucht ein klares Verständnis davon, was es bedeutet, Teil dieses Landes zu werden.

Deutschland kann offen sein, ohne beliebig zu werden. Deutschland kann einbürgern, ohne das Wahlrecht vorher zu verramschen. Deutschland kann Menschen einladen, Bürger zu werden, ohne so zu tun, als sei der Bürgerstatus nur eine lästige Formalie aus dem letzten Jahrhundert.

Der Pass ist kein bürokratisches Souvenir, er ist der Schlüssel zum politischen Haus. Wer diesen Schlüssel will, soll den Weg durch die Tür gehen. Nicht durch das Fenster des Wahlrechts klettern.

Frau Reichinnek und die Linke stehen in dieser Debatte für ein Staatsverständnis, das den Bürgerbegriff offenbar nur noch als störende Restgröße betrachtet. Wo der Staat klare Zugehörigkeit braucht, sieht die Linke Ausschluss. Wo Demokratie ein Staatsvolk voraussetzt, sieht sie ein Teilhabeproblem. Wo Bürgerrechte an Bürger gebunden sind, wittert sie Ungerechtigkeit.

Das ist nicht progressiv, das ist staatsvergessen.

Steuern zahlen begründet keinen Anspruch auf politische Souveränität. Sonst müssten auch Unternehmen wählen dürfen. Wer Beiträge leistet, ist Teil der Gesellschaft. Wer Staatsbürger wird, ist Teil des politischen Souveräns. Dieser Unterschied ist nicht kleinlich, er ist grundlegend.

Deutschland braucht deshalb keine Ausweitung des Wahlrechts auf Nichtstaatsbürger. Deutschland braucht eine ernsthafte Debatte darüber, was Staatsbürgerschaft bedeutet. Wer gehört dazu? Was darf dieses Land erwarten? Was muss jemand mitbringen, der nicht nur hier leben, sondern über die politische Zukunft dieses Landes mitentscheiden will?

Die Antwort kann nicht lauten: fünf Jahre Anwesenheit.
Die Antwort muss lauten: Einbürgerung, Bekenntnis, Verantwortung, Staatsbürgerschaft.

Wer Deutschland zu seiner politischen Heimat machen will, soll diesen Weg gehen können. Aber er soll ihn auch gehen müssen, wenn er mitentscheiden will. Alles andere ist keine Integration, sondern eine Abkürzung an der Staatsbürgerschaft vorbei.

Frau Reichinnek hat hier nicht die Demokratie weitergedacht, sie hat den Knall offenbar nicht gehört.
Denn dieser Vorschlag ist weder großzügig noch modern. Er ist nicht weltoffen. Er ist ein selten törichter Angriff auf eine Unterscheidung, ohne die Demokratie ihren inneren Halt verliert.

Demokratie ist kein Gästebuch, der Staat ist keine Wohngemeinschaft. Der Bürger nicht bloß ein Bewohner mit Wahlbenachrichtigung. Der Stimmzettel ist kein Aufenthaltstitel, das Wahlrecht kein Integrationsgutschein. Die Staatsbürgerschaft ist keine Formalie für Menschen, die es besonders eilig zur Wahlurne haben.

Wer wählen will, soll Bürger werden.
Wer Bürger werden will, soll sich zu diesem Land bekennen.

Wer dieses Bekenntnis für überflüssig hält, verteidigt nicht die Demokratie. Er hat ihren Kern grundlegend nicht verstanden.


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Entlastung, die keine ist

Die 1.000-Euro-Frage: Wer zahlt eigentlich die Entlastung, von der der Staat spricht?

Kommentar von Jens Baumanns

Es gibt politische Maßnahmen, die weniger über ihre Wirkung in Erinnerung bleiben als über die Denkfehler, auf denen sie beruhen. Das neue Entlastungspaket der Bundesregierung dürfte ein solcher Fall werden.

Auf den ersten Blick klingt das alles nach schneller Hilfe: eine steuer- und abgabenfreie Prämie von bis zu 1.000 Euro, zwei Monate geringere Energiesteuer auf Kraftstoffe, dazu die Aussicht auf spätere steuerliche Reformen. Es ist das übliche Arsenal moderner Krisenpolitik: ein runder Betrag, eine schnelle Schlagzeile, ein Signal von Handlungsfähigkeit. Genau darin liegt bereits das Problem. Denn dieses Paket ist bei näherem Hinsehen keine Entlastung, sondern deren politische Inszenierung.

Die entscheidende Pointe lautet nämlich nicht, dass der Staat seine Bürger entlastet. Die Pointe lautet, dass der Staat andere entlasten lassen will. Wieder einmal lautet die Botschaft aus Berlin: Wir haben ein Problem erkannt, die Privatwirtschaft darf es nun bitte lösen.

Was mir als Marketer naturgemäß besonders auffällt ist die Wortwahl: Entlastungspaket.
Genau darin liegt für mich nämlich der eigentliche Skandal dieses Pakets: Es tut so, als sei Entlastung ein kommunikatives Ereignis. Entlastung wäre, Menschen und Betrieben dauerhaft Luft zu verschaffen. Etwa durch niedrigere Abgaben, durch eine verlässliche, konsequente und nachhaltige Energiepolitik. Vor allem aber durch weniger Bürokratie. Kurzum, durch eine Politik, die Leistung nicht reflexhaft als Finanzierungsquelle behandelt, sondern als Voraussetzung von Wohlstand begreift.

Tatsächlich besteht der Kern der Maßnahme aus Freiwilligkeit, Befristung und Verschiebung. Die viel zitierte 1.000-Euro-Prämie ist keine staatliche Leistung. Sie ist eine Möglichkeit, die Arbeitgebern 2026 eröffnet werden soll. Zur Gegenfinanzierung ist eine frühere Erhöhung der Tabaksteuer vorgesehen; die eigentliche Einkommensteuerreform wird erst für 2027 angekündigt. Schon diese Konstruktion verrät die innere Logik des Pakets: Das Sichtbare kommt sofort, das strukturell Relevante später. Oder, weniger freundlich formuliert: Die Regierung organisiert den Eindruck von Entlastung und vertagt deren Substanz.

Der eigentliche Skandal daran ist nicht einmal die Freiwilligkeit selbst, sondern die politische Bequemlichkeit, die darin steckt. Denn der Staat übernimmt die Verantwortung nicht, er gibt sie (wieder einmal) weiter. Er definiert ein Problem, kündigt Entlastung an und legt die praktische Last dann in die Privatwirtschaft. Unternehmen sollen ausgleichen, was die Politik nicht strukturell löst. Sie sollen die soziale Pufferzone eines Staates sein, der sich lieber in Pressemitteilungen als in Prioritätensetzung übt.

Das mag auf dem Papier elegant wirken, in der Realität ist es schlicht eine unverschämte Zumutung.

Man muss sich nur die Lage vieler deutschen Betriebe ansehen, um zu erkennen, wie schief diese Konstruktion ist. Gerade kleine und mittlere Unternehmen kämpfen selbst mit hohen Energiepreisen, gestiegenen Beschaffungskosten, schwacher Nachfrage und immer dichterer Regulierung. Für sie ist eine Sonderprämie keine Frage des guten Willens, sondern der wirtschaftlichen Belastbarkeit. Großunternehmen und Konzerne mit stabilen Margen mögen sich eine solche Zahlung leisten können. Der Handwerksbetrieb, der Mittelständler, die kleinere Firma im regionalen Markt oft nicht.

Damit kippt die Maßnahme endgültig ins Prinzipielle. Denn plötzlich hängt Entlastung nicht mehr vom Bedarf des Arbeitnehmers ab, sondern von der wirtschaftlichen Stärke des Arbeitgebers. Wer in einem gesunden Konzern beschäftigt ist, kann hoffen. Wer in einem wirtschaftlich unter Druck stehenden Betrieb arbeitet, hat eben Pech. Das ist keine zielgerichtete Sozialpolitik, das ist Entlastung nach Unternehmensklasse.

Als wäre das nicht genug, bleiben ganze Gruppen ohnehin außen vor: Rentner, Studierende, viele Selbstständige. Auch das ist keine Nebensächlichkeit, sondern Ausdruck derselben Logik. Diese Regierung entlastet nicht die Gesellschaft, sie entlastet dort, wo es kommunikativ am einfachsten und fiskalisch am bequemsten ist.

Auch der befristete Tankrabatt fügt sich nahtlos in diese Logik ein. Zwei Monate niedrigere Energiesteuer mögen kurzfristig an der Zapfsäule spürbar sein, lösen aber weder das Problem hoher Energieabhängigkeit noch die strukturelle Schwäche des Standorts. Auch hier zeigt sich ein Staat, der zwar handelt, aber nicht durchgreifen kann. Die Regierung setzt darauf, dass die Senkung der Energiesteuer bei den Verbrauchern ankommt. Das Problem ist nur: Sie kann das nicht sicherstellen.

Der Kraftstoffmarkt ist kein idyllischer Wettbewerb mit dutzenden gleich starken Anbietern, die einander aus purer Marktlogik disziplinieren. Er ist konzentriert, träge und seit Jahren geprägt von genau jener Preisdynamik, die Verbraucher so zuverlässig zur Verzweiflung bringt: Preise steigen schnell, wenn Kosten steigen, und sie sinken bemerkenswert langsam, wenn Kosten fallen. Das Bundeskartellamt beschreibt dieses Muster selbst seit Langem; auch der ADAC verweist darauf, dass erneut mit dem „Rakete-und-Feder“-Effekt zu rechnen sei.

Vor diesem Hintergrund grenzt es an politische Selbstberuhigung, ausgerechnet hier auf die ordentliche und vollständige Weitergabe einer Steuerentlastung zu vertrauen. Man muss dem Markt nicht feindlich gegenüberstehen, um zu erkennen, dass diese Annahme naiv ist. Es reicht, ihn ernst zu nehmen. Ein Markt mit hoher Konzentration und starken Margenanreizen reagiert nicht auf ministerielle Wunschvorstellungen, sondern auf Gewinnchancen. Genau deshalb lautet die entscheidende Frage nicht, ob ein Teil der Entlastung weitergegeben wird. Die entscheidende Frage lautet, wie viel davon unterwegs hängen bleibt.

Genau darauf hat die Regierung keine belastbare Antwort.

Sie verweist stattdessen auf Kontrolle. Das Bundeskartellamt werde selbstverständlich beobachten, man habe Regeln natürlich verschärft, man schaue genau hin. Doch Beobachtung ist keine Steuerung. Das Kartellamt kann analysieren, Verfahren führen und Missbrauch untersuchen. Es kann aber nicht im akuten Moment an der Zapfsäule stehen und Preissenkungen erzwingen. Der Staat baut eine Entlastung auf einen Markt, den er im entscheidenden Augenblick gar nicht wirksam steuern kann.

Das ist der ordnungspolitische Kern des Problems: Der Staat verzichtet auf Einnahmen, ohne sicherzustellen, dass der Bürger profitiert. Er erklärt eine Maßnahme zur Entlastung, obwohl deren tatsächliche Wirkung von Akteuren abhängt, deren Interessen offenkundig andere sind als die der Verbraucher und er verkauft diesen Mangel an Durchgriff auch noch als Pragmatismus.

Pragmatismus ist hier allerdings nur ein freundliches Wort für Ratlosigkeit.

Last but not least: Der Zeitplan des Ganzen

Die kurzfristigen, sichtbaren Maßnahmen kommen sofort. Die echten, dauerhaften Reformen kommen später, vielleicht. Die Prämie 2026, die Einkommensteuerreform 2027. Es ist dieselbe politische Choreografie, die man inzwischen zur Genüge kennt: Das medial Verwertbare wird vorgezogen, das strukturell Wirksame vertagt. Genau darin liegt der Unterschied zwischen Krisenkommunikation und Regierungshandeln. Die eine will beruhigen, das andere würde lösen.

So betrachtet ist dieses Entlastungspaket gar kein Ausrutscher. Es ist vielmehr ein sehr präzises Dokument dieser Regierung. Es zeigt ihren Stil, ihre Prioritäten, ihren Mut zur halben Maßnahme. Ein Staat, der seine Verantwortung an Unternehmen weiterreicht. Eine Koalition, die Wirkung behauptet, wo sie nur Hoffnung organisiert. Eine Politik, die lieber delegiert als entscheidet.

Man kann das als Kompromiss verkaufen. Man kann es auch treffender beschreiben:
Diese Entlastung ist keine.

Sie entlastet nicht dort, wo es nötig wäre, sondern dort, wo es zufällig möglich ist.
Sie stärkt nicht die Schwächeren, sondern bevorzugt die wirtschaftlich Stärkeren.
Sie steuert keinen Markt, sondern vertraut auf ihn, obwohl sie ihm offenkundig misstrauen müsste.

Zum Abschluss erleben wir, wie erwartbar, die alte deutsche Krankheit: Diese Regierung verwaltet die Folgen ihrer eigenen Fehlsteuerung und verkauft den Notbehelf als Fürsorge. Das ist ungefähr so souverän, wie sich für ein Provisorium zu feiern, das man selbst notwendig gemacht hat.

Diese 1.000 Euro sind daher nicht das Zeichen einer handlungsfähigen Regierung. Sie sind das Symptom einer Regierung, die Entlastung simuliert, weil sie zu echter Reform nicht bereit oder, wie ich inzwischen glaube, nicht fähig ist. Entlastung, die keine ist, bleibt am Ende genau das:
eine politisch hübsch verpackte Nichtlösung.


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Teuer, abhängig, kurzsichtig.

Warum Deutschlands Energiepolitik gerade jetzt in die falsche Richtung läuft

Kommentar von Jens Baumanns

Die Zapfsäule ist derzeit der ehrlichste energiepolitische Kommentator. Sie zeigt, was politische Debatten gern ausblenden: Ein Konflikt im Nahen Osten genügt – und der Preis steigt. Sofort, spürbar, für jeden sichtbar. Nicht, weil sich hierzulande etwas verändert hätte, sondern weil sich die geopolitische Lage verschärft.

Was dann folgt, ist ein ebenso bekannter wie verlässlicher Mechanismus: Risiko wird eingepreist – und Margen gleich doppelt mit. Die großen Mineralölkonzerne reagieren nicht nur auf Knappheit, sondern auch auf Erwartungen. In einem Markt, der von Unsicherheit und oligopolartigen Strukturen geprägt ist, wird Volatilität schnell zur Einnahmequelle.

Der Verbraucher zahlt schlussendlich beides: die Krise und die Kalkulation darauf.

Es ist daher umso bemerkenswerter, dass Deutschland genau in diesem Moment darüber diskutiert, fossile Energieträger wieder stärker zur energiepolitischen Normalität zu erklären.

Kurskorrektur im Rückwärtsgang

Was hier als pragmatische Korrektur verkauft wird, ist bei näherer Betrachtung das Gegenteil. Es ist eine Rückkehr zu einem System, dessen Risiken wir gerade erst in aller Deutlichkeit kennengelernt haben – und das unter denkbar ungünstigen globalen Vorzeichen. Der energiepolitische CDU-Kurs von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche steht exemplarisch für diese Entwicklung.

Die Rücknahme zentraler Leitplanken der Wärmewende, die Dämpfung der Solarförderung und die gleichzeitige politische Rehabilitierung fossiler Optionen ergeben kein kohärentes Konzept, sie ergeben ein Muster. Ein Muster, das sich durch bemerkenswerte Konsequenz auszeichnet:
kurzfristige Entlastung wird über langfristige Stabilität gestellt.

Gerade die aktuelle geopolitische Lage entlarvt diese Logik als das, was sie ist: Fossile Energie ist kein stabiler Anker. Sie ist Teil eines globalen Marktes, der auf politische Spannungen nicht mit Rationalität reagiert, sondern mit Preissprüngen. Es bedarf keiner Versorgungskrise, um die Verwundbarkeit offenzulegen. Die bloße Zuspitzung eines Konflikts an einem der zentralen Nadelöhre des globalen Energiehandels genügt.

Der Preis reagiert sofort. Nicht irgendwann, nicht theoretisch, sondern in Echtzeit.

Genau darin liegt der fundamentale Unterschied zu jener Energieform, die in der politischen Debatte noch immer gern als teuer und ideologisch diskreditiert wird. Erneuerbare Energien reagieren nicht auf geopolitische Krisen. Ihre Kosten entstehen im Aufbau, nicht im Betrieb. Wer investiert, entkoppelt sich schrittweise von globalen Preisschwankungen. Was einmal installiert ist, produziert unabhängig von Konflikten, Sanktionen oder Handelsrouten.

Das ist keine moralische Kategorie, es ist schlichte ökonomische Logik. Umso unverständlicher erscheint mir der aktuelle Kurs.

Statt die strukturelle Abhängigkeit weiter zu reduzieren, wird sie politisch wieder legitimiert. Statt einen vereinbarten, eingeschlagenen Weg konsequent fortzuführen, wird er relativiert. Statt die Lehren der letzten Jahre zu verinnerlichen, scheint man darauf zu setzen, dass die nächste Krise schon irgendwie glimpflicher verlaufen wird als die letzte.

Diese Form des „Irgendwie“-Pragmatismus ist vor allem eines: Hoffnungspolitik.
Hoffnung jedoch ersetzt keine Strategie.

Besonders irritierend ist dabei die ordnungspolitische Inkonsistenz dieses Kurses. Eine Politik, die sich wirtschaftliche Vernunft auf die Fahnen schreibt, müsste genau das Gegenteil tun: Risiken antizipieren, Abhängigkeiten reduzieren und Investitionen in stabile Strukturen fördern.

Stattdessen entsteht der Eindruck einer Energiepolitik, die sich an kurzfristigen Stimmungen orientiert, nicht an langfristigen Notwendigkeiten.

Die Konsequenzen sind absehbar

Wer auf fossile Energieträger setzt, entscheidet sich nicht nur für eine bestimmte Technologie. Er entscheidet sich für ein System, das durch Volatilität, geopolitische Risiken und externe Preisschocks geprägt ist. Diese Risiken lassen sich weder regulieren noch politisch wegdefinieren.

Sie schlagen durch.
Nicht nimmer sofort, aber zuverlässig und in der Regel teurer, als es jede Transformation gewesen wäre.

Der gegenwärtige Kurs mag kurzfristig den politischen Druck reduzieren, er erhöht jedoch gleichzeitig den Druck und die strukturellen Risiken. Er wirkt entlastend – bis zu dem Moment, in dem die nächste Krise diese Entlastung wieder einpreist.

Spätestens dann zeigt sich, was vermeintlicher Pragmatismus tatsächlich bedeutet: aufgeschobene Kosten.

Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob fossile Energie sinnvoll erscheint. Die Frage lautet, wie oft man bereit ist, für dieselbe Abhängigkeit immer wieder einen höheren Preis zu zahlen. Die Antwort darauf entscheidet nicht über Heizsysteme, sie entscheidet über die wirtschaftliche und geopolitische Handlungsfähigkeit eines Landes.


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Freiheit aus der Pipeline

Endlich wieder Öl und Gas?

Kommentar von Jens Baumanns

Die Freude war groß. Endlich, so die Erzählung, dürften Bürger wieder selbst entscheiden, womit sie heizen. Öl und Gas würden rehabilitiert, der ideologische Zwang verschwinde und der Staat ziehe sich aus dem privaten Heizungskeller zurück.

Kaum war die Rückabwicklung zentraler Elemente des Heizungsgesetzes beschlossen, machte in den sozialen Medien ein Begriff die Runde, der so verlockend wie missverständlich klingt: energetische Freiheit.

Es ist in der Tat ein bemerkenswertes Freiheitsverständnis. Gar so besonders, dass man diese Wortwahl nur einen Moment wirken lassen muss, um ihre Ironie zu erkennen:
Freiheit – ausgerechnet durch jene Energieträger, die wir vollständig importieren müssen.

Öl und Gas liegen nicht unter deutschen Feldern, sondern unter fremden Territorien. Sie werden von Staaten gefördert, deren Interessen und Wertvorstellungen selten mit unseren identisch sind, und über Handelsrouten transportiert, deren Stabilität – wie man nun sieht – weder wir noch sie selbst garantieren können.

Die viel beschworene energetische Freiheit beginnt also dort, wo unsere Abhängigkeit beginnt: in der Pipeline. Es ist eine rhetorisch elegante Vorstellung – strategisch jedoch eine erstaunlich fragil.

Gerade ein Land wie Deutschland sollte diese Fragilität eigentlich kennen. Noch vor wenigen Jahren galt russisches Gas als Inbegriff pragmatischer Energiepolitik: zuverlässig, wirtschaftlich und politisch bequem. Erst der Angriff Russlands auf die Ukraine verwandelte diese vermeintliche Partnerschaft in eine energiepolitische Lektion von bemerkenswerter Deutlichkeit.

Man hätte erwarten können, dass eine solche Erfahrung zumindest eine gewisse strategische Skepsis hinterlässt, doch die politische Erinnerung ist offenbar kürzer als die Pipeline, aus der unsere Freiheit angeblich fließen soll.

Deutschland hat diese Lektion eigentlich bereits gelernt – auf eine Weise, die schmerzhaft genug gewesen sein sollte, um nachhaltige Erinnerung zu hinterlassen. Doch Politik besitzt mitunter die bemerkenswerte Fähigkeit, Krisen zu überstehen, ohne aus ihnen zu lernen.

Während sich die geopolitische Lage im Nahen Osten zunehmend zuspitzt, während Iran eine zentrale Rolle in einer der sensibelsten Energiehandelsregionen der Welt spielt und während die Straße von Hormus weiterhin eines der größten Nadelöhre des globalen Ölmarktes bleibt, diskutiert Deutschland ernsthaft darüber, fossile Energieträger wieder als selbstverständliche Option zu etablieren und nennt das Pragmatismus.

Pragmatismus kann vieles sein. In diesem Fall ist er vor allem eines: kurzfristige Bequemlichkeit.

Fossile Energie hat eine Eigenschaft, die sie politisch attraktiv macht: Sie ist vertraut, sie funktioniert nach bekannten Mustern, sie beruhigt Debatten, weil sie Veränderung vermeidet. In politischen Systemen, die stark auf kurzfristige Stimmungen reagieren, wirkt sie daher wie ein Beruhigungsmittel.

Das Problem mit Beruhigungsmitteln ist nur, dass sie die Ursache eines Problems selten lösen.
Sie verschieben sie.

In meinen beiden vorherigen Kommentaren ging es vor allem um Planungssicherheit und ordnungspolitische Verlässlichkeit. Märkte, so meine These, können mit ambitionierten Zielen umgehen. Was sie nicht vertragen, ist politischer Zickzackkurs.

Doch hinter dieser ordnungspolitischen Frage verbirgt sich eine noch grundlegendere: die der strategischen Autonomie.

Energiepolitik ist keine rein technische Debatte über Heizsysteme, Netze oder Förderprogramme. Sie ist eine Frage der Machtverhältnisse. Wer Energie importiert, importiert auch Abhängigkeiten.

Jede Kilowattstunde, die im eigenen Land produziert wird, reduziert diese Abhängigkeit ein Stück. Photovoltaik auf privaten Dächern, Windenergie, Speichertechnologien – all das sind nicht nur Instrumente der Klimapolitik. Sie sind Bausteine strategischer Resilienz.

Eine Solaranlage auf einem deutschen Dach kann nicht durch eine geopolitische Krise abgeschaltet werden. Ein Windrad lässt sich nicht durch diplomatische Spannungen blockieren. Energie, die vor Ort erzeugt wird, ist nicht nur erneuerbar – sie ist politisch stabiler.

Gerade deshalb wirkt die aktuelle energiepolitische Debatte so bemerkenswert.

Während Europa über strategische Autonomie spricht, während Lieferketten neu gedacht und Abhängigkeiten reduziert werden sollen, diskutiert Deutschland darüber, fossile Technologien wieder stärker zu legitimieren. Es ist, als würde ein Land, das gerade erst aus einem strukturellen Risiko herausmanövriert hat, ernsthaft erwägen, denselben Kurs erneut einzuschlagen – diesmal mit etwas anderen Lieferanten.

Die politische Begründung lautet Freiheit. Der tatsächliche Effekt ist Abhängigkeit.

Dabei ist die Logik eigentlich simpel: Ein Staat, der seine Energieversorgung zu einem erheblichen Teil selbst produzieren kann, ist resilienter als einer, der sie importieren muss. Diese Erkenntnis ist weder ideologisch noch besonders revolutionär. Sie ist schlicht strategische Mathematik.

Natürlich wird es Übergangsphasen geben. Natürlich wird auch fossile Energie noch eine Zeit lang Teil des Systems bleiben. Doch Übergänge sind keine Ziele. Wer sie als solche behandelt, bleibt dauerhaft im Übergang stecken und genau dort, wo Deutschland seit Jahrzehnten weilt.

Genau hier beginnt die eigentliche Ironie dieser Debatte. Während manche Kommentatoren die Rückkehr zu fossilen Optionen als Ausdruck neu gewonnener Freiheit feiern, vollzieht sich im Hintergrund das Gegenteil: Die strukturelle Abhängigkeit, die man gerade erst mühsam reduziert hat, wird politisch wieder salonfähig gemacht und schlägt am Ende gleich doppelt zu Buche: ökologisch wie finanziell.

Freiheit entsteht nicht aus der Pipeline. Sie entsteht dort, wo ein Land seine zentralen Infrastrukturen selbst kontrollieren kann.

Wer fossile Energien heute als Befreiung verkauft, betreibt daher vor allem semantische Kosmetik. Die eigentliche energiepolitische Freiheit besteht nicht darin, Öl und Gas wieder leichter zugänglich zu machen. Sie besteht darin, irgendwann nicht mehr auf sie angewiesen zu sein.


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Beliebig statt bürgerlich

Was ist bei Dir los, CDU?

Kommentar von Jens Baumanns

Einmal ist eine Ausnahme, zweimal ist ein Muster – und Muster verlangen genauere Analyse.

Wie bereits in meinem Kommentar zum Heizungsgesetz verteidige ich nun erneut eine energiepolitische Leitplanke, die nicht aus meinem politischen Lager stammt. Dass mir das ausgerechnet wieder bei Positionen der Grünen geschieht, hätte ich bis vor Kurzem ausgeschlossen. Man soll in der Politik niemals „nie“ sagen – aber wenn sich ein Vorgang wiederholt, ist das kein Zufall mehr. Folglich beginnt meine Irritation genau hier:

Ich ordnete mich stets bei der CDU ein, weil sie für wirtschaftliche Vernunft, für Eigentumsschutz und für Planungssicherheit stand. Eben für ein klares Ordnungsmodell, das Investitionen ermöglicht, statt sie politisch unter Vorbehalt zu stellen. Bürgerlich bedeutete für mich: verlässlich, berechenbar sowie langfristig denkend. Was ich derzeit erlebe, ist das Gegenteil.

Reiches Solarpolitik: Seit wann führt die CDU Klassenkampf?

Unter Wirtschaftsministerin Katherina Reiche wird die Förderung kleiner Photovoltaikanlagen zurückgefahren bzw. „marktnäher“ ausgestaltet. Darüber kann man sachlich diskutieren: Effizienz, Netzintegration, sinkende Modulpreise – alles legitime Argumente.

Was mich hierbei aber irritiert, ist die Begleitmusik.

Wenn die Debatte zunehmend darum kreist, wer „profitiert“, wenn Eigentümer implizit als privilegierte Gewinner einer Förderung erscheinen, dann verschiebt sich die Argumentation von Systemlogik zu Verteilungslogik.

Seit wann führt die CDU Klassenkampf? Seit wann übernimmt sie linke Kampfbegriffe? Seit wann wird das Eigenheim und damit Eigentum problematisiert?

Wenn die CDU jetzt beginnt, Hausbesitzer als privilegierte Subventionsgewinner zu markieren, könnte das tatsächlich wie ein Versuch wirken, urbane Wechselwähler oder Mieterklientel anzusprechen. Politisch mag das kurzfristig attraktiv erscheinen, es birgt jedoch massive Risiken und ignoriert einen klaren Sachverhalt:
Ich als Mieter kann nicht einfach auf das Dach meines Vermieters steigen und eine Photovoltaikanlage installieren. Eigentümer hingegen können investieren, Kapital binden, Risiko tragen. Jede Kilowattstunde grüner Strom vom privaten Dach stärkt unser Netz, reduziert Importabhängigkeit und erhöht Resilienz. Das ist keine soziale Frage, das ist Energieökonomie.

Eine bürgerliche Partei reformiert Förderinstrumente aus „Effizienzgründen“ – nicht aus moralischer Abgrenzung. Wer Investitionsbereitschaft rhetorisch relativiert, schwächt die Investitionsbereitschaft selbst.

Heizungsgesetz: Die Rücknahme ist der größere Fehler

Bereits beim Heizungsgesetz habe ich argumentiert: Man konnte über die Ausgestaltung streiten, man konnte Tempo und soziale Balance verbessern. Doch es war eine Leitplanke und ein klarer Rahmen. Die weitgehende Rücknahme zentraler Vorgaben halte ich für den größeren Fehler.

Rahmenbedingungen sind kein ideologischer Selbstzweck. Sie sind Grundlage wirtschaftlicher Planung. Wer baut oder saniert, kalkuliert über Jahrzehnte. Wenn Regeln gesetzt und kurz darauf wieder aufgeweicht werden, entsteht Unsicherheit.

Und nein Manfred, es bringt nicht automatisch mehr Freiheit. Der CO₂-Preis steigt weiter. Wer heute eine neue Gasheizung einbaut, wird durch steigende Emissionskosten in wenigen Jahren deutlich höhere Betriebskosten tragen. Das trifft Eigentümer – und ja, über Nebenkosten auch Mieter.

Eine kluge Modernisierung wäre vernünftiger gewesen als eine Rückabwicklung.

Gasförderung: Vollgas im Rückwärtsgang?

Parallel dazu wird die Erschließung zusätzlicher Gasförderung in der Nordsee ermöglicht oder zumindest neu diskutiert. Auch hier kann Wirtschaftsministerin Reiche Versorgungssicherheit anführen, von mir aus auch das Schlagwort einer Übergangstechnologie.

In der Gesamtschau wirkt es wie energiepolitischer Rückwärtsgang mit Vollgas:
Leitplanken bei der Wärmewende abschwächen, Solarförderung dämpfen, fossile Förderung erleichtern. Das ist kein nachhaltiger Transformationspfad. Das ist ein Zickzackkurs. Eine Volkswirtschaft kann mit ambitionierten Zielen umgehen, so schrieb ich es bereits. Was sie nicht verträgt, ist Volatilität.

Der bequeme Habeck-Reflex

Natürlich gab es die reflexhaften Kommentare, das Heizungsgesetz sei allein deshalb schlecht gewesen, weil es von Robert Habeck ausgearbeitet wurde. Ich bin nach wie vor kein Grüner, aber einem einzelnen Minister die strukturellen wirtschaftlichen Probleme Deutschlands zuzuschreiben, ist analytisch bequem, unschicklich und zudem politisch billig.

Wirtschaftliche Schwäche entsteht nicht monokausal und erst recht nicht innerhalb einer Legislaturperiode. Sie ist das Ergebnis globaler Krisen, energiepolitischer Schocks, struktureller Versäumnisse und eines über Jahre hinweg verschleppten Reformstaus. Politik sollte darauf mit Stabilität und Verlässlichkeit reagieren – nicht mit hektischen Richtungswechseln oder Fingerzeigen.

Das eigentliche Problem: Getriebenheit statt klare Linie

Was mich zunehmend fassungslos macht, ist das erkennbare Muster:

Zunächst wurde rechts rhetorisch gefischt, um Wähler vom blauen Rand zurückzuholen, das war zumindest strategisch erkennbar. Von links jetzt verteilungssensibel argumentieren, ein wenig Marktnähe betonen, vermeintliche Leitplanken abbauen, Fossile Optionen stärken, Appelle an mehr Leistung formulieren: Das ist keine kohärente Ordnungspolitik, das ist Getriebenheit.

Das Ergebnis ist kein breites Profil, es ist Beliebigkeit.

Eine Partei, die alles sein will, wird nichts mehr glaubwürdig vertreten. Sie verliert die Konservativen, weil sie inkonsequent wirkt. Sie überzeugt die Mitte nicht, weil sie opportun erscheint. Sie wird für progressive Milieus niemals authentisch sein, weil sie ihnen nicht entspricht.

Wenn die CDU diesen Kurs fortsetzt, zerlegt sie nicht nur ihr Profil. Sie gefährdet ihre Rolle als stabilisierende Kraft. Und wenn die letzte große bürgerliche Partei ihre ordnungspolitische Klarheit verliert, verliert das Land einen Anker.

Bürgerlich bedeutet Planungssicherheit. Bürgerlich bedeutet, langfristige Stärke über kurzfristige Popularität zu stellen. Gute Politik ist nicht zwangsläufig die, die kurzfristig Applaus erhält. Gute Politik ist die, die über Jahre trägt – für Wirtschaft, für Klima, für Eigentümer und Mieter gleichermaßen.

CDU, ich erkenne Dich derzeit nicht wieder.
Nicht, weil Du konservativ wärest.
Nicht, weil Du marktwirtschaftlich argumentierst.
Sondern weil Du versuchst, alles gleichzeitig zu sein und dabei das Eigentliche verlierst:

Verlässlichkeit.


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Ein Schuss in den Ofen

Öl und Gas feiern ein Comeback – das Klima nicht.
Die Koalition verkauft Rückabwicklung als Fortschritt.

Kommentar von Jens Baumanns

Es gibt politische Entscheidungen, die sind falsch.
Es gibt politische Entscheidungen, die sind teuer.
Und es gibt politische Entscheidungen, die sind vor allem eines: unnötig.

Die Rückabwicklung des sogenannten Heizungsgesetzes gehört in die dritte Kategorie.

Ich verteidige selten Positionen der Grünen und noch seltener lobe ich sie. Wer meine Kommentare liest, weiß das. Wenn ausgerechnet ich mich in die seltene Lage versetzt sehe, eine grüne Leitlinie zu verteidigen, dann ist das kein Gesinnungswandel, sondern ein Alarmzeichen.

Doch hier geht es nicht um Sympathie. Es geht um Staatlichkeit, um Verlässlichkeit und um die schlichte Erkenntnis, dass Politik mehr sein muss als das reflexhafte Zurückdrehen der Uhr, sobald die Machtverhältnisse wechseln.

Die 65-Prozent-Regel fällt. Öl- und Gasheizungen dürfen wieder neu eingebaut werden. Die Koalition verkauft das als Freiheit, als Technologieoffenheit, als Befreiung des Bürgers vom ideologischen Zwang. Tatsächlich ist es jedoch ein Signal der Beliebigkeit.

Man kann über das ursprüngliche Gesetz streiten – und das habe ich getan. Man konnte die Ausgestaltung kritisieren, die Kommunikation, die soziale Flankierung. All das war legitim. Was man jedoch nicht bestreiten kann, ist die Realität des Klimawandels. Sie verschwindet nicht, nur weil sich Koalitionsarithmetik ändert. Das Weltklima kennt keine Wahlperioden.

Vier Jahre nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine – vier Jahre nach der schmerzhaften Erkenntnis, wie abhängig wir von russischem Gas waren – öffnen wir nun wieder die Tür für fossile Heizsysteme und nennen das Pragmatismus. Das ist keine strategische Souveränität, das ist politisches Kurzzeitgedächtnis.

Der Großteil der Bürger hatte sich längst darauf eingestellt, dass neue Heizungen perspektivisch keine Gas- oder Ölkessel mehr sein sollten. Handwerksbetriebe haben investiert. Hersteller haben Produktionslinien umgestellt. Unternehmen haben sich auf eine neue Marktrealität vorbereitet. Planungssicherheit ist kein linker Kampfbegriff, sondern die Grundlage jeder funktionierenden Marktwirtschaft.

Nun erleben wir das Gegenteil: Regeln gelten nur bis zur nächsten Wahl, Investitionen stehen unter Vorbehalt. Der Staat sendet das Signal, dass langfristige Strategien in Deutschland immer nur auf Widerruf gelten.

Das ist nicht wirtschaftsliberal, das ist wirtschaftspolitischer Aktionismus.

Man muss kein Freund der Grünen sein, um zu erkennen, dass permanentes Rückabwickeln kein Konzept ist. Wer heute ein Gesetz beschließt, das morgen wieder kassiert wird, produziert nicht Freiheit, sondern Unsicherheit. Der Markt kann mit klaren Leitplanken umgehen. Was er nicht kann, ist politischer Zickzackkurs.

Liebesgrüße nach Moskau?

Hinzu kommt die geopolitische Dimension. Wer fossile Technologien erneut salonfähig macht, verlängert Abhängigkeiten, die wir gerade mühsam zu reduzieren versuchen. Die Illusion, man könne nach einer „Normalisierung“ wieder unbeschwert auf russisches Gas zurückgreifen, ist gefährlich. Sie mag opportun erscheinen, ist jedoch weder strategisch klug noch moralisch unproblematisch.

Es wäre naiv zu glauben, dass sich die Kräfte am rechten und linken Rand nicht längst über eine neue Annäherung an Russland freuen. Dort wird Energiepolitik nicht als Klimafrage verstanden, sondern als geopolitisches Instrument. Wer hier ohne Not die fossile Hintertür wieder öffnet, stärkt genau jene Narrative, die Deutschland in die alte Abhängigkeit zurückführen wollen.

Die Koalition verkauft das Ganze als Entideologisierung. Tatsächlich ersetzt sie eine Ideologie durch eine andere: die Ideologie der kurzfristigen Popularität.

Gas- und Ölheizungen sind keine Zukunftstechnologie. Sie sind Übergang, bestenfalls. Wer sie nun wieder als reguläre Option ins Schaufenster stellt, sendet das Signal: Es eilt nicht, man kann sich Zeit lassen, der Markt regelt das schon. Nur regelt der Markt nichts, wenn der Staat permanent die Spielregeln ändert.

Es ist bezeichnend, dass ausgerechnet jene Parteien, die sich gern als Garanten wirtschaftlicher Vernunft inszenieren, hier die zentrale Tugend der Marktwirtschaft untergraben: Verlässlichkeit. Investitionen brauchen einen Horizont. Innovation braucht Richtung. Wer diese Richtung alle vier Jahre neu justiert, darf sich nicht wundern, wenn Kapital und Vertrauen gleichermaßen abwandern.

Cui bono?

Vielleicht freut sich mancher über gut gefüllte Auftragsbücher im klassischen Heizungsbau und verkauft das als Beweis neu entdeckten Realismus. In den Parteizentralen wird man sich gegenseitig versichern, endlich ideologiefrei gehandelt zu haben. Erfahrungsgemäß sind es bei solchen Wendemanövern allerdings selten nur klimapolitische Überlegungen, die am Tisch sitzen: Netzwerke funktionieren geräuschlos, Interessen diskret – und politische Großzügigkeit kennt bisweilen bemerkenswert dankbare Empfänger.

Dieser vermeintliche Realismus endet spätestens dann, wenn wir feststellen, dass wir nicht nur wertvolle Jahre verloren haben, sondern auch das letzte Stück Vertrauen in die Lauterkeit politischer Entscheidungen – wieder einmal.

Ich verteidige nicht das ursprüngliche Gesetz in jeder Einzelheit. Ich verteidige das Prinzip, dass Politik in einem Industrieland mehr sein muss als das Abgrenzen vom Vorgänger. Wer Fortschritt ausschließlich als Korrektur der Vergangenheit versteht, wird niemals gestalten.

Die Welt steht nicht Kopf, weil wir zu ambitioniert waren. Sie steht Kopf, weil wir nicht den Mut haben, einmal eingeschlagene Wege mit Augenmaß, aber konsequent weiterzugehen.

Diese Rückabwicklung ist kein Befreiungsschlag, sie ist ein sprichwörtlicher Schuss in den Ofen.


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Mehr Arbeit? Dann bezahlt sie auch.

Warum Minijobs der wahre Skandal der Arbeitsdebatte sind.

Kommentar von Jens Baumanns

Der Wirtschaftsflügel der CDU wirkt dieser Tage wie ein Vorstandskreis, der versehentlich aus der klimatisierten Limousinenwelt stolpert und sich plötzlich – irritiert wie orientierungslos – in einer Fußgängerzone im Stadtbild der deutschen Lebensrealität wiederfindet.

Wie immer gilt hier: viel Meinung, wenig Kontakt zur Realität. Dort wird über „Teilzeitmentalität“ geklagt, als sei sie eine neue deutsche Unart, irgendwo zwischen Tiktok und Tempolimit. Als wären Menschen morgens aufgewacht und hätten im Kollektiv beschlossen, dem Bruttoinlandsprodukt aus purer Bequemlichkeit eins auszuwischen.

Diese Erzählung ist nicht nur falsch, sie ist bequem. Sie verschiebt Verantwortung von Strukturen auf Individuen. Sie macht aus einem Systemfehler eine Charakterfrage, wie ich in meinem Kommentar „Don’t hate the players, hate the game bereits festgehalten habe. Wer so argumentiert, braucht keine Analyse mehr, sondern nur noch einen moralischen Zeigefinger und davon hat die CDU-Spitze bekanntlich einen gut trainierten.

Die Mär der Arbeitsverweigerer in Teilzeit

Teilzeit fällt unter Generalverdacht, weil sie sich so herrlich einfach skandalisieren lässt: Man kann auf sie zeigen, man kann sie politisch verwursten, man kann sie als Chiffre für „zu wenig Fleiß“ missbrauchen. Praktisch. Nur leider lenkt das exakt von dem ab, was im Arbeitsmarkt wirklich schiefläuft: von den legalen Niedriglohn-Parallelwelten, die sich Deutschland seit Jahren leistet – und die man inzwischen sogar als „Flexibilität“ verkauft.

Minijobs sind dafür das perfekte Symbol: offiziell Arbeit, faktisch oft ein System zur Entwertung von Arbeit. Wer achtet eigentlich darauf, wie viele Tätigkeiten in diesem Land längst wie Vollzeit funktionieren, nur ohne Vollzeit-Lohn, ohne Perspektive, ohne Aufstieg? Wer will ernsthaft behaupten, das Problem seien Menschen, die ihre Stunden reduzieren, während andere in Minijob-Konstruktionen festhängen, die weder eine vernünftige soziale Absicherung bieten noch ein echtes berufliches Fortkommen?

Der Wirtschaftsflügel der CDU redet über Arbeitsmoral, während der Arbeitsmarkt an vielen Stellen Arbeit wie Wegwerfware behandelt. Das ist die eigentliche Schieflage: Vollwertige Leistung wird mit halben Rechten und einem Hungerlohn abgegolten. Prekäre Beschäftigung ist keine Randnotiz mehr, sie ist für viele Branchen längst ein Geschäftsmodell. Die Gig-Economy mit ihren Ridern und Zustellern hat daraus sogar eine ästhetisch ansprechende App gemacht: „Sei dein eigener Chef“, lautet die Werbebotschaft. In Wahrheit heißt es: Trage das Risiko selbst, bezahle deine Absicherung selbst, plane deine Zukunft selbst – am besten ohne Zukunft.

Eine unbequeme Wahrheit

Hier liegt der Kern des Problems: Nicht die Menschen sind zu bequem, sondern ein Teil der Wirtschaft ist zu billig. Konzerne und Plattformen profitieren davon, dass der Staat Regeln zulässt, die reguläre Stellen verdrängen oder kleinrechnen. Das ist kein Naturgesetz, das ist politische Gestaltung – oder politisches Wegsehen. Wer dann ernsthaft Teilzeit verbieten oder einschränken will, bekämpft nicht Missbrauch, sondern Lebensrealität.

Besonders grotesk wird es beim Thema Alleinerziehende. Teilzeit ist dort keine Lifestyle-Entscheidung, sondern oft die einzige Möglichkeit, Arbeit und Betreuung überhaupt zusammenzubekommen. Wer diese Option diskreditiert, produziert nicht mehr Vollzeitkräfte, sondern mehr Abhängigkeit. Die Alternative zur Teilzeit ist für viele nicht „mehr Arbeit“, sondern „gar keine Arbeit“ – und das dürfte unserem Kanzler so gar nicht gefallen. Wer Menschen so aus der Erwerbstätigkeit drängt, darf sich anschließend den Sozialstaat nicht als Sündenbock zurechtlegen.

Der angebliche „Luxus“ Teilzeit ist im Vergleich zu Minijobs fast schon die Business-Class der Prekarität: wenigstens mit halbwegs nachvollziehbaren Arbeitszeiten, einem Vertrag, einer gewissen Planbarkeit. Minijobs hingegen sind oft die Holzklasse ohne Notausgang. Genau darüber müsste eine Partei reden, die vorgibt, die Mitte des Landes zu vertreten. Genau darüber müsste ein Wirtschaftsflügel reden, der sich „Leistung“ auf die Fahnen schreibt.

Leistung ist kein Verhaltensbefehl an Arbeitnehmer. Leistung entsteht dort, wo Arbeit sich lohnt, wo Aufstieg möglich ist, wo Qualifikation honoriert wird, wo Regeln fair sind. Wer den Menschen „mehr Arbeit“ predigt, während er ein System duldet, in dem Arbeit entwertet wird, verwechselt Marktwirtschaft mit Moralpredigt.

Die CDU wäre gut beraten, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: auf ein Arbeitsmarktmodell, das reguläre Beschäftigung stärkt statt sie auszuhöhlen. Auf Anreize, die Vollzeit attraktiv machen, statt Teilzeit zu dämonisieren. Auf Rahmenbedingungen, die Unternehmen belohnen, wenn sie fair bezahlen, statt sie zu ermutigen, Personal in Minijob-Schablonen zu pressen.

Wie wäre es mit einer kleinen Expedition?

Der CDU-Wirtschaftsflügel sollte dafür einmal den Elfenbeinturm verlassen. Ein Besuch in der Lebensrealität dieses Landes würde reichen: Supermarkt-Kasse, Paketzentrum, Pflege, Gastronomie, Lieferdienst, Reinigung, Einzelhandel. Dort wird nicht über „Teilzeitmentalität“ diskutiert. Dort wird gearbeitet. Oft hart, oft ohne Sicherheitsnetz und viel zu oft mit dem Gefühl, dass man zwar gebraucht wird – aber nicht ernst genommen.

Fazit

Wer diese Menschen politisch erreichen will, sollte aufhören, sie zu belehren. Wer wirtschaftspolitisch ernst genommen werden will, sollte aufhören, das falsche Problem zu bekämpfen. Der Skandal ist nicht, dass Menschen weniger arbeiten. Der eigentliche Skandal ist, dass dieses Land Arbeit so organisiert, dass sich Arbeit für zu viele nur noch begrenzt lohnt.


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Chronisch klamm

Wenn Rekordeinnahmen nicht reichen, liegt das Problem nicht beim Zahler.

Kommentar von Jens Baumanns

Jetzt also wieder: „Haushaltslücke noch größer als angenommen“. Die Tagesschau berichtete, als handle es sich um eine lästige Fußnote im Tagesgeschäft.

Dabei war das keine Überraschung – sondern die logische Folge einer Art Dauerzustand.

Wer die bisherigen Haushalte mit klarem Blick gelesen hat, konnte sehen, dass alles auf Kante genäht war. Risiken wurden dabei schöngerechnet, Rücklagen überstrapaziert, Notlagen definiert, die schon längst Alltag waren. In der Privatwirtschaft nennt man so etwas Fantasiebuchung oder schlicht: Insolvenzverschleppung.

Trotzdem sitzen in Berlin vermeintlich kluge Köpfe, die es nicht für nötig hielten, mit Vorsicht zu planen. Die sich sicher waren, dass alles schon irgendwie aufgeht. Tut es aber nicht.

Ich habe Fragen

Wie kann es sein, dass ein Staat mit Rekordeinnahmen Jahr für Jahr in dieselbe Misere schlittert?
Wie kann es sein, dass Haushaltslöcher überhaupt noch passieren – mit all den Finanzexperten, Ausschüssen, Prognosen, Ministerialbeamten?

Entweder fehlt es an Ehrlichkeit, an Können – oder an beidem.

Als rational denkender Steuerzahler fällt es mir zunehmend schwer, dieser Finanzpolitik noch mit Respekt zu begegnen. Ich verstehe nicht mehr, warum ich fast die Hälfte meines Jahreseinkommens an den Staat abgebe – und trotzdem Jahr für Jahr lesen muss, dass das Geld angeblich nicht reicht. Warum es Haushaltslöcher gibt, während die Steuereinnahmen auf Rekordniveau liegen, warum der Staat mit dem Geld nicht auskommt, warum man in Berlin damit offenbar rechnet, dass wir Bürger das alles weiter mitmachen.

Der Steuerzahlergedenktag

Die traurige Wahrheit ist: 2025 arbeiteten wir bis zum 13. Juli, also 194 Tage, nur für den Staat. Erst danach verdienten wir für uns selbst. So viel zur Staatsquote, so viel zur Verhältnismäßigkeit, so viel zu der Frage, ob sich Leistung in diesem Land noch lohnt.

Grundsätzlich bin ich bereit, meinen Beitrag zu leisten. Aber was heißt das heute eigentlich? Bei mir sind es knapp 40 % Abzüge vom Bruttolohn, noch bevor ich einen einzigen Euro selbst ausgeben darf – und das ist nur der Anfang.

Denn sobald das Gehalt auf dem Konto liegt, geht es schließlich erst richtig los:

Mehrwertsteuer auf jeden Einkauf, Energiesteuer auf jede Tankfüllung, Rundfunkbeitrag, Kfz-Steuer, Versicherungssteuer – die Liste ist lang, und die meisten Posten laufen längst unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Doch eine Steuer trifft mich besonders: Die Schaumweinsteuer, seit 1902, offiziell zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegsflotte, heute für… tja, wer weiß das schon? In meinem Fall ist sie jedenfalls haushaltswirksam. Das Geld verschwindet scheibchenweise – legal, zuverlässig, still.

Der Staat kassiert – immer, überall, unaufhörlich. Dennoch reicht es nicht und wieder einmal spricht man von Haushaltslöchern. Es ist nicht nur die Belastung, die schwer wiegt – es ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie hingenommen wird.

Ich habe kein Problem damit, Steuern zu zahlen, wirklich nicht. Zumindest solange ich den Eindruck habe, dass ich dafür auch etwas bekomme: Ein funktionierendes System, eine effiziente Verwaltung, eine Infrastruktur, die ihren Namen verdient – kurz gesagt: ein Staat, der seine Seite des Vertrags erfüllt.

Doch eben dieses Verhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung stimmt in Deutschland seit geraumer Zeit nicht mehr. Die Steuerlast steigt – Jahr für Jahr. Still, zuverlässig. Gleichzeitig wird das, was man dafür kommt, spürbar schlechter. Es beginnt beim monatelangen Warten auf einen Facharzttermin, setzt sich fort in einer Verwaltung, die mit Digitalisierung überfordert ist, und endet bei Straßen, Schienen und Schulen, die aussehen, als hätten sie das letzte Upgrade mit der D-Mark erhalten.

Ich bin Anfang dreißig – und ich ertappe mich dabei zu denken: „Früher war das besser.“ Nicht nostalgisch, sondern ganz nüchtern. Es war direkter. Funktionaler. Erwartbarer. Heute wirkt vieles wie ein System, das vor allem sich selbst verwaltet – aber eben nicht mehr für den Bürger.

Wir sind bereits am Rande der Funktionalität – und damit an der Grenze meines Verständnisses.

Wirtschaften heißt nicht: immer mehr

Ich will keinen Staat, der hungert. Ich will einen, der haushalten kann.
Ich will keinen Staat, der alles kann. Ich will einen, der das, was er macht, gut macht.
Ich will keine Ausgabenkultur auf Verdacht. Ich will eine Prioritätenkultur mit Verstand.

Denn was im Privathaushalt gilt, muss auch im Staatshaushalt gelten: Man lebt mit dem, was man hat. Punkt.

Wenn mehr Einnahmen nötig wären, müsste man erklären können, wofür das bisherige Geld nicht reicht – und warum. Diese Erklärung bleibt aus. Stattdessen wird weiter gegriffen, verteilt, geschönt, verschoben.

Warum? Weil überall, wo der Staat tätig ist, scheint das Prinzip zu gelten: lieber breiter als besser. Lieber teurer als wirksamer. Lieber schnell als durchdacht.

Man nennt das dann „soziale Gerechtigkeit“ oder „Transformation“. Tatsächlich ist es oft das Gegenteil: ineffizient, mit der Gießkanne, unpräzise – und im Ergebnis teuer. Zwar nicht für die Politik, sondern für uns. Für die, die dieses System mittragen. Für die, die morgens um 6 Uhr aufstehen, um bis 18 Uhr zu arbeiten, damit die Maschine weiterläuft.

Die Geduld des Bürgers ist bereits am unteren Rand des Dispos

Die Politik in Berlin wäre jetzt gut beraten, innezuhalten. Sehr gut sogar. Denn es ist nicht mehr viel Luft nach unten – nicht beim Vertrauen, nicht bei der Belastbarkeit, nicht bei der Geduld derer, die das alles seit Jahren mitfinanzieren.

Man sollte sich also sehr genau überlegen, wie die nächsten Schritte aussehen. Nicht nur fiskalisch – sondern gesellschaftlich. Denn was hier verhandelt wird, ist weit mehr als ein Bundeshaushalt. Es ist das Verhältnis zwischen Staat und Bürger. Zwischen Pflicht und Gegenleistung. Zwischen Zumutung und Akzeptanz.

Wer jetzt glaubt, weitermachen zu können wie bisher, der missversteht das Signal und verkennt die Stimmung.

Denn dass diese Politik irgendwann an ihre Akzeptanzgrenzen stößt, ist nicht nur wahrscheinlich – es ist unausweichlich. Man darf sich nicht wundern, wenn in einem Land, in dem die Menschen sich durch Abgaben bis zur Erschöpfung engagieren, die Stimmung kippt. Nicht in Gleichgültigkeit oder dem vermeintlichen Super-GAU, der Flucht ins Blaue, sondern in offene Wut und das ist bei weitem gefährlicher.

Geschichte lehrt bekanntermaßen, dass sie nicht lehrt. Daher empfehle ich, so altmodisch das klingen mag, in den Geschichtsbüchern nachzuschlagen. Etwa dort, wo das Kapitel beginnt über eine beratungsresistente Elite, die munter am Steuersatz nach oben schraubte, ihre Privilegien nicht reflektierte, ein Staat, der Schulden türmte, ein Bürgertum, das zahlte – und irgendwann nicht mehr stillhielt.

1789 war kein Zufall. Es war eine Reaktion. Historisch bekannt. Politisch verdrängt.

Ein Vorschlag am Rande: Wie wär’s mit Effizienz statt Erfindung neuer Einnahmen?

Apropos Einnahmen: Falls das Finanzministerium dennoch über neue Abgaben fantasiert, könnte es ja zunächst einmal dort anfangen, wo es ohnehin schon als Dienstleister tätig ist: bei der Kirchensteuer, die die Finanzämter bis heute einziehen. Vielleicht wäre es an der Zeit, hier eine Gebühr zu erheben. Wenn man schon als Zahlungsdienstleister der Bischofskonferenz auftritt, darf man auch eine Handlingfee erheben – zwei bis drei Prozent dürften marktüblich sein. Dann hätte auch die Kirche mal einen Anreiz, ihre Schäfchen selbst zu finden – statt sie per Lohnabrechnung geliefert zu bekommen.

Es wäre ein kleiner Schritt für den Verwaltungsapparat, aber ein großer Schritt in Richtung 2025.

Wir brauchen keinen größeren Staat, nur einen effizienteren.

Ich will keine Revolution, ich will Rationalität. Ich will nicht weniger Staat – ich will, dass er aufhört, mehr zu wollen, als er kann. Ich will keine permanente Rechtfertigung von Verschwendung als Gerechtigkeit. Ich will, dass mit dem Geld, das wir alle zahlen, sinnvoll gewirtschaftet wird. Wie in jedem normalen Haushalt auch.

Wumms, Doppelwumms und Sondervermögen

Deutschland hat ein Haushaltsproblem – sagen die einen. Deutschland hat ein Einnahmenproblem – behaupten die anderen. Tatsächlich aber hat Deutschland vor allem eines: ein Realitätsproblem.

Dabei ist die öffentliche Haushaltsdebatte mittlerweile so berechenbar wie ein schlechter Zaubertrick: Man rief „Wumms“, dann, „Doppelwumms“, wedelt jetzt mit einem „Sondervermögen“ – und siehe da, das Loch im Etat verschwindet. Zumindest rhetorisch, doch real wird es nur größer.

Das Publikum? Klatscht nicht mehr. Es merkt, dass da nichts mehr kommt außer heißer Luft und verschwundener Glaubwürdigkeit.

Die Lüge vom Einnahmenproblem

Die gängige Mär: Der Staat habe zu wenig Geld. Die unbequeme Wahrheit: Der Staat hat zu viele Ansprüche – und zu wenig Mut, sich selbst zu beschränken.

Die politische Reaktion auf die gestiegene Lücke ist ein Abziehbild struktureller Selbstüberschätzung: Man überlegt, wo man zusätzliche Mittel herbekommen könnte – aber nicht, wo man endlich kürzen sollte. Niemand in Berlin stellt die zentrale Frage:

Warum kommt dieser Staat nicht mit dem aus, was er hat?

Zur Erinnerung: Wir reden hier nicht über einen schrumpfenden Entwicklungsetat – sondern über einen Bundeshaushalt von knapp 500 Milliarden [!] Euro.

Das ist kein Mangel, das ist eine Überforderung. Statt also endlich ehrlich zu fragen, ob wir es uns leisten können, das Geld auszugeben, wird lieber weiter verteilt. Nach dem Motto: Wo ein Wunsch, da ein Fördertopf. Wo ein Problem, da ein Programm. Wo ein Bürger, da ein Bedürfnis, das staatlich refinanziert werden will.

Der Staat soll alles können – und darf alles kosten. Bildung, Rente, Klima, Transformation, Digitalisierung, Soziales – alles wichtig, alles dringend, alles teuer. Die Lücke entsteht nicht, weil zu wenig da ist, sondern weil zu viel gewollt wird – gleichzeitig, widersprüchlich und unkoordiniert. Ein politischer Bauchladen ohne Kassenprüfung.

Ineffizienz als Geschäftsmodell

Was mich dabei wirklich wütend macht: Die Bundesregierung tut so, als sei diese Lage überraschend eingetreten – dabei war sie absehbar. Die Ausgaben wurden schon im Frühjahr mit Schönrechnerei geplant. Man wusste, dass der Klima- und Transformationsfonds in seiner bisherigen Konstruktion wackelt. Man wusste, dass die Konjunktur sich abschwächt. Man wusste, dass die Aufrüstung der Bundeswehr mehr kosten wird und trotzdem wurde alles wie gewohnt weiter verplant.

Diese Form von finanzieller Realitätsverweigerung ist keine Nachlässigkeit – sie ist ein Muster. Man weiß, dass man sich übernimmt und man tut es trotzdem. Warum? Weil man davon ausgeht, dass der Bürger schon irgendwie zahlen wird.

Der Mittelstand in Geiselhaft

Was dabei ebenfalls zu kurz kommt – oder bewusst ignoriert wird – ist die Rolle des Mittelstands. Der kann im Gegensatz zu Großkonzernen oder globalen Banken nicht einfach sein Vermögen verschwinden lassen, sobald der fiskalische Wind dreht. Er hat keine Briefkastenfirma auf den Cayman Islands, kein steueroptimiertes Tochterunternehmen in Dublin, keine Fluchtoption nach Delaware.

Der Mittelstand bleibt.

Er zahlt, schafft Arbeitsplätze und hält am zunehmend maroden Standort Deutschland fest – oft aus Überzeugung, manchmal aus Verpflichtung, meistens aus beidem.

Ausgerechnet dieser Teil der Wirtschaft wird immer weiter belastet. Mit neuen Abgaben, mit wachsender Bürokratie, mit dem implizierten Vorwurf, „noch nicht genug“ beigetragen zu haben, das Lieferkettengesetz lässt grüßen.

Dabei sind es die Mittelständler, die die Gehälter derer zahlen, an denen sich der Staat ohnehin schon bedient – über die erwähnten Steuern, inklusive kostenloser Zustellung der Kirchensteuer.

Wenn das die Gerechtigkeitsvorstellung moderner Haushaltspolitik ist, dann ist das Wort „sozial“ zur Mogelpackung des Jahrzehnts verkommen.

Großrabatte für Großaktionäre

Warum bittet der Staat nicht endlich die zur Kasse, die tatsächlich zur Kasse gebeten werden müssten?

Wir erleben im Mittelstand eine beispiellose fiskalische Belastung einer Bürokratie, die bis in den letzten Beleg hinein kontrollieren will – und gleichzeitig lässt man zu, dass dort, wo wirklich Geld liegt, keine Konsequenzen folgen.

Ich erinnere nur an Cum-Ex. Ein kriminelles System, das den Staat – also uns alle – um Milliarden erleichtert hat und doch sind bis heute viele der Täter nicht zur Rechenschaft gezogen worden. Verfahren verlaufen im Sand, politische Aufarbeitung wird ausgesessen, Verantwortlichkeiten vertagt.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass dieses System die Großen laufen lässt – und die Kleinen kontrolliert. Wer in Berlin noch nie mit den Cum-Ex-Akteuren zu Abend gegessen hat, der werfe den ersten Haushaltsentwurf. Einige dürften sich dabei schwertun oder zumindest schwer mit Erinnerungslücken zu kämpfen haben.

Ich rechne nicht mehr mit – ich rechne ab

Ich sage es bewusst in aller Deutlichkeit: Ich sehe es nicht mehr ein. Nicht, dass der Staat Geld braucht – das ist legitim. Aber dass er es trotz Rekordsteuereinnahmen immer noch nicht schafft, mit dem Vorhandenen effizient und zielgerichtet zu haushalten. Wer sich darüber beschwert, gilt als unsozial. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Wer sich für verantwortungsvolle Ausgaben einsetzt, schützt den Sozialstaat – vor sich selbst.

Der moralische Zeigefinger als Blankoscheck

Jede Diskussion über Ausgabenkürzungen endet in Deutschland spätestens dort, wo der moralische Zeigefinger beginnt. Wer weniger Geld für irgendetwas fordert, gilt sofort als kalt, herzlos, neoliberal – oder, noch schlimmer: haushaltspolitisch vernünftig.

Dabei wäre gerade jetzt Haushaltsdisziplin kein Akt der Härte, sondern der Verantwortung. Nicht jeder Euro, der nicht ausgegeben wird, ist ein Angriff auf die Gerechtigkeit. Manchmal ist er einfach eine Einladung an den Staat, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren: Kernaufgaben, Effizienz, Wirkung.

Sparen ist keine Härte – sondern Haltung

Sparen ist in der politischen Debatte zum Schimpfwort geworden. Dabei ist es nichts anderes als ein Ausdruck von Verantwortung. Kein Angriff auf das Soziale, sondern eine Voraussetzung dafür, dass man es sich überhaupt leisten kann. Ein Staat, der nicht spart, wenn er muss, wird auch nicht helfen können, wenn er soll.

Was nützt der größte Haushalt, wenn die Wirkung verpufft? Was nützt das teuerste Versprechen, wenn die Verwaltung daran scheitert? Was nützt das nächste Sondervermögen, wenn das letzte noch nicht einmal ansatzweise effizient eingesetzt wurde?

Das eigentliche Risiko dieser Politik liegt nicht in der Höhe der Schulden – sondern in der Tiefe des Misstrauens, das sie erzeugt. Ein Staat, der mehr verspricht als er halten kann, verliert seine Glaubwürdigkeit. Ein Staat, der mehr verlangt, ohne sich selbst zu beschränken, verliert seine Legitimität.

Die Menschen sind nicht deshalb politikverdrossen, weil der Staat spart – sondern weil er maßlos ist. Weil er sich selbst immer wichtiger nimmt als die, die ihn finanzieren.

Dabei gilt im privaten Haushalt aber genau das, was in der Staatskasse mit Füßen getreten wird: Wenn das Einkommen sinkt oder nicht mehr reicht, schraubt man die Ausgaben zurück – nicht die Erwartungen nach oben. Man stelle sich vor, ich gehe zum Bäcker, bestelle und erkläre dabei freundlich: „Ich habe zwar kein Geld mehr, aber keine Sorge, ich schreibe mir ein Sondervermögen. Ist ja schließlich für die Grundversorgung.“ Im gleichen Atemzug rufe ich meinen Arbeitgeber an und stimme ihn schon mal vorsorglich darauf ein, mir im nächsten Monat mehr Gehalt zu zahlen. Nicht etwa weil ich mehr leiste, sondern weil ich mit dem, was ich aktuell verdiene, nicht auskomme. Ich müsse halt meine Einnahmenseite „nachsteuern“, wie man in Berlin zu sagen pflegt.

Klingt absurd? Ist es auch. Doch genau so agiert der Staat.

Wer privat mit Geld umgeht, weiß: Wenn es eng wird, wird gespart. Punkt.

Die politische Klasse verplant das Geld, das sie nicht hat, und hofft, dass niemand nachrechnet. Es wurde finanziert, was gefällt – nicht, was notwendig ist. Von der Mütterrente, einer Kindergrundsicherung über die Industriesubvention bis zur Bürgergeldreform: Alles kann mehr kosten, niemand darf verzichten. Der Staat gibt sich großzügig wie ein Spieler, der gerade erst den Jackpot geknackt hat – nur dass er auf Kredit spielt und der Einsatz die Lebensrealität der Steuerzahler ist.

Die Frage ist also nicht, woher Berlin noch mehr Geld nehmen kann, sondern warum Berlin nicht endlich lernt, mit dem auszukommen, was es hat. Dass ein Staat auch einmal verzichten kann – das scheint ein undenkbarer Gedanke geworden zu sein. Stattdessen verteidigt man Ausgabenstrukturen, die an die Großzügigkeit eines maroden Adelsgeschlechts erinnern, das sich die Kutsche noch leistet, obwohl das Dach bereits undicht ist.

Die Idee des schlanken, effektiven und effizient wirtschaftenden Staates darf nicht länger als neoliberale Marotte abgetan werden – sie ist eine demokratische Notwendigkeit.

Fazit

Es ist höchste Zeit für eine Rückkehr zur haushaltspolitischen Vernunft. Es braucht einen Paradigmenwechsel. Nicht jeder Mangel muss mit Geld bekämpft werden. Nicht jedes Problem ist ein Etatposten.

Wer haushalten kann, schafft Vertrauen. Wer sich beschränkt, schafft Raum für Wirksamkeit und wer wieder lernt, mit dem auszukommen, was er hat, kann auch endlich aufhören, sich permanent zu überschätzen.

Was wir jetzt brauchen, ist kein zweites Haushaltsgutachten – sondern eine politische Kultur, die Ehrlichkeit über Euphemismus stellt. Die erkennt: Nicht jeder Anspruch ist ein Anspruch auf Steuergeld. Nicht jedes politische Ziel ist finanzierbar, erst recht nicht gleichzeitig.

Denn irgendwann wird aus Vertrauen eine Rechnung – und dann ist nicht der Bürger illoyal, sondern der Staat bankrott. An Geld, an Glaubwürdigkeit und an Haltung. Der Staatshaushalt ist kein Sandkasten für politische Träume – sondern das Treuhandkonto der Bürger.


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Zu bunt, um wahr zu sein

Echte Akzeptanz ist still – sie braucht keine Bühne.

Kommentar von Jens Baumanns

Es ist schon erstaunlich, wie lautstark manche Minderheiten ihre vermeintliche Marginalisierung zur Kunstform erhoben haben. Wer heute in Berlin-Kreuzberg nicht mindestens pansexuell, polyamorös und als Fuchs identifiziert lebt, gilt fast schon als reaktionär. Hetero ist die neue Steinzeit, homo lediglich das Basis-Abo, bi die Testphase für Unentschlossene – und das berühmte „+“ im LGBTQ+? Das ist das Premium-Abo – der goldene Pass für alle. Den gibt’s nur noch, wenn man sich mit allem und nichts identifiziert, während die Fahne jedes Jahr einen Quadratmeter größer wird, ein bisschen bunter, ein bisschen lauter – bis sie den eigentlichen Gedanken dahinter völlig verschluckt.
Herzlichen Glückwunsch – Aldous Huxley hätte seine helle Freude an dieser schönen neuen Welt.

Natürlich darf man all das tun. Leben, lieben, gestalten wie man möchte, aber seit wann ist persönliche Sexualität der Mittelpunkt des Universums? Seit wann ist persönliche Sexualität nicht mehr etwas Intimes, sondern Hauptberuf, Lebensaufgabe und politischer Auftrag zugleich? Wer sich permanent zur „special snowflake“ erhebt, verlernt, dass Toleranz keine Einbahnstraße ist. Akzeptanz heißt: Du darfst sein, wie du bist. Es heißt nicht: Die Welt muss sich dir zu Füßen legen.

Dann sind da noch die „klassischen Boomer“: Jene Generation, die von der selbsternannten Avantgarde gerne als rückständig verspottet wird – und die in Wahrheit oft weit toleranter ist, als die woke Lautsprecher-Garde je begreifen wird. Sie schütteln den Kopf, nicht aus Ablehnung gegenüber Homosexualität oder Diversität, sie schütteln ihn, weil sie den Zirkus drumherum nicht mehr ernst nehmen können. Denn sie wissen noch: Sexualität ist ein Lebensmodell, keine Lebensrolle.
Diversity lebten sie still, bevor es Marketing wurde. Sie brauchen keine permanente Bühne, keine Flaggenparaden, keine politischen Manifeste im Schlafzimmerformat. Für sie, war es ein Teil des Menschseins – aber kein Dauerauftritt. Sie brauchen keine Flagge, keine Wochenend-Paraden mit Latex und Glitzer, keine politischen Manifeste in jeder Social-Media-Story, um zu akzeptieren, dass Menschen unterschiedlich sind.

Übrigens, es ist keine Feindlichkeit, wenn man diesen Hedonismus nicht bejubeln will. Es ist keine Intoleranz, wenn man sich weigert, jeden noch so absurden Identitätsentwurf in den Rang einer Staatsangelegenheit zu erheben. Es ist nicht homophob, wenn man sagt: „Ich akzeptiere dich als Person, nicht als Banner.“ Wer diese Differenzierung nicht mehr erkennt, verwechselt Respekt mit erzwungenem Beifall.

Genau hier setzt Julia Klöckners Entscheidung an, dem Regenbogen-Flaggen-Fetisch im Bundestag eine Grenze zu ziehen. Kein tägliches Symbolgewitter, keine Dauer-Pride im Hohen Haus – sondern ein klarer Rahmen: Respekt ja, aber bitte ohne Selbstinszenierung. Das hat nichts mit Intoleranz zu tun, sondern mit einem gesunden Maß an politischer Ernsthaftigkeit. Wenn Sexualität zum dominierenden Teil einer Persönlichkeit wird, wenn sie zum politischen Statement erhoben wird, dann ist der Schritt von gelebter Vielfalt zur ideologischen Show erstaunlich klein.

Die „Boomer“ wissen das noch. Sie haben echte Brüche erlebt, gesellschaftliche Umwälzungen getragen, ohne dass sie dafür Instagram-Filter brauchten. Sie kennen Veränderung, ohne sie in 30-Sekunden-Clips zu performen. Für sie ist Toleranz leise. Sie zwingt niemanden mitzufeiern, sie fordert keine Applauspflicht, sie belehrt nichts sie respektiert – und gerade deshalb ist sie ehrlich.

Bevor mir jemand homosexuellenfeindliche Motive unterstellt: Ich selbst bin homosexuell – und gerade deshalb steige ich aus. Es wird mir zu bunt, sprichwörtlich. Ich brauche keine Überhöhung, keine inflationäre Symbolpolitik und keine meterhohen Banner, die das Regierungsviertel verschlingen.

Denn ich habe etwas erlebt, das mich selbst überrascht hat: Wahre, unaufgeregte Toleranz – nicht in der vermeintlich weltoffenen Metropole, sondern auf dem Land. In der Provinz meines Partners, die man in Berlin so gerne belächelt. Dort wurde ich durch meinen Partner nicht mit gönnerhafter Akzeptanz empfangen. Nicht, weil meine Sexualität als exotisch galt, sondern weil sich die Menschen schlicht ehrlich für uns gefreut haben. Nicht: „Wie mutig, dass ihr zusammen seid!“ – sondern einfach: „Wie schön, dass ihr euch gefunden habt.“

Ohne Attitüde, ohne moralisches Selbstlob, ohne künstliche Überhöhung. Dort zählt nicht das Label, sondern der Mensch – und genau das macht den Unterschied. Solche Begegnungen sind Inseln inmitten der gesellschaftlichen Turbulenzen. Orte, an denen die Welt noch funktioniert, weil sie auf Authentizität beruht. Dort zählt Persönlichkeit, nicht Performance.

Es ist diese ruhige, unaufgeregte Haltung, die man den Boomern gerne abspricht, die aber im Kern weit toleranter ist als jeder schrille Selbstverwirklichungs-Egotrip. Toleranz ist die Freiheit, jemanden in Ruhe zu lassen – nicht der Zwang, permanent mitzufeiern.

Vielleicht ist es genau das, was unsere Gegenwart verlernt hat: Dass echte Akzeptanz keine Bühne braucht.


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