Liebe ist kein Sicherheitskonzept

Eine persönliche Abrechnung mit der linksgrünen Flucht vor der Wirklichkeit

Meinungskommentar von Jens Baumanns

An die linksgrüne Szene, die selbst nach einem islamistischen Anschlag nur wenige Minuten benötigt, um das eigentliche Problem wieder rechts zu verorten:
Spart Euch diesmal das Theater.
Spart Euch die Regenbogenflaggen, die Herzchen, die Kerzenbilder und die vorhersehbare Versicherung, Liebe sei stärker als Hass.

Keine Demo gegen Rechts hält ein Messer auf, kein Lichtermeer entwaffnet einen Islamisten und keine Brandmauer schützt den nächsten Menschen, der zur falschen Zeit am falschen Ort steht. Wer nach dem nächsten „Einzelfall“ zuerst vor der AfD warnt, statt über den Täter, seine Ideologie, bekannte Warnsignale und staatliches Versagen zu sprechen, betreibt keine Aufarbeitung. Er sucht im moralischen Nebel Schutz vor einer Wirklichkeit, die sich längst nicht mehr wegmoderieren lässt.

Besonders zynisch wird Euer Ritual, wenn die Opfer kaum benannt sind, Eure politische Gegenerzählung jedoch bereits feststeht. Noch bevor geklärt ist, was geschehen ist, welche Behörden informiert waren und welche Konsequenzen folgen müssen, läuft die nächste Kampagne gegen rechts an. Die Verletzten und Toten werden zur Randnotiz, der Anschlag zur Kulisse für das eigene moralische Schauspiel. Wer den Täter möglichst schnell aus dem Mittelpunkt rückt, um wieder über die AfD sprechen zu können, schützt nicht die Demokratie. Er schützt lediglich sein eigenes Weltbild vor einer Realität, die es längst widerlegt.

Sobald jemand nach Herkunft, Aufenthaltsstatus, Tatmotiv oder behördlichen Versäumnissen fragt, ertönt aus Euren Reihen zuverlässig das Wort „Instrumentalisierung“. Dabei ist die politische Einordnung einer politisch oder religiös motivierten Tat keine Instrumentalisierung, sondern demokratische Notwendigkeit. Instrumentalisiert wird vielmehr der Anstand: als Maulkorb für jene, die Zusammenhänge benennen und politische Verantwortung einfordern. Über alles darf gesprochen werden, nur nicht über das, was Eure eigene Haltung zur Migrationspolitik infrage stellen könnte.

Gerade Anschläge wie dieser zeigen, weshalb sichtbare Zeichen für Freiheit, Vielfalt und ein selbstbestimmtes Leben notwendig bleiben. Der CSD ist deshalb weit mehr als eine Feier: Er ist ein öffentliches Bekenntnis zu einer Freiheit, die in Deutschland selbstverständlich sein muss und von Islamisten fundamental abgelehnt wird. Auch wenn ich selbst keinen persönlichen Bezug zu dieser Form der Veranstaltung habe, halte ich sie für richtig und wichtig. Ich freue mich über jeden, der dort selbstbewusst feiert und damit zeigt, dass Freiheit nicht im Verborgenen stattfinden darf und niemals zur Disposition steht. Umso entschiedener erfolgt daher mein Widerspruch an die linksgrünen Beiträge, die auf den Anschlag folgten.

Der Islamismus wird nicht ungefährlicher, weil seine Benennung in Eurem Milieu als politisch unschicklich gilt. Er verschwindet nicht, wenn seine Kritiker wahlweise als rechts, rassistisch oder islamfeindlich etikettiert werden. Totalitäre Ideologien lassen sich weder durch Sprachregelungen besänftigen noch mit Awareness-Workshops therapieren. Islamisten verachten jene offene Gesellschaft, deren Werte Ihr auf Euren Profilbildern ausstellt, während Ihr ausgerechnet diejenigen bekämpft, die auf die Feinde dieser Gesellschaft hinweisen.

Ich schreibe diesen Aufruf ausdrücklich als homosexueller Mann. Darin liegt weder ein Widerspruch noch irgendein Rechtfertigungsbedarf. Gerade weil ich den Wert persönlicher Freiheit, rechtlicher Gleichstellung und gesellschaftlicher Toleranz kenne, bin ich nicht bereit, eine Ideologie zu verharmlosen, die diese Errungenschaften fundamental ablehnt. Die einzigen Farben, die ich persönlich benötige, um meine Freiheit, meine Gleichberechtigung und meine Zugehörigkeit politisch abzubilden, sind Schwarz-Rot-Gold. Sie stehen für einen Rechtsstaat, in dem ich leben und lieben kann, wie ich möchte, ohne dass meine sexuelle Orientierung zur Staatsangelegenheit oder zum identitätspolitischen Ausstellungsstück gemacht wird. Mehr noch, diese Farben dekorieren meine Freiheit nicht bloß, sie stehen für den Staat, der sie schützt.

Bemerkenswert ist dabei die Selektivität Eures Mutes: Bei einem ungeschickten Satz eines Konservativen kennt Eure Empörung keine Grenzen. Dann folgen Stellungnahmen, Boykottaufrufe und öffentliche Tribunale. Wenn andere von Islamisten bedroht, verfolgt oder gar getötet werden, beginnt dagegen das große Relativieren. Plötzlich müsse man den kulturellen Kontext berücksichtigen, vor Pauschalisierungen warnen und sehr genau auf die Wortwahl achten. Eure Solidarität endet auffallend häufig dort, wo sie mit Eurem migrationspolitischen Weltbild kollidiert.

Wahre Akzeptanz besteht für mich nicht darin, an jedes öffentliche Gebäude eine weitere Flagge zu hängen und Menschen zunächst nach Sexualität, Herkunft, Hautfarbe oder einer anderen politisch verwertbaren Kategorie zu sortieren. Sie zeigt sich gerade dort, wo kein großes Aufheben mehr nötig ist. Meine Freunde, Kollegen und die Menschen in meinem Umfeld respektieren mich, ohne meine Homosexualität zum gesellschaftlichen Spektakel zu erheben. Sie behandeln mich als Menschen, nicht als wandelnde Minderheitenquote oder Argumentationshilfe für die jeweils passende Kampagne. Das ist gelebte Normalität: kein Gesinnungstest, keine symbolische Dauerbeschallung, keine Pflicht zur Selbstinszenierung, sondern selbstverständliche Anerkennung.

Vielleicht solltet deshalb gerade Ihr, die Ihr Euch permanent über Ausschluss, fehlende Sichtbarkeit und die angebliche Feindseligkeit der Mehrheitsgesellschaft echauffiert, zunächst Euer eigenes Umfeld überprüfen. Wer hinter jedem Boomer einen Reaktionär, hinter jedem Konservativen einen Menschenfeind und hinter jedem Widerspruch einen Nazi vermutet, lebt womöglich nicht in einer besonders intoleranten Gesellschaft, sondern in einer besonders toxischen Blase. Ausgerechnet jene Milieus, die Toleranz am lautesten einfordern, verteilen oft am schnellsten Etiketten, erklären Abweichler zu Nazis, canceln Andersdenkende und schließen jeden aus, der sich ihrem Weltbild nicht vollständig unterwirft. Toleranz bedeutet für Euch schließlich allzu häufig nur, dass alle dieselbe Meinung haben dürfen.

Solltet Ihr Euch von Bürgerlichen, Konservativen, älteren Menschen, Patrioten oder all jenen nicht angenommen fühlen, die Euren ideologischen Katechismus nicht mitsprechen, dann wechselt vielleicht einmal den Kreis. Verlasst das Milieu, in dem jede Unterhaltung zum Gesinnungstest und jedes missliebige Wort zum Beweismittel wird. Sprecht mit Menschen, die nicht jede Begegnung nach Privilegien, Identitäten und vermeintlichen Machtverhältnissen vermessen. Ihr könntet entdecken, dass jene Gesellschaft, die Ihr unablässig als rassistisch, homophob und strukturell menschenfeindlich beschreibt, im Alltag sehr viel gelassener und toleranter ist als manche aktivistische Echokammer. Außerhalb Eures Kreises wird nicht jede ungeschickte Formulierung angeklagt, nicht jede Abweichung sanktioniert und nicht jeder Mensch auf eine Gruppenidentität reduziert.

Sollte Euch selbst dieser Perspektivwechsel zu gewöhnlich erscheinen, packt Euer Sammelsurium aus Flaggen ein und besteigt die Schiffe von Sea-Watch oder der nächsten Gaza-Flottille – unter dem Kommando jener Klimaaktivisten, die auf ihrem Weg vom Schulstreik zum selbst ernannten Weltgewissen offenbar irgendwo gründlich falsch abgebogen sind.

Segelt gen Osten und erklärt den dortigen Islamisten gern persönlich, weshalb Queerness, Feminismus, Religionskritik, sexuelle Selbstbestimmung und westliche Freiheit die bessere Gesellschaftsordnung darstellen. Vielleicht wird diese Überfahrt zur letzten großen Odyssee Eurer Ideologie. Vielleicht bemerkt Ihr auf hoher See, dass Euer politischer Kompass seit Jahren nicht mehr nach der Wirklichkeit ausgerichtet ist, sondern nur noch auf die nächste Bestätigung aus der eigenen Blase zeigt. Wahrscheinlicher ist allerdings, dass Ihr Euch auf dieser Irrfahrt noch tiefer in einer Welt verliert, in der nationale Verbundenheit als verdächtig, der politische Islam als missverstandene Kultur und jede Warnung vor seinen Gefahren als rechte Hetze gilt.

Am Ziel Eurer Reise könnt Ihr erproben, wie viel Eure Flaggensammlung jenen Kräften bedeutet, deren politische Erzählungen Ihr aus sicherer Entfernung so bereitwillig übernehmt. Ihr könnt herausfinden, wie begeistert Islamisten auf offene Homosexualität, westlichen Feminismus, freie Religionskritik und individuelle Lebensentwürfe mit freier Geschlechterwahl nach Tagesform reagieren. Vielleicht begreift Ihr dort, dass Eure Solidarität nicht erwidert, sondern strategisch genutzt wird. Für diese Ideologie seid Ihr keine Verbündeten. Ihr seid allenfalls nützliche Stimmen, solange Ihr im Westen ihre Kritiker diskreditiert, ihre Motive relativiert und ihre Gegner moralisch unter Verdacht stellt. Eure Werte bleiben schlussendlich dennoch ihr Feindbild.

Sollte die Wirklichkeit auf dieser ideologischen Seereise härter ausfallen als das nächste Instagram-Statement, erinnert Euch daran, welcher Staat Eure Freiheit, Eure Sicherheit und notfalls auch Eure Rückkehr gewährleistet. Es ist ausgerechnet jenes Deutschland, das manche von Euch so gern als rückständig, rassistisch oder schlicht „beschissen“ bezeichnen. Jenes Land, dessen Flagge Ihr verachtet oder demonstrativ verbrennt, stellt Euch Pässe aus, entsendet Diplomaten, organisiert konsularische Hilfe und verteidigt Eure Grundrechte.

Denn anders als Ihr, wird dieser Rechtsstaat auch seine lautesten Verächter schützen. Gerade darin liegt seine Stärke und sein Unterschied zu jenen Regimen und Ideologien, die manche von Euch romantisieren. Die groteske Selbstverständlichkeit, mit der Ihr die Hilfe eines Staates erwartet, dessen Institutionen, Symbole und nationale Identität Ihr fortwährend verächtlich macht, bleibt dennoch bestehen. Eure Geringschätzung richtet sich gegen denselben Staat, dessen Schutz Ihr für so selbstverständlich haltet wie den Rettungsring an Bord.

Darin verdichtet sich die Selbstgefälligkeit Eurer Haltung: Deutschland soll sich fortwährend für seine Existenz entschuldigen, aber jederzeit stark genug sein, seine lautesten Verächter aus der Gefahr zu holen. Der Nationalstaat gilt als überholt, bis seine Botschaft gebraucht wird. Die Polizei gilt als strukturell verdächtig, bis man selbst bedroht wird. Grenzen gelten als unmenschlich, bis man hinter ihnen Zuflucht sucht. Patriotismus gilt als gefährlich, während man sämtliche Freiheiten eines Landes beansprucht, dessen Identität und Zusammenhalt man systematisch verächtlich macht. Ihr wollt keinen Heimathafen, solange das Meer ruhig ist. Im Sturm aber soll seine Küstenwache unverzüglich auslaufen.

Ich habe mehr Angst vor dem Islamismus und einer fortschreitenden Islamisierung meines Landes als vor dem Aufstieg der AfD. Das sage ich nicht trotz meiner Homosexualität, sondern gerade wegen ihr. Die AfD ist eine politische Partei, über deren Stärke Bürger in freien Wahlen entscheiden. Man kann sie kritisieren, politisch bekämpfen und wieder abwählen. Der Islamismus ist dagegen eine totalitäre Ideologie, die demokratische Entscheidungen, individuelle Freiheit, religiöse Selbstbestimmung sowie die Gleichberechtigung von Frauen und Homosexuellen nicht bloß kritisiert, sondern grundsätzlich verwirft. Punkt.

Wer den demokratisch messbaren Aufstieg einer Oppositionspartei für gefährlicher erklärt als eine Ideologie, die Menschen wegen ihres Glaubens, ihres Geschlechts, ihrer Lebensweise oder ihrer sexuellen Orientierung verfolgt und ermordet, hat seinen politischen Maßstab im moralischen Nebel verloren. Zudem ist der Erfolg der AfD kein unerklärliches Naturereignis, das plötzlich über die Republik hereingebrochen wäre. Vielmehr ist er die Quittung für eine Politik, die ihre Kritiker jahrelang moralisch bekämpfte, statt die Ursachen ihrer Kritik zu beseitigen.

Die Konsequenz kann deshalb nicht in einer weiteren Dialogrunde, einem neuen Präventionsplakat oder der nächsten Kampagne für gesellschaftlichen Zusammenhalt bestehen. Sie liegt in kontrollierten Grenzen, konsequenter Gefährderüberwachung, einer Reform des Jugendstrafrechts, schnellen Strafverfahren, der Ausweisung ausländischer Gewalt- und Intensivtäter sowie der tatsächlichen Durchsetzung von Ausreisepflichten. Wenn nationales, europäisches oder internationales Recht den Schutz der Bevölkerung dauerhaft verhindert, muss es geändert oder neu verhandelt werden. Gesetze sind kein Selbstzweck. Sie haben den Bürgern zu dienen und nicht die Handlungsunfähigkeit des Staates zu verewigen.

Mein Aufruf an Euch lautet deshalb nicht, nach dem nächsten Anschlag noch entschlossener „zusammenzustehen“. Er lautet: Hört endlich auf, im Kreis zu stehen. Verlasst Eure ideologische Wagenburg, beendet die moralische Selbstbespiegelung und richtet den Blick auf das, was außerhalb Eurer befestigten Gewissheiten geschieht. Sprecht über Islamismus, ohne schon im nächsten Satz wieder zur AfD abzubiegen. Erkennt an, dass ein Staat zuerst diejenigen schützen muss, die in ihm leben. Nationale Identität, kontrollierte Grenzen, innere Sicherheit und die konsequente Durchsetzung geltenden Rechts sind keine faschistischen Zumutungen. Sie bilden das Fundament jener freien Gesellschaft, auf deren Dach Ihr Eure Fahnen hisst.

Packt nicht Deutschland ein, packt Eure Illusionen ein. Liebe ist ein menschliches Gefühl, aber kein Sicherheitskonzept. Haltung ist eine Pose, solange ihr keine Handlung folgt. Das richtige Profilbild wird die nächste Tat ebenso wenig verhindern wie die nächste wortreiche Erklärung, weshalb man jetzt vor allem gegen rechts zusammenstehen müsse. Schutz entsteht durch einen Staat, der Gefahren klar benennt, seine Grenzen kontrolliert, sein Recht durchsetzt und das Leben seiner Bürger höher gewichtet als die Befindlichkeiten einer Szene, die jeden Kompass verloren hat, aber weiterhin mit großer Geste den Kurs vorgibt.


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Im Dunkeln ist gut munkeln

Der Staat zieht den Vorhang zu – die Aushöhlung des Informationsfreiheitsgesetzes

Kommentar von Jens Baumanns

Im Dunkeln ist gut munkeln“, sagt der Volksmund. Gemeint sind Gerüchte, Vermutungen und Dinge, die sich im Verborgenen abspielen. Für eine Demokratie sollte jedoch genau das Gegenteil gelten. Je mehr Macht ein Staat über seine Bürger ausübt, desto heller muss das Licht sein, das auf sein eigenes Handeln fällt. Demokratie lebt nicht vom blinden Vertrauen in Regierungen. Sie lebt von Transparenz, Kontrolle und der Möglichkeit, politische Entscheidungen nachvollziehen zu können.

Genau deshalb ist das Informationsfreiheitsgesetz kein bloßes Verwaltungsinstrument, sondern ein demokratischer Garant für Transparenz. Es gibt Bürgern, Journalisten, Wissenschaftlern und Unternehmen die Möglichkeit, staatliches Handeln zu hinterfragen, Entscheidungen nachzuvollziehen und Behörden zur Rechenschaft zu ziehen. Nicht aus pauschalem Misstrauen gegenüber einer bestimmten Regierung, sondern aus einem gesunden Misstrauen gegenüber Macht als solcher. Nun soll genau dieses Prinzip aufgeweicht werden.

Nach derzeitigen Plänen soll der Zugang zu amtlichen Informationen erschwert werden.

Was bislang grundsätzlich ohne Darlegung eines besonderen Interesses möglich ist, soll künftig an strengere Voraussetzungen gebunden werden. Damit erhielten die Behörden größeren Spielraum bei der Entscheidung, wer Zugang zu welchen Informationen erhält und unter welchen Bedingungen Auskunft erteilt wird. Aus einem demokratischen Recht droht schleichend ein Privileg zu werden. Bereits die Ankündigung sollte jeden Bürger aufhorchen lassen.

Gerade eine Bundesregierung unter einem Kanzler, zu dem sich im aktuellen ARD-DeutschlandTrend nur noch 13 Prozent der Befragten wohlwollend äußern, müsste Transparenz nicht fürchten, sondern offensiv suchen. Hinzu kommt, dass die schwarz-rote Koalition nach ihrem ersten Amtsjahr so schlecht bewertet wurde wie keine Bundesregierung seit Beginn dieser Messreihe im Jahr 1997. Wer mit einem derart massiven Vertrauensverlust konfrontiert ist, sollte den Bürgern mehr Einblick gewähren, statt ausgerechnet deren demokratische Kontrollmöglichkeiten zu beschneiden.

Soll heißen: Eine Regierung mit einem derart miserablen Zeugnis täte gut daran, sich in Demut zu üben und fortan mit größter Umsicht zu handeln.

Vertrauen lässt sich nicht verordnen, erst recht nicht durch eingeschränkte Auskunftsrechte. Es entsteht dort, wo politische Entscheidungen erklärt, Verantwortlichkeiten offengelegt und staatliche Abläufe nachvollziehbar gemacht werden. Eine Regierung, die verspieltes Vertrauen ernsthaft zurückgewinnen will, müsste daher Türen öffnen, statt neue Hürden zu errichten. Wer den Zugang zu Informationen erschwert, erweckt hingegen den Eindruck, nicht die Qualität des eigenen Handelns verbessern, sondern dessen Überprüfbarkeit begrenzen zu wollen.

Die Botschaft ist damit gleich doppelt verheerend: Vertrauen soll nicht länger durch mehr Offenheit zurückgewonnen, sondern Misstrauen durch weniger Einblick kaschiert werden. Gerade darin liegt der fundamentale Widerspruch dieses Vorhabens.

Dabei wird häufig übersehen, worum es im Kern überhaupt geht: Der Staat besitzt bereits enorme Macht. Er erlässt Gesetze, erhebt Steuern, greift in Eigentumsrechte ein, verteilt Milliardenbeträge aus öffentlichen Haushalten und entscheidet über nahezu jeden Lebensbereich seiner Bürger: Von Bauvorhaben, umfassenden Sozialleistungen bis hin zu Genehmigungen und hoheitlichen Eingriffen. Gerade deshalb muss staatliches Handeln einer besonders intensiven Kontrolle unterliegen.

Demokratie bedeutet nicht, alle vier Jahre ein Kreuz auf einem Wahlzettel zu machen und anschließend darauf zu hoffen, dass schon alles richtig laufen wird. Demokratie endet nicht am Wahlabend: Sie beginnt dort, wo Bürger, Medien und Opposition Regierungen dauerhaft kontrollieren können. Informationsfreiheit ist daher kein Luxus, sondern eine unverzichtbare Säule des Rechtsstaats.

Genau an diesem Punkt irritiert mich die Entwicklung der vergangenen Jahre zunehmend.

Auf immer komplexere Herausforderungen folgen zunehmend kleinteilige und selten tragfähige Reformen. Bürokratie wird nicht abgebaut, sondern durch neue Dokumentationspflichten erweitert. Die Sozialversicherungen werden nicht nachhaltig stabilisiert; Beiträge und Belastungen steigen weiter. In der Migrationspolitik fehlt weiterhin eine wirksame Ordnung, während ihre Folgen vielerorts lediglich hingenommen werden. So entsteht der Eindruck einer Politik, die sich in Nebenbaustellen verzettelt, Symptome behandelt und die strukturellen Ursachen unangetastet lässt.

Das Ergebnis erleben wir täglich: Aus komplexen Problemen entstehen noch komplexere Regelwerke, neue Kosten und zusätzliche Belastungen. Diese Kosten trägt am Ende vor allem die arbeitende Mitte unseres Landes, während unsere Regierung andere alimentiert und knappe Mittel weiterhin mit der Gießkanne über die Krisenherde dieser Welt verteilt.

Doppelmoral

Umso auffälliger ist der Gegensatz zwischen den weitreichenden Pflichten, die Bürgern und Unternehmen auferlegt werden, und den Maßstäben, die der Staat an sich selbst anlegt.

Unternehmen müssen Nachhaltigkeitsberichte erstellen, Lieferketten dokumentieren, Compliance-Vorgaben erfüllen, Datenschutz nachweisen und jede steuerliche Kleinigkeit offenlegen. Der Bürger soll möglichst vollständig transparent sein. Der Staat hingegen möchte seine eigenen Informationspflichten einschränken. Diese Asymmetrie ist schwer vermittelbar.

Wer maximale Offenheit verlangt, sollte sich denselben Maßstab auch selbst auferlegen. Transparenz darf keine Einbahnstraße sein.

Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, jede interne Beratung oder jedes vertrauliche Gespräch öffentlich zu machen. Natürlich benötigt Regierungshandeln geschützte Räume. Diplomatie, Sicherheitsfragen oder laufende Ermittlungen sind berechtigterweise ausgenommen. Doch genau deshalb existieren bereits heute zahlreiche Schutzvorschriften. Eine pauschale Schwächung des Informationszugangs ist dafür weder notwendig noch überzeugend.

Gerade die deutsche Geschichte lehrt eine einfache Erkenntnis: Demokratische Kontrolle verschwindet selten von heute auf morgen. Sie wird Schritt für Schritt zurückgedrängt. Ein wenig mehr staatliches Ermessen hier, ein etwas eingeschränkter Informationszugang dort. Jede einzelne Änderung mag für sich genommen gering erscheinen. In ihrer Summe verschiebt sich jedoch das Verhältnis zwischen Staat und Bürger.

Deshalb sollten Gesetze niemals aus der Perspektive der gerade regierenden Mehrheit geschrieben werden. Jedes Gesetz muss auch der Regierung standhalten, die eines Tages vielleicht von den politischen Gegnern gestellt wird. Wer heute Informationsrechte einschränkt, schafft ein Instrument, das morgen jeder anderen Regierung ebenfalls zur Verfügung steht.

Rechtsstaatlichkeit lebt gerade davon, Macht so zu begrenzen, dass sie unabhängig von parteipolitischen Mehrheiten kontrollierbar bleibt.

Eine Regierung, die von der Qualität ihrer Arbeit überzeugt ist, muss kritische Nachfragen nicht fürchten. Gute Politik zeichnet sich dadurch aus, dass ihre Entscheidungen transparent, nachvollziehbar und überprüfbar sind.

Informationsfreiheit ist kein Misstrauensvotum gegen die Regierung. Sie ist der Grund, weshalb Bürger ihr überhaupt vertrauen können. Wenn ausgerechnet jetzt damit begonnen wird, das Licht zu dimmen, sollten wir alle genauer hinsehen. Nicht weil wir jeder Regierung böse Absichten unterstellen müssen, sondern weil demokratische Kontrolle niemals vom Wohlwollen der Regierenden abhängen darf.

Wer Transparenz abbaut, beseitigt keine Bürokratie, sondern entzieht staatliches Handeln der demokratischen Kontrolle. Aus einer vermeintlichen Verwaltungsreform wird damit ein Angriff auf das Prinzip der Rechenschaftspflicht.

Ein Staat, der von seinen Bürgern immer mehr Offenlegung verlangt, sich selbst aber dem kritischen Blick entziehen will, weckt nicht nur Misstrauen. Schlimmer noch: Er beschädigt das Fundament, auf dem Vertrauen in den Staat überhaupt ruhen kann.

Letztlich geht es bei den geplanten Änderungen des Informationsfreiheitsgesetzes nicht um eine technische Anpassung, sondern um die grundlegende Frage, wie viel demokratische Kontrolle diese Regierung noch auszuhalten bereit ist. Eine Regierung, die den Vorhang vor den Bürgern zuzieht, darf sich nicht wundern, wenn am Ende für sie selbst der Vorhang fällt.


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Unter falscher Flagge

Warum Schwarz-Rot-Gold nicht immer Schwarz-Rot-Gold ist

Kommentar von Jens Baumanns

Ich war kurz wütend.
Nicht überrascht, nicht bloß irritiert, sondern wirklich wütend.

Als ich in meinem Instagram-Feed las, dass im Umfeld des Bundestages das Zeigen von Schwarz-Rot-Gold beanstandet worden sein soll, war mein erster Reflex ziemlich eindeutig:
Nicht auch das noch.

Nicht schon wieder diese deutsche Spezialbegabung, die eigene Nationalflagge mit spitzen Fingern anzufassen, als müsse man sie erst historisch desinfizieren, bevor man sie öffentlich zeigen darf.

Der Gedanke traf bei mir einen Nerv, denn der Umgang dieses Landes mit seinen eigenen Farben ist seit Jahren merkwürdig verkrampft. Schwarz-Rot-Gold wirkt in manchen Kreisen nicht wie das Symbol einer freiheitlichen Republik, sondern wie ein optischer Verdachtsmoment: Kaum hängt die Deutschlandfahne außerhalb von Fußballturnier, Staatsakt oder Siegerehrung irgendwo sichtbar, beginnt in Teilen des politischen Betriebs das inzwischen berühmt-berüchtigte Stirnrunzeln.

Nach den jüngsten Debatten um abgehängte Deutschlandfahnen, um Empörungswellen und um jene eingeübte linke Schnappatmung bei allem, was nach nationaler Symbolik aussieht, lag mein erster Impuls also nahe: „Schon wieder wird Schwarz-Rot-Gold zum Problem erklärt.“

Nur war genau dieser Impuls zu schnell.

Bei näherer Betrachtung bleibt von der einfachen Erzählung weniger übrig, als der erste Aufreger verspricht: Nach allem, was belastbar berichtet wurde, ging es im konkreten Vorfall offenbar um eine normale Deutschlandfahne, die von AfD-Abgeordneten auf einem Balkon von Bundestagsbüros gezeigt wurde. Beanstandet wurde demnach nicht Schwarz-Rot-Gold als solches, sondern eine sichtbare Symbolaktion im Bereich des Bundestages. Formal ging es also um einen möglichen Verstoß gegen die Hausordnung.

Das klingt weniger aufregend, es ist aber entscheidend. Denn damit kippt die Erzählung.

Es wurde nicht die Deutschlandfahne an sich verboten. Es wurde eine Aktion beanstandet, die im parlamentarischen Raum formal nicht zulässig gewesen sein soll. Man kann diese Regel kleinlich finden und darüber streiten, ob Abgeordnete in ihren Büros tatsächlich keine Fahnen sichtbar zeigen dürfen sollten. Man kann sich auch fragen, ob ein Parlament nicht souverän genug sein müsste, eine Bundesflagge an einem Abgeordnetenfenster auszuhalten.

Was man aber nicht tun sollte, ist so zu tun, als habe der Bundestag die Bundesflagge aus dem politischen Raum verbannt.

Genau an diesem Punkt wird der Vorgang eigentlich erst interessant. Nicht, weil er ein großer Skandal wäre, sondern weil er zeigt, wie verlässlich Empörung heute funktioniert.

Die Aufregung über Schwarz-Rot-Gold hat einen realen Kern. Viele Bürger empfinden längst, dass die Deutschlandfahne in Teilen der Öffentlichkeit nicht als selbstverständliches Symbol der Bundesrepublik wahrgenommen wird, sondern als etwas, das sofort erklärt, eingeordnet oder relativiert werden muss. Diese Wahrnehmung ist nicht erfunden. Wer Schwarz-Rot-Gold zeigt, muss sich in bestimmten Milieus schneller rechtfertigen als jene, die jede andere Fahne als Ausdruck von Haltung vor sich hertragen.

Das ist falsch. Mehr noch: Es ist politisch dumm.

Die Deutschlandfahne ist kein rechtes Symbol. Sie ist aber auch weder optischer Gesinnungstest, noch ein Relikt, das man nur mit historischem Gefahrguthinweis zeigen darf. Sie ist die Bundesflagge der Bundesrepublik Deutschland.
Art. 22 Abs. 2 des Grundgesetzes formuliert es denkbar knapp:
Die Bundesflagge ist schwarz-rot-gold.

Dieser Satz ist kurz, aber er sollte eigentlich genügen.

Schwarz-Rot-Gold steht nicht für autoritären Nationalismus. Diese Farben stehen für die freiheitliche Tradition Deutschlands, für Einheit und Recht, für Verfassung und Republik, für eine demokratische Bürgernation.

Eine Nachhilfestunde in Geschichte


Ein kurzer historischer Blick lohnt sich: Schwarz-Rot-Gold sind eben gerade nicht die Farben des Kaiserreichs und auch nicht die Farben des Nationalsozialismus. Das Deutsche Kaiserreich führte Schwarz-Weiß-Rot. Das NS-Regime griff diese Farbtradition zunächst wieder auf und machte später die Hakenkreuzflagge zur alleinigen Nationalflagge. Schwarz-Rot-Gold hingegen wird häufig auf die Befreiungskriege gegen Napoleon und das Lützowsche Freikorps zurückgeführt: schwarze Uniformen, rote Aufschläge, goldfarbene Knöpfe. Spätestens beim Hambacher Fest von 1832 wurden diese Farben zum Zeichen der deutschen Freiheits- und Einheitsbewegung. Bürger, Studenten und Demokraten forderten dort nationale Einheit, politische Mitbestimmung und Grundrechte. Auch die Frankfurter Nationalversammlung von 1848 bekannte sich zu Schwarz-Rot-Gold.

Diese Farben stehen historisch also nicht für Unterwerfung, sondern für den Versuch, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und nationale Einheit miteinander zu verbinden.

Sie gehören folglich nicht an den Rand der Gesellschaft, sie gehören in ihre Mitte.

Gerade deshalb halte ich die linke Verkrampfung gegenüber nationalen Symbolen für so fatal. Wer die Deutschlandfahne pauschal verdächtigt, überlässt sie jenen, die sie für ihre eigenen Zwecke vereinnahmen wollen. Wer nationale Zugehörigkeit nur noch als Problem behandelt, darf sich nicht wundern, wenn andere daraus ein Geschäftsmodell der Empörung machen.

Die AfD kann dieses Spiel nutzen. Sie muss dafür nicht einmal besonders raffiniert sein. Es reicht, einen Reiz zu setzen und die vorhersehbare Reaktion abzuwarten. Sobald die Empörung kommt, wird sie zum Beweis für die eigene Erzählung umgebaut. Aus einem möglichen Hausordnungsverstoß wird ein angebliches Deutschlandfahnenverbot. Aus formaler Beanstandung wird ein Angriff auf die Nation und aus parlamentarischer Ordnung politische Unterdrückung.

Genau so funktioniert Ragebait

Er ist deshalb so wirksam, weil er selten vollständig aus der Luft gegriffen ist. Deutschland hat tatsächlich ein gestörtes Verhältnis zu seinen Symbolen. In einem unverkrampften Land würde eine Deutschlandfahne keinen mittleren Nervenzusammenbruch auslösen. In einem unverkrampften Land müsste man nicht jedes Mal erklären, dass Patriotismus nicht automatisch Extremismus bedeutet. Deutschland ist in dieser Frage aber nicht unverkrampft. Genau deshalb wirkt der Köder.

Der Fall erinnert zugleich an die Debatte um Regenbogenfahnen in Bundestagsbüros und an die restriktive Linie zur Beflaggung des Bundestages. Damals wurde argumentiert, dass im und am Bundestag nicht beliebig jede politische Fahne gezeigt werden könne. Die Bundestagsverwaltung verwies darauf, dass Fahnen grundsätzlich und unabhängig von ihrer Symbolik nicht gestattet seien.

Wer diese Linie bei der Regenbogenflagge richtig fand, kann bei der Deutschlandfahne nicht plötzlich so tun, als sei dieselbe Ordnung ein antideutscher Skandal.

Das ist keine Spitzfindigkeit, es ist politische Konsequenz.

Natürlich ist die Deutschlandfahne nicht irgendeine politische Fahne. Sie ist die Bundesflagge. Sie hat eine andere Stellung als eine Parteifahne, eine Bewegungsfahne oder eine aktivistische Symbolflagge. Trotzdem darf der Bundestag als Verfassungsorgan Regeln für seine Gebäude und deren äußere Erscheinung setzen. Das Parlament ist kein beliebiger Balkon und keine Demonstrationskulisse. Es ist der zentrale Ort demokratischer Gesetzgebung.

Wer dort politische Zeichen setzt, weiß in der Regel ziemlich genau, was er tut.

Deshalb wäre es zu billig, diesen Vorgang ausschließlich als Empörung über Schwarz-Rot-Gold zu verkaufen. Die Erzählung ist größer als der Sachverhalt. Gerade darin liegt ihre politische Funktion.

Ein zweiter Punkt machte mich bei der Recherche in meinem Feed stutzig: der Begriff „Stolzflagge“.

Im ersten Moment klang dieses Wort für mich wie die nächste sprachpolitische Verrenkung. Nach einer jüngsten Debatte, in der die Formulierung „Migranten und Nicht-Migranten“ für Irritation sorgte, wirkte „Stolzflagge“ zunächst wie eine weitere betreute Wortschöpfung aus dem Labor der Gegenwartssemantik.

Auch das war zu schnell gedacht.

Der Begriff „Stolzflagge“ verweist auf einen politischen Deutungsraum, der nicht harmlos ist. Belastbar belegt ist vor allem der sogenannte „Stolzmonat“: eine Kampagne, die als Gegenentwurf zum Pride Month inszeniert wurde und von rechtskonservativen bis rechtsextremistischen Akteuren aufgegriffen worden ist. Auch das Umfeld der Identitären Bewegung bewegte sich in diesem Kontext. Damit ist der Begriff politisch nicht unschuldig.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass jede Deutschlandfahne eine „Stolzflagge“ ist. Diese Gleichsetzung wäre falsch, aber es bedeutet, dass Kontext zählt.

Schwarz-Rot-Gold ist zunächst die Bundesflagge. Wird es aber bewusst in einen Kampagnenrahmen gestellt, der mit identitärer Symbolik, Ausgrenzung und rechtsextremer Selbstinszenierung arbeitet, verändert sich die Botschaft: Dann wird aus einem Verfassungssymbol ein Code, aus der Bundesflagge eine Projektionsfläche und aus Patriotismus wird Instrumentalisierung.

Dort verläuft die klare Grenze.

Patriotismus ist legitim. Mehr noch: Ein Land braucht ein gesundes Maß an Patriotismus. Ein Staat, der von seinen Bürgern Loyalität, Steuern, Dienstbereitschaft und Gemeinsinn erwartet, kann nicht zugleich so tun, als sei nationale Identifikation etwas Peinliches. Ohne emotionale Bindung an das Gemeinwesen wird Politik technokratisch, kalt und beliebig, wie wir es derzeit erfahren.

Patriotismus ist jedoch kein Freibrief

Wer Deutschland liebt, sollte zuerst wissen, was dieses Deutschland ausmacht: Grundgesetz, Rechtsstaat, Freiheit, Verantwortung, Bürgerrechte, demokratische Ordnung. Patriotismus ohne Verfassungstreue ist Pose. Patriotismus ohne Maß ist Lärm. Patriotismus, der sich hinter Codes versteckt, ist kein Bekenntnis, sondern Strategie.

Darum muss man in diesem Fall zwei Zumutungen gleichzeitig aushalten:

Die Deutschlandfahne darf nicht dämonisiert werden. Wer Schwarz-Rot-Gold pauschal unter Verdacht stellt, beschädigt ein demokratisches Symbol und treibt normale Bürger in die Arme jener, die sich als letzte Verteidiger des Landes inszenieren. Die Nationalfarben gehören nicht in die Schmuddelecke politischer Verdächtigung. Sie gehören sichtbar und selbstverständlich in die Mitte der Republik.

Die Deutschlandfahne darf nicht instrumentalisiert werden. Wer Schwarz-Rot-Gold als Köder für Empörung, als Kulisse für Provokation oder als Deckmantel für identitäre Kampagnen nutzt, verteidigt diese Flagge nicht. Er missbraucht sie.

Die einen machen die Fahne verdächtig, die anderen machen sie zur Falle.

Deshalb wählte ich „Unter falscher Flagge“ als Titel. Nicht, weil die gezeigte Deutschlandfahne keine Deutschlandfahne gewesen wäre. Sondern weil die Erzählung um sie herum unter falscher Flagge segelt: Sie gibt vor, Schwarz-Rot-Gold zu verteidigen, während sie in Wahrheit Empörung bewirtschaftet. Sie nutzt ein reales Problem und überzieht es zur politischen Opfererzählung.

Am Ende bleibt eine Debatte, in der kaum noch unterschieden wird: zwischen Bundesflagge und Kampagnensymbol, zwischen Hausordnung und Flaggenverbot, zwischen legitimer nationaler Identifikation und strategischer Provokation. Ebensolche Unterscheidung wäre aber zwingend nötig.

Eine erwachsene Republik muss ihre Fahne zeigen können, ohne nervös zu werden. Sie muss aber auch stark genug sein, ihre Symbole gegen Vereinnahmung zu verteidigen. Schwarz-Rot-Gold gehört nicht der AfD. Es gehört nicht ihren Vorfeldakteuren, nicht rechten Kampagnen und nicht jenen, die aus jedem Stück Stoff ein politisches Stöckchen bauen, über das andere springen sollen.

Schwarz-Rot-Gold gehört der Bundesrepublik Deutschland

Diese Flagge steht nicht gegen Minderheiten. Sie steht nicht gegen Europa, nicht gegen Freiheit, Individualität oder moderne Lebensentwürfe. Sie steht für den Staat, der all das rechtlich schützt. Wer sie auf einen engen, ausgrenzenden Begriff von Nation reduziert, verkennt ihren demokratischen Sinn. Wer sie aus Angst vor falschen Assoziationen meidet, allerdings auch.

Die Deutschlandfahne ist kein Verdachtsmoment, sie ist aber auch kein Tarnmantel.

Sie ist ein Symbol, das Respekt verdient. Gerade deshalb darf sie weder von links dämonisiert noch von rechts instrumentalisiert werden. Wer sie verachtet, schwächt die demokratische Identität dieses Landes. Wer sie als Empörungswerkzeug benutzt, beschädigt sie ebenfalls.

Schwarz-Rot-Gold ist die Flagge der Bundesrepublik Deutschland. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Wer diese Farben zeigt, sollte wissen, wofür sie stehen. Wer sie bekämpft, sollte sich fragen, welches Verhältnis er eigentlich zu diesem Land hat. Wer sie missbraucht, sollte nicht erwarten, dass man ihm Patriotismus abnimmt.

Die Deutschlandfahne gehört in die Mitte der Republik. Dort ist sie richtig, dort ist sie stark. Dort darf man sie weder verdächtigen noch vereinnahmen. Alles andere geschieht unter falscher Flagge.


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Mehr Flaggen als Meinung

Über eine Republik auf Fahnenflucht vor der Wirklichkeit

Kommentar von Jens Baumanns

Es gibt politische Handlungen, die weniger durch ihren Inhalt auffallen als durch ihre Bequemlichkeit. Früher zeigte man Haltung, indem man widersprach, Verantwortung übernahm oder wenigstens den Mut hatte, eine Meinung zu begründen. Heute genügt oft ein Stück Stoff am Rathaus, ein Profilbild im passenden Farbschema, ein Sticker auf Laptop oder Smartphone und ein Hashtag, der pünktlich zur moralischen Saisonware ausgerollt wird. Die moderne Gesinnung braucht offenbar keine Argumente mehr, nur noch ein gut sichtbares Symbol. So ist die Flagge zur Kurzform des Denkens geworden: Sie ersetzt nicht nur die Debatte, sie erspart sie.

Deutschland hat in der vergangenen Dekade eine erstaunliche Vorliebe für Symbolpolitik entwickelt: Man zeigt sich betroffen, solidarisch, weltoffen, divers, friedliebend, antirassistisch, antifaschistisch und überhaupt moralisch vollständig durchdekliniert. Nur wehe, jemand fragt nach den Konsequenzen. Dann wird es schnell ungemütlich. Denn hinter vielen Fahnen steht längst keine politische Überzeugung mehr, sondern ein gesellschaftlicher Reflex: Wer das richtige Tuch zur richtigen Zeit hochhält, gehört zu den Guten. Wer nachfragt, stört die Andacht.

Besonders deutlich zeigt sich das derzeit in Teilen der sogenannten pro-palästinensischen Bewegung. Natürlich darf man die israelische Regierung kritisieren. Natürlich darf man das Leid der Zivilbevölkerung in Gaza benennen. Natürlich ist nicht jeder, der eine palästinensische Flagge trägt, ein Antisemit. Aber genau diese Differenzierung wird zur Farce, wenn auf deutschen Straßen aus Israelkritik plötzlich Judenhass wird, wenn das Existenzrecht Israels relativiert wird, wenn Terrororganisationen ästhetisch verniedlicht werden und wenn aus Solidarität mit Palästinensern eine Bühne für jene wird, die unter dem Mantel des Antizionismus den ältesten Hass Europas neu lackieren.

Der Verfassungsschutz warnt nicht ohne Grund davor, dass Antisemitismus und Israelfeindlichkeit in Deutschland eine Scharnierfunktion zwischen unterschiedlichen extremistischen Milieus einnehmen. Propalästinensische extremistische Gruppierungen treten laut BfV verstärkt auf Demonstrationen auf und können dort eine prägende Funktion entfalten; zugleich nutzten islamistische Akteure den Nahostkonflikt zur Emotionalisierung und Mobilisierung – und nein, das ist keine rechte Fantasie, sondern behördlich beschriebene Realität.

Die Zahlen sind entsprechend ernüchternd. RIAS (Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus) dokumentierte 2024 bundesweit 8.627 antisemitische Vorfälle, ein Anstieg um fast 77 Prozent gegenüber 2023. Rechnerisch waren das knapp 24 Vorfälle pro Tag. Der israelbezogene Antisemitismus stellte dabei mit 68 Prozent die häufigste Erscheinungsform dar.

Wer angesichts solcher Zahlen immer noch so tut, als sei das alles bloß missverstandene Solidarität, betreibt politische Kosmetik am offenen Bruch. Es ist bemerkenswert: In Deutschland braucht es manchmal nur ein falsches Wort, eine ungeschickte Formulierung oder ein zu patriotisches Vereinsfest, und schon wird die große Gesinnungsvermessung angeworfen. Aber wenn auf Demonstrationen Israel dämonisiert wird, wenn jüdische Bürger sich nicht mehr sicher fühlen, wenn Terror verharmlost und Hass als Befreiungspathos verkleidet wird, dann entdeckt man plötzlich die feinen Nuancen der Meinungsfreiheit.

Der eigentliche Skandal ist die Doppelmoral

Schwarz-Rot-Gold muss sich inzwischen erklären, die Palästinaflagge darf sich oft empören. Nationale Symbolik der eigenen Republik gilt schnell als verdächtig, fremde Konfliktflaggen hingegen als Ausdruck politischer Sensibilität. Der deutsche Steuerzahler darf zahlen, schweigen und sich belehren lassen. Seine eigene Fahne aber soll er bitte nur zur Fußball-Europameisterschaft oder -Weltmeisterschaft aus dem Keller holen und selbst dann bitte möglichst nicht allzu lang.

Dasselbe Muster zeigt sich bei der Ukraine: Auch hier wurde aus berechtigter Solidarität schnell ein moralisches Pflichtprogramm. Die Ukraineflagge wurde an Rathäuser gehängt, in Profilbilder montiert, auf Bühnen getragen und zur Eintrittskarte in den Club der Anständigen gemacht. Dabei ist die Unterstützung der Ukraine strategisch richtig und sicherheitspolitisch notwendig. Russland führt einen imperialen Angriffskrieg und ein Sieg Moskaus wäre für Europa verheerend. Genau deshalb müsste man endlich erwachsen über die Ukraine sprechen, doch stattdessen wird die Debatte häufig infantilisiert.

Wer die Ukraine unterstützt, soll offenbar gefälligst nicht über Korruption, Verwaltungsversagen oder langfristige Kosten sprechen. Dabei lag die Ukraine im Corruption Perceptions Index 2025 bei 36 von 100 Punkten und auf Rang 104 von 182 Staaten. Das ist kein Argument gegen Unterstützung, aber sehr wohl ein Argument gegen naive Romantisierung.

Auch bei der Arbeitsmarktintegration ukrainischer Geflüchteter wäre mehr Ehrlichkeit angebracht. Das IAB stellte Anfang 2026 fest, dass in Deutschland im dritten Jahr nach dem Zuzug durchschnittlich rund ein Drittel der ukrainischen Geflüchteten beschäftigt war. Die Bundesagentur für Arbeit weist zugleich aus, dass die Beschäftigungsquote ukrainischer Staatsangehöriger im Oktober 2025 weiterhin deutlich hinter dem zurückblieb, was ein tragfähiges Integrationsmodell langfristig leisten müsste.

Trugschluss und Wahrheit

Das bedeutet nicht, Menschen aus einem Kriegsgebiet die Hilfe zu verweigern. Es bedeutet aber, dass Solidarität kein Dauerabonnement zulasten jener sein darf, die dieses Land finanzieren. Wer Schutz erhält, muss möglichst schnell in Arbeit, Sprache und gesellschaftliche Verantwortung geführt werden. Alles andere ist keine Humanität, sondern eine teuer kaschierte Verwahrung. Ein Staat, der Menschen aufnimmt, aber nicht integriert, produziert keine Solidarität, sondern Abhängigkeit.

Dann wäre da noch die Regenbogenflagge, die ich bereits in einem anderen Kommentar behandelt habe. Einst stand sie für Freiheit, Sichtbarkeit und den legitimen Anspruch, nicht versteckt leben zu müssen. Heute wirkt sie vielerorts wie ein fortlaufend erweitertes Lastenheft moralischer Selbstvergewisserung. Jedes Jahr kommt noch ein Streifen, noch ein Dreieck, noch ein Symbol hinzu, bis am Ende kaum noch erkennbar ist, wofür die ursprüngliche Idee einmal stand. Aus einem Zeichen der Freiheit wurde eine Tapete der Zuständigkeiten. Eine Fahne, die alles abbilden will, droht irgendwann alles zu ersticken, was sie einmal stark gemacht hat.

Das Grundproblem sind nicht die Flaggen selbst: das Problem ist ihre Überdehnung. Wenn jedes Anliegen, jede Identität, jede politische Mode und jede moralische Tagesordnung in ein Symbol gepresst wird, verliert dieses Symbol seine Kraft. Es wird nicht inklusiver, sondern unlesbarer. Nicht stärker, sondern beliebiger. Am Ende steht kein klares Bekenntnis mehr, sondern ein visuelles Verwaltungsformular der Gesinnung.

Genau darin liegt die Fehlstellung unserer politischen Kultur: Wir verwechseln Zeichen mit Taten, Symbolik mit Verantwortung, Betroffenheit mit Urteilskraft. Man hängt Fahnen auf, statt Probleme zu lösen. Man beleuchtet Rathäuser und Ministerien, statt Haushalte zu ordnen. Man ruft Solidarität, statt Bedingungen zu formulieren. Man erklärt sich moralisch zuständig für die halbe Welt, während im eigenen Land Schulen verfallen, Kommunen überfordert sind, Sozialkassen ächzen und der gesellschaftliche Zusammenhalt immer dünner wird.

Die Flagge ist dabei zum perfekten Instrument geworden. Sie ist sichtbar, billig, schnell aufgehängt und politisch bequem. Sie verlangt keine Reform, keine Priorisierung, keinen unbequemen Satz. Sie sagt: Ich bin auf der richtigen Seite. Mehr muss sie nicht leisten.

Doch Politik ist kein Fahnenappell. Politik beginnt dort, wo Symbolik endet. Sie beginnt bei der Frage, was ein Land leisten kann, was es leisten muss und was es sich nicht länger leisten darf. Sie beginnt dort, wo man sich traut, zwischen Mitgefühl und Selbstaufgabe zu unterscheiden. Zwischen legitimer Kritik und antisemitischer Agitation. Zwischen Solidarität und sozialstaatlicher Überforderung. Zwischen Freiheit und der immer neuen Bürokratisierung moralischer Zugehörigkeit.

Deutschland braucht weniger fremde Fahnen und mehr Urteilskraft. Weniger Bekenntnisästhetik und mehr Konsequenz. Weniger importierte Konflikte auf unseren Straßen und mehr Schutz für jene, die hier leben und längst wieder Angst haben, als Juden erkennbar zu sein. Weniger symbolische Weltrettung und mehr nüchterne Staatsräson.

Denn am Ende misst sich eine Gesellschaft nicht daran, wie viele Flaggen sie hisst. Sie misst sich daran, ob sie noch den Mut hat, hinter die Bedeutung der Fahnen zu schauen und genau dort sieht man derzeit vor allem eines: sehr viel Stoff – und erstaunlich wenig Substanz.


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Entlastung, die keine ist

Die 1.000-Euro-Frage: Wer zahlt eigentlich die Entlastung, von der der Staat spricht?

Kommentar von Jens Baumanns

Es gibt politische Maßnahmen, die weniger über ihre Wirkung in Erinnerung bleiben als über die Denkfehler, auf denen sie beruhen. Das neue Entlastungspaket der Bundesregierung dürfte ein solcher Fall werden.

Auf den ersten Blick klingt das alles nach schneller Hilfe: eine steuer- und abgabenfreie Prämie von bis zu 1.000 Euro, zwei Monate geringere Energiesteuer auf Kraftstoffe, dazu die Aussicht auf spätere steuerliche Reformen. Es ist das übliche Arsenal moderner Krisenpolitik: ein runder Betrag, eine schnelle Schlagzeile, ein Signal von Handlungsfähigkeit. Genau darin liegt bereits das Problem. Denn dieses Paket ist bei näherem Hinsehen keine Entlastung, sondern deren politische Inszenierung.

Die entscheidende Pointe lautet nämlich nicht, dass der Staat seine Bürger entlastet. Die Pointe lautet, dass der Staat andere entlasten lassen will. Wieder einmal lautet die Botschaft aus Berlin: Wir haben ein Problem erkannt, die Privatwirtschaft darf es nun bitte lösen.

Was mir als Marketer naturgemäß besonders auffällt ist die Wortwahl: Entlastungspaket.
Genau darin liegt für mich nämlich der eigentliche Skandal dieses Pakets: Es tut so, als sei Entlastung ein kommunikatives Ereignis. Entlastung wäre, Menschen und Betrieben dauerhaft Luft zu verschaffen. Etwa durch niedrigere Abgaben, durch eine verlässliche, konsequente und nachhaltige Energiepolitik. Vor allem aber durch weniger Bürokratie. Kurzum, durch eine Politik, die Leistung nicht reflexhaft als Finanzierungsquelle behandelt, sondern als Voraussetzung von Wohlstand begreift.

Tatsächlich besteht der Kern der Maßnahme aus Freiwilligkeit, Befristung und Verschiebung. Die viel zitierte 1.000-Euro-Prämie ist keine staatliche Leistung. Sie ist eine Möglichkeit, die Arbeitgebern 2026 eröffnet werden soll. Zur Gegenfinanzierung ist eine frühere Erhöhung der Tabaksteuer vorgesehen; die eigentliche Einkommensteuerreform wird erst für 2027 angekündigt. Schon diese Konstruktion verrät die innere Logik des Pakets: Das Sichtbare kommt sofort, das strukturell Relevante später. Oder, weniger freundlich formuliert: Die Regierung organisiert den Eindruck von Entlastung und vertagt deren Substanz.

Der eigentliche Skandal daran ist nicht einmal die Freiwilligkeit selbst, sondern die politische Bequemlichkeit, die darin steckt. Denn der Staat übernimmt die Verantwortung nicht, er gibt sie (wieder einmal) weiter. Er definiert ein Problem, kündigt Entlastung an und legt die praktische Last dann in die Privatwirtschaft. Unternehmen sollen ausgleichen, was die Politik nicht strukturell löst. Sie sollen die soziale Pufferzone eines Staates sein, der sich lieber in Pressemitteilungen als in Prioritätensetzung übt.

Das mag auf dem Papier elegant wirken, in der Realität ist es schlicht eine unverschämte Zumutung.

Man muss sich nur die Lage vieler deutschen Betriebe ansehen, um zu erkennen, wie schief diese Konstruktion ist. Gerade kleine und mittlere Unternehmen kämpfen selbst mit hohen Energiepreisen, gestiegenen Beschaffungskosten, schwacher Nachfrage und immer dichterer Regulierung. Für sie ist eine Sonderprämie keine Frage des guten Willens, sondern der wirtschaftlichen Belastbarkeit. Großunternehmen und Konzerne mit stabilen Margen mögen sich eine solche Zahlung leisten können. Der Handwerksbetrieb, der Mittelständler, die kleinere Firma im regionalen Markt oft nicht.

Damit kippt die Maßnahme endgültig ins Prinzipielle. Denn plötzlich hängt Entlastung nicht mehr vom Bedarf des Arbeitnehmers ab, sondern von der wirtschaftlichen Stärke des Arbeitgebers. Wer in einem gesunden Konzern beschäftigt ist, kann hoffen. Wer in einem wirtschaftlich unter Druck stehenden Betrieb arbeitet, hat eben Pech. Das ist keine zielgerichtete Sozialpolitik, das ist Entlastung nach Unternehmensklasse.

Als wäre das nicht genug, bleiben ganze Gruppen ohnehin außen vor: Rentner, Studierende, viele Selbstständige. Auch das ist keine Nebensächlichkeit, sondern Ausdruck derselben Logik. Diese Regierung entlastet nicht die Gesellschaft, sie entlastet dort, wo es kommunikativ am einfachsten und fiskalisch am bequemsten ist.

Auch der befristete Tankrabatt fügt sich nahtlos in diese Logik ein. Zwei Monate niedrigere Energiesteuer mögen kurzfristig an der Zapfsäule spürbar sein, lösen aber weder das Problem hoher Energieabhängigkeit noch die strukturelle Schwäche des Standorts. Auch hier zeigt sich ein Staat, der zwar handelt, aber nicht durchgreifen kann. Die Regierung setzt darauf, dass die Senkung der Energiesteuer bei den Verbrauchern ankommt. Das Problem ist nur: Sie kann das nicht sicherstellen.

Der Kraftstoffmarkt ist kein idyllischer Wettbewerb mit dutzenden gleich starken Anbietern, die einander aus purer Marktlogik disziplinieren. Er ist konzentriert, träge und seit Jahren geprägt von genau jener Preisdynamik, die Verbraucher so zuverlässig zur Verzweiflung bringt: Preise steigen schnell, wenn Kosten steigen, und sie sinken bemerkenswert langsam, wenn Kosten fallen. Das Bundeskartellamt beschreibt dieses Muster selbst seit Langem; auch der ADAC verweist darauf, dass erneut mit dem „Rakete-und-Feder“-Effekt zu rechnen sei.

Vor diesem Hintergrund grenzt es an politische Selbstberuhigung, ausgerechnet hier auf die ordentliche und vollständige Weitergabe einer Steuerentlastung zu vertrauen. Man muss dem Markt nicht feindlich gegenüberstehen, um zu erkennen, dass diese Annahme naiv ist. Es reicht, ihn ernst zu nehmen. Ein Markt mit hoher Konzentration und starken Margenanreizen reagiert nicht auf ministerielle Wunschvorstellungen, sondern auf Gewinnchancen. Genau deshalb lautet die entscheidende Frage nicht, ob ein Teil der Entlastung weitergegeben wird. Die entscheidende Frage lautet, wie viel davon unterwegs hängen bleibt.

Genau darauf hat die Regierung keine belastbare Antwort.

Sie verweist stattdessen auf Kontrolle. Das Bundeskartellamt werde selbstverständlich beobachten, man habe Regeln natürlich verschärft, man schaue genau hin. Doch Beobachtung ist keine Steuerung. Das Kartellamt kann analysieren, Verfahren führen und Missbrauch untersuchen. Es kann aber nicht im akuten Moment an der Zapfsäule stehen und Preissenkungen erzwingen. Der Staat baut eine Entlastung auf einen Markt, den er im entscheidenden Augenblick gar nicht wirksam steuern kann.

Das ist der ordnungspolitische Kern des Problems: Der Staat verzichtet auf Einnahmen, ohne sicherzustellen, dass der Bürger profitiert. Er erklärt eine Maßnahme zur Entlastung, obwohl deren tatsächliche Wirkung von Akteuren abhängt, deren Interessen offenkundig andere sind als die der Verbraucher und er verkauft diesen Mangel an Durchgriff auch noch als Pragmatismus.

Pragmatismus ist hier allerdings nur ein freundliches Wort für Ratlosigkeit.

Last but not least: Der Zeitplan des Ganzen

Die kurzfristigen, sichtbaren Maßnahmen kommen sofort. Die echten, dauerhaften Reformen kommen später, vielleicht. Die Prämie 2026, die Einkommensteuerreform 2027. Es ist dieselbe politische Choreografie, die man inzwischen zur Genüge kennt: Das medial Verwertbare wird vorgezogen, das strukturell Wirksame vertagt. Genau darin liegt der Unterschied zwischen Krisenkommunikation und Regierungshandeln. Die eine will beruhigen, das andere würde lösen.

So betrachtet ist dieses Entlastungspaket gar kein Ausrutscher. Es ist vielmehr ein sehr präzises Dokument dieser Regierung. Es zeigt ihren Stil, ihre Prioritäten, ihren Mut zur halben Maßnahme. Ein Staat, der seine Verantwortung an Unternehmen weiterreicht. Eine Koalition, die Wirkung behauptet, wo sie nur Hoffnung organisiert. Eine Politik, die lieber delegiert als entscheidet.

Man kann das als Kompromiss verkaufen. Man kann es auch treffender beschreiben:
Diese Entlastung ist keine.

Sie entlastet nicht dort, wo es nötig wäre, sondern dort, wo es zufällig möglich ist.
Sie stärkt nicht die Schwächeren, sondern bevorzugt die wirtschaftlich Stärkeren.
Sie steuert keinen Markt, sondern vertraut auf ihn, obwohl sie ihm offenkundig misstrauen müsste.

Zum Abschluss erleben wir, wie erwartbar, die alte deutsche Krankheit: Diese Regierung verwaltet die Folgen ihrer eigenen Fehlsteuerung und verkauft den Notbehelf als Fürsorge. Das ist ungefähr so souverän, wie sich für ein Provisorium zu feiern, das man selbst notwendig gemacht hat.

Diese 1.000 Euro sind daher nicht das Zeichen einer handlungsfähigen Regierung. Sie sind das Symptom einer Regierung, die Entlastung simuliert, weil sie zu echter Reform nicht bereit oder, wie ich inzwischen glaube, nicht fähig ist. Entlastung, die keine ist, bleibt am Ende genau das:
eine politisch hübsch verpackte Nichtlösung.


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Chronisch klamm

Wenn Rekordeinnahmen nicht reichen, liegt das Problem nicht beim Zahler.

Kommentar von Jens Baumanns

Jetzt also wieder: „Haushaltslücke noch größer als angenommen“. Die Tagesschau berichtete, als handle es sich um eine lästige Fußnote im Tagesgeschäft.

Dabei war das keine Überraschung – sondern die logische Folge einer Art Dauerzustand.

Wer die bisherigen Haushalte mit klarem Blick gelesen hat, konnte sehen, dass alles auf Kante genäht war. Risiken wurden dabei schöngerechnet, Rücklagen überstrapaziert, Notlagen definiert, die schon längst Alltag waren. In der Privatwirtschaft nennt man so etwas Fantasiebuchung oder schlicht: Insolvenzverschleppung.

Trotzdem sitzen in Berlin vermeintlich kluge Köpfe, die es nicht für nötig hielten, mit Vorsicht zu planen. Die sich sicher waren, dass alles schon irgendwie aufgeht. Tut es aber nicht.

Ich habe Fragen

Wie kann es sein, dass ein Staat mit Rekordeinnahmen Jahr für Jahr in dieselbe Misere schlittert?
Wie kann es sein, dass Haushaltslöcher überhaupt noch passieren – mit all den Finanzexperten, Ausschüssen, Prognosen, Ministerialbeamten?

Entweder fehlt es an Ehrlichkeit, an Können – oder an beidem.

Als rational denkender Steuerzahler fällt es mir zunehmend schwer, dieser Finanzpolitik noch mit Respekt zu begegnen. Ich verstehe nicht mehr, warum ich fast die Hälfte meines Jahreseinkommens an den Staat abgebe – und trotzdem Jahr für Jahr lesen muss, dass das Geld angeblich nicht reicht. Warum es Haushaltslöcher gibt, während die Steuereinnahmen auf Rekordniveau liegen, warum der Staat mit dem Geld nicht auskommt, warum man in Berlin damit offenbar rechnet, dass wir Bürger das alles weiter mitmachen.

Der Steuerzahlergedenktag

Die traurige Wahrheit ist: 2025 arbeiteten wir bis zum 13. Juli, also 194 Tage, nur für den Staat. Erst danach verdienten wir für uns selbst. So viel zur Staatsquote, so viel zur Verhältnismäßigkeit, so viel zu der Frage, ob sich Leistung in diesem Land noch lohnt.

Grundsätzlich bin ich bereit, meinen Beitrag zu leisten. Aber was heißt das heute eigentlich? Bei mir sind es knapp 40 % Abzüge vom Bruttolohn, noch bevor ich einen einzigen Euro selbst ausgeben darf – und das ist nur der Anfang.

Denn sobald das Gehalt auf dem Konto liegt, geht es schließlich erst richtig los:

Mehrwertsteuer auf jeden Einkauf, Energiesteuer auf jede Tankfüllung, Rundfunkbeitrag, Kfz-Steuer, Versicherungssteuer – die Liste ist lang, und die meisten Posten laufen längst unterhalb der Wahrnehmungsschwelle. Doch eine Steuer trifft mich besonders: Die Schaumweinsteuer, seit 1902, offiziell zur Finanzierung der kaiserlichen Kriegsflotte, heute für… tja, wer weiß das schon? In meinem Fall ist sie jedenfalls haushaltswirksam. Das Geld verschwindet scheibchenweise – legal, zuverlässig, still.

Der Staat kassiert – immer, überall, unaufhörlich. Dennoch reicht es nicht und wieder einmal spricht man von Haushaltslöchern. Es ist nicht nur die Belastung, die schwer wiegt – es ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie hingenommen wird.

Ich habe kein Problem damit, Steuern zu zahlen, wirklich nicht. Zumindest solange ich den Eindruck habe, dass ich dafür auch etwas bekomme: Ein funktionierendes System, eine effiziente Verwaltung, eine Infrastruktur, die ihren Namen verdient – kurz gesagt: ein Staat, der seine Seite des Vertrags erfüllt.

Doch eben dieses Verhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung stimmt in Deutschland seit geraumer Zeit nicht mehr. Die Steuerlast steigt – Jahr für Jahr. Still, zuverlässig. Gleichzeitig wird das, was man dafür kommt, spürbar schlechter. Es beginnt beim monatelangen Warten auf einen Facharzttermin, setzt sich fort in einer Verwaltung, die mit Digitalisierung überfordert ist, und endet bei Straßen, Schienen und Schulen, die aussehen, als hätten sie das letzte Upgrade mit der D-Mark erhalten.

Ich bin Anfang dreißig – und ich ertappe mich dabei zu denken: „Früher war das besser.“ Nicht nostalgisch, sondern ganz nüchtern. Es war direkter. Funktionaler. Erwartbarer. Heute wirkt vieles wie ein System, das vor allem sich selbst verwaltet – aber eben nicht mehr für den Bürger.

Wir sind bereits am Rande der Funktionalität – und damit an der Grenze meines Verständnisses.

Wirtschaften heißt nicht: immer mehr

Ich will keinen Staat, der hungert. Ich will einen, der haushalten kann.
Ich will keinen Staat, der alles kann. Ich will einen, der das, was er macht, gut macht.
Ich will keine Ausgabenkultur auf Verdacht. Ich will eine Prioritätenkultur mit Verstand.

Denn was im Privathaushalt gilt, muss auch im Staatshaushalt gelten: Man lebt mit dem, was man hat. Punkt.

Wenn mehr Einnahmen nötig wären, müsste man erklären können, wofür das bisherige Geld nicht reicht – und warum. Diese Erklärung bleibt aus. Stattdessen wird weiter gegriffen, verteilt, geschönt, verschoben.

Warum? Weil überall, wo der Staat tätig ist, scheint das Prinzip zu gelten: lieber breiter als besser. Lieber teurer als wirksamer. Lieber schnell als durchdacht.

Man nennt das dann „soziale Gerechtigkeit“ oder „Transformation“. Tatsächlich ist es oft das Gegenteil: ineffizient, mit der Gießkanne, unpräzise – und im Ergebnis teuer. Zwar nicht für die Politik, sondern für uns. Für die, die dieses System mittragen. Für die, die morgens um 6 Uhr aufstehen, um bis 18 Uhr zu arbeiten, damit die Maschine weiterläuft.

Die Geduld des Bürgers ist bereits am unteren Rand des Dispos

Die Politik in Berlin wäre jetzt gut beraten, innezuhalten. Sehr gut sogar. Denn es ist nicht mehr viel Luft nach unten – nicht beim Vertrauen, nicht bei der Belastbarkeit, nicht bei der Geduld derer, die das alles seit Jahren mitfinanzieren.

Man sollte sich also sehr genau überlegen, wie die nächsten Schritte aussehen. Nicht nur fiskalisch – sondern gesellschaftlich. Denn was hier verhandelt wird, ist weit mehr als ein Bundeshaushalt. Es ist das Verhältnis zwischen Staat und Bürger. Zwischen Pflicht und Gegenleistung. Zwischen Zumutung und Akzeptanz.

Wer jetzt glaubt, weitermachen zu können wie bisher, der missversteht das Signal und verkennt die Stimmung.

Denn dass diese Politik irgendwann an ihre Akzeptanzgrenzen stößt, ist nicht nur wahrscheinlich – es ist unausweichlich. Man darf sich nicht wundern, wenn in einem Land, in dem die Menschen sich durch Abgaben bis zur Erschöpfung engagieren, die Stimmung kippt. Nicht in Gleichgültigkeit oder dem vermeintlichen Super-GAU, der Flucht ins Blaue, sondern in offene Wut und das ist bei weitem gefährlicher.

Geschichte lehrt bekanntermaßen, dass sie nicht lehrt. Daher empfehle ich, so altmodisch das klingen mag, in den Geschichtsbüchern nachzuschlagen. Etwa dort, wo das Kapitel beginnt über eine beratungsresistente Elite, die munter am Steuersatz nach oben schraubte, ihre Privilegien nicht reflektierte, ein Staat, der Schulden türmte, ein Bürgertum, das zahlte – und irgendwann nicht mehr stillhielt.

1789 war kein Zufall. Es war eine Reaktion. Historisch bekannt. Politisch verdrängt.

Ein Vorschlag am Rande: Wie wär’s mit Effizienz statt Erfindung neuer Einnahmen?

Apropos Einnahmen: Falls das Finanzministerium dennoch über neue Abgaben fantasiert, könnte es ja zunächst einmal dort anfangen, wo es ohnehin schon als Dienstleister tätig ist: bei der Kirchensteuer, die die Finanzämter bis heute einziehen. Vielleicht wäre es an der Zeit, hier eine Gebühr zu erheben. Wenn man schon als Zahlungsdienstleister der Bischofskonferenz auftritt, darf man auch eine Handlingfee erheben – zwei bis drei Prozent dürften marktüblich sein. Dann hätte auch die Kirche mal einen Anreiz, ihre Schäfchen selbst zu finden – statt sie per Lohnabrechnung geliefert zu bekommen.

Es wäre ein kleiner Schritt für den Verwaltungsapparat, aber ein großer Schritt in Richtung 2025.

Wir brauchen keinen größeren Staat, nur einen effizienteren.

Ich will keine Revolution, ich will Rationalität. Ich will nicht weniger Staat – ich will, dass er aufhört, mehr zu wollen, als er kann. Ich will keine permanente Rechtfertigung von Verschwendung als Gerechtigkeit. Ich will, dass mit dem Geld, das wir alle zahlen, sinnvoll gewirtschaftet wird. Wie in jedem normalen Haushalt auch.

Wumms, Doppelwumms und Sondervermögen

Deutschland hat ein Haushaltsproblem – sagen die einen. Deutschland hat ein Einnahmenproblem – behaupten die anderen. Tatsächlich aber hat Deutschland vor allem eines: ein Realitätsproblem.

Dabei ist die öffentliche Haushaltsdebatte mittlerweile so berechenbar wie ein schlechter Zaubertrick: Man rief „Wumms“, dann, „Doppelwumms“, wedelt jetzt mit einem „Sondervermögen“ – und siehe da, das Loch im Etat verschwindet. Zumindest rhetorisch, doch real wird es nur größer.

Das Publikum? Klatscht nicht mehr. Es merkt, dass da nichts mehr kommt außer heißer Luft und verschwundener Glaubwürdigkeit.

Die Lüge vom Einnahmenproblem

Die gängige Mär: Der Staat habe zu wenig Geld. Die unbequeme Wahrheit: Der Staat hat zu viele Ansprüche – und zu wenig Mut, sich selbst zu beschränken.

Die politische Reaktion auf die gestiegene Lücke ist ein Abziehbild struktureller Selbstüberschätzung: Man überlegt, wo man zusätzliche Mittel herbekommen könnte – aber nicht, wo man endlich kürzen sollte. Niemand in Berlin stellt die zentrale Frage:

Warum kommt dieser Staat nicht mit dem aus, was er hat?

Zur Erinnerung: Wir reden hier nicht über einen schrumpfenden Entwicklungsetat – sondern über einen Bundeshaushalt von knapp 500 Milliarden [!] Euro.

Das ist kein Mangel, das ist eine Überforderung. Statt also endlich ehrlich zu fragen, ob wir es uns leisten können, das Geld auszugeben, wird lieber weiter verteilt. Nach dem Motto: Wo ein Wunsch, da ein Fördertopf. Wo ein Problem, da ein Programm. Wo ein Bürger, da ein Bedürfnis, das staatlich refinanziert werden will.

Der Staat soll alles können – und darf alles kosten. Bildung, Rente, Klima, Transformation, Digitalisierung, Soziales – alles wichtig, alles dringend, alles teuer. Die Lücke entsteht nicht, weil zu wenig da ist, sondern weil zu viel gewollt wird – gleichzeitig, widersprüchlich und unkoordiniert. Ein politischer Bauchladen ohne Kassenprüfung.

Ineffizienz als Geschäftsmodell

Was mich dabei wirklich wütend macht: Die Bundesregierung tut so, als sei diese Lage überraschend eingetreten – dabei war sie absehbar. Die Ausgaben wurden schon im Frühjahr mit Schönrechnerei geplant. Man wusste, dass der Klima- und Transformationsfonds in seiner bisherigen Konstruktion wackelt. Man wusste, dass die Konjunktur sich abschwächt. Man wusste, dass die Aufrüstung der Bundeswehr mehr kosten wird und trotzdem wurde alles wie gewohnt weiter verplant.

Diese Form von finanzieller Realitätsverweigerung ist keine Nachlässigkeit – sie ist ein Muster. Man weiß, dass man sich übernimmt und man tut es trotzdem. Warum? Weil man davon ausgeht, dass der Bürger schon irgendwie zahlen wird.

Der Mittelstand in Geiselhaft

Was dabei ebenfalls zu kurz kommt – oder bewusst ignoriert wird – ist die Rolle des Mittelstands. Der kann im Gegensatz zu Großkonzernen oder globalen Banken nicht einfach sein Vermögen verschwinden lassen, sobald der fiskalische Wind dreht. Er hat keine Briefkastenfirma auf den Cayman Islands, kein steueroptimiertes Tochterunternehmen in Dublin, keine Fluchtoption nach Delaware.

Der Mittelstand bleibt.

Er zahlt, schafft Arbeitsplätze und hält am zunehmend maroden Standort Deutschland fest – oft aus Überzeugung, manchmal aus Verpflichtung, meistens aus beidem.

Ausgerechnet dieser Teil der Wirtschaft wird immer weiter belastet. Mit neuen Abgaben, mit wachsender Bürokratie, mit dem implizierten Vorwurf, „noch nicht genug“ beigetragen zu haben, das Lieferkettengesetz lässt grüßen.

Dabei sind es die Mittelständler, die die Gehälter derer zahlen, an denen sich der Staat ohnehin schon bedient – über die erwähnten Steuern, inklusive kostenloser Zustellung der Kirchensteuer.

Wenn das die Gerechtigkeitsvorstellung moderner Haushaltspolitik ist, dann ist das Wort „sozial“ zur Mogelpackung des Jahrzehnts verkommen.

Großrabatte für Großaktionäre

Warum bittet der Staat nicht endlich die zur Kasse, die tatsächlich zur Kasse gebeten werden müssten?

Wir erleben im Mittelstand eine beispiellose fiskalische Belastung einer Bürokratie, die bis in den letzten Beleg hinein kontrollieren will – und gleichzeitig lässt man zu, dass dort, wo wirklich Geld liegt, keine Konsequenzen folgen.

Ich erinnere nur an Cum-Ex. Ein kriminelles System, das den Staat – also uns alle – um Milliarden erleichtert hat und doch sind bis heute viele der Täter nicht zur Rechenschaft gezogen worden. Verfahren verlaufen im Sand, politische Aufarbeitung wird ausgesessen, Verantwortlichkeiten vertagt.

Es drängt sich der Eindruck auf, dass dieses System die Großen laufen lässt – und die Kleinen kontrolliert. Wer in Berlin noch nie mit den Cum-Ex-Akteuren zu Abend gegessen hat, der werfe den ersten Haushaltsentwurf. Einige dürften sich dabei schwertun oder zumindest schwer mit Erinnerungslücken zu kämpfen haben.

Ich rechne nicht mehr mit – ich rechne ab

Ich sage es bewusst in aller Deutlichkeit: Ich sehe es nicht mehr ein. Nicht, dass der Staat Geld braucht – das ist legitim. Aber dass er es trotz Rekordsteuereinnahmen immer noch nicht schafft, mit dem Vorhandenen effizient und zielgerichtet zu haushalten. Wer sich darüber beschwert, gilt als unsozial. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Wer sich für verantwortungsvolle Ausgaben einsetzt, schützt den Sozialstaat – vor sich selbst.

Der moralische Zeigefinger als Blankoscheck

Jede Diskussion über Ausgabenkürzungen endet in Deutschland spätestens dort, wo der moralische Zeigefinger beginnt. Wer weniger Geld für irgendetwas fordert, gilt sofort als kalt, herzlos, neoliberal – oder, noch schlimmer: haushaltspolitisch vernünftig.

Dabei wäre gerade jetzt Haushaltsdisziplin kein Akt der Härte, sondern der Verantwortung. Nicht jeder Euro, der nicht ausgegeben wird, ist ein Angriff auf die Gerechtigkeit. Manchmal ist er einfach eine Einladung an den Staat, sich wieder auf das Wesentliche zu konzentrieren: Kernaufgaben, Effizienz, Wirkung.

Sparen ist keine Härte – sondern Haltung

Sparen ist in der politischen Debatte zum Schimpfwort geworden. Dabei ist es nichts anderes als ein Ausdruck von Verantwortung. Kein Angriff auf das Soziale, sondern eine Voraussetzung dafür, dass man es sich überhaupt leisten kann. Ein Staat, der nicht spart, wenn er muss, wird auch nicht helfen können, wenn er soll.

Was nützt der größte Haushalt, wenn die Wirkung verpufft? Was nützt das teuerste Versprechen, wenn die Verwaltung daran scheitert? Was nützt das nächste Sondervermögen, wenn das letzte noch nicht einmal ansatzweise effizient eingesetzt wurde?

Das eigentliche Risiko dieser Politik liegt nicht in der Höhe der Schulden – sondern in der Tiefe des Misstrauens, das sie erzeugt. Ein Staat, der mehr verspricht als er halten kann, verliert seine Glaubwürdigkeit. Ein Staat, der mehr verlangt, ohne sich selbst zu beschränken, verliert seine Legitimität.

Die Menschen sind nicht deshalb politikverdrossen, weil der Staat spart – sondern weil er maßlos ist. Weil er sich selbst immer wichtiger nimmt als die, die ihn finanzieren.

Dabei gilt im privaten Haushalt aber genau das, was in der Staatskasse mit Füßen getreten wird: Wenn das Einkommen sinkt oder nicht mehr reicht, schraubt man die Ausgaben zurück – nicht die Erwartungen nach oben. Man stelle sich vor, ich gehe zum Bäcker, bestelle und erkläre dabei freundlich: „Ich habe zwar kein Geld mehr, aber keine Sorge, ich schreibe mir ein Sondervermögen. Ist ja schließlich für die Grundversorgung.“ Im gleichen Atemzug rufe ich meinen Arbeitgeber an und stimme ihn schon mal vorsorglich darauf ein, mir im nächsten Monat mehr Gehalt zu zahlen. Nicht etwa weil ich mehr leiste, sondern weil ich mit dem, was ich aktuell verdiene, nicht auskomme. Ich müsse halt meine Einnahmenseite „nachsteuern“, wie man in Berlin zu sagen pflegt.

Klingt absurd? Ist es auch. Doch genau so agiert der Staat.

Wer privat mit Geld umgeht, weiß: Wenn es eng wird, wird gespart. Punkt.

Die politische Klasse verplant das Geld, das sie nicht hat, und hofft, dass niemand nachrechnet. Es wurde finanziert, was gefällt – nicht, was notwendig ist. Von der Mütterrente, einer Kindergrundsicherung über die Industriesubvention bis zur Bürgergeldreform: Alles kann mehr kosten, niemand darf verzichten. Der Staat gibt sich großzügig wie ein Spieler, der gerade erst den Jackpot geknackt hat – nur dass er auf Kredit spielt und der Einsatz die Lebensrealität der Steuerzahler ist.

Die Frage ist also nicht, woher Berlin noch mehr Geld nehmen kann, sondern warum Berlin nicht endlich lernt, mit dem auszukommen, was es hat. Dass ein Staat auch einmal verzichten kann – das scheint ein undenkbarer Gedanke geworden zu sein. Stattdessen verteidigt man Ausgabenstrukturen, die an die Großzügigkeit eines maroden Adelsgeschlechts erinnern, das sich die Kutsche noch leistet, obwohl das Dach bereits undicht ist.

Die Idee des schlanken, effektiven und effizient wirtschaftenden Staates darf nicht länger als neoliberale Marotte abgetan werden – sie ist eine demokratische Notwendigkeit.

Fazit

Es ist höchste Zeit für eine Rückkehr zur haushaltspolitischen Vernunft. Es braucht einen Paradigmenwechsel. Nicht jeder Mangel muss mit Geld bekämpft werden. Nicht jedes Problem ist ein Etatposten.

Wer haushalten kann, schafft Vertrauen. Wer sich beschränkt, schafft Raum für Wirksamkeit und wer wieder lernt, mit dem auszukommen, was er hat, kann auch endlich aufhören, sich permanent zu überschätzen.

Was wir jetzt brauchen, ist kein zweites Haushaltsgutachten – sondern eine politische Kultur, die Ehrlichkeit über Euphemismus stellt. Die erkennt: Nicht jeder Anspruch ist ein Anspruch auf Steuergeld. Nicht jedes politische Ziel ist finanzierbar, erst recht nicht gleichzeitig.

Denn irgendwann wird aus Vertrauen eine Rechnung – und dann ist nicht der Bürger illoyal, sondern der Staat bankrott. An Geld, an Glaubwürdigkeit und an Haltung. Der Staatshaushalt ist kein Sandkasten für politische Träume – sondern das Treuhandkonto der Bürger.


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Zu bunt, um wahr zu sein

Echte Akzeptanz ist still – sie braucht keine Bühne.

Kommentar von Jens Baumanns

Es ist schon erstaunlich, wie lautstark manche Minderheiten ihre vermeintliche Marginalisierung zur Kunstform erhoben haben. Wer heute in Berlin-Kreuzberg nicht mindestens pansexuell, polyamorös und als Fuchs identifiziert lebt, gilt fast schon als reaktionär. Hetero ist die neue Steinzeit, homo lediglich das Basis-Abo, bi die Testphase für Unentschlossene – und das berühmte „+“ im LGBTQ+? Das ist das Premium-Abo – der goldene Pass für alle. Den gibt’s nur noch, wenn man sich mit allem und nichts identifiziert, während die Fahne jedes Jahr einen Quadratmeter größer wird, ein bisschen bunter, ein bisschen lauter – bis sie den eigentlichen Gedanken dahinter völlig verschluckt.
Herzlichen Glückwunsch – Aldous Huxley hätte seine helle Freude an dieser schönen neuen Welt.

Natürlich darf man all das tun. Leben, lieben, gestalten wie man möchte, aber seit wann ist persönliche Sexualität der Mittelpunkt des Universums? Seit wann ist persönliche Sexualität nicht mehr etwas Intimes, sondern Hauptberuf, Lebensaufgabe und politischer Auftrag zugleich? Wer sich permanent zur „special snowflake“ erhebt, verlernt, dass Toleranz keine Einbahnstraße ist. Akzeptanz heißt: Du darfst sein, wie du bist. Es heißt nicht: Die Welt muss sich dir zu Füßen legen.

Dann sind da noch die „klassischen Boomer“: Jene Generation, die von der selbsternannten Avantgarde gerne als rückständig verspottet wird – und die in Wahrheit oft weit toleranter ist, als die woke Lautsprecher-Garde je begreifen wird. Sie schütteln den Kopf, nicht aus Ablehnung gegenüber Homosexualität oder Diversität, sie schütteln ihn, weil sie den Zirkus drumherum nicht mehr ernst nehmen können. Denn sie wissen noch: Sexualität ist ein Lebensmodell, keine Lebensrolle.
Diversity lebten sie still, bevor es Marketing wurde. Sie brauchen keine permanente Bühne, keine Flaggenparaden, keine politischen Manifeste im Schlafzimmerformat. Für sie, war es ein Teil des Menschseins – aber kein Dauerauftritt. Sie brauchen keine Flagge, keine Wochenend-Paraden mit Latex und Glitzer, keine politischen Manifeste in jeder Social-Media-Story, um zu akzeptieren, dass Menschen unterschiedlich sind.

Übrigens, es ist keine Feindlichkeit, wenn man diesen Hedonismus nicht bejubeln will. Es ist keine Intoleranz, wenn man sich weigert, jeden noch so absurden Identitätsentwurf in den Rang einer Staatsangelegenheit zu erheben. Es ist nicht homophob, wenn man sagt: „Ich akzeptiere dich als Person, nicht als Banner.“ Wer diese Differenzierung nicht mehr erkennt, verwechselt Respekt mit erzwungenem Beifall.

Genau hier setzt Julia Klöckners Entscheidung an, dem Regenbogen-Flaggen-Fetisch im Bundestag eine Grenze zu ziehen. Kein tägliches Symbolgewitter, keine Dauer-Pride im Hohen Haus – sondern ein klarer Rahmen: Respekt ja, aber bitte ohne Selbstinszenierung. Das hat nichts mit Intoleranz zu tun, sondern mit einem gesunden Maß an politischer Ernsthaftigkeit. Wenn Sexualität zum dominierenden Teil einer Persönlichkeit wird, wenn sie zum politischen Statement erhoben wird, dann ist der Schritt von gelebter Vielfalt zur ideologischen Show erstaunlich klein.

Die „Boomer“ wissen das noch. Sie haben echte Brüche erlebt, gesellschaftliche Umwälzungen getragen, ohne dass sie dafür Instagram-Filter brauchten. Sie kennen Veränderung, ohne sie in 30-Sekunden-Clips zu performen. Für sie ist Toleranz leise. Sie zwingt niemanden mitzufeiern, sie fordert keine Applauspflicht, sie belehrt nichts sie respektiert – und gerade deshalb ist sie ehrlich.

Bevor mir jemand homosexuellenfeindliche Motive unterstellt: Ich selbst bin homosexuell – und gerade deshalb steige ich aus. Es wird mir zu bunt, sprichwörtlich. Ich brauche keine Überhöhung, keine inflationäre Symbolpolitik und keine meterhohen Banner, die das Regierungsviertel verschlingen.

Denn ich habe etwas erlebt, das mich selbst überrascht hat: Wahre, unaufgeregte Toleranz – nicht in der vermeintlich weltoffenen Metropole, sondern auf dem Land. In der Provinz meines Partners, die man in Berlin so gerne belächelt. Dort wurde ich durch meinen Partner nicht mit gönnerhafter Akzeptanz empfangen. Nicht, weil meine Sexualität als exotisch galt, sondern weil sich die Menschen schlicht ehrlich für uns gefreut haben. Nicht: „Wie mutig, dass ihr zusammen seid!“ – sondern einfach: „Wie schön, dass ihr euch gefunden habt.“

Ohne Attitüde, ohne moralisches Selbstlob, ohne künstliche Überhöhung. Dort zählt nicht das Label, sondern der Mensch – und genau das macht den Unterschied. Solche Begegnungen sind Inseln inmitten der gesellschaftlichen Turbulenzen. Orte, an denen die Welt noch funktioniert, weil sie auf Authentizität beruht. Dort zählt Persönlichkeit, nicht Performance.

Es ist diese ruhige, unaufgeregte Haltung, die man den Boomern gerne abspricht, die aber im Kern weit toleranter ist als jeder schrille Selbstverwirklichungs-Egotrip. Toleranz ist die Freiheit, jemanden in Ruhe zu lassen – nicht der Zwang, permanent mitzufeiern.

Vielleicht ist es genau das, was unsere Gegenwart verlernt hat: Dass echte Akzeptanz keine Bühne braucht.


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Der bestbezahlte Nebenjob Deutschlands

Bundestag GmbH & Co. KG

Kommentar von Jens Baumanns

Man stelle sich vor: Ein Angestellter taucht monatelang nicht zur Arbeit auf, meldet sich nicht ab, reagiert nicht auf Mails, ist telefonisch nicht erreichbar – und kassiert trotzdem weiter volles Gehalt. Er muss keine Leistungsnachweise erbringen, keine Projekte abliefern, keine Teammeetings besuchen. Kritik? Wird ignoriert. Konsequenzen? Keine. Im Gegenteil: Er legt sich sogar noch Nebentätigkeiten zu, verdient zusätzlich sechsstellig und erklärt auf Nachfrage, er sei eben „seinem Gewissen verpflichtet“.

In jedem Unternehmen wäre so jemand nach dem dritten Fehltag Geschichte. In der Verwaltung: suspendiert. In der Industrie: entlassen. Im Krankenhaus: eine Gefahr für Patienten. Im Bundestag? Ein ganz normaler Dienstag.

Dort gelten eigene Spielregeln. Oder besser gesagt: gar keine. Wer es einmal ins Parlament geschafft hat, genießt ein Schutzschild, das selbst Teflon neidisch machen würde. Unantastbar, unangreifbar, unkündbar. Die Immunität des Mandats ist in der Praxis längst zur Immunität gegenüber Verantwortung mutiert.

Mandatsfreiheit als Flucht vor Verantwortung

Dabei war der Grundgedanke einst ehrenwert: Die Väter des Grundgesetzes wollten verhindern, dass Abgeordnete unter Fraktions-, Parteidruck oder staatlicher Repression stehen. Artikel 38 GG spricht ihnen deshalb das „freie Mandat“ zu – verpflichtet allein dem Gewissen. Doch was als Schutz gegen autoritäre Übergriffe gedacht war, dient heute als Tarnkappe für politische Arbeitsverweigerung.

Der Volksvertreter von heute ist zwar gewählt, aber faktisch unantastbar. Ein politischer Freigeist mit der Lizenz zum Fernbleiben, zur Inaktivität, zur Nebentätigkeit – selbstverständlich alles steuerfinanziert. Kein Chef kann ihn ermahnen, kein Bürger ihn abberufen, keine Instanz ihn zur Ordnung rufen. Nicht einmal die kollektive Peinlichkeit, mit leerem Plenarsaal bei Debatten zur Haushaltskrise, reicht für Konsequenzen.

Ein Beruf ohne Nachweis, ohne Pflicht – aber mit Diäten

Wir sprechen von einem Berufsstand ohne Präsenzpflicht, ohne Urlaubsregeln, ohne formale Leistungsprüfung. Kein Protokoll vermerkt, ob ein Abgeordneter sich monatelang jeder inhaltlichen Auseinandersetzung verweigert. Kein Ausschuss rügt, wenn die einzige Aktivität darin besteht, Pressemitteilungen zu retweeten. Kein Wähler hat die rechtliche Möglichkeit, bei grober Untätigkeit einzugreifen – außer, vier Jahre lang still zu leiden.

Während Arbeitnehmer mit Stempeluhr, Leistungsdruck und Befristung leben müssen, reicht im Bundestag ein Mandat – und schon verwandelt sich Verantwortung in Dekoration. Das politische Mandat ist zur Vollkasko-Versicherung für Karrieristen geworden, denen der Kontakt zum Wahlkreis oft genauso fremd ist wie der Blick ins Grundgesetz.

Karriere ohne Können

Doch nicht nur das System ist dysfunktional – auch viele seiner Protagonisten sind es. Denn man wagt kaum zu fragen, mit welchen Qualifikationen manche unserer hochdotierten Volksvertreter eigentlich in ihr Mandat gestolpert sind. Die nüchterne Antwort: mit erstaunlich wenig. Kein Abschluss, keine Ausbildung, kein Beruf – dafür aber eine steile Karriere im Fahrstuhl der Parteijugend. Wer es früh genug schafft, im JU-Kreisverband Flyer zu verteilen, kann heute ohne einen einzigen Tag ehrlicher Erwerbsarbeit ins Parlament einziehen – und dort das Leben von Millionen mitgestalten, deren Realität er nie kennengelernt hat.

Das Ergebnis? Ein Rekordanteil von Akademikern im Bundestag – aber erschreckend viele davon ohne jeden Praxisbezug. Laut Auswertungen verfügen Dutzende Abgeordnete über keinen Berufsabschluss, einige nicht einmal über ein abgeschlossenes Studium. Sie gehören damit zu einer sehr exklusiven Gruppe: den bestbezahlten Ungelernten des Landes. Über 10.000 Euro monatlich Grundvergütung, steuerfreie Pauschalen, großzügige Altersversorgung – das alles ohne je wissen zu müssen, wie man eine Steuererklärung ausfüllt, eine Schicht in der Pflege überlebt oder mit drei Kindern durch den Wocheneinkauf kommt. Willkommen im Hochadel der Lebensferne.

Ein Elfenbeinturm mit Fahrdienst

Während der normale Bürger über Heizkosten, Rentenlücken und Kita-Plätze grübelt, fliegt in Berlin die Debatte an der Wirklichkeit vorbei wie der ICE am Regionalbahnhof. Dort, wo das Leben spielt, sind unsere Abgeordneten längst ausgestiegen. Existenzsorgen? Unbekannt. Angst vor Jobverlust? Unerklärlich. Monatsende? Reine Theorie. Die Republik diskutiert über bezahlbaren Wohnraum, Berlin hingegen über Dienstwagenordnungen. Und wer sich dann noch fragt, warum die Politikverdrossenheit wächst, hat den letzten Bürgerdialog wohl durch eine Lobbyistenrunde ersetzt.

Demokratie als Selbstbedienungsladen

Zu allem Überfluss regeln sich die politischen Kasten ihre Privilegien auch noch selbst. Die AfD zeigte es zuletzt exemplarisch: Ihre Fraktionsspitze gönnte sich ganz ungeniert eine Verdopplung der eigenen Zulagen – von bereits üppigen 6.000 auf satte 12.000 Euro monatlich obendrauf. Gesamteinkommen: 24.000 Euro. Pro Monat. Pro Person. Beschlossen im stillen Kämmerlein, kontrolliert von niemandem außer den eigenen Reihen. Man stelle sich vor, ein Betriebsrat würde sich selbst zum CEO befördern – und keiner hält ihn auf.

Doch während im Bundestag die eigenen Bezüge steigen, sind die großen Reformprojekte längst unter der Patina des politischen Stillstands begraben. Steuerlast, Energiekosten, Pflegekrise, Wohnraummangel – alles verschoben, vertagt, verpennt. Jahrzehntelang wurde das Notwendige hinausgezögert, bis das Unumgängliche nicht mehr zu bezahlen war. Jetzt ist es nicht nur zu spät. Es ist verantwortungslos spät.

Zeit für ein Ende der politischen Narrenfreiheit

Deshalb braucht es Reformen. Kein Reförmchen, kein Gutachten, kein „Wir-müssen-reden“-Stuhlkreis der Bundestagspräsidentin – sondern klare, durchsetzbare Regeln:

  • Ein gesetzlich verankertes Abwahlrecht für Abgeordnete, die nachweislich ihre Pflichten verletzen oder dauerhaft passiv bleiben. Was in anderen Demokratien längst Realität ist, wäre hier ein Befreiungsschlag.
  • Verpflichtende Transparenzpflichten zur Anwesenheit im Plenum, zur Beteiligung an Ausschüssen, zu Redebeiträgen, zur Abstimmungsteilnahme und zu Nebentätigkeiten. Öffentlich einsehbar, quartalsweise dokumentiert. Wer etwas taugt, hat nichts zu befürchten.
  • Gehaltskürzungen oder Disziplinarmaßnahmen bei grober Pflichtverletzung – etwa monatelanger Abwesenheit ohne triftigen Grund. Wer nicht arbeitet, soll auch nicht verdienen. Das gilt in jeder Branche – außer in der Politik. Noch.
  • Verpflichtende Rechenschaftsformate im Wahlkreis, mindestens zweimal jährlich. Kein PR-Kaffeekränzchen, sondern verbindliche Bürgerdialoge, protokolliert und nachweisbar.

Natürlich wird sofort das freie Mandat bemüht. Doch wer das Mandat als Ausrede für Untätigkeit missbraucht, hat den Sinn der Freiheit nie verstanden. Es geht nicht darum, die Unabhängigkeit des Abgeordneten abzuschaffen. Es geht darum, sie mit Leben zu füllen – und mit Pflichten zu unterfüttern. Freiheit ohne Verantwortung ist keine Tugend, sondern eine politische Unverschämtheit.

Der Bundestag ist kein Ponyhof. Er ist das Zentrum unserer Demokratie und wer dort sitzt, muss nicht nur Reden halten, sondern auch liefern. Der Wähler ist nicht das Empfangskomitee einer politischen Elite, sondern der Arbeitgeber der Republik. Wer sich als Abgeordneter dafür zu schade ist, der sollte sich besser eine andere Bühne suchen – Reality-TV bietet bekanntlich ebenfalls Immunität gegen Sachlichkeit.

Fazit: Parlamentarismus braucht Prüfzeichen

Es ist höchste Zeit, den Goldrand um das freie Mandat zu schleifen. Nicht, um den Parlamentarismus zu schwächen – sondern um ihn zu retten. Denn wenn sich das Gefühl verfestigt, dass Abgeordnete zwar alles dürfen, aber nichts müssen, dann ist die eigentliche Gefahr nicht die Politikverdrossenheit – sondern die Demokratieverweigerung.


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Die Stromsteuer-Posse

Die Koalition spielt an der Sicherung – nur beim Bürger fliegt sie raus

Kommentar von Jens Baumanns

Da war sie wieder, diese Sekunde, in der Politik kurz so wirkte, als würde sie funktionieren:
Die Stromsteuer sollte gesenkt werden. Für alle. Endlich mal eine Maßnahme, die ohne Antrag, ohne Bürokratie und ohne Koalitionskrise direkt beim Bürger ankommt. Ein Vorschlag so simpel wie wirksam – geradezu ein politischer Glücksmoment. Hätte man meinen können. Doch dann kam die Realität:

Wie bei einer feinen Sicherung knallt es zuerst im Versprechen – und dann auf der Stromrechnung.

Die vielversprochene Stromsteuer-Senkung für alle bleibt aus. Stattdessen fließt die Entlastung zielgenau in die Schaltzentralen der Industrie – dorthin, wo Lobbyarbeit auf Hochspannung läuft. Trotz vollmundiger Ankündigungen bleibt die Stromsteuer für Privathaushalte unangetastet. Während die Bundesregierung Gasspeicherumlage und Netzentgelte senkt, aber die eigentliche Steuerlast nur der Industrie erlässt, endet die Entlastung für den Normalbürger an der Türschwelle der Fertigungshalle. Gleichzeitig werden Diäten angepasst und Renten neu justiert – offenbar funktioniert die finanzpolitische Notlage selektiv.

Das ist kein Versehen – das ist politischer Kurzschluss mit Ansage.

Verpasste Chance auf echte Fairness

Dass ausgerechnet jetzt, nach wochenlangen Verhandlungen über Haushaltslöcher, Milliarden für Rüstung, marode Bahnstrecken und Digitales locker gemacht werden, während man bei der Entlastung des Mittelstands auf den Cent rechnet, entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie. Diätenerhöhungen für Abgeordnete? Selbstverständlich. Aber eine Strompreisbremse für die, die morgens um sechs das Licht in der Küche anschalten, gilt als untragbare Belastung für den Haushalt.

Dabei hätte eine vollständige Senkung rund 5,4 Milliarden Euro gekostet. Im Finanzministerium hieß das „Haushaltsrisiko“. Zur Relation: Das ist in etwa so viel, wie der Bundestag in einem halben Jahr an Ausschüssen, Apparat und Aufmerksamkeitsökonomie verbrennt.

Das nennt man dann wohl Prioritätenmanagement nach dem Prinzip: Oben funkt die Macht, unten brennt die Sicherung durch. Die Entlastung bleibt dort, wo sie politisch weniger wehtut: bei den Branchen mit Verbandspräsidenten und Ministerhandynummer. Wer hingegen nur einen Stromzähler und zwei Kinder hat, gilt als bedauerlich, aber haushaltstechnisch vernachlässigbar.

Das eigentlich Absurde: Diese Stromsteuer-Senkung wäre einmal eine jener seltenen Maßnahmen gewesen, die tatsächlich jeden erreicht hätten. Strom braucht jeder, und genau deshalb hätte eine flächendeckende Senkung alle Bürger erreicht: Nur eine simple, ehrliche Senkung – direkt auf der nächsten Stromrechnung. Sie hätte die breite Mitte entlastet, die Rentnerwohnung ebenso wie die Familienküche, das WG-Zimmer wie das Eigenheim mit Wärmepumpe und obligatorischem E-Auto in der Garage.

Doch stattdessen gibt es jetzt Entlastungen mit technischer Zielgruppe: Wer mit Gas heizt, profitiert von der gestrichenen Gasspeicherumlage. Wer in einem gut angebundenen Netzgebiet wohnt, spart bei den Netzentgelten und wer schlicht wenig hat? Der bleibt außen vor – obwohl er gerade jede Kilowattstunde spürt.

Was besonders irritiert: Diese Entscheidung ist nicht einfach haushaltspolitisch fragwürdig, sie ist zutiefst politisch dumm. Gerade jetzt, wo Akzeptanz für die Energiewende, Inflation und Steuerlast auf der Kippe steht, hätte man mit einem kleinen Schritt große Wirkung erzeugen können. 93 Euro im Jahr weniger für eine vierköpfige Familie sind zwar kein Reichtum, aber ein Zeichen. Stattdessen sendet man ein anderes: Entlastung ist keine Frage der Notwendigkeit, sondern der Nähe zur Lobby. So verliert Politik ihre Spannung – und das Vertrauen gleich mit.

Ein Haushalt, viele Lücken – und keine Entlastung in Sicht

Denn während für Haushalte jedes Kilowatt zählt, hat man sich bei der Industrie großzügig gezeigt: Sie zahlt künftig den europäischen Mindestbetrag – 0,5 statt 2,05 Cent pro Kilowattstunde. Die Energiewende lebt davon, dass möglichst viele Menschen mitziehen – beim Stromsparen, beim Umrüsten, beim Mitfinanzieren. Wer jedoch den Eindruck gewinnt, dass sich Klimapolitik nur dann lohnt, wenn man über ein Industriegleis ins Kanzleramt fährt, wird sich irgendwann ausklinken. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Überdruss.

Die Regierung hat hier nicht nur eine Chance verpasst – sie hat Vertrauen verspielt. Wer Entlastung verspricht und dann im Schattenkabinett die Stecker zieht, darf sich über politische Dunkelziffern nicht wundern. Der nächste Blackout in der öffentlichen Akzeptanz ist vorprogrammiert – aber nur solange, bis die blaue Stunde einsetzt.

Berlin schaltet auf Standby – der Bürger zahlt

Diese selektive Entlastungspolitik ist kein Einzelfall, sondern Ausdruck eines tieferliegenden Problems: Bürgernähe wird versprochen, geliefert wird Wirtschaftsnähe. Dabei ist der Vertrauensverlust inzwischen messbar – nicht in Meinungsumfragen, sondern in den Rechnungen, die trotz der damaligen Versprechen unverändert hoch bleiben. Das politische Versagen, einfache Entlastungen transparent und gerecht umzusetzen, ist damit nicht nur eine Frage des Haushaltsrechts – sondern eine Frage des Anstands.

Fazit: Hochspannung im Kleingedruckten

Wer den Menschen Steuererleichterungen in Aussicht stellt und dann im Schatten des Koalitionsausschusses den Stecker zieht, darf sich nicht wundern, wenn der Funke nicht mehr überspringt. Die Stromsteuer-Posse ist ein Musterbeispiel dafür, wie Versprechen zur Täuschung werden – und Entlastung zur Phrase.

Ja, die Industrie ist wichtig, zweifelsfrei. Aber sie ist nicht alles. Ein Land, das seine wirtschaftliche Stärke auf dem Rücken jener aufrechterhält, die abends die Waschmaschine mit schlechtem Gewissen starten, verkennt, worauf Stabilität wirklich beruht: auf Fairness. Wer nur die Industrie entlastet, aber nicht die Menschen, braucht sich nicht zu wundern, wenn ihm bald beides ausgeht – Strom und Zustimmung.


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Ein Graben geht durch’s Land

Der Platz der Republik verliert, was ihn ausmachte: die Republik

Kommentar von Jens Baumanns

Sie nennen es „Sicherheitsarchitektur“. Ich nenne es ein Symbol der Entfremdung.
Vor dem Reichstagsgebäude, auf jenem Platz der Republik, wo einst das Volk sinnbildlich und buchstäblich seinen Raum hatte, soll nun ein Graben gezogen werden. Das klingt nicht nach urbaner Ästhetik, sondern nach einer Festung. Nach Rückzug. Nach Misstrauen.

Es ist die bauliche Zuspitzung einer längst zerbrochenen Beziehung: zwischen dem Volk und jenen, die sich berufen fühlen, es zu vertreten. Vor dem Westportal des Reichstags soll nun ein Graben gezogen werden – ein „Aha“, wie man ihn in höfisch-feudaler Gartenbaukunst nannte. Ein Aha, das trennt, ohne sofort aufzufallen. Doch dieser Graben fällt auf – weil er symptomatisch ist für einen politischen Zustand, der längst nicht mehr nur symbolisch klafft – eben ein Aha, das bleibt.

Der Platz der Republik war einst ein Versprechen: ein weiter, offener Raum, der die architektonische Geste des Zugangs mit der Idee von politischer Teilhabe versöhnen sollte. Bürger sollten sich dem Parlament nicht nur nähern können – sie sollten es sich aneignen dürfen. Diese Geste wird nun zugeschüttet, oder besser: ausgehoben.

Zweieinhalb Meter tief, zehn Meter breit, 130 Meter lang – was klingt wie das Lastenheft für eine mittelalterliche Stadtmauer ist tatsächlich die neueste Idee aus dem Arsenal Berliner Symbolpolitik. Nicht mehr Transparenz, sondern topografische Trennung. Nicht mehr demokratische Offenheit, sondern ein permanenter Belagerungszustand. Die Republik im Verteidigungsmodus, gegen sich selbst.

Dieser Graben ist kein Bauprojekt, er ist ein Charakterbild. Er ist die gebaute Resignation einer politischen Klasse, die sich lieber verbarrikadiert als vermittelt. Wer in Umfragen verschwindet und sich auf der Straße nicht mehr blicken lassen kann, beginnt eben irgendwann, auch baulich auf Abstand zu gehen. Was als Shitstorm auf X beginnt, endet im Tiefbau.

Zur Verteidigung wird angeführt, es gehe um Prävention: der Reichstag sei ein potenzielles Ziel. Das ist nicht falsch, aber es ist auch weder neu noch einzigartig; und doch hat sich der Staat noch nie so offen eingestanden, wie sehr er den eigenen Bürgern misstraut. Die Furcht vor einem „deutschen 6. Januar“ treibt nun Sicherheitsplaner und Bauausschüsse um – als wäre es nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Sturm auf ein Parlament beginnt. Dass man dafür bereit ist, demokratische Offenheit buchstäblich unter die Erde zu bringen, verrät mehr über den Zustand des politischen Selbstverständnisses als über reale Gefahrenlagen.

Der Graben ist dabei keineswegs spontane Reaktion, sondern seit Jahren Teil eines umfassenderen Baukonzepts rund um das geplante Besucherzentrum des Reichstags. Bereits 2018 wurde die Maßnahme im Bundestag diskutiert, samt Tunnelanbindung und sogenanntem „Aha-Graben“ – ab 2025 soll gebaut, bis 2029 vollendet werden. Dass ein solches Projekt seither nahezu geräuschlos vorbereitet wurde, macht es nicht harmloser, sondern bezeichnender: eine bauliche Entscheidung ohne öffentliche Auseinandersetzung – technisch gedacht, politisch folgenreich. Die Demokratie, so scheint es, traut ihrem Demos nicht mehr.

„Der Graben ist kein Schutzwall gegen Terror – er ist eine Absage an Vertrauen.“

Dass am Westportal weiterhin der Satz „Dem deutschen Volke“ prangt, wirkt unter diesen Umständen wie Hohn in Bronze. Man könnte in einem Anflug architektonischer Konsequenz vorschlagen, es zu ergänzen: „… aber nur nach Voranmeldung, Sicherheitscheck und Abstandswahrung.“ Oder direkter: „Dem deutschen Volke – Zutritt nur mit berechtigtem Anliegen.“ Vielleicht gleich ganz ohne Schnörkel: „Zutritt verweigert. Demokratie bitte draußen bleiben.

Statt Brücken zu bauen – wörtlich wie im übertragenen Sinne – zieht man nun Gräben. Nicht nur durch das Regierungsviertel, sondern durch die politische Landschaft dieses Landes. Zwischen denen, die regieren und denen, die sich regiert fühlen. Zwischen Mandatsträgern und Mandatsgebern. Zwischen Repräsentation und Realität. Zwischen Systemvertrauen und wachsender Skepsis.

Es ist eine Entwicklung, die sich nicht mit Beton aufhalten lässt – aber durch Beton sichtbar wird.

Selbstverständlich ist es richtig, über Sicherheit nachzudenken. Man muss es sogar, aber wer sie als Rechtfertigung für architektonische Abschottung missbraucht, macht aus der Demokratie ein Sperrgebiet. Sicherheit in einer offenen Gesellschaft ist kein Bollwerk – sie ist Beziehungspflege. Sie entsteht durch Dialog, nicht durch Distanz. Durch politische Präsenz, nicht durch Panikarchitektur.

Wer heute einen Graben zieht, sollte sich nicht wundern, wenn morgen der Dialog versiegt. Denn Vertrauen wächst nicht hinter Mauern. Vertrauen entsteht durch Nähe und wer diese Nähe aufgibt, gibt genau das auf, was ihn legitimiert: den Kontakt zum Souverän, dem Volke.

Manche mögen nun sagen: Es ist doch nur ein Graben. Doch wer das glaubt, hat nicht begriffen, was er symbolisiert. Dieser Graben ist kein architektonisches Detail – er ist das Sinnbild einer Demokratie, die sich zunehmend vor demjenigen fürchtet, von dem sie angeblich ausgeht. Ein Land, in dem sich die politische Klasse lieber einmauert, statt sich zu erklären, zieht nicht nur physische Linien in die Erde – sondern auch mentale Mauern in die Gesellschaft.

Der Reichstag wird zur Hochsicherheitszone, der Platz der Republik zur Sperrfläche. Und das Volk? Wird zur potenziellen Gefahr umgedeutet. Das ist keine Sicherheitsarchitektur – das ist der architektonische Offenbarungseid einer abgekoppelten Elite.

Vielleicht wäre es inzwischen nicht nur angebracht, sondern auch geradezu folgerichtig, die zuvor genannte Inschrift über dem Portal des Reichstags der neuen Realität anzupassen. Statt „Dem deutschen Volke“ müsste dort eigentlich stehen: „Dem deutschen Volke – mit Sicherheitsabstand“.
Und wer weiß – vielleicht fällt beim nächsten Umbau auch gleich das „deutschen“ dem ästhetischen Feingefühl des Zeitgeists zum Opfer. Das würde gewiss all jenen gefallen, für die schon der bloße Verweis aufs Nationale den Anfang der Wiederauferstehung des Dritten Reichs markiert. In einer politischen Kultur, die zwischen Fahnenstange und Führergruß kaum mehr zu unterscheiden weiß, wäre es nur folgerichtig, auch sprachlich auf Distanz zu gehen – sicherheitshalber.


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